Auf Augenhöhe nackt

Lange scheute Charlotte Roche die öffentliche Nacktheit. Nun nahm eine Freundin sie mit in die Sauna und es machte ihr richtig Spaß – besonders, als sie sich genauso hinsetzte wie die Männer.

Foto: Julia Sellmann

Seit ich mit 18 Jahren bei VIVA angefangen habe, habe ich mich nicht mehr nackt in die Öffentlichkeit getraut. Keine Sauna, kein Versenden von Nacktbildern, keine Sexvideos, kein Einbrechen nachts in Freibäder und skinnydip mit Freunden, kein FKK, whatsoever. Im Puff, wenn überhaupt, das Zimmer, in dem man sich aufhält, vorher ordentlich durchkämmen nach Minikameras und Wanzen. Traue niemandem. Höchste Sicherheitsstufe, was Nacktbilderveröffentlichungsverhinderung angeht.
Von Freunden von mir sind Nacktbilder im Netz gelandet, weil der Freund, Dummie, seinen Laptop mit tausenden pikanten Fotos drauf über Nacht im Auto gelassen hat. Auto wurde aufgebrochen, Laptop geklaut, alles im Netz, da hast du den Salat.

Meine Freundin hat mich jetzt mehrmals gefragt, ob ich mit ihr und ihrer Freundin in die Sauna gehe. Nach mehreren unbeholfenen Witzen darüber, dass sie einfach sagen soll, wenn sie mich mal nackt sehen will, das könne sie nämlich preiswerter haben, als eine Tageskarte fürs Mediterana kostet, habe ich, crazy wie ich bin, einfach zugesagt. Keine Lust mehr darauf, mich selbst in meiner Freiheit beschneiden, aus lächerlichen Ängsten heraus. Also genau nachgefragt, was man alles braucht, null Ahnung. Schlappen zum Rumlaufen, der Deutsche hat Angst vor Fußpilz. Bikini für den Schwimmbereich, da darf man nicht nackt sein. Okay? Eine gute Nachricht schon mal. Bademantel zum Rumlaufen zwischen den Saunagängen und warme Socken fürs zwischendurch Hinlegen und Schlafen und eine große Flasche Wasser wegen der Dehydrierung.

Ich wusste vorher gar nicht, wie entspannend das sein kann, fremde nackte Körper zu sehen.

Wir kommen in die Umkleide, es ist sehr, sehr warm, Alter, ich mega aufgeregt, aber ich wäre nicht der Rochi, wenn ich dann nicht Angriff-ist-die-beste-Verteidigung praktizieren würde. Diese Methode ist aber in einer Sauna unangenehm für die anderen. Ich ziehe komplett blank und sage, alle sollen einmal richtig gucken, drehe mich zweimal langsam im Kreis. Meine Begleiterinnen verdrehen die Augen, gucken gar nicht richtig hin und ich bin ab da voll entspannt. Vorher ging’s mir nicht gut und denen schon, danach war’s umgekehrt.

Ich wusste vorher gar nicht, wie entspannend das sein kann, fremde nackte Körper zu sehen. Ganz ehrlich: sieht man doch viel zu selten. Scheint gut zu sein, um sich und seinen Körper in die Körper der Menschheit einzuordnen. Dicke, selbstbewusste Menschen erden einen genauso, wie alternde Körper in verschiedenen Stadien des Verfalls. Das tut richtig gut. Da sind ganz junge, straffe und ganz alte, hängende Körper, ich befinde mich natürlicherweise irgendwo dazwischen. Schön ist das.

Wir gehen in die erste Sauna, hängen Bademantel draußen hin, lassen Schlappen draußen, alles komplett voll mit Menschen da drin, weil gleich ein Aufguss-Event stattfindet. Die sitzen wirklich nah beieinander und wenn man sich irgendwo in eine Lücke quetschen muss, kann es sein, dass man jemanden berührt. Ich scanne alle durch und erkenne ein klares Muster: Alle Männer sitzen aufrecht und mit geradem Rücken, Hände auf den Oberschenkeln aufgelegt, Beine leicht auseinander und selbstbewusst da. Man sieht tatsächlich alles. Alle Frauen sitzen mit krummem Rücken, versuchen ihre Brüste zu verstecken und haben entweder die Beine überschlagen oder ein Bein angewinkelt, um mit dem Fuß die Scham zu verstecken. Auch im übertragenden Sinne. Verstecken klappt auch eher geht so. Dafür gab es ja früher Haare, damit man nicht direkt alles sieht. War eigentlich eine gute Erfindung. Während man jetzt leicht schamhaft damit beschäftigt ist, die komplett rasierte Scham zu verstecken.

So. Klare Sache, ich setze mich auf keinen Fall so hin wie die Frauen. Erstes Mal Sauna, direkt hinsetzen wie die Männer. Of course! Oberkörper aufrecht, Beine leicht auseinander, Kopf hoch, Schultern weg von den Ohren. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass, wenn man schlecht drauf ist und trotzdem lächelt, man wieder gut drauf kommt. Einfach vom fake lächeln. Da wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Vielleicht funktioniert das ja auch bei der Sitzhaltung! Anstatt immer Witze zu machen, wieviel Platz Männer in der Bahn oder im Flugzeug und eben auch in der Sauna einnehmen mit ihren breit aufgestellten Beinen, sollten wir mal ernsthaft darüber nachdenken, genauso zu sitzen. Was ist, wenn wir unserer Psyche und unserer Attitüde mit einer selbstbewussten starken Sitzhaltung beibringen, uns auch zu nehmen, was uns zusteht: geile Gehaltsverhandlungen, fetteste Führungspositionen, immer abwechselnd Kind ins Bett bringen, abwechselnd kochen, abwechselnd Kloputzen, gleichviele Orgasmen, seinen eigenen Körper geil finden, obwohl er eher mittel ist, einfach weil wir alpha-sitzen.

Die Frauen senken echt alle den Blick, man kann tatsächlich nur Männern in die Augen gucken, weil die die einzigen sind, die rumgucken. Augen treffen sich, die gucken, ich guck’ zurück, die halten den Blick, ich auch. Fange innerlich leicht an zu zittern, atme es weg, lache mich innerlich tot über mich selbst. Die gucken sich alles ganz genau an, ich dann auch. Staring-Contest, wie im Tierreich, wer wegguckt, hat verloren. Habe deren Betongesicht nachgemacht. Habe standgehalten. Stolz. Da gehe ich jetzt öfter hin. Das macht richtig Spaß, da allen voll auf den Sack zu gehen. Das ist mein neues Hobby. Saunieren.

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