»Der nichtdepressive Partner zerbricht leicht an der Belastung«

Die Psychologin Ulrike Borst kennt Wege, wie man der erkrankten Person helfen und die Beziehung schützen kann. Ein Gespräch über richtige und falsche Sätze, Selbstfürsorge und die Frage, wie man sich trotz all dem Schmerz nah bleibt.

Versprechen, die einem depressiven Menschen helfen: »Ich halte zu dir«, oder »Ich stehe dir bei«.

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SZ-Magazin: Frau Borst, fast bei jedem zweiten depressiven Menschen führt die Krankheit dazu, dass seine Partnerschaft in die Brüche geht. Das hat eine Untersuchung der Deutschen Depressionshilfe ergeben. Wie merkt man, dass der Partner oder die Partnerin in die Depression rutscht?
Ulrike Borst: Ja, das ist ein erschreckender Befund. Wobei sich nicht immer leicht sagen lässt, was Henne und was Ei ist. Beides hängt oft sehr eng zusammen. Eine schlechte Partnerschaft kann zur Depression führen, eine Depression kann die Partnerschaft belasten.

Wenn es so schwer zu unterscheiden ist – worauf können Betroffene achten?
Das Hauptsymptom, das wir immer wieder finden, ist die Niedergeschlagenheit, die ständige Verstimmtheit. Oft kommt noch Antriebslosigkeit dazu. Und die so genannte depressive Trias: Der oder die Betroffene sieht sich selbst negativ, aber auch alles um sich herum, die Zukunft ebenso. Das merkt man manchmal nicht sofort, man hält es vielleicht für eine reine Attitüde. Bei manchen gehört es ja auch ein wenig zum Selbstbild, die sagen: »Ich bin halt ein Skeptiker.« Aber das geht einher mit einer wachsenden Gefühllosigkeit – nichts mehr genießen können, sich nicht mehr freuen. Die Gefühllosigkeit wirkt aber auch in die andere Richtung: Viele meinen, Depression äußere sich in Traurigkeit, aber depressive Menschen sind oft gar nicht mehr richtig imstande, Trauer zu empfinden.

Kommt es auch vor, dass man die Depression des Partners bemerkt, er selbst aber nicht?  
Da gibt es große Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen suchen eher von selbst Unterstützung in ihrem Umfeld. Männer dagegen ziehen sich zurück, manche greifen zu Alkohol oder Tabletten. Die wollen oft ungern sagen, mir geht’s nicht gut. Und wenn, schieben sie alles auf die Umstände, auf die Arbeit zum Beispiel. Da kann es also durchaus passieren, dass Außenstehende eher erkennen, was Sache ist. Und dann müssen sie auch mal sagen, du, ich glaube, es gibt da tiefergehende Probleme.

Aber was tun, wenn der Partner nichts davon hören will?
Darüber zu reden fällt vielen nicht leicht. Vor allem die Schwelle, sich Hilfe zu holen, ist bei manchen Menschen hoch. Es gilt also, immer wieder nachzufragen, immer wieder das Gespräch zu suchen. Anders geht es nicht. Wichtig ist aber: nicht zwischendurch, nicht zwischen Tür und Angel. Schaffen Sie gezielt eine entspannte Gesprächssituation. Gehen Sie zusammen spazieren, gehen Sie raus. Und dann lenken Sie das Gespräch locker in die richtige Richtung.

Oft äußert sich Depression in Rückzug – wie soll man an den anderen Menschen noch herankommen?
Anklopfen. Hartnäckig bleiben. Nicht zum Reden zwingen, aber vorsichtig weitermachen. Wichtig ist dabei, immer hellhörig zu bleiben. Wenn der andere sagt, tut mir leid, jetzt geht es wirklich nicht, ich kann nicht, dann muss man ihm auch den Abstand lassen.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Partner depressiver Menschen die Depression auf sich beziehen?
Wenn die Depression für den anderen aus heiterem Himmel zu kommen scheint, kann das tatsächlich sehr kränkend wirken. »Ich versuche dich hier aufzumuntern, aber du ziehst ja nie mit, ich bin dir wohl gar nicht mehr wichtig …« – dann wird man dem Kranken gegenüber vielleicht sogar aggressiv. Aber der depressive Mensch befindet sich in einer Schleife der Selbstentwertung. In dem Moment, wo man das Gespräch eskalieren lässt, macht man diese Entwertung mit. Das gilt es unbedingt zu vermeiden. Dann lieber Luft holen, rausgehen, der Situation für einen Moment entkommen.

Bringen Sätze wie »Ich glaube an dich« irgendetwas? Oder kommen die dem depressiven Menschen inhaltsleer vor?
Man sollte sehr auf die Formulierung achten. »Das wird schon« ist eher unglaubwürdig. Wenn einer im schwarzen Loch sitzt, denkt er ja gerade, er kommt da nie raus. Ich würde zu so etwas raten wie: »Ich halte zu dir«, oder: »Ich stehe dir bei«. Das sind glaubwürdige Versprechen. Ich habe mal einen Betroffenen gehört, der sagte: Man braucht im Grunde einen Bergführer. Einen, der nicht sagt, na los, das haben wir im Nu geschafft. Das wäre unrealistisch – und daran kann ein depressiver Mensch verzweifeln! Er braucht den Bergführer, der mit ihm die kleinen Schritte geht.

In der Fachliteratur wird davor gewarnt, vermeintlich einfühlsame Sätze zu sagen wie: »Das kenne ich.« Damit wirke man, als wolle man die Depression kleinreden.
Ja, das finde ich bei allen psychischen Problemen heikel. Die sind immer alle einzigartig! Lieber sagen: »Ich versuche zu verstehen, was du da gerade durchmachst.« Ganz unmöglich ist natürlich so etwas wie: »Jetzt reiß dich zusammen!« Oder: »Du musst nur wollen.« Dass der Betroffene nicht wollen kann, ist ja gerade Wesen der Störung. Es gibt sogar ein ganzes Buch mit den Berichten depressiver Menschen, das so heißt: Ich kann nicht wollen.

Andererseits tun sich Menschen im Umgang mit depressiven Partnerinnen oder Partnern vielleicht schwer damit, normal zu bleiben: Wenn jemand zum Beispiel einfach Geschichten aus dem Alltag erzählt – »Stell dir vor, was mir heute passiert ist …« –, dann könnte es ja so wirken, als nähme er die Depression nicht ernst.
Trotzdem erzählen! Teilhaben lassen! Das ist prima. Den Kranken trotzdem in sozialen Bezügen sehen. Schwierig wird es natürlich, wenn man keine Reaktion kriegt, wenn die Augen nur auf unendlich sind. Da muss man sich immer mal rückversichern. »Ich habe das Gefühl, du bist gerade ganz woanders, soll ich weitererzählen?« Aber bitte nie als Vorwurf! Kein: »Hey, du hörst ja überhaupt nicht zu.« Nein, einfach freundlich fragen.

Ich habe von einem Vergleich gehört: Wenn man im Flugzeug neben einer Person sitzt, die im Ernstfall Hilfe braucht beim Aufsetzen der Sauerstoffmaske, muss man zuerst sich selbst die Maske überziehen, um dann dem Sitznachbarn zu helfen. Die Frage ist also: Wie schafft man es als Partner, auf sich selbst zu achten?
Es passiert zu leicht, dass der nichtdepressive Partner an der zusätzlichen Belastung zerbricht. Wer mit einem depressiven Partner lebt, muss sich Freiräume schaffen, muss sich zwischendurch erholen. Sonst besteht die Gefahr, dass er oder sie selbst auch noch in eine Depression gerät. Erst die Überforderung, dann die Erkrankung. Also: auf Pausen achten, sich Abstand erlauben. Auch mal Tage, vielleicht sogar ein, zwei Wochen. Rauskommen. Wegfahren.

Im Alltag ist das vielleicht nicht so leicht umsetzbar.
Aber man kann weiter Freunde treffen – abgesehen jetzt natürlich von Corona-Einschränkungen. Man kann Sport machen, rausgehen, etwas unternehmen, sich selbst schöne Momente schaffen, allein, aber ohne schlechtes Gewissen. Nüchtern gesagt: Vom Leben mit einem depressiven Partner soll und darf man sich erholen wie von anstrengender Arbeit.

Was tun, wenn die Depression die Beziehung dauerhaft belastet? Man kann es niemandem verübeln, wenn sie oder er sagt, das halte ich nicht aus. Dann muss man sich eben trennen. Aber spätestens dafür brauchen viele dann fachliche Unterstützung. Das ist schwer allein zu schaffen. Also mit Unterstützung trennen – oder, wer weiß, vielleicht mit Unterstützung wieder zusammenfinden. Die Hoffnung darf man ja trotz allem noch haben.

Wenn Sie den Verdacht haben an Depression zu leiden, ist das Gespräch mit einem Arzt oder Psychotherapeuten unverzichtbar. In Notfällen wenden Sie sich bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder einen Krisendienst (Adressen finden Sie zum Beispiel hier und hier – oder direkt an den Notarzt unter der Telefonnummer 112).