Guter Rat ist ungeheuer

»Deine Beziehung macht dich kaputt!« - Manche Sachen sind so schmerzhaft, dass man sie geliebten Menschen einfach nicht sagen kann. Charlotte Roche darüber, wie sie einmal eine Freundin verlor. 

Foto: Julia Sellmann

Wie redet man mit Freunden, die man wirklich mag, darüber, dass sie ein Leben leben, das für sie schlecht ist? Gar nicht, geht nicht. Weil es eben echte Freunde sind. Also, rein in das Dilemma.

Die Freundin, über die ich heute schreibe, ist wirklich eine echte Freundin. Und sie hat einen Freund, der selbst kaum Geld verdient, sie aber ganz gut. Er nimmt von ihrem Geld Drogen, was sie nicht gut findet, aber bezahlt, er trägt neue Designerkleidung, sie Secondhand, weil ihr Geld für mehr nicht reicht. Sie arbeitet Vollzeit oder mehr, er Halbzeit oder weniger. Sie kauft ein, kocht, putzt, macht die Wäsche und bügelt. Er behauptet einfach, das alles nicht zu können. Seine Eltern hätten ihm das nicht beigebracht.

Ich finde ja, jeder der lesen kann, kann auch kochen. Man macht einfach stumpf, was da steht. Fertig. Hätte die fleißige Freundin ein gutes Abendessen. Wenn ich abends mit ihr telefoniere, hetzt sie vom Büro um 21:30 Uhr noch in den Edeka, was einkaufen zum Kochen für den Abend, und er wartet einfach zu Hause auf sie, macht nichts, bis das Essen fertig ist, und isst dann mit ihr um 23 Uhr. Auch sehr ungesund für den Körper, nicht nur für die Beziehung.

Er ist so ein Typ, dem seine Mutter früher zu oft gesagt hat, wie gut er aussieht. Er denkt, das reiche im Leben. Er behandelt sie schlecht. Und sie? Sie ist ganz klar co-abhängig. Spricht ihn regelmäßig auf den ausufernden Konsum an. Er rastet aus und sagt, sie habe ihm nichts zu sagen. Er pflegt und liebt jede seiner Süchte mehr, als er sie liebt. Meine Freundin und ich wollten mal zusammen in den Urlaub fahren. Ganz schwierig für sie: Ihn mal um einen Gefallen zu bitten. Er sollte für sie auf ihre Katze aufpassen. Nur weil er zugesagt hatte, buchte sie die Reise. Kurz vor der Reise machte er, wie immer bei Gefallen für sie, einen Rückzieher. Er hatte sich spontan überlegt, dass er auch gerne in der Zeit wegfahren mochte, in der sie weg ist.

Und einmal im Jahr beschwert sie sich bei ihm, wieviel er von ihrem Geld ausgibt, wie wenig bis nichts er im Haushalt macht. Dann kauft er ihr einen Blumenstrauß für 25 Euro und sie ist beschwichtigt für ein weiteres Jahr. Wie romantisch. Er hat sogar geschafft, ihr zu verklickern, dass das, was da passiert, emanzipiert ist, weil sie ja für ihn sorgt. Äh, nein!

Das ist klassische Rollenverteilung in noch schlechter, weil die Frau auch noch zusätzlich zur kompletten Haushaltsarbeit das Geld verdienen muss. Sie macht alles, er macht nichts. Perfekt für ihn. Und das alles mit einem Wechselspiel von zwei bekannten Unterdrückungswerkzeugen: Liebe und Blumen.

»Du bist schön, also kriegst du was, was auch als schön gilt«

Unter anderem wegen dieser schlimmen Beziehung habe ich ein Problem mit Blumen. Ganz abgesehen davon, dass alle Sträuße, die ich in meiner Vergangenheit, nach Veranstaltungen in die Hand gedrückt bekam, mit Sicherheit nicht bio waren, also daher stark belastet mit Fungiziden, Pestiziden, Insektiziden. Schon als junge Frau habe ich mich sehr unwohl damit gefühlt. Was will der Veranstalter uns damit sagen? Du bist schön, also kriegst du was, was auch als schön gilt. Oder du bist nicht schön genug, wir müssen dich für das Abschlussfoto noch mit schönen Dingen aus der Natur aufhübschen.

Meistens habe ich mich als Übersprungshandlung zum Publikum gedreht und in alter Brauttradition den Strauß nach hinten geworfen und irgendwen damit am Kopf getroffen, der grad woanders hinguckte oder nicht fangen kann. Bei »Wetten, dass...?« früher haben die Frauen oft Sträuße bekommen, so groß, ich glaube sie sollten die Potenz vom ZDF im Allgemeinen und die von Gottschalk im Speziellen symbolisieren. Die Frauen konnten die Sträuße mit beiden Händen kaum umfassen und halten, ihr Gesicht und Oberkörper wurden von der Wuchtigkeit verdeckt, sie sind förmlich am Gewicht des Grünschnitts zerbrochen. Das nur nebenbei zu Blumen. Jetzt wieder zum Zerbrechen.

Was mache ich mit meiner Freundin? Ich gucke mir das schon so lange an, dass ich die beiden inzwischen durchanalysiert habe. Ich weiß, wenn ich die krasse Schieflage der Beziehung anspreche, wird sie mich aus Selbstschutz abschießen. Spreche ich es nicht an, muss ich von ihr gehen, weil ich es nicht aushalte, dabei zuzusehen, wie sie sich immer weiter erniedrigt, aus Dankbarkeit, dass er mit ihr zusammen ist. Es ist schmerzhaft zuzusehen, wie so ein guter Mensch ausgenommen wird von der Person, die sie am meisten liebt.

Wenn man, wie sie, so eine Beziehung lange aushält, ist man einfach das geborene Opfer. Was haben ihre Eltern bloß in der Erziehung falsch gemacht, dass sie keine Selbstliebe, Selbstachtung, keinen Stolz und keine Grenzen im Geben kennt? Was haben seine Eltern falsch gemacht, dass er keine Grenzen im Nehmen kennt und nur aus Selbstliebe besteht? Ich kann das nicht mehr ändern heute.

Einfach tatenlos zusehen geht aber nicht. Also spreche ich es an. Schaffe es gerade mal, drei kritische Sätze über ihren Freund zu sagen, dann schießt sie mich ab. Klassiker.

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