Was gegen Liebeskummer wirklich hilft

Unsere Autorin hat selbst schon oft genug gelitten – und für ihr Buch alles zusammengetragen, was die Wissenschaft über Herzschmerz weiß. Sieben Erkenntnisse, wie man eine Trennung überwindet.

Ganz klar, ohne ganz viel Eis und noch mehr Taschentücher lässt sich kein Liebeskummer überstehen. Aber es gibt noch mehr, das hilft.

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»Ich hatte den schlimmsten Liebeskummer aller Zeiten.« Wahrscheinlich hörte ich im vergangenen Jahr keinen Satz öfter als diesen, wenn ich Menschen erzählte, dass ich gerade für ein Buch über Liebeskummer recherchierte. Darauf folgte eine bittere Zusammenfassung trauriger Vorkommnisse, vorgetragen entweder in lauter Rage oder einsilbigem Stakkato. Die Geschichten glichen sich in ihrem Ablauf und auch fast immer im Ausgang: Irgendwann war der Schmerz vorüber, aber bis dahin war es die Hölle. Und die meiste Zeit hatten sich die Protagonisten durchweg sehr unverstanden gefühlt. Als sprächen sie plötzlich eine andere Sprache als alle um sie herum, denn die taten den Kummer meistens ab mit dem Satz: »Das wird schon wieder.«

Wie kommt es, habe ich mich gefragt, dass wir den eigenen Herzschmerz als den außergewöhnlichsten definieren — andere ihn von außen aber als gar nicht so drastisch wahrnehmen? Eine Antwort, die ich darauf fand, kommt aus der Traumaforschung. Sie weiß seit noch gar nicht so langer Zeit, dass Menschen mit Liebeskummer ähnliche körperliche Symptome haben wie Traumapatienten, etwa Kriegs- und Gewaltopfer. Nicht essen, nicht schlafen, nicht denken können, Panikattacken, Schweißausbrüche. Grund dafür ist unter anderem ein biochemisches Ungleichgewicht, die Hormone

Anderes ist wissenschaftlich längst bekannt über den Liebeskummer: wie er funktioniert, warum wir ihn haben, was das mit der Evolution zu tun hat. Und auch, welche Mittel helfen und welche nicht. Dennoch wird das Thema als so unangenehm empfunden, dass es Erkenntnisse aus der Medizin, der Soziologie, der Psychologie und auch der Biologie oft kaum in die öffentliche Wahrnehmung schaffen. Haben wir den Liebeskummer einmal überwunden, wollen wir uns auf keinen Fall wieder damit beschäftigen. Dabei gäbe uns das einen

Eine Pille gegen Liebeskummer gibt es nicht. Dennoch wurden in den vergangenen Jahren diverse Testreihen mit Schmerzmitteln gemacht – nachdem Wissenschaftler bestätigt hatten, dass bei physischem Schmerz dieselben Hirnareale aktiv sind wie bei sozialem Schmerz. Zu Letzterem gehört der Liebeskummer, aber auch Trauer und Verlustgefühle. Eine US-Studie über die neurologischen Folgen von Zurückweisung beschreibt, dass in der Konsequenz mehr Adrenalin ausgeschüttet wird, der Puls steigt und der Körper sich auf »Flight or Fight« (»Flucht oder Kampf«) vorbereitet. Alles in

Doch wie kann man die Alarmbereitschaft, jenes biochemische Ungleichgewicht, ein bisschen abfedern? Eine Studie der University of Kentucky testete, was mit Menschen passiert, deren soziale Schmerzen mit Paracetamol behandelt werden. Das erfreuliche Ergebnis: Nach der Einnahme waren genau die Hirnareale, die für Schmerzen zuständig sind, weniger aktiv. Daraus kann man theoretisch den Schluss ziehen, dass Schmerzmittel gegen Liebeskummer helfen. Arzneimittel helfen allerdings nur gegen eine körperliche Reaktion, nicht gegen das eigentliche Problem — nämlich die Erschütterung der persönlichen Grundfesten

Zugegeben, ein eher befremdlicher Tipp. Nun muss man aber betrachten, was Achterbahnfahren mit dem Gehirn macht. Ziemlich viel: Wegen all der Sinneseindrücke, die gleichzeitig passieren durch die Geschwindigkeit, die Geräusche, das visuelle Erleben und vieles mehr, zieht unser Gehirn sämtliche Hormonregister. Es wird in einer Art Großalarm ein Cocktail freigesetzt aus dem Stresshormon Cortisol über Adrenalin bis hin zu den Glücklichmachern Endorphin und Serotonin. All das war und ist durch Liebeskummer im Ungleichgewicht, eine Achterbahnfahrt ist

Schon klar, das will niemand lesen. Aber es ist die Wahrheit: Sport hilft bei Liebeskummer (und vielen anderen mentalen Schieflagen). Der Sportwissenschaftler und Forschungsmethodiker Henning Budde hat mit seinem Team an der Medical School Hamburg eine riesige Zahl an Studien über dieses Thema ausgewertet. 39 Metaanalysen, die ihrerseits fast 1600 Erhebungen aus den vergangenen 23 Jahren mit insgesamt 142.000 Teilnehmern umfassten. Das Fazit: Sport hilft gegen Depressionen und Ängste, Bewegung lässt den Serotoninspiegel steigen,

Im akuten Zustand nach einer Trennung ist so ziemlich jedes Mittel der Kompensation erlaubt, Ablenkung hilft nachweislich aus den Tälern aus Schmerz und Leid hinaus. Trotzdem ist eine dauerhafte Verdrängung ungesund. Aus der Soziologie ist bekannt, dass sich Frauen und Männer nach einer Trennung unterschiedlich verhalten. Frauen leiden intensiver, aber kürzer, während Männer anfangs hauptsächlich verdrängen und sich deshalb nicht nur länger quälen, sondern sich auch schwerer auf etwas Neues einlassen können und oft andere psychische Probleme entwickeln. Eine großangelegte Studie der Binghamton University in New York hat dazu knapp 6000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer befragt und deren Verhalten ausgewertet: Die weibliche Variante ist die härtere, aber gesündere, die männliche Variante entspringt dem patriarchischen Konstrukt, dass Männer keine Gefühle zulassen dürfen.

Es ist wichtig, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen, es zu sortieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Sonst steckt man im schlimmsten Fall in einer lebenslangen Spirale aus verkorksten Beziehungen fest. Viele Menschen empfinden es immer noch als Makel, sich therapeutische Hilfe zu holen. Und so haben Getrennte zusätzlich mit der Erwartung klarzukommen, doch bitte schön allein so eine Teenagerkrankheit zu überwinden. Aber ein gebrochenes Herz ist nicht weniger schmerzhaft als ein

Früher musste man mit dem Fahrrad am Haus des oder der Verflossenen vorbeifahren, um zu sehen, ob Licht brennt und jemand zu Hause ist. Oder man rief auf dem Festnetztelefon mit Wählscheibe an und legte schnell auf, wenn er oder sie dran ging. Digitalisierung und soziale Medien haben es sehr vereinfacht, dem oder der Ex hinterherzuspionieren. Auf Instagram unter einem Fake-Account Stories anschauen, auf Facebook nachsehen, an welchem Ort

Der Psychiater Guy Winch, der dem SZ-Magazin schon einmal ein aufschlussreiches Interview zum Thema gab, erklärt in einem Ted-Talk, dass es unserem Gehirn nach einer Trennung geht wie in einem Drogenentzug: Weil wir den echten Stoff, nämlich den oder die Ex, nicht haben können, suchen wir uns einen Ersatz. Das sind all die schönen Erinnerungen, die wir an diesen Menschen haben. Wir verklären dann vieles, wischen uns durch die gemeinsamen Fotos auf dem Smartphone, sehen sogar Schäbigkeiten plötzlich in einem ganz milden Licht. Weil man diesen Drang kaum abstellen kann, rät Guy Winch dazu, ihn umzuleiten. Dazu soll man eine Liste mit all den schlechten Eigenschaften des oder der Verflossenen anfertigen und diese Punkte am besten mit dem Smartphone fotografieren oder gleich dort in der Notizfunktion speichern. Jedes Mal, wenn man geneigt ist, einen Wehmutsanfall zu bekommen, zückt man die Liste und lässt Erinnerungen an versaute Familienfeiern, anstrengende Urlaube und eskalierte Restaurantbesuche aufleben. Der oder die Ex ist nämlich auch nur ein Mensch, auch wenn der Liebesbekümmerte ihn oder sie nach einer Trennung plötzlich zum Heiligen glorifiziert. Eigentlich eine simple Feststellung, jedoch eine, zu der jemand mit gebrochenem Herz kaum fähig ist. Danke, Evolution. Die möchte nämlich nicht, dass wir uns trennen.

Der Begriff des Emotional Eating setzte sich erst in den vergangenen Jahren durch, dabei beschreibt er etwas, das die Menschheit schon sehr lange begleitet: Essen als Kompensation für Stress. Dieses Verhalten ist zu einem Teil gelernt, zu einem anderen, viel größeren Teil aber intuitiv. Die Neuroendokrinologin Mary Dallmann wies in mehreren Tests nach, dass wir durch Essen das Stresshormon Cortisol senken. Davon haben