»Kauft weniger!«

Vivienne Westwood produziert seit 40 Jahren Mode – und hasst die Konsumgesellschaft. Lieber spricht sie über Balzac und Pinocchio. Und darüber, wie wir die Welt retten können.

SZ-Magazin: Frau Westwood, Sie tragen einen untertassengroßen Button mit der Aufschrift »AR« an Ihrem Pullover. Wofür stehen diese Buchstaben?
Vivienne Westwood: Für »Active Resistance to Propaganda«. Das ist der Titel eines 14-seitigen Manifests, das ich ins Internet gestellt habe. Darin lasse ich Figuren wie Diogenes, Pinocchio und Aristoteles auftreten und lege ihnen meine Gedanken in den Mund. Mein Fazit lautet: Da die Menschen immer mehr konsumieren, kommen sie immer weniger zum Denken und werden deshalb immer dümmer.

Sie knüpfen Interviews neuerdings an die Bedingung, dass über die Rettung unseres Planeten gesprochen wird. Was hat Sie zur Öko-Aktivistin gemacht?
Mein Schlüsselerlebnis waren die Bücher des Biochemikers James Lovelock. Ich halte ihn für ein Genie. Lesen Sie sein Buch The Vanishing Face of Gaia. Wenn die Durchschnittstemperatur auf der Erde um zwei Grad steigt, werden 2099 nur noch eine Milliarde Menschen übrig sein. Wir rasen also auf die Apokalypse zu.

Und was wollen Sie dagegen tun?
Der erste Schritt zur Weltverbesserung ist die Selbstverbesserung. Indem wir unser eigenes Leben ändern, verändern wir die Welt. Statt Fleisch und Getreideprodukte esse ich Gemüse und Obst. Und ich habe gerade eine Million Pfund für Cool Earth gespendet. Das ist eine Organisation, die für den Erhalt der Regenwälder kämpft. Gehen Sie auf die Seite nofunbeingextinct.org im Internet. Da wird Ihnen erklärt, wie Sie für drei Pfund drei Bäume retten können.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Mode das Gegenteil von Nachhaltigkeit ist?
Es stimmt, dass Modefirmen die Menschen durch Werbekampagnen unter Druck setzen, sich dauernd neue Kleidung zu kaufen. Ich verkünde seit zwei Jahren das Mantra: »Kauft weniger! Wählt sorgfältiger aus!«

Naomi Campbell hat für ihre Schuhe ein Apartment angemietet. Wie viele Schuhe besitzen Sie?
Ich schätze, ich habe 20 Paar. Davon trage ich sechs Paar. Die anderen 14 sind halt schon ziemlich alt. Ich tendiere dazu, Schuhe nicht wegzuwerfen.

Es gibt Psychologen, die behaupten, Handtaschen seien für Frauen eine Art Vagina am Riemen. Wie viele haben Sie?
Drei. Ich hasse Handtaschen!

Was ist der teuerste Gegenstand, den Sie besitzen?
Fünf Vasen aus China.

Sie haben mal überlegt, ein Stillleben des niederländischen Malers Willem Claeszoon Heda aus dem 17. Jahrhundert zu kaufen. Warum haben Sie es am Ende sein lassen?
Weil ich es klüger finde, dem Beispiel von Balzac zu folgen. Bei dem zu Hause hing ein Stück Pappe an der Wand, auf das er geschrieben hatte: »Hier bitte ein Rembrandt!

»Immer schön Dampf machen, Omi!« rufen ihr ein paar Punks zu


Haben Sie ein Auto?

Nein. Ich fahre Fahrrad. Als Andreas, mein Mann, mir sagte, er wolle sich einen Mercedes kaufen, habe ich geantwortet: »Tu das nicht! Er wird nur eine Belastung sein.« Wir hatten mal auf seinen Wunsch eine kleine Hündin, das lieblichste Geschöpf, das Sie sich vorstellen können. Aber für mich war das nichts. Ich möchte niemanden um mich haben, um den ich mich dauernd kümmern muss.

Modedesigner Ihrer Kategorie leben für gewöhnlich in mondänen Villen und sammeln teure Kunst. Sie dagegen haben 30 Jahre lang für 400 Pfund Miete in einer Zwei-Zimmer-Sozialwohnung gelebt.
Ohne Andreas wäre ich dort niemals ausgezogen. Von meinem Fenster aus habe ich Bäume mit Vögeln und Eichhörnchen gesehen. Aber er wollte unbedingt in einem schönen, geräumigen Haus leben, also haben wir eines gekauft. Er ist im Zillertal in Österreich groß geworden. Auf dem Land sind die Leute Platz gewohnt. Jetzt hätte er gern noch ein zweites Haus, weil er so gern etwas einrichtet. Mir liegt Einrichten gar nicht. Ich komme aus der Arbeiterklasse und habe gelernt, sparsam zu sein. Bei uns wurde der Weihnachtsbaum mit den silbernen Lochdeckeln von Salz- und Pfefferstreuern geschmückt. Das Spielzeug haben wir aus ausrangierten Sachen vom Hinterhof gebastelt. Besitz stört mich. Er macht das Leben nur komplizierter.

Womit strapazieren Sie die Nerven Ihrer Mitmenschen?
Ein Design ist die Summe aus hundert winzigen Details. Deshalb habe ich nach 40 Jahren Mode diesen detektivischen Blick für Kleinigkeiten. Ich laufe abends durch die Räume unseres Designstudios und sammle leere Plastikflaschen ein, damit sie in die Wertstofftonne kommen. Zu Hause gehe ich Andreas auf die Nerven, weil ich sofort die Heizung abstelle und das Licht runterdimme, wenn er mal für zwei Minuten aus dem Zimmer geht.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an einem Pulk junger Punks vorbeiradeln?
Neulich trug ich beim Fahrradfahren ein hüftlanges Cape, und weil ich es eilig hatte, flog es im Fahrtwind hin und her. Vom Straßenrand riefen mir ein paar Punks zu: »Immer schön Dampf machen, Omi!« Ich fand das lustig. Trotzdem hatte ich keine Lust, abzusteigen und die jungen Leute darüber aufzuklären, dass man mich mal »die Königin des Punk« genannt hat.

Von einer Grundschullehrerin im Schottenrock wurden Sie Mitte der Siebziger zur Erfinderin des Punk-Looks. Stimmt es, dass Sie mit den nihilistischen Posen der Punks nie besonders viel anfangen konnten?
Mein damaliger Freund Malcom McLaren hatte die Losung ausgegeben: »Sei alles, was die Gesellschaft hasst.« Irgendwann habe ich aber begriffen, dass es als Idee nicht ausreicht, nur gegen etwas zu sein. Außerdem wurde Punk schnell zu einer Marketing-Angelegenheit. Plötzlich warb jeder x-beliebige Frisör mit meiner wasserstoffblonden Igelfrisur, und in den Läden hieß es: »Wenn du bei uns eine Sicherheitsnadel kaufst, kannst auch du ein Punk sein.« Punk wurde geschluckt und fütterte auf einmal das Establishment.

Sie haben die Sex Pistols eingekleidet. Was dachten Sie, als deren Sänger Johnny Rotten 2004 in der Dschungelcamp-Show I’m a Celebrity … Get Me Out of Here! auftrat?
Nichts. Aber das liegt nur daran, dass ich nie fernsehe. Ich habe gehört, die Leute mochten Johnnys Verhalten im Camp. Man kann ihm nur viel Glück wünschen. Ansonsten habe ich kein Interesse an Leuten, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, einmal Punk gewesen zu sein.

Kunst ist das Gegenteil von Konsum

Als die Sex Pistols 1977 ihre antiroyalistische Single God Save the Queen veröffentlichten, mietete der Virgin-Chef Richard Branson ein Boot, das mit 200 Partygästen am Buckingham Palace vorbeifuhr. Auf einem Spruchband hieß es: »Königin Elizabeth heißt die Sex Pistols willkommen .« Sie wurden bei dieser Aktion verhaftet. 1992 verlieh Ihnen die Queen dann den Orden des Britischen Empire, 2006 erhob sie Sie in den Adelsstand. Wie denken Sie heute über die Frau?
Sie ist absolut großartig. Damals habe ich sie natürlich zutiefst verabscheut. Wenn sie südamerikanischen Folter-Generälen ihre behandschuhte Hand hinhielt, repräsentierte sie die ganze Scheinheiligkeit britischer Politik. Heute kann ich den degenerierten Marxisten in den Medien, die keine Gelegenheit auslassen, die Königin als ebenso lächerliches wie kostspieliges Relikt runterzumachen, nur zurufen: Ihr habt die Sache nicht durchdacht! Die königliche Familie liefert viel von dem sozialen Zement, der unser Land zusammenhält. Ich bin keine Patriotin, aber ich liebe es, wenn uniformierte Soldaten mit Blaskapelle durch die Straßen paradieren.

Vor ein paar Wochen haben Sie sich unter Occupy-Demonstranten gemischt und ihnen geraten, die Londoner Kunstmuseen zu besuchen. Was sollte das?
Kunstliebhaber sind Freiheitskämpfer für eine bessere Welt. Ich glaube nicht mehr an Politik und Rebellion. Nur Kultur kann die Welt lebenswerter machen. Jedes große Kunstwerk stellt unausgesprochen die Frage, ob die Dinge nicht besser laufen könnten. Kunst ist das Gegenteil von Konsum, denn man kann sie nicht aufschlecken wie ein Softeis. Man muss sich anstrengen, Kenntnisse erwerben, seine Wahrnehmung schärfen und vergleichen lernen. Meinen Studenten in Berlin habe ich immer gesagt: »Geht in die Nationalgalerie und findet in jedem Saal heraus, welches Bild ihr retten würdet, wenn Feuer ausbricht. Wenn ihr dasselbe sechs Monate später noch einmal macht, werdet ihr feststellen, dass ihr andere Bilder retten würdet. Eure Beurteilungskriterien werden sich verfeinert haben.«

Was halten Sie von der Popkultur unserer Tage?
Popkultur ist ein Widerspruch in sich. Was populär ist, ist selten originell oder von Rang. Sollte ich eine Rebellin sein, dann rebelliere ich gegen die vulgären Anmaßungen der Popkultur. Man fragt nur noch, was hip und cool ist, und erhebt Starkult zur neuen Weltreligion. Ein Nonkonformist dagegen würde sich dafür interessieren, was schön ist und einen zum Denken stimuliert.

Dem Guardian sagten Sie kürzlich: »Ich habe die Mode 15 Jahre lang gehasst.« Warum?
Mode war nie meine größte Leidenschaft. Ich war ein Kind, das im Land der Bücher lebte. Meine Mutter hatte Mühe, mich vor die Tür zu bekommen. Im Handarbeitsunterricht sagte die Lehrerin, ich sei kreativ. Ihr gefielen die Kleider, die ich für meine Puppen nähte. Ich fand das Lob unverdient. Als Anglikanerin dachte ich, dass nur Gott Dinge erschaffen kann und ich bloß gut im Kopieren bin. Nach der Schulzeit hätte ich gern eine Universität besucht, aber Malcolm bat mich, T-Shirts zu entwerfen. Weil ich ihm helfen wollte, sagte ich Ja. Nur eine Designerin zu sein würde ich nicht aushalten. Mode ist für mich eine lästige Pflicht. Ich beurteile mich ausschließlich nach dem, was ich denke.

Wie oft wollten Sie mit der Mode Schluss machen?
Zum ersten Mal, als Sid Vicious von den Sex Pistols seine Freundin erstach und danach an einer Überdosis starb. Punk war damit definitiv zu Ende. Aber dann packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte den Leuten beweisen, dass es meine Ideen sind, die sie auf den Laufstegen anderer Designer bewundern. Damals störte es mich noch, kopiert zu werden. Die zweite Krise hatte ich Anfang der Neunziger. Mein Gefühl war, dass alles gesagt ist, was ich zu sagen habe. Dann lernte ich Andreas kennen. Er war mein Student, als ich in Wien Mode unterrichtete. Er ist das großartigste Talent, das mir jemals begegnet ist. Ich habe mehr von ihm gelernt als er von mir. Aber vielleicht spricht es für mich, dass ich es zugelassen habe, seine Schülerin zu werden.

Sie sind seit 20 Jahren mit Andreas Kronthaler verheiratet. Er ist ein Vierteljahrhundert jünger als Sie und gilt als bisexuell.
Ja, und?

Malcolm McLaren starb vor zwei Jahren mit 64 an Krebs. Wie ist es für Sie, 70 zu sein?
Ich mache seit drei Jahren Yoga und bin heute gelenkiger als mit 50. Was mein Alter betrifft, haben Andreas und ich eine klare Verabredung. Sollte ich zum Pflegefall werden, möchte ich nicht, dass er zu den Menschen gehört, die mich pflegen. Ich werde wieder in meinen Heimatort ziehen, in einem kleinen Häuschen leben und Bücher lesen. Ich habe keine Angst vor dem Alleinsein.

Nur wenn ich Hosen trage, habe ich immer Unterwäsche an

Seit 1992 ist Westwood mit dem 25 Jahre jüngeren Tiroler Andreas Kronthaler verheiratet.

McLarens Motto lautete: »Schönheit ist, vor nichts zurückzuschrecken.« Sie sagen heute: »Die Leute sollen sich einen schmeichelnden Spiegel kaufen und den Rest vergessen.«
Ich mag Frauen, die Lippenstift auftragen, bevor sie mit ihrem Liebhaber oder Ehemann telefonieren. Aber grundsätzlich finde ich es besser, gebildet, kultiviert, interessant und bedeutend auszusehen als schön und sexy.

Laut einer Umfrage wären 65 Prozent der deutschen Frauen bereit, zehn IQ-Punkte abzugeben, um einen Schönheitsmakel auszugleichen. Stehen die Dinge in Ihrem Land besser?
Dieses Gewese um Schönheit wird immer unerträglicher. Die Menschen sollten sich mehr anstrengen, weniger dumm zu sein, denn das würde sie am besten kleiden. Das empfehlenswerteste Accessoire ist ein Buch.

Gibt es eine Modezeitschrift, die Sie uns empfehlen können?
Sie fragen die falsche Person. Ich lese keine Modemagazine, weil ich von der Überdosis Fotos einen Kollaps kriege. All diese grinsenden Gesichter machen mich krank, weil ich nicht kapiere, was es da dauernd zu grinsen gibt.

Wie unterscheiden Sie Stil und Mode?
Mode kann sich jeder mit Geld kaufen. Stil ist die intelligente Abweichung von Normen, die man kennen muss. Deshalb ist Stil ohne Bildung und Erfahrung nicht zu haben. Zu Stil gehört auch, dass man seine Kleidung und sein Benehmen zur Deckung bringt. Wer vorhat, gegen die Etikette zu verstoßen, sollte sie zuvor studiert haben.

Ihr Kollege Tom Ford trägt nie Unterwäsche, Ihr Mann dagegen wählt seine Unterwäsche passend zum Anzug. Wem von beiden sollte ein Mann mit Stil folgen?
Keinem. Machen Sie, was Sie für richtig halten. Wenn Ihre Freundin auf den Geruch von Schweiß steht, können Sie von mir aus gern am ganzen Körper nach Schweiß riechen.

Bei der Ordensverleihung im Buckingham Palace trugen Sie keinen Slip. Stimmt es, dass Sie gar keine Unterwäsche besitzen?
Ich besitze nicht viel Unterwäsche, weil ich selten welche trage – im Sommer schon gar nicht. Nur wenn ich Hosen trage, habe ich immer Unterwäsche an.

Welchen Typ Unterwäsche bevorzugen Sie?
Boxershorts.

Finden Sie sich exzentrisch?
Nein. Einem Exzentriker fällt nichts ein als aufzufallen, und so sehe ich mich nicht. Ich gebe aber gern zu, dass mich einiges von meinen Kollegen unterscheidet. Ich mache zum Beispiel auf der Straße keine Beobachtungen. Es heißt ja immer, dass uns Kreativen auf der Straße dauernd irgendwas auffällt, was wir dann angeblich aufsaugen und verarbeiten. Mir fällt nie was auf. Ich bin so mit meinen Kopfwelten beschäftigt, dass ich Augen für nichts und niemanden habe.

Ist es mit 70 Zeit, Memoiren zu schreiben?
Sie meinen, ich wäre dann glücklicher? Wenn ich nicht gerade ein Interview gebe, rede ich nicht gern über mich. Ich mag es nicht, wenn Menschen ein aufgeblasenes Selbstbild haben. Vielleicht ist es sogar ein Zeichen guten Charakters, dem eigenen Leben nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Manchmal wäre es nützlich, einen Gedanken mit einer Anekdote aus meiner Vergangenheit zu illustrieren, aber dann merke ich jedes Mal, wie miserabel mein Gedächtnis ist. Wer weiß, vielleicht kommt die Erinnerung mit 80.

Welchen Titel würden Sie einem Roman über Ihr Leben geben?
Mein Vorschlag ist vielleicht ein wenig lang, aber ich wäre für: »Wenn ich mit dieser Hose fertig bin, kann ich endlich mein Buch weiterlesen«.

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Kurz-Bio:
Die Bourgeoisie erschrecken, das konnte die Britin, Jahrgang 1941, früher gut: 1974 erfand die ehemalige Lehrerin den Punk-Look, 1981 gründete sie ihr eigenes Label, machte Mode, die an Fetisch-Objekte erinnert. 1992 heiratete sie den Tiroler Andreas Kronthaler, 25 Jahre jünger. Heute unterstützt sie mit ihrer Ethical-Fashion-Linie Projekte in Afrika. 2006 wurde sie geadelt.

Fotos: ap (3), dpa (1)

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