Nachtschatten

Seit September 2014 trägt die Kunststudentin Emma Sulkowicz eine Matratze mit sich, sobald sie auf dem Campus der Columbia University in New York unterwegs ist. Sie sagt, auf so einer Matratze sei sie von ihrem deutschen Kommilitonen Paul Nungeßer vergewaltigt worden. Der Fall macht seitdem weltweit Schlagzeilen. Dem SZ-Magazin haben nun beide ihre Geschichte erzählt.

Zu Beginn ein Selbstversuch: Geben Sie den Namen »Paul Nungeßer« bei Google ein und bilden Sie sich eine Meinung über den jungen Mann.

Dass er im Dezember 2014 einem Journalisten vom SZ-Magazin gegenübersitzt, hat mit den Suchergebnissen zu tun. Im Internet ist Paul ein »mutmaßlicher Vergewaltiger« oder ein »Vergewaltiger«.

Die Geschichte hat im September 2014 weltweit Schlagzeilen gemacht. Eine Kunststudentin der Columbia Universität in New York, Emma Sulkowicz, trägt seitdem eine Matratze mit sich herum, wann immer sie auf dem Campus unterwegs ist. Ein schweres blaues Ding, 22 Kilogramm, 90 mal 200 Zentimeter groß. Carry That Weight – Trage diese Last, nennt sie ihre Performance, denn auf einer ähnlichen Matratze wie dieser sei sie von ihrem Kommilitonen Paul im August 2012 vergewaltigt worden. Sagt sie.

Paul sagt, das stimme nicht. Für ihn ist es keine Kunstperformance, sondern eine Mobbingkampagne.

In einem ruhigen und menschenleeren Seminarraum der Columbia-Architekturfakultät schildert er dann seine Perspektive auf die vergangenen zweieinhalb Jahre. Es ist eine detaillierte, konzentrierte Selbstentblößung. Gleich zwei Aufnahmegeräte laufen mit, denn auch Paul hat eins eingeschaltet. Er ist vorsichtig, misstrauisch. »Ich habe viele Vertrauensbrüche erlebt«, sagt er. Nur mit der New York Times hat er bisher gesprochen und gleichzeitig den Kontakt zu einem deutschen Magazin gesucht. Paul, 23 Jahre alt, kommt aus Deutschland, aus welcher Stadt soll auf seinen Wunsch hin nicht erwähnt werden.

Ein paar Tage zuvor, eine andere Selbstentblößung: diesmal im Auditorium des Brooklyn Museums. Der Saal ist in warmes Licht getaucht, die 400 Plätze sind fast alle besetzt. In den Stuhlreihen: New Yorker Kunstpublikum und Studenten. Auf der Bühne: Emma Sulkowicz und Roberta Smith, Kunstkritikerin der New York Times. Sie hat eine der ersten Rezensionen über Emmas Performance geschrieben, darin vergleicht sie das Projekt mit Werken berühmter Aktionskünstler wie Marina Abramović und Tehching Hsieh. Auch führt sie die Analogie der Performance zum Kreuzweg von Jesus an. Roberta Smith ist ein Fan, wie die meisten anderen hier im Saal. Emma, 22 Jahre alt, wird es schon zu viel, wie sie sagt: »Fremde Leute halten mich auf der Straße auf, fassen mich an, als wäre ich eine Heilige, und merken dabei nicht, dass ich genau das nicht will, weil sie in meinen privatesten Raum eindringen.«

Seit Emma mit ihrer Performance begonnen hat, ist sie das Gesicht einer nationalen Bewegung geworden, einer neuen »sexuellen Revolution an den Universitäten«, wie das New York Magazine in einer Titelgeschichte über Emma schrieb. Hintergrund dieser Debatte ist die Annahme, dass sexuelle Übergriffe an den amerikanischen Universitäten beinahe alltäglich sind. In manchen Artikeln sprechen die Autoren von einer »Vergewaltigungsepidemie«, die vor allem an den Elitehochschulen grassiere. Tagsüber würden sich die Studenten in der Bibliothek und beim Sport messen, abends beim Trinken und Frauenabschleppen, bevorzugt in den Häusern der zahlreichen Studentenverbindungen.

Seit etwa drei Jahren ist das Thema in den USA mehr und mehr in der Öffentlichkeit präsent, weil sich im ganzen Land Initiativen gegründet haben, um gegen diese beschriebene »Vergewaltigungskultur« anzukämpfen. Mittlerweile hat sich selbst Barack Obama eingeschaltet und eine »Task Force« im Weißen Haus installiert, die daran arbeitet, Studenten besser vor sexuellen Übergriffen zu schützen. In Kalifornien wurde im September ein Gesetz verabschiedet, das umgangssprachlich als »Yes Means Yes« bekannt geworden ist. Demnach sollen Universitäten ihre Studenten dazu verpflichten, vor einem möglichen Geschlechtsverkehr aktiv das beiderseitige Einverständnis abzuklären. Und Obamas Parteikollegin Hillary Clinton hat bei einem Auftritt neulich noch einmal die besondere Rolle von Emma in diesem Diskurs betont: »Ihr Anblick sollte uns alle verfolgen«, sagte Clinton.

Paul sagt, er vergesse manchmal für einen Moment, dass er dieser Typ sein soll, der neben Emma im Zentrum der Aufregung steht. Hillary Clinton, Barack Obama, das ist die Dimension des Wirbels, in dem er steckt. Und so wie Emma zum Symbol für Vergewaltigungsopfer geworden ist, die den Mut gefunden haben, über ihre Verletzungen zu sprechen, ist Paul zum Symbol geworden für die mutmaßlichen Vergewaltiger, die ihre Schuld nicht anerkennen wollen. Wenn ihm dieser Umstand dann wieder bewusst wird, spüre er ein Ziehen im Magen, das ihn schwindelig werden lässt, sagt er.

Emmas Matratzen-Performance wird vom Großteil der Medien und der Öffentlichkeit als starker Akt der Selbstermächtigung verstanden. Oder ist es die Verleumdung eines Unschuldigen?

August 2011 Welcome to the greatest University of the World! Paul ist begeistert von diesem Gefühl, das ihm in den ersten Wochen an der Columbia vermittelt wird. Spätere Staatspräsidenten und Nobelpreisträger haben hier studiert. Das Selbstverständnis der Privatuniversität im Nordwesten Manhattans ist entsprechend selbstbewusst. Auf seinem Gymnasium in Deutschland hat Paul dieses positive Lernklima immer vermisst. Er war Klassensprecher, Schulsprecher, hat im Chor gesungen und fährt, seitdem er 14 ist, im Verein Rennrad. Eine alte Freundin beschreibt ihn als hochbegabt, ehrgeizig und sehr neugierig auf die Welt. Sein Abitur hat er auf einem internationalen Internat in Swasiland gemacht, weil dort neben dem klassischen Unterricht auch kreative und gemeinnützige Arbeit im Curriculum standen. Es war seine Idee, nicht die seiner Eltern. Seine Mutter ist freiberufliche Lektorin, sein Vater Grundschullehrer.

An der Columbia fängt Paul im ersten Semester gleich mit dem Rudern an und belegt Seminare in den unterschiedlichsten Fachrichtungen: Mathe, Literatur, Bühnenbild. Sein Bachelor-Studiengang Liberal Arts kostet rund eine Viertelmillion Dollar, doch Paul hat ein Stipendium, das fast die gesamte Summe deckt.

Emma lernt er nach ein paar Wochen über gemeinsame Freunde kennen. Sie ist in Manhattan aufgewachsen und hat dort die Dalton School besucht, eine der angesehensten Privatschulen der USA. Ihre Eltern sind stadtbekannte Psychiater, ihr Vater hat sich auf das Coaching von Spitzenmanagern spezialisiert. Emma überlegte, Physik zu studieren, weil sie in der Schule darin besonders gut gewesen war, entschied sich dann aber schnell für den Schwerpunkt Visuelle Kunst. Nebenbei ficht sie im Uni-Team und engagiert sich bei Alpha Delta Phi, einer Studentenverbindung, die als besonders liberal und locker gilt – eine Verbindung für Studenten, die Verbindungen eigentlich ablehnen. Auch Paul ist dort Mitglied. Es dauert bis zum Frühjahr, bis ihre Freundschaft enger wird.

Zweimal haben sie in diesem Frühjahr Sex, das sagen beide, aber eine feste Beziehung entsteht daraus nicht. »Weil uns die Freundschaft wichtiger war, und wir sie nicht riskieren wollten«, sagt Paul. Als das erste Studienjahr vorbei ist, fliegt er für die Sommerferien nach Deutschland; sie schreiben sich öfter über Facebook in dieser Zeit.
Emma: Paulllll
Paul: emma. que pasa?
Emma: ahhhh, paul i miss you so much
Paul: word

Ende August 2012 kommt Paul nach New York zurück, und die beiden treffen sich nach einer Party wieder. Sie umarmen sich, küssen sich und gehen kurz darauf gemeinsam in Emmas Zimmer. Dies ist der Moment, an dem die Geschichte der beiden verschiedene Richtungen nimmt.

Emma sagt, dass Paul ziemlich betrunken gewesen sei. Sie hätten erst einvernehmlichen Sex gehabt, dann habe er sie plötzlich ins Gesicht geschlagen, gewürgt und anal vergewaltigt. Danach sei er aus dem Zimmer gerannt.

Paul sagt, er habe an diesem Abend höchstens zwei Cocktails getrunken. Der Sex sei ausnahmslos einvernehmlich gewesen, auch der Analverkehr. Er habe sie weder geschlagen noch gewürgt, und nach dem Sex seien sie gemeinsam eingeschlafen. Im Morgengrauen sei er aufgewacht und habe duschen wollen, deshalb sei er gegangen, ohne Emma zu wecken. Ein paar Tage später hätten sie über SMS und Facebook wieder Kontakt gehabt und sich in den Wochen darauf auch einige Male auf Partys gesehen, dann aber zunehmend aus den Augen verloren.

Acht Monate später, im April 2013, zeigt Emma ihn bei der Uni an. Kurz darauf reichen auch zwei andere Studentinnen Beschwerde wegen sexueller Übergriffe gegen Paul ein.

An den US-Universitäten werden neunzig Prozent der sexuellen Übergriffe von Studenten begangen, die dies nicht zum ersten Mal tun oder nicht zum letzten Mal tun werden: So lautet das Ergebnis einer Studie, die von vielen Journalisten und den meisten Aktivisten angeführt wird, die sich mit der Vergewaltigungskultur an den Universitäten beschäftigen. Es ist die These von den Serientätern, der zufolge es besonders wichtig ist, diese Männer ausfindig zu machen und zu isolieren.

Eine andere, noch viel öfter zitierte Studie besagt, dass in den USA jede fünfte Studentin während ihrer Uni-Zeit sexuelle Übergriffe erlebt. Eine von fünf: Das erklärt den Begriff der »Vergewaltigungsepidemie«.

Die Journalistin Emily Yoffe hat sich diese Studien für das US-Magazin Slate einmal genau angeschaut. In ihrem viel beachteten Artikel »The College Rape Overcorrection« zeigt sie die Probleme auf.

Heikel ist das Thema auch, weil man als Journalist schnell Vergewaltigungsmythen befördert


Die Serientäter-Studie wurde an einer einzigen Universität erhoben, an der überdurchschnittlich viele Teilzeitstudenten eingeschrieben sind. Diese Gruppe ist in der Regel deutlich älter als normale College-Studenten, und so waren auch die Studienteilnehmer nicht zwischen 18 und 24 Jahren alt, sondern zwischen 18 und 71 (das Durchschnittsalter lag bei 26,5 Jahren). Die Untersuchung ist nicht repräsentativ.

Über die Eine-von-fünf-Studie sagt das der Autor, Christopher Krebs, selbst: »Wir glauben nicht, dass ›Eine von fünf‹ eine national repräsentative Statistik ist.« Sein Team hatte 5466 Studentinnen befragt, allerdings nur an zwei Universitäten. Als »sexuellen Übergriff« definierten sie alles von Vergewaltigungen bis zu »erzwungenen Küssen« und »begrapscht werden«. Aber in kaum einem Zeitungsartikel, der diese Studie aufgreift, wurde diese weitreichende Definition benannt.

Debatten über mutmaßliche Vergewaltigungen werden meistens laut und heftig geführt. In Deutschland war der Prozess gegen einen bekannten Wettermoderator das anschaulichste Beispiel der vergangenen Jahre. Aber je lauter eine Debatte ist, desto mehr gehen Differenzierungen verloren.

Es ist ein heikles Thema, auch für Journalisten, weil man durch Zuspitzung und Vereinfachung allzu schnell Partei ergreift. Manchmal auch durch zu wenig Distanz zu einem der Beteiligten. In den USA zum Beispiel wurde Anfang Dezember 2014 eine Reportage des Rolling Stone Magazine heftig kritisiert. In dem langen Text erzählt die Autorin die Geschichte einer Studentin der UVA, einer Eliteuniversität in Virginia. Die Studentin soll auf einer Verbindungsparty von sieben Kommilitonen vergewaltigt worden sein. Sie bat die Autorin, die mutmaßlichen Täter während der Recherche nicht zu kontaktieren, und die Autorin hielt sich daran. Als ihre Reportage, die sich liest wie ein Roman von Tom Wolfe, schließlich erschien, wurden schnell Zweifel laut, ob sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat. An dem besagten Abend hatte vermutlich gar keine Party in dem Verbindungshaus stattgefunden. Selbst Freunde der Studentin wiesen auf Fehler in der Erzählung hin, sagten aber auch, dass ihr irgendetwas passiert sein muss, weil sie einen traumatisierten Eindruck gemacht habe. Die Glaubwürdigkeit der Geschichte war dennoch zerstört, obwohl es in der Traumaforschung anerkannt ist, dass Vergewaltigungsopfer sich an die Verbrechen oft nicht mehr richtig erinnern können.

Heikel ist das Thema auch, weil man als Journalist schnell Vergewaltigungsmythen befördert – so bezeichnen Wissenschaftler weitverbreitete Ansichten zu Vergewaltigungsdelikten, die fest im kulturellen Gedächtnis verankert, aber dennoch gefährlich falsch sind: Die Frau hatte sexy Klamotten an, die wollte das doch. Oder: Eine Frau, die mit einem Mann schon oft im Bett war, wird dann doch nicht plötzlich von ihm vergewaltigt.

Dabei ist der Täter in jedem zweiten Fall eines sexuellen Übergriffs in Deutschland der eigene (Ex-)Partner oder ein Geliebter, so die Ergebnisse einer Studie des deutschen Familienministeriums (die nach wissenschaftlichen Ansprüchen tatsächlich repräsentativ ist). 13 Prozent der Frauen in Deutschland haben dieser Studie zufolge seit dem 16. Lebensjahr einen sexuellen Übergriff erlebt, der mit körperlicher Gewalt oder Drohungen gegen den Willen der Frau durchgesetzt wurde, dazu zählen Vergewaltigungen, versuchte Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen. Betroffen ist also beinahe jede siebte Frau, allerdings erstreckt sich der Tatzeitraum nicht auf die Uni-Ausbildung, sondern auf das gesamte Leben.

Und heikel ist das Thema auch, weil man ahnt, dass man schnell Zuspruch von der falschen Seite bekommt, wenn man zu sehr die Perspektive des Beschuldigten einnimmt: Zuspruch von Männern, die sich auf der Verliererseite des Lebens sehen und dafür Frauen, den Feminismus oder die Politik der Gleichberechtigung verantwortlich machen.

Eine deutsche Traumatherapeutin, Spezialistin für die Betreuung von Vergewaltigungsopfern, betont deshalb gleich zu Beginn des Gesprächs mit dem SZ-Magazin, dass sie unter keinen Umständen namentlich im Text auftauchen möchte. Und sie weist darauf hin, dass man sehr vorsichtig sein müsse, wenn es um das Thema Falschbeschuldigungen geht. Denn dass die Frau lügt, weil der Mann ihre Gefühle nicht erwidert, ist noch so ein Mythos, der gern reproduziert wird. Genauso wie der Mythos, dass alle vermeintlichen Opfer die Wahrheit sagen. Über die tatsächlichen Falschbeschuldigungen gibt es kaum haltbares statistisches Material. In einer größeren Untersuchung des US-Justizministeriums heißt es, dass 1995 acht Prozent der angezeigten Vergewaltigungsdelikte sich als unbegründet herausgestellt haben.

Allerdings kann jede Frau, die eine Vergewaltigung anzeigt, in den Verdacht geraten, alles bloß erfunden zu haben. Vielleicht ist auch deshalb der Anteil der Frauen so groß, die auf eine Anzeige verzichten: In den USA liegt er laut dem Justizministerium bei 68 Prozent.

April 2013 »Lieber Herr Nungesser, in meinem Büro wurde eine Beschwerde gegen Sie eingereicht (…). Insbesondere wird behauptet, dass Sie in Handlungen verwickelt waren, welche die Definition von sexuellem Übergriff, nicht einvernehmlichem Geschlechtsverkehr erfüllen.« Innerhalb von zwei Wochen erhält er drei ähnlich klingende Briefe von seiner Uni. Paul sagt, er sei geschockt gewesen. Neben Emma haben ihn seine Ex-Freundin und eine Bekannte aus der Verbindung Alpha Delta Phi angezeigt.

Die Ex-Freundin sagt, Paul habe während ihrer Beziehung ihre angeschlagene psychische Konstitution ausgenutzt. Sie waren von Herbst 2011 bis Frühjahr 2012 ein Paar. Ihr sei es schon vor dieser Zeit nicht gut gegangen, sie habe an Depressionen gelitten, und Paul habe ihre Verwundbarkeit ausgenutzt, um sie zu manipulieren und mit ihr auch in Momenten zu schlafen, in denen sie das nicht gewollt habe.

Die Bekannte aus der Studentenverbindung sagt, Paul sei ihr auf einer Party vor einem Jahr in ein ruhiges Zimmer gefolgt, habe das Licht ausgeschaltet, ihre Arme gegriffen und versucht, sie zu küssen. Sie habe ihn weggestoßen und sei rausgerannt.

Anders als in Deutschland werden in den USA Studenten dazu angeleitet, sexuelle Übergriffe bei den Universitäten zu melden, an denen spezielle Büros eingerichtet sind, welche die Anschuldigungen erst recherchieren und dann gegebenenfalls die Studenten bestrafen. Diese Verfahren sollen polizeiliche Ermittlungen nicht ersetzen, sondern ergänzen. Allerdings steht die Polizei in dem schlechten Ruf, nicht angemessen mit Sexualverbrechen umzugehen. Die Ermittlungsverfahren gelten als langwierig und im schlimmsten Fall retraumatisierend, weil die Beamten nicht entsprechend ausgebildet sind. Universitäten seien sehr viel besser auf die Bedürfnisse der Opfer eingestellt, sie könnten zum Beispiel psychologische Hilfe bieten, Klausuren aussetzen und auch sehr viel schneller reagieren, um einen überführten Täter zumindest von der Uni zu werfen, damit das Opfer ihm nicht tagtäglich begegnen muss – so lautet die Argumentation von Aktivistengruppen.

Für Paul heißt das, er muss gegenüber einer Uni-Mitarbeiterin Aussagen zu den drei Anschuldigungen machen. Er hat einen Anwalt gesucht, der ihn berät, in den Gesprächen darf dieser aber nicht anwesend sein.

Paul erklärt das Verhältnis zu seiner Ex-Freundin so: Erst habe er sich Hals über Kopf in sie verliebt, dann sie sich in ihn, als er schon wieder ans Schlussmachen gedacht habe. Aber er wollte sie zu dieser Zeit nicht noch mehr belasten, weil sie gerade ihre Psychopharmaka abgesetzt habe. Die Beziehung sei schwierig gewesen, sie hätten auch Sex gehabt, aber einvernehmlichen, und irgendwann habe er sich dann doch getrennt, und sie sei richtig stinkig auf ihn gewesen. Später hätten sie sich jedoch ausgesprochen.

In dem anderen Fall bestätigt er, dass er auf der Party war – aber weder sei er der Frau in ein ruhiges Zimmer gefolgt, noch habe er sie angefasst oder versucht, sie zu küssen. »Da war nichts zwischen uns«, sagt er.

Die Anzeige seiner Ex-Freundin wird nach ein paar Wochen von der Uni abgelehnt, weil es keine »hinreichenden Hinweise für einen begründeten Verdacht« gegen Paul gibt. Im anderen Verfahren gibt die Uni erst der Bekannten aus der Studentenverbindung recht und spricht eine Verwarnung gegen Paul aus, die geringste aller Sanktionsmöglichkeiten. Paul geht dagegen in Berufung und gewinnt.

Am längsten dauert das Verfahren im Zusammenhang mit Emma. Die Entscheidung fällt schließlich Anfang November 2013, wenige Tage nach der Anhörung vor einer Kommission. Einzeln werden Emma und Paul in einen Raum gebeten und müssen die Fragen von drei unabhängigen Mitarbeitern der Universität beantworten.

Paul will ihnen während seiner Anhörung Facebook-Nachrichten zeigen, die Emma und er nach der betreffenden Nacht ausgetauscht haben.

Am 3. Oktober 2012, fünf Wochen nach der besagten Nacht, gratuliert er ihr zum Geburtstag. Sie schreibt zurück, dass sie ihn liebe und wo er sei.

Doch die Kommission ist nicht an diesen Nachrichten interessiert. Die Regeln für solche Anhörungen besagen, dass nur die konkrete Situation thematisiert wird, in der es passiert sein soll. Die Kommission geht also noch einmal den Abend durch: das Wiedersehen, die Küsse, den Sex. Sie sucht nach Unstimmigkeiten, wägt die Machbarkeit des Erzählten ab und entscheidet im November 2013 schließlich, dass Paul »nicht verantwortlich« ist. Emma geht in Berufung und verliert.

Anfang Dezember steht dann plötzlich eine Journalistin der New York Post, einer Boulevardzeitung, vor Pauls Studentenwohnheim, die von den Anschuldigungen gegen ihn weiß – und die Aufregung geht erst richtig los. In den kommenden Monaten spricht Emma mit dem Studentenmagazin Blue and White und mit der New York Times, um ihre Version der Geschichte zu erzählen. Mitte Mai geht sie schließlich doch noch zur Polizei und erstattet Anzeige gegen Paul. Eine Kopie dieser Anzeige, in der Pauls Name steht, gibt sie einem Journalisten des Columbia Spectator, einer anderen Studentenzeitschrift. Sie veröffentlichen ihn und der Name »Paul Nungeßer« mit der Zuschreibung »mutmaßlicher Vergewaltiger« verbreitet sich viral im Netz.

Mattress Girl – Matratzenmädchen – so wird sie jetzt genannt. Von fremden Menschen, die sie auf der Straße ansprechen und Journalisten, die Artikel über sie schreiben. Emma findet das gar nicht lustig. »Ich bin eine Person mit einem Namen«, sagt sie, »aber die machen mich zu einem Objekt«.

Es ist ein Sonntagmorgen im Januar 2015, Emma sitzt in einem französischen Bistro im West Village, Manhattan, und hat Eistee bestellt. Als klar war, dass Paul mit dem SZ-Magazin spricht, hat auch sie einem Interview zugestimmt.

Damals, erzählt sie, sei sie auf die New York Post und die anderen Medien zugegangen, weil sie nicht habe fassen können, dass die Uni ihr nicht glaubte; und weil sie das Verfahren für dilettantisch und ungerecht gehalten habe. Ein Kommissionsmitglied habe sie zum Beispiel gefragt, ob Paul Gleitcreme verwendet habe, denn Analverkehr ohne Gleitcreme sei ja schlecht möglich. »Ich musste denen tatsächlich erklären, dass Vergewaltigungen gewaltsam sind«, sagt Emma.

Dass sie nach der mutmaßlichen Tat nicht direkt zur Polizei oder zum Arzt gegangen ist, hätten ihr natürlich viele Leute inzwischen vorgehalten. »Aber ich konnte es damals nicht mal als Vergewaltigung benennen. Ich habe mich nur gefragt, was das für eine verrückte, angsteinflößende Sache war. War er sauer auf mich? Hatte ich etwas falsch gemacht?«

Auf Facebook habe sie Paul so nett wie immer geschrieben, sagt sie. Die Kraft, ihn bei der Uni anzuzeigen, habe sie erst gefunden, als sie ein paar Monate später zufällig seine Ex-Freundin kennengelernt habe, die ihr dann von ihren Erlebnissen mit Paul berichtet habe. Paul sagt dagegen, die drei Frauen hätten sich schon länger gekannt.

»Aber diese Aufmerksamkeit bedrückt mich, lähmt mich. Wer würde sich so etwas wünschen?«


Aus der Anzeige, die Emma bei der Polizei gemacht hat, ist nie eine Anklage gegen ihn geworden. Emma sagt, sie sei aus dem Ermittlungsverfahren ausgestiegen, weil sie die Beamten genauso ruppig und skeptisch erlebt habe wie befürchtet. Außerdem hätte es bis zu einem Jahr dauern können, bis der Fall vor Gericht landet. Paul sagt, er habe freiwillig eine Aussage bei der Staatsanwaltschaft gemacht, und kurz darauf sei ihm mitgeteilt worden, dass kein Verfahren gegen ihn eröffnet werde.

Fragt man Emma, ob es nicht eine Form von Selbstjustiz war, Pauls Namen zu veröffentlichen, antwortet sie: »Leute, die das Selbstjustiz nennen und unfair finden, gehen davon aus, dass das System funktioniert, das Paul für unschuldig erklärt hat. Ich glaube, das System ist kaputt.«

Am ersten Tag des Wintersemesters, im September 2014, hat sie dann mit ihrer Matratzen-Performance begonnen, und die Medien wurden noch viel verrückter auf ihre Geschichte. »Mir ist schon klar, dass viele nur aus Sensationsgier darüber berichten«, sagt Emma. »Sie benutzen mich, aber das ist mir egal, solange das Thema dadurch in der Öffentlichkeit präsent ist.« Außerdem wolle sie nicht eins der vielen schweigenden Opfer sein.

Ihre Popularität hat ihren Alltag verändert. Sie geht nicht mehr so viel mit Freunden aus, weil es immer passieren kann, dass fremde Menschen auf sie zukommen, um von ihren Vergewaltigungserlebnissen zu erzählen. »Das empfinde ich als sehr unangenehm, weil es mich an meine eigenen Erfahrungen erinnert.« Ihr Facebook-Postfach kontrolliert sie schon lange nicht mehr, weil es geflutet worden sei, von Presseanfragen und von Hassmails antifeministischer Spinner. Und natürlich gebe es Leute, die ihr vorwerfen, das alles nur wegen der Aufmerksamkeit zu tun, sagt sie. »Aber diese Aufmerksamkeit bedrückt mich, lähmt mich. Wer würde sich so etwas wünschen?«

Serial Rapist – Serienvergewaltiger – so wird er jetzt genannt. Im Mai 2014 schreiben Unbekannte diesen Begriff und seinen Namen an die Wände von mehreren öffentlichen Toilettenräumen der Columbia Universität. Die Studentenzeitschrift berichtet darüber. Paul sagt: »Ich habe fast alle meine Freunde an der Columbia verloren.« Wenn er ihnen jetzt zufällig auf der Straße begegne, zögen sie schnell ihre Smartphones aus der Tasche und täten, als tippten sie eine SMS.

Paul meidet nun den weitläufigen Platz im Zentrum des Campus, wo sich zwischen den Vorlesungen die Studenten mit einem Kaffee in die Sonne setzen. Er lernt auch nicht mehr in der Bibliothek, sondern bleibt zu Hause in seinem Zimmer, das ihm die Uni außerhalb des eigentlichen Campus zur Verfügung gestellt hat, weil er sich im Studentenwohnheim nicht mehr sicher gefühlt habe, sagt er.

Im Netz findet man zahlreiche Drohungen gegen ihn, eine steht auf Emmas Facebook-Seite. Ende Dezember 2014 hat sie dort den New York Times-Artikel geteilt, in dem Paul das erste Mal spricht. Ein Freund von Emma kommentiert: »Er sollte besser schweigen oder Selbstmord begehen, bevor sich jemand darum kümmert.« Emma hat den Kommentar geliked.

Seit sie mit ihrer Performance begonnen hat, finden an der Columbia immer wieder Protestmärsche statt, um sie und ihr Anliegen zu unterstützen. Initiiert werden die Aktionen von Aktivistengruppen wie No Red Tape oder Know Your Title IX. Die Medien berichten jedes Mal ausführlich, die Gruppen sind gut vernetzt und professionell. Know Your Title IX hat zum Beispiel einen Leitfaden für Journalisten herausgegeben, die über das Thema schreiben. Darin wird empfohlen, Opfer möglichst wörtlich zu zitieren, um so das abmildernde Adjektiv »mutmaßlich« nicht benutzen zu müssen. In vielen Artikeln über Emma wird genau auf dieses Adjektiv verzichtet. In der Rezension der New York Times-Kritikerin Roberta Smith heißt es zum Beispiel: »Es ist so bestechend: Eine Frau, die es ablehnt, über die Verletzungen, die ihr widerfahren sind, zu schweigen, trägt eine Matratze mit sich herum als Erinnerung daran, wo es stattgefunden hat.« Ganz so, als wäre Emmas Wahrheit die absolute Wahrheit. Paul sagt: »Ich hätte nie geglaubt, dass die Medien sich für eine solche Kampagne missbrauchen lassen.«

Außer ihm und Emma weiß niemand, was in dem Zimmer im August 2012 passiert ist. Er wurde von der Uni in allen drei Fällen für unschuldig befunden; sie hat seinen Namen an Journalisten weitergegeben. Diese Entscheidungen kann man nachvollziehen oder kritisieren. Aber die Medien hätten seinen Namen nicht veröffentlichen dürfen, schließlich sind sie keine Richter.

Selbst in Deutschland hat Paul schon Konsequenzen gespürt. Er habe als Kameramann im Mai 2014 bei einem Filmprojekt mitarbeiten sollen, erzählt er, aber dann habe der Regisseur ihm abgesagt, weil er von den Vorwürfen gegen ihn gelesen habe. Paul wird bestraft, ohne verurteilt worden zu sein. Und die Columbia Universität befördere das Mobbing gegen ihn sogar, sagt Paul, weil sie Emmas Performance benotet. Carry That Weight ist ihre Abschlussarbeit.

Paul denkt jetzt darüber nach, Emma wegen Diffamierung zu verklagen, aber die Anwälte, die er deswegen angefragt hat, hätten allein für die Vorbereitung des Prozesses 30 000 bis 50 000 Dollar verlangt. Er hofft jetzt auf einen Anwalt, der ihn umsonst vertritt.

Pauls Mutter sagt, dass ihr Sohn sehr darunter leide, dass trotz der Freisprüche bisher niemand öffentlich für ihn Partei ergriffen habe. »Das ist ein Gefühl von Rechtlosigkeit.« Pauls Vater sagt, er habe manchmal Angst, dass sein Sohn aus dieser Sache als Zyniker rausgehen könnte, als misstrauischer Mensch. Auch Emmas Eltern haben schon mit der Presse gesprochen.

Ein Problem von Vergewaltigungsopfern ist, dass sie die Verbrechen gegen sie nur sehr schwer beweisen können. Die Verurteilungsquote ist daher sehr gering, in Deutschland lag sie im Jahr 2012 bei 8,4 Prozent der Fälle, die angezeigt wurden, wie eine aktuelle Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ergeben hat.

Ein Problem von Beschuldigten in solchen Verfahren ist, dass der Zweifel immer an ihnen kleben bleibt, selbst wenn sie für unschuldig befunden werden.

Emma wird die Matratze noch bis zum Ende ihres Studiums über den Campus tragen, das wird im kommenden Mai sein – oder bis Paul von der Uni verwiesen wird oder freiwillig geht. Paul will ihr diesen Gefallen aber nicht tun. »Ich habe ein Recht auf diese Ausbildung«, sagt er. Die Aufregung ist noch nicht vorbei.

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Anmerkung der Redaktion:

In der Printausgabe stand eine ungenaue Formulierung, die von uns verbessert wurde. Die Verurteilungsquote bei Vergewaltigungen von 8,4 Prozent bezieht sich nicht auf die Fälle, die vor Gericht kommen, sondern auf die Fälle, die angezeigt wurden. 

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