»Was kommt zuerst: die Unzufriedenheit oder die Untreue?«

Die Soziologinnen Christiane Bozoyan und Claudia Schmiedeberg haben in einer Langzeitstudie untersucht, warum Menschen fremdgehen – und wie sich ein Seitensprung auf die Beziehung auswirkt. Ein Gespräch über ihre wichtigsten Erkenntnisse.

»In die Beziehungszufriedenheit münden viele Indikatoren wie Harmonie, guter Sex, intellektueller Austausch«, sagt Schmiedeberg. Im schlechtesten Fall kriselt es bei einem Paar gleich in mehreren Kategorien.

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Frau Bozoyan, Frau Schmiedeberg, was hat Sie an dem Thema gereizt?
Bozoyan: Als Soziologinnen interessieren uns Mechanismen, die Familien durcheinanderbringen oder belasten können. Und Untreue gilt als ein gewichtiger Trennungsgrund.
Schmiedeberg: Durch den langen Befragungszeitraum konnten wir Entwicklungen verfolgen und nicht nur Momentaufnahmen beobachten, also auch untersuchen, was Seitensprünge mit Paaren machen. Was unsere Daten betrifft, sind wir weltweit führend.

Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?
Schmiedeberg: Wir verwenden Daten aus dem Beziehungs- und Familienpanel pairfam, einer großen sogenannten Panelstudie. Die zu Beginn ausgewählten Befragten bekommen einmal im Jahr Besuch von einem Interviewer oder einer Interviewerin, der oder die sie anhand eines am Computer vorgegebenen Frageprogramms zu vielen verschiedenen Themen befragt, etwa zur Berufstätigkeit, Aktivitäten mit Kindern oder dem Verhältnis zu ihren Eltern und Geschwistern. Dieses Interview dauert ungefähr eine Stunde. Für die intimen Fragen, eben etwa zur Untreue, übergibt der Interviewer den Laptop an die Befragungsperson. Sonst würden die Befragten wohl nicht so ehrlich antworten.
Bozoyan: Unsere zentrale Frage für diese Studie lautete: Sind Sie im vergangenen Jahr fremdgegangen? Da wir auch immer nach der Beziehungszufriedenheit fragen, konnten wir ablesen, wie das eine auf das andere wirkt. Verändert sich durch die Untreue die Beziehungsqualität? Wirkt die Beziehungszufriedenheit auf die Untreue? Wir wollten das unabhängig vom Bekanntwerden des Seitensprungs herausfinden, daher interessierte uns sozusagen nur die Täterseite. Es heißt ja landläufig, ein Seitensprung tue einer Beziehung unter Umständen sogar gut, weil man sich so das holt, was man in seiner eigenen Beziehung nicht bekommt. Das hat uns besonders interessiert.

Wie haben Sie Untreue definiert? Jeder versteht ja etwas anderes darunter.
Bozoyan: Das ist eines der Probleme in der Forschung. In vielen Studien wird Untreue als extradyadischer Geschlechtsverkehr, also Sex außerhalb der Beziehung definiert, aber gleichzeitig ist klar, dass Untreue sehr viel mehr sein kann. Was ist mit Cybersex, was ist mit der emotionalen Seite? Unsere derzeitige Forschung zeigt, dass es bei Untreue einen Graubereich gibt, aber relativ deutlich wird aus unseren Daten auch, dass ab einem Kuss die meisten Menschen von Untreue sprechen.
Schmiedeberg: In unserer Studie arbeiten wir nicht mit einer festen Definition, sondern fragen die Leute einfach, ob sie fremdgegangen sind, was unabhängig von jeweiligen Beziehungsnormen mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. Wichtig für die Auswirkungen auf die Beziehung ist ja nicht, ob es nun Sex oder Küssen war, sondern ob die beiden Partner die Sache als Untreue empfinden. Jedes Paar hat da eigene Vorstellungen und Vereinbarungen. Wenn beide Partner eine Handlung nicht als Fremdgehen ansehen, hat sie für das Paar womöglich auch keine Auswirkung. Die Probleme kommen dann, wenn der Partner eifersüchtig ist oder der Täter ein schlechtes Gewissen verspürt.

Das heißt, Sie haben nicht nach den Gründen des Fremdgehens gefragt?
Bozoyan: Wir unterscheiden uns von der qualitativen Sozialforschung, weil es bei uns eher um Raten oder Durchschnitte geht. Wir haben nicht das einzelne Paar im Blick, sondern wollen Aussagen über Wahrscheinlichkeiten machen. Deshalb fragen wir in dieser Studie nicht im Einzelnen nach den Gründen. Trotzdem können wir durch die Langzeitdaten zumindest indirekt darüber Aussagen machen.

Warum also gehen Menschen fremd?
Schmiedeberg: Fragt man Leute, warum sie sich getrennt haben, unterscheiden sich die genannten Gründe häufig von den tatsächlichen, weil der Mensch dazu neigt, sich seine eigene Geschichte zu basteln. Daher fragen wir nicht hinterher, warum es passiert ist, sondern schauen uns die Beziehungszufriedenheit im Jahr vor einer Trennung an und die subjektive Beziehungsstabilität, also ob man Trennungsgedanken hatte. In die Beziehungszufriedenheit münden ja viele Indikatoren wie Harmonie, guter Sex, intellektueller Austausch. Diesen Punkt könnte man dann wieder aufdröseln in Faktoren wie Konfliktstil, Handgreiflichkeiten, Sexhäufigkeit, gemeinsam verbrachte Zeit, Hausarbeitsteilung. Wenn es in einem oder mehreren Punkten hapert oder ein Ungleichgewicht in den Erwartungen besteht, kriselt es, und es steigt die Untreuewahrscheinlichkeit.
Bozoyan: Die Grundfrage dabei ist: Was erhofft sich die untreue Person vom Seitensprung? Das kann sexuelle oder emotionale Befriedigung sein. Oder man sucht nach einem neuen Partner. Aber natürlich auch Selbstbestätigung oder der Reiz des Verbotenen. Alle Gründe basieren auf einer gewissen Unzufriedenheit mit der eigenen Beziehung. Aber selbst wenn jemand sehr zufrieden ist, kann sich eine Gelegenheit ergeben, mit der er oder sie nicht gerechnet hat. In unserer Studie wollten wir herausfinden, was kommt zuerst: die Unzufriedenheit oder die Untreue? Und die Antwort ist, es geht in beide Richtungen. Kommt die Untreue zuerst, kann zum Beispiel kognitive Dissonanz die nachfolgende Beziehungsunzufriedenheit erklären, also das Schlechtreden der eigenen Beziehung im Nachhinein, um den Seitensprung vor sich selbst zu rechtfertigen.
Schmiedeberg: Interessant ist ja, unter welchen Bedingungen Untreue wahrscheinlicher wird. Zum einen muss erst mal die gute Gelegenheit da sein, also ein anderer Partner, der mir etwas zu bieten hat, was ich in meiner Beziehung gerade nicht bekomme. Andererseits muss ich bereit sein, meine Beziehung aufs Spiel zu setzen, das heißt, das Commitment in die Beziehung muss relativ gering sein, weil es gerade nicht so gut läuft und weil ich nicht viel zu verlieren habe.

Was ist unter Commitment hier zu verstehen?
Schmiedeberg: Soziologen verstehen darunter die Langzeitorientierung, die Bindung. Davon hängt die Untreuewahrscheinlichkeit ab. Wenn mein Commitment hoch ist, schlage ich auch die gute Gelegenheit aus. Ich bewerte sie sogar schlechter, weil ich sie durch die Brille meiner guten Beziehung sehe, da kommen einem die guten Gelegenheiten gar nicht so gut vor. In der Theorie gibt es drei Faktoren, die das Commitment bestimmen: die Qualität der Beziehung, also die Zufriedenheit. Dann die Investitionen, die ich getätigt habe, also gemeinsame Kinder, ein gemeinsames Haus, ein gemeinsamer Freundeskreis, den ich aufgeben müsste, und so weiter, die als Ausstiegsbarrieren fungieren. Und drittens die Qualität der Alternativen. Erst wenn alles dafür spricht oder einer der Punkte sehr stark ins Gewicht fällt, steigt die Untreuewahrscheinlichkeit. So lässt sich unter anderem erklären, warum auch zufriedene Menschen manchmal fremdgehen: Zum Beispiel, wenn die Investitionen niedrig sind und die Alternative sehr gut. Oder warum unzufriedene Partner nicht fremdgehen: Weil es keine Alternative gibt oder eben die Investitionen in die bestehende Beziehung zu hoch waren.

Was haben Sie denn durch Ihre Langzeitstudie herausgefunden: Kann ein Seitensprung eine Beziehung wiederbeleben?
Schmiedeberg: Das haben wir widerlegt. Die eigene Beziehungszufriedenheit sinkt, wenn ich fremdgehe, das hat sich bei der großen Mehrheit unserer Befragten gezeigt, unabhängig davon, ob der Seitensprung aufgedeckt wurde. Natürlich mag es Fälle geben, wo eine Beziehung nach dem Seitensprung wieder besser läuft, das ist aber die große Ausnahme. Naheliegend scheint auch, dass Beziehungsunzufriedenheit Untreue wahrscheinlicher macht. Wir konnten aber zeigen, dass der Knackpunkt vor allem ist, ob ein Partner an der Beziehung zweifelt, sie in Frage stellt. Wer nur ein wenig unzufrieden ist, geht nicht gleich fremd.

Warum steigt die Trennungswahrscheinlichkeit auch beim geheimen Seitensprung?
Bozoyan: Hier greift eben das Phänomen der kognitiven Dissonanz. Sie entsteht, wenn ich etwas denke, sage oder tue, das gegen meine Norm- oder Moralvorstellungen verstößt. Die Irritation in mir lässt mich anders auf das Geschehene blicken. Wenn ich seit 20 Jahren rauche, obwohl ich weiß, dass es schlecht für mich ist, dann versuche ich, die Dissonanz, die sich in meinem Verhalten spiegelt, zu reduzieren, indem ich sage, es schmeckt mir so gut. Eine Strategie ist also das Schönreden des eigenen Verhaltens, eine andere das Schlechtreden der Alternativen.
Schmiedeberg: Das schlechte Gewissen spiegelt sich oft im Verhalten, man wird verschlossener, was sich wiederum auf die Beziehung auswirken kann. Ein Seitensprung kann den Täter auch an den Punkt der Krise bringen, in dem er die Beziehung als Ganzes hinterfragt. Man kommt zu der Erkenntnis: Es könnte ja auch alles ganz anders sein. Ja, es kann sogar so weit gehen, dass ich beides in Frage stelle, Beziehung und Affäre, und mit beidem Schluss mache, weil ich beides nicht will.

Wer ist treuer, Männer oder Frauen?
Bozoyan: Das ist nicht leicht zu beantworten, weil hier ja auch immer die Frage ist, wer ehrlicher antwortet. In unserer Befragung am Computer geben die Männer ein wenig häufiger an, im letzten Jahr fremdgegangen zu sein, aber der Unterschied ist gering. Bei den Frauen haben vier Prozent mit Ja geantwortet, bei den Männern fünf Prozent. Aber das bezieht sich, wie gesagt, nur auf das letzte Jahr. Ob man jemals fremdgegangen ist, bejahen Frauen in unserer Studie in 24 Prozent der Fälle, Männer in 25 Prozent. Andere Studien kommen zu leicht höheren Werten, aber auch hier unterscheiden sich Männer und Frauen kaum.

Schützt Heirat vor Untreue, gehen Unverheiratete eher fremd?
Bozoyan: Heirat ist eine Investition, die Barrieren aufbaut, die auf das Commitment wirken und Trennungen schwieriger machen sollten. Die Untreuewahrscheinlichkeit wäre also geringer. In unserer Studie können wir jedoch nur einen reduzierenden Effekt für Schwangerschaften und Kinder finden, nicht aber für die Ehe.

Wie sieht es mit Kindern aus?
Schmiedeberg: Auch Kinder stellen eine Investition dar. Allgemein kann man sagen: Es gibt die Norm, sich den Kindern zuliebe nicht zu trennen. Aus Verantwortung ihnen gegenüber sollte man die Beziehung nicht aufs Spiel setzen. Auf der anderen Seite kommt es durch Kinder zu mehr Konflikten in der Beziehung, das zeigt die Forschung. Das Sexualleben leidet. All das wirkt sich auf die Beziehungszufriedenheit aus und kann das Untreuerisiko erhöhen. Welcher Faktor am Ende überwiegt, hängt wieder von anderen Faktoren ab, dem Alter der Kinder etwa. Wenn die Kinder älter sind, ist man vielleicht aus den größten Konflikten raus, die Beziehungszufriedenheit steigt, gleichzeitig ist man nicht mehr so sehr der Elternschaft verpflichtet. In unserer Studie zeigen Kinder einen negativen Effekt auf das Untreuerisiko.

Was ist stabiler: zwei, die sich ähneln, oder zwei gegensätzliche Charaktere?
Bozoyan: Wer gut zueinander passt, wird zufriedener in der Beziehung sein und dadurch auch treuer, das belegt die Forschung. Es gilt das Prinzip der Homophilie. Gleich und gleich gesellt sich gern. Dieses geflügelte Wort stimmt.

Waren die Deutschen früher treuer als heute?
Bozoyan: Jüngere Menschen sind strenger als ältere, das weiß man aus Studien. Wenn man älter wird, dann wird man nachsichtiger. Weiter ist es eine Sache des Zeitgeists und der Normen. Man wird also kaum herausfinden, ob die Leute Seitensprünge in einer Umfrage einfach eher zugeben oder auch eher mehr machen. Trotzdem sehen wir als Soziologinnen auch längerfristige Veränderungen.
Schmiedeberg: Die jungen Leute sind heute sehr traditionell, wie die Shell-Jugendstudien der letzten Jahre belegen, ihnen ist Treue sehr wichtig. Gleichzeitig gibt es die Polyamorie-Bewegung, aber es sind nur relativ wenige Menschen, die in solchen Beziehungen leben.

Wie treu sind die Deutschen im internationalen Vergleich?
Schmiedeberg: Das kann man schwer vergleichen, weil es zum einen von den Methoden der Befragung abhängt, ob ehrlich geantwortet wird, zum anderen von den Normen und Sitten. Je strenger die Normen sind, je schlimmer das Fremdgehen bewertet wird, desto seltener werden es Menschen in einer Befragung zugeben.

Gibt es einen Weg zurück nach einem Seitensprung?
Bozoyan: Dazu gibt es wenig Langzeitforschung. Was man weiß: Einen Seitensprung aufzuarbeiten ist richtig viel Beziehungsarbeit, da laufen verschiedene Phasen ab, die man am besten mit paartherapeutischer Begleitung angeht.
Schmiedeberg: In gewissem Sinne haben die beiden Partner einen Vertrag abgeschlossen, wenn man nicht explizit etwas anderes vereinbart hat. Wird dieser Vertrag verletzt, führt das zu Vertrauensverlust. So eine Krise lässt beide Partner nochmal neu auf die Beziehung schauen. Sie fangen vielleicht an, Dinge zu hinterfragen, die sie lange als gegeben angenommen haben. Ob sie dann trotzdem zusammen bleiben, hängt davon ab, ob in ihren Augen das Positive in der Beziehung überwiegt.