Die Kiste war etwas größer als ein Schuhkarton und gehörte nicht mir, sondern einer Freundin. Eineinhalb Jahre zuvor hatte sie die Beziehung mit ihrem Freund beendet, die erste große Liebe. Seit der Trennung hatten sie einander nicht gesehen, nun aber war die Freundin bei mir zu Besuch, in der Stadt, in der auch ihr ehemaliger Freund lebte. Die beiden hatten sich für einen Nachmittag verabredet, sie wollten spazieren gehen. Am Abend dann stand meine Freundin wieder bei mir vor der Tür, mit Tränen im Gesicht und einer Kiste im Arm.
Die Kiste hatte er ihr in die Hand gedrückt. Die Dinge darin erinnerten ihn zu sehr an sie, hatte er gesagt. Wir öffneten sie. Ein Slip war darin, eine Haarbürste, ein Fotoalbum, ein Deo und noch ein paar andere Gegenstände. Meine Freundin bereute die Trennung nicht, war aber erschrocken darüber, wie sehr er immer noch litt, und verzweifelte daran, ihm wehgetan zu haben. Ratlos saß sie vor den Resten ihrer Fernbeziehung. Ich hörte zu, kochte Tee, legte Schokolade auf den Küchentisch.
Am Tag ihrer Abreise bat meine Freundin mich, die Kiste für sie in den Restmüllcontainer im Hof zu schmeißen. Ich weigerte mich, war mir sicher, sie würde es bereuen. Ich bot ihr an, sie für sie aufzubewahren, und versprach: »Wenn du sie in einem Jahr nicht wiederhaben willst, werfe ich sie weg.« Mangels Stauraum in meiner damaligen WG schob ich die Kiste unter mein Bett.
Fast vier Jahre ist das her. Ich rufe meine Freundin an und frage, weißt du noch, die Kiste? Sie lacht. »Peinlich, dass mich das damals so mitgenommen hat. Da war doch hauptsächlich Müll drin. Ich weiß noch, ich war fast beleidigt, dass das alles sein soll, was übrig bleibt.« Ich sage: »Aber ist nicht genau das die Liebe? Sie verleiht den banalsten Kleinigkeiten etwas Bedeutsames.« Ein Deo ist ein Deo ist ein Deo – aber in der Liebe nicht. Für den Ex-Freund meiner Freundin verkörperte es das schmerzhafte Wissen, dass sie es nie wieder benutzen, nie wieder bei ihm übernachten wird.
Bis auf das Fotoalbum, ein Geschenk von ihr an ihn nach einem gemeinsamen Urlaub, lagen hauptsächlich Alltagsgegenstände in der Kiste. Es waren Dinge, die sie aus Bequemlichkeit bei ihm gelassen hatte für Besuche an den Wochenenden. Artikel wie ihre Haarbürste, die die Statisten im Stück der großen Liebe gespielt hatten und die nun nach dem letzten Akt unbedarft herumstanden.
Ich frage meine Freundin: »Warum hat er die Sachen eigentlich nicht einfach weggeworfen?« Sie zögert nicht. »Ich glaube, er hat sie aufbewahrt in der Hoffnung, ich würde zurückkommen.« Indem er ihr die Kiste in die Hand drückte, schloss er diese Tür für sich endgültig. Womöglich brauchte er sie dafür als Zeugin.
Verliebte sind überzeugt von der Einzigartigkeit ihrer Gefühle, ein argloser Glanz der Überheblichkeit umgibt sie. Niemand hat jemals so empfunden wie wir! Ist ja auch irre, dass uns ein Mensch derart verzaubert, dass wir süchtig werden nach dem Geruch, der Stimme, der Haut. Ein ordinärer Schal kann die Welt bedeuten, wenn er dieser einen Person gehört. In seinem Abschiedsbrief an Lotte fleht Goethes junger Werther, mit der Schleife wolle er begraben werden, die sie bei ihrer ersten Begegnung trug: »Diese blaßrote Schleife, die du am Busen hattest, als ich dich zum ersten Male unter deinen Kindern fand – o küsse sie tausendmal und erzähle ihnen das Schicksal ihres unglücklichen Freundes.« Liebe bewirkt, dass wir Kinokarten aufheben, das Schlafshirt des anderen tragen und den Café-Beleg ins Tagebuch kleben. Wir werden zu Kuratoren der Ausstellung unserer Liebesgeschichte.
Wenn die Liebe endet, bleiben wir zurück inmitten ihrer Exponate. Wohin dann mit all dem Kram? Die wirksamste Therapie ist wohl die radikalste, also alles auszumisten, was an den anderen erinnert. Wegschmeißen befreit. Es hilft dabei, loszulassen, und bewahrt davor, in der Trauer zu verharren. Aus den Augen, aus dem Sinn. Denn Gerüche und Geschmäcker oder der Anblick eines Gegenstandes können den verlorenen Menschen spürbar machen. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen den Madeleine-Effekt, angelehnt an eine Szene in Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, in der sich der Ich-Erzähler in seine Kindheit und Momente tiefsten Glücks zurückversetzt fühlt, als er ein Madeleine-Gebäck isst. Klingt schön, ist aber eben nicht förderlich, um über einen Menschen hinwegzukommen. Die kleinsten Dinge können schmerzen. Eine Kollegin bekam auch mal eine Kiste überreicht. Darin lag unter anderem ein bereits geöffnetes Tütchen Backpulver – sie hatte oft in seiner Küche gebacken.
In Kroatien gibt es einen eigenen Ort für Liebesrelikte und ihre Geschichten. Das »Museum der zerbrochenen Beziehungen« in Zagreb stellt Einsendungen aus aller Welt aus, etwa Silikonbrustimplantate, ein Brautkleid, eine Unterhose, einen Gartenzwerg, Stacheldraht, eine Espressomaschine. Neben einem Aschenbecher voller Zigarettenstummel steht geschrieben: »Häufig wurde ich nachts wach und er lag nicht neben mir. Mein Ex-Freund fand oft keinen Schlaf, saß stundenlang im Dunkeln auf dem Balkon, hörte Musik und rauchte. Nach unserer Trennung habe ich es nie geschafft, den Aschenbecher ein letztes Mal zu leeren, geschweige denn, ihn vom Balkon zu verbannen. Ich rauche nicht.«
Die Kiste meiner Freundin blieb fast ein Jahr lang unter meinem Bett. Bei einem ihrer Besuche holten wir sie gemeinsam hervor. Im Schneidersitz saßen wir auf dem Fußboden und öffneten sie, diesmal ohne Tränen. Vieles sortierte meine Freundin aus, das Fotoalbum behielt sie, den Slip auch. Die Überbleibsel stellte sie zum Verschenken ins Treppenhaus, am Abend waren sie verschwunden. Das Fotoalbum liegt jetzt zusammen mit anderen Alben bei ihr im Regal – in einer Kiste.

