Eine Party für alle Opfer

Charlotte Roche hat einen sexuellen Übergriff erlebt und öffentlich darüber gesprochen. Seitdem melden sich weitere Opfer desselben Mannes, manche bei Zeitungen, viele direkt bei ihr. All diese Frauen verbindet etwas. Roche findet: Das muss gefeiert werden.

Foto: Julia Sellmann

Es gibt was zu feiern. Aber wie feiert man das? Ich weiß es nicht, und vielleicht ist es auch egal, denn ich werde nie wirklich diese Party ausrichten. Oder?
Doch wenn ich mir vorstelle, wie es sein würde, klingt es irgendwie richtig: Von manchen Frauen habe ich die Telefonnummer, von anderen müsste ich sie überhaupt erst mal rausbekommen. Aber das würde ich schon schaffen. Ich bin sehr investigativ was Frauennummern-Rausfinden angeht. Dann würde wohl viel über Mund-zu-Mund-Propaganda laufen. Ich würde das ganze Funkhaus-Café mieten, mitten in Köln, am Wallrafplatz, wo alle vorbeikommen. Manche Frauen würden natürlich stutzen bei meiner Einladung. Was sollen sie anziehen? Ist doch egal. Das spielt doch alles keine Rolle. Kommt einfach. Ich will euch alle sehen. Ich will euch alle kennenlernen. Ich möchte, dass wir uns zum Abschluss verbinden.

Wir haben erst spät voneinander erfahren, unsere Zahl wurde immer größer, wir sind eine ganz große Gruppe Frauen, die sich gegenseitig nicht erzählt haben, was uns verbindet. Aber eines Tages, vor ein paar Monaten, haben wir alle voneinander erfahren. Uns ist das nicht alleine passiert. Wir waren lange eine schweigende Gruppe, jetzt nicht mehr.

Wahnsinn, wie viele wir sind. Manche haben sich bei seiner Arbeit gemeldet, um ihre Geschichte zu erzählen, manche bei der Zeitung und viele wollten beides nicht, wollten nur mir und anderen Frauen das alles erzählen. Die Party ist nur ein Traum, ein Wunsch, aber das ist Wirklichkeit: Wie oft ich in den letzten Wochen meinen Waldlauf unterbrechen musste, weil das Handy geklingelt hat; wieder eine Kollegin, will reden, erzählen, was ihr durch ihn passiert ist, erstmal nur mir.

Für diesen besonderen Abend würde Folgendes gelten, und das würde ich auch allen sagen: Wenn ihr noch mehr kennt, denen das passiert ist, bringt sie bitte einfach mit. Ich kenne echt viele, manche nur vom Telefon, aber die wiederum kennen wieder andere Frauen, die dazu gehören, die ich noch nicht kenne. Um 17 Uhr stünde ich dann zuhause vor dem Spiegel, ich würde die gleiche Kleidung anziehen, die ich damals anhatte, als mir das passiert ist. Ich würde diese Kleidungsstücke gerne rehabilitieren. Die können ja nichts dafür. Ich hatte sie seitdem nicht mehr an.

Wenig Make-up heute, goldene Ohrringe, offene Haare, Turnschuhe, Deo, kein Parfüm. Ich werde nervös, nur von der Vorstellung eines solchen Abends. Ich weiß überhaupt nicht, ob das eine gute Idee ist, was ich, was wir da machen. Wie würde die Stimmung sein, würden überhaupt Frauen kommen? Hat es so was überhaupt schon mal gegeben?

Aber warum sollten wir eigentlich nicht öffentlich feiern, wo doch nun klar ist, dass wir viele sind, jetzt, wo wir uns gewehrt haben und man uns glaubt. Warum sollten nicht alle sehen, dass wir uns treffen? Wir müssen uns doch nicht schämen oder rücksichtsvoll sein. Nein!

Ich führe also dahin, in das Restaurant, alle wären nett, klar, ich habe ja auch den ganzen Laden reserviert. Und die wüssten ja nicht, was da gefeiert wird. Die würden denken: Geburtstag oder so. Ich will mich an einem Glas festhalten, verbiete es mir aber. Charlotte, lass einfach die Hände runterhängen, das schaffst du. Steh einfach da. Das reicht. Die Tür ginge auf, und die ersten kämen rein. Zwei Frauen, die Händchen halten. Dann noch mehr und noch mehr. Manche wären über 60, manche wären sowas wie 18, Studentinnen. Ja, leider auch so junge. Manche hätten so Brillen aus dem Scherzartikel-Laden an, so Schwarze-Balken-Brillen. Eine hätte vielleicht eine Papiertüte über dem Gesicht mit kleinen Gucklöchern, eine andere trüge einen Seidenstrumpf überm Kopf wie ein Bankräuber. Sie wollen nicht erkannt werden. Das muss respektiert werden. Sie sind trotzdem hier.

Das ist ja der Wahnsinn. Ich würde natürlich manche Frauen dennoch erkennen, obwohl sie versucht haben, ihr Gesicht unkenntlich zu machen; an ihrem Körper, eine an ihrem Kleidungsstil, mehrere an ihrer Stimme. Manche vom Telefon, manche aus Filmen, manche aus Krimis. Aber gut. Muss ja keiner wissen, dass man sie trotzdem erkennt. Mal würde die ein oder andere ein Getränk bestellen, ginge natürlich alles auf meine Rechnung, aber ansonsten wäre es still.

Manche schauten zu Boden, andere weinten, wir würden uns an den Händen halten und an den Schultern umarmen. Drinnen wäre irgendwann kein Platz mehr, die Kellner kämen mit den Bestellungen nicht mehr hinterher. Draußen bildete sich eine Traube von Frauen.  Dann riefe bestimmt irgendein Anwohner die Polizei. Die Polizisten würden dann was durchs Megafon zu uns rüber rufen; wir sollten uns so und so verhalten. Machen wir aber nicht, wir würden bleiben und immer mehr werden.

Nachdem wir uns gegenseitig stundenlang angeschaut und geschwiegen hätten, würde ich dann irgendwann nach der Rechnung fragen. Zum Abschied würde ich noch in die Runde rufen: Danke, dass ihr alle gekommen seid, schade, dass wir uns zu so einem traurigen Anlass kennenlernen mussten, ihr kommt mir alle wie total starke Frauen vor, warum haben wir nur solange gewartet, ihn zu stoppen? Ich schwöre Euch, nächstes Mal bin ich schneller. Und wir alle wissen: Es wird ein nächstes Mal geben, leider. Tschüüüs. Küsse in die Luft an alle.

Ich glaube, ich würde das schaffen, so einen Abend. Auch in echt. Nur dürfte ich, wenn ich das wirklich mache, nicht sagen, dass ich die Rechnung übernehme. Ab einer gewissen Opferzahl muss man dann doch splitten. Sonst werd' ich noch arm.

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