Warum »Celebrity Crushes« so gut tun

Als Jugendliche schwärmen wir oft für unerreichbare Prominente. Eigentlich sollten wir nie damit aufhören.

Ob Taylor Swift wohl zurücklächelt, wenn man ihr mal in der Fußgängerzone begegnet?

Foto: Max Slobodda

Er hatte braune lockige Haare, guckte meistens grimmig, führte eine Fußball-Clique an und konnte außergewöhnlich gut im Slalom dribbeln. Mit acht schwärmte ich für die Figur Leon aus dem Film Die Wilden Kerle. Und schnell auch für den damals elfjährigen Darsteller Jimi Blue Ochsenknecht. Ich fand ihn so großartig, dass ich in den folgenden Jahren mein Leben mit ihm und dem Film füllte.

Die vier Wilde Kerle-Fortsetzungen mit Jimi Blue schaute ich mir selbstverständlich jeweils sofort im Kino an. Lediglich der zweite Film enttäuschte mich, weil Leon darin die ebenfalls fußballbegabte Vanessa küsst. Ich besaß ein Buch mit Fotos der Dreharbeiten, in dem ich jegliche Aufnahmen von Jimi Blue Ochsenknecht detailliert studierte. Wie genau ihm die braunen Locken in die Stirn fielen, ob er mal wieder den rechten Mundwinkel zum schiefen Lächeln hochgezogen hatte. Ich trug stolz einen schwarzen Pullover, auf dem das Logo der Filme prangte: ein zähnefletschendes Monster, knallorange umrandet, darüber und darunter der Titel. Und um den Kopf band ich mir ein Bandana mit Totenköpfen, denn im Film trug Vanessa oft ein ähnliches Tuch. Damit hatte sie immerhin Leon beeindruckt. Kurz gesagt: Ich hatte einen »Celebrity Crush«. Ich empfand ein Gefühl zwischen Faszination und Verliebtheit für eine berühmte Person, die unerreichbar war und mit der ich wahrscheinlich nie auch nur ein Wort wechseln würde.

Das war in meinen Augen kein Nachteil. Die Unerreichbarkeit hatte für mich einen besonderen Reiz. Bei jemandem aus der Parallelklasse wären meine Erfolgsaussichten erheblich höher gewesen. Aber weil Jimi Blue Ochsenknecht nicht in meinem Leben, sondern nur in meinem Kopf existierte, musste ich mich bei meiner Schwärmerei an keine Logik oder Kennenlernschritte halten. Ich konnte mir alles exakt so vorstellen, wie ich es wollte. Also schrieb ich Jimi Blue Ochsenknecht jegliche Charaktereigenschaften der Filmfigur Leon zu. Mutig, trotzig, charmant. Ich tagträumte, dass ich ihm sicherlich in meinem Wilde Kerle-Pullover oder Totenkopf-Bandana auf der Straße auffiele, sollte er mal durch die Hamburger Innenstadt laufen. Oder dass ich vielleicht im nächsten Wilde Kerle-Film mitspielen könnte, weil man mein außergewöhnliches Talent im Fußballspielen entdecken würde (ich war in jeglichen Ballsportarten ausgesprochen unbegabt). Natürlich endeten all diese Szenarien damit, dass er mich genauso beeindruckend fand wie ich ihn.

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Ich war sehr jung, hatte viel Freizeit und noch mehr Fantasie. Und ich denke gern daran zurück, weil alle drei in meinem Erwachsenenleben zu kurz kommen: Freizeit, Fantasie. Und der »Celebrity Crush«, der es schafft, Gedanken und Gefühle so sehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. Seit Jimi Blue Ochsenknecht hat mich niemand mehr so lange und intensiv begleitet. Natürlich fand ich weiter mal einen Sänger oder Schauspieler gut, aber die Personen wechselten meistens schnell und nahmen kaum Raum in meinem Kopf ein.

Schaue ich durch die sozialen Netzwerke oder denke an Gespräche mit Freundinnen, merke ich, dass das nicht nur mir so geht. Ich sehe auf Instagram oft, dass sich das Internet kollektiv in einen neuen Prominenten schockverliebt – aber nach einer Woche scheint der dann wieder vergessen zu sein, und jemand Neues wird gefeiert. Meine Freundinnen und ich sprechen zwar über Schwärmereien. Doch meistens geht es dabei nicht um Stars, sondern um tatsächlich erreichbare Personen. Was nicht verwunderlich ist: Die Wissenschaft geht davon aus, dass gerade Jugendliche so intensiv schwärmen, weil sie in dieser Lebensphase ihre Identität und Persönlichkeit entwickeln. Auch für mich war Jimi Blue Ochsenknecht eine Art Vorlage: Zwar war mir Fußballtalent bei meinen späteren realen Schwärmen ziemlich egal, aber mich beeindruckten stets demonstrative Lässigkeit und braune Locken. Und wahrscheinlich habe ich keine so starken »Celebrity Crushes« mehr, weil ich mir Annäherung nicht mehr vorstellen musste, sondern tatsächlich erlebte.

Trotzdem sehne ich mich nach einem Nachfolger von Jimi Blue Ochsenknecht. Mein Alltag, meine Freizeit, meine Beziehungen sind von Vernunft geprägt und nach Ergebnissen ausgerichtet. Bei einem »Celebrity Crush« muss zur Abwechslung mal kein Ziel erreicht werden. Ein Kennenlernen ist abwegig, eine gemeinsame Zukunft ausgeschlossen. Es geht um den Spaß am Schwärmen. Das stützt auch die Psychologie: »Celebrity Crushes« können der mentalen Gesundheit guttun, weil uns die Vorstellung der prominenten Person für einen Moment aus dem Alltagsstress holt und wir keine Angst vor Zurückweisung oder Enttäuschungen haben müssen. Gefährlich wird es, wenn Schwärmerei in ernsthafte Obsession oder eine parasoziale Beziehung umschlägt. So nennen Psychologen es, wenn man sich einbildet, einen berühmten Menschen persönlich zu kennen oder eine tatsächliche Beziehung mit ihm zu führen. Und lebt man in einer Traumwelt statt in der Realität, wird die imaginäre Verbindung schnell zur Bedrohung für echte Beziehungen.

Warum es mit mir und Jimi Blue Ochsenknecht irgendwann zu Ende ging, weiß ich nicht mehr. Der Anfang vom Ende war wahrscheinlich der Abend, an dem ich ihm dann doch begegnete: Mit zwölf besuchte ich mit einer Freundin die Vorpremiere des Films Sommer in Hamburg, Jimi Blue Ochsenknecht spielte die Hauptrolle. Die Karten hatte meine Mutter im Radio gewonnen. Vor dem Kino lag ein roter Teppich, drinnen kaufte ich mir vor Aufregung einen ganzen Eimer Popcorn und setzte mich mit gerecktem Kopf auf meinen Platz irgendwo in den hinteren Reihen. Ich erkannte ihn sofort an den Haarspitzen. Ich sah die braunen Locken zu einem Sitz in der Mitte huschen, fast zwei Stunden lang still sitzen und gleich nach der Vorführung hinauseilen. Keine langen Blickwechsel quer durch den Kinosaal, kein schiefes Lächeln. Mein »Celebrity Crush« war zu einem echten Menschen geworden. Wie langweilig.