»Selbst wenn ich ein Leben lang für ihn kämpfen muss, ist das noch nicht genug«

Ensaf Haidar hat ihren Mann Raif Badawi seit sechs Jahren nicht gesehen – weil der Blogger in Saudi-Arabien im Gefängnis sitzt. Ein Gespräch über Schmerz und Hoffnung.

Ihre drei Kinder zieht Ensaf Haidar, geboren 1985, nun allein in Kanada groß.

Foto: David Maupile/Laif

SZ-Magazin: In der arabischen Welt gibt es vor allem zwei Arten, sich kennen­zulernen. Was war es bei Ihnen und Raif Badawi: eine sogenannte ­Salonheirat, bei der die Eltern die ­Beziehung einge­fädelt haben, oder eine Liebesheirat?
Ensaf Haidar: Unsere Liebe war ein Ver­sehen. Vielleicht das schönste Versehen, das mir je passiert ist. Ich hatte mich damals auf einen Job beworben und wartete auf einen Rückruf. Als mein Handy klingelte, war ich aufgeregt. Aber es war Raif, er hatte sich verwählt. Also legte ich auf. Aber er rief wieder und wieder an.

War das nicht unheimlich?
Nein, weil er so ehrlich zu mir war. Raif hat sich vorgestellt, mir sein Alter, seine Adresse, seinen Arbeitgeber verraten – in Saudi-Arabien gehört es sich nicht, fremden Menschen seinen Familiennamen zu sagen, vor allem nicht am Telefon. Man macht sich angreifbar, immerhin steht der Ruf einer ganzen Familie auf dem Spiel. Ein Fehler, und man löst einen Skandal aus. Aber mit ihm hat sich Ehrlichkeit so natürlich angefühlt, also habe ich ihm von mir erzählt.

Und dann?
Wir haben von Mitternacht bis zum Morgengrauen telefoniert. Und dann täglich mehrere Stunden lang. Nach einem Monat stand er im Möbelgeschäft meines Vaters und hielt um meine Hand an.

Und was haben Sie Ihrem Vater gesagt? Papa, es war Liebe aufs erste Hören?
Genau. Er war allerdings dagegen, weil Raif ohne seine Familie gekommen war. Seine Mutter ist verstorben, zu seinem Vater hatte
er damals keinen Kontakt, und Raif hat nur eine Schwester. Im Arabischen sagt man, Raif war ein Ast ohne Baum. Aber wir waren verliebt, und so unterschrieb mein Bruder ein Jahr später unseren Heiratsvertrag. Erst als ich schwanger war, habe ich mich mit meinem Vater versöhnt.

Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt ­gesehen?
Das war 2012, vor seiner Verhaftung.

Wie verändert sich die Liebe in so ­langer Zeit?
Es ist, als wären wir wieder verlobt. Nur ist es diesmal umgekehrt: Ich bin frei, und er ist der Gefangene. Das schmerzt.

Und wie in der Verlobungszeit können Sie nur miteinander telefonieren.
Genau, er ruft an, je nach seiner Verfassung. Manchmal mehrmals pro Woche, manchmal ein paar Wochen nicht. Früher hat er mir ­immer gesagt, dass ich mit jedem Jahr schöner werde. Jetzt will er nur noch wissen, wie es uns geht. Wenn wir nach seinem Alltag fragen, sagt er, was soll ich euch schon erzählen – ich lebe seit sechs Jahren das gleiche Leben.

Ihr Mann hat sich auf seinem Blog ­»Die Saudischen Liberalen« für einen ­säkularen Staat und die Rechte von Frauen eingesetzt. Im Juni 2012 wurde er verhaftet und 2013 wegen »Beleidigung des Islam« zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt. 2015 hat er die ersten fünfzig öffentlich ­erhalten. Wünschten Sie manchmal, er hätte rechtzeitig das Land verlassen?
Wir haben oft davon geträumt, ins Ausland zu gehen. Wenn ich heute in Kanada Paare im Bus oder im Restaurant sehe, wünsche ich mir, dass ich eines Tages auch so leben kann – in Freiheit. Aber ich weiß, dass mein Mann nichts Falsches gemacht hat. Raif hat nicht die Religion verunglimpft, sondern er war gegen die Allmacht der Religionspolizei. Er wollte, dass jeder Mensch seine Meinung sagen darf. Es ist jetzt nicht nur die Liebe zu Raif, die mir Kraft gibt. Ich bin auch von seiner Sache überzeugt, ich bin stolz auf meinen Mann. Er hat mir nach seiner Verhaftung gesagt, nimm die Kinder und geh nach Kanada, du schaffst das.

Sind Sie beide mal in Konflikt mit der Religionspolizei geraten?
Ja, bevor die Kinder da waren. Wir sahen jung aus, die Beamten glaubten uns nicht, dass wir verheiratet waren. Sie haben uns einzeln befragt: Wie der andere heißt, wann er geboren ist, wie viele Geschwister er hat.

Wobei hatten die Polizisten Sie denn ­erwischt?
Wir lebten damals in Dschidda und sind nachts in den Supermarkt gegangen, um am Roten Meer zu picknicken – manchmal saßen wir da bis zur Morgendämmerung. Am liebsten aßen wir Lebersandwich. Das ist arabische Romantik. Die geht durch den Magen.

Sie sind auf Twitter präsent und sprechen auf öffentlichen Veranstaltungen in aller Welt, um auf das Schicksal Ihres Mannes aufmerksam zu machen. Was macht es mit der Liebe, etwas Privatem, wenn sie auf einmal öffentlich wird, als Teil eines Kampfes um Gerechtigkeit?
Unsere Liebe war von Anfang an ein Kampf. So wie Raif mein Leben verändert hat, versuche ich nun, sein Leben zu verändern und ihm zu helfen. Selbst wenn ich ein Leben lang für ihn kämpfen muss, ist das noch nicht genug für das, was er mir geschenkt hat.

Was hat er Ihnen geschenkt?
Meine Freiheit. Er war nie einer dieser Männer, die Frauen beherrschen wollen. In Saudi-Arabien hatte ich als Frau immer das Gefühl, dass ich ein Nichts bin, schwach und abhängig. Und dann kam Raif und hat mir gezeigt, dass ich ein eigenständiger, freier Mensch bin. In Saudi-Arabien ist die Stimmung zwischen den Geschlechtern aufge­laden. Als wären Frauen nur gut genug fürs Bett und der Mann nur triebgesteuert. Raif kümmerte sich auch zu Hause um alles, er hat die Kinder ins Bett gebracht, in die Schule gefahren – und mir nie ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn ich länger in der Arbeit war.

Wie war Ihr Leben vor der Ehe gewesen?
Ich war fasziniert von ägyptischen Filmen aus den Vierzigerjahren. Die Schauspielerin Faten Hamama war mir ein Vorbild, sie war schön und unabhängig. In den ägyptischen Universitäten, Schulen, Arbeitsstellen gab es keine Geschlechtertrennung wie bei uns. Ich habe mich immer gefragt, warum leben wir dieses Leben und die ein ganz anderes? Bei uns war alles verboten, verboten, verboten. Wir sahen keine Männer, nur unsere ­Geschwister, Söhne, Ehemänner. Selbst Cousins bekamen wir nicht zu Gesicht.

Was für eine Kindheit hätten Sie sich gewünscht?
Einfach eine normale. Ich wollte immer ­einen männlichen Freund haben, ihm Fragen stellen, mit ihm offen reden. Aber selbst in Kanada habe ich fast nur weibliche Freunde. Zumindest meine Töchter führen ein normales Leben. Sie haben vor allem männliche Schulfreunde. Das ist auch eine Frage der Erziehung. Meine Eltern haben immer zu mir gesagt: In deinem Kopf sind Körner, die nicht gemahlen werden können. Gemeint ist, ich habe einen starken Willen. Das wird bei Frauen negativ gesehen. Ich kann auch sehr jähzornig und stur sein, aber Raif hat darin Stärke erkannt.

Inwiefern?
Er hat einfach gewartet, bis ich mich wieder beruhigt habe. Auch wenn ich mal ohne Grund ausgetickt bin, war er derjenige, der den ersten Schritt gemacht hat. Manchmal habe ich ein Drama gemacht, nur damit er danach zu mir kommt und wir uns ver­söhnen. Ich wollte spüren, wie sehr er mich liebt und dass er für mich über seinen Schatten springen kann. Außerdem hasse ich Routine, ich brauche Bewegung in einer Beziehung. Manchmal ist Streit das Chili in einer Beziehung.

Wie ist es für Sie, so lange Zeit auf ­körperliche Liebe zu verzichten?
Ich vermisse es sehr, aber ich brauche das nicht von irgendwem. Es gibt da diese Person, auf die ich warte. Ob morgen, in einem Monat oder in einem Jahr. Ich werde deshalb nicht sterben.

Ist Ihre Liebe manchmal auch eine Last?
Ich habe noch Hoffnung, die aber nicht frei von Schmerz ist. Mein größtes Problem ist, dass unsere Liebe bestimmte Phasen im ­Leben verpasst hat. Wir hatten nur neun ­gemeinsame Jahre, Raif konnte nicht mit­erleben, wie seine Kinder aufwuchsen.