»Für einige Monate hatte ich Träume, in denen ich hingerichtet werde«

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und der Altenaer Bürgermeister Andreas Hollstein wurden beide Opfer von Messerattacken. Hier sprechen sie über die Attentate, die schwierige Verarbeitung des Geschehens und die Frage nach Vergebung.

Henriette Reker hätte sich gewünscht, was sie nun Andreas Hollstein bieten konnte: ein Gespräch mit jemandem, der einen ähnlichen Angriff erlebt hat.

Foto: Julia Sellmann

SZ-Magazin: Frau Reker, der Mann, der Ihnen hier gegenübersitzt, der Bürgermeister der Stadt Altena in Nordrhein-Westfalen, wurde Ende November 2017 von einem Mann mit einem Messer am Hals verletzt, als er gerade Döner in einem türkischen Imbiss kaufen wollte. Sie haben ihn nach der Tat angerufen. Was haben Sie gesagt?
Henriette Reker: Seit ich selbst so ein Attentat überlebt habe, fühle ich natürlich besonders mit, wenn Kollegen ein ähnliches Schicksal erleiden. Deshalb hatte ich einfach das Bedürfnis, mit Ihnen zu reden, Herr Hollstein. Nicht nur über Sie zu sprechen, sondern mit Ihnen. An dem Abend, an dem Sie angegriffen wurden, war ich bei der Verleihung des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen an Navid Kermani. Der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der eine der Reden hielt, sprach auf der Bühne über Sie und Ihre besonders engagierte Flüchtlingspolitik. Sie waren mir und auch allen anderen im Saal also äußerst präsent, als sich die Nachricht über das Attentat auf Sie verbreitete.
Andreas Hollstein: Ich habe viel Anteilnahme erlebt, Herr Laschet hat mich angerufen, Frau Merkel auch. Aber es fühlt sich intensiver an, wenn sich jemand meldet, der eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. Für einen Erstkontakt war unser Telefonat ein sehr ungewöhnliches Gespräch, weil ich jemanden erlebt habe, der sich sehr weit geöffnet hat. Jemanden, der über eigene Gefühle gesprochen hat. Das machen Politiker selten. Politiker sind immer stark.

Haben Sie Frau Reker gefragt, ob man so ein Attentat verarbeitet?
Hollstein: Natürlich haben wir uns darüber ausgetauscht, was so ein Angriff mit einem macht. Und mit den Angehörigen. Frau Reker hat ja etwas sehr viel Schlimmeres erlebt als ich. Meine Wunde am Hals war etwa vier Zentimeter lang und musste nicht genäht werden. Als ich angegriffen wurde, blieb mir Zeit, mich zu wehren. Und ich hatte das Glück, dass die Eigentümer des Imbisses mir geholfen haben. Das Ringen mit dem Täter dauerte mehrere Minuten, aber zu dritt hielten wir ihn fest, bis die Polizei kam.

Was dachten Sie in dem Moment?
Hollstein: Ich hatte Bilder von meinen Kindern und meiner Frau im Kopf. Ich glaube, das gab mir die Kraft, die Hand mit dem Messer fernzuhalten. Der Täter war Handwerker und eigentlich viel kräftiger als ich.

Frau Reker, Sie wurden am 17. Oktober 2015, einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln, an einem Wahlkampfstand angegriffen. Der Täter stach Ihnen mit einem 30 Zentimeter langen Messer in den Hals und durchtrennte beinahe komplett Ihre Luftröhre. Haben Sie da überhaupt noch irgendwas gedacht?
Reker: Ich lag 14 Minuten auf dem Boden, bis man mich ins Krankenhaus fuhr. Lag da und fühlte mich hingerichtet. Abgestochen. Ich habe mich einfach völlig hilflos gefühlt. Obwohl ich im Grunde alles richtig gemacht hatte. Ich hatte mich in die stabile Seitenlage gerollt und meine Blutung am Hals kompressiert. Ich wusste, wie ich reagieren muss, weil ich im Umgang mit schweren Arbeitsunfällen geschult worden war. Meine größte Sorge war, dass mir jemand Hilfe aufnötigt, der keine Ahnung hat.

Sie gewannen am nächsten Tag die Wahl zur Oberbürgermeisterin von Köln, lagen aber zu dem Zeitpunkt nach einer Not-OP noch im künstlichen Koma. Antreten konnten Sie Ihr Amt erst fünf Wochen später. Was hat Ihnen Hoffnung gegeben, dass es dazu überhaupt noch kommen würde?
Reker: Mein Glaube an die Medizin und mein Glaube an Gott. Leider hatte ich keine Gelegenheit, mit jemandem zu sprechen, der etwas Ähnliches erlebt hat.

Herr Hollstein, Sie gaben nur 15 Stunden nach der Tat eine Pressekonferenz, mit Pflaster am Hals. War das aus heutiger Sicht richtig, oder standen Sie noch unter Schock?
Hollstein: Ich war noch schockiert, sicherlich. Aber zwei Stunden nach dem Angriff parkten bereits Übertragungswagen vom Fernsehen vor unserem Wohnhaus. Einige Journalisten sind direkt von der Kermani-Preisverleihung in Köln zu mir nach Altena gefahren. Ich wusste, es gibt ein enormes Interesse, und ich wollte die Deutungshoheit über den Angriff nicht anderen überlassen.

Frau Reker hat in einem Interview gesagt, sie sei nach der Tat zum ersten Mal in ihrem Leben froh darüber gewesen, keine Kinder zu haben. Wie gehen Ihre Kinder und auch Ihre Frau damit um, dass jemand Sie töten wollte?
Hollstein: Es war schon eine Herausforderung, meine Familie und auch meine Mutter persönlich über den Angriff zu informieren, bevor sie aus den Medien davon erfahren würden. Auf der Rückfahrt vom Krankenhaus habe ich alle meine vier Kinder einzeln angerufen. Eine meiner Töchter studiert in Maastricht, einer meiner Söhne in Bayreuth. Die anderen beiden leben in Altena. Ein paar Tage nach dem Angriff habe ich meine Kinder und meine Frau dann gefragt, ob sie es ertragen, wenn ich weiter mache. Sie antworteten: Was sollst du denn sonst machen? Meine Familie war schon immer betroffen von meiner Arbeit. Als ich vor Jahren mal die Entscheidung traf, das Altenaer Freibad zu schließen, um Kosten zu sparen, sind meine Kinder in der Schule deshalb beschimpft worden.

Sie haben eben gesagt, Politiker seien immer stark. Sie haben in besagter Pressekonferenz aber auch angekündigt, nicht den starken Mann zu mimen, sondern psychologische Hilfe in Anspruch zunehmen. Haben Sie das getan?
Hollstein: Ich habe mit einem Notfallseelsorger gesprochen, den ich gut kenne. Aber gemeinsam sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass ich keine akute Hilfe benötige. Allerdings habe ich Mitte Dezember einen Hörsturz erlitten. Das war wohl doch eine Reaktion meines Körpers auf den Stress.

Frau Reker, das Attentat auf Sie ist jetzt gut zwei Jahre her. Was bleibt von dieser Erfahrung?
Reker: Die Dankbarkeit, dass es mir so gut geht. Dass mich so viele Menschen unterstützt haben. Für einige Monate hatte ich Verarbeitungsträume, Träume, in denen ich hingerichtet werde. Aber ich habe keine Ängste entwickelt, ich fühle mich noch immer wohl unter Menschen, auch in großen Gruppen. Ich mag es nur nicht, wenn sich mir jemand von hinten nähert.
Hollstein: Zwei Tage nach dem Attentat kam mir jemand auf der Straße entgegen, der mich körperlich sehr an den Täter erinnerte. Er kam zielgerichtet auf mich zugelaufen und hat mir dann freundlich die Hand geschüttelt. Als Politiker muss man schnell wieder lernen, keine Angst vor Nähe zuzulassen. Das ist wie nach einem schweren, unverschuldeten Verkehrsunfall. Auch da raten Psychologen ja dazu, schnell wieder ins Auto zu steigen.
Reker: Mein Mann ist ängstlicher als ich. Dem sage ich immer: Es ist noch niemand zweimal Opfer eines Anschlags geworden. Darauf antwortet er immer: Du musst nicht die Erste sein.
Hollstein: Den gleichen Dialog haben meine Frau und ich geführt.

Sie beide wurden nicht zufällig angegriffen. Frau Reker, Sie waren nicht nur OB-Kandidatin, sondern auch Beigeordnete der Stadt Köln für Soziales, Umwelt und Integration und zuständig für die Unterbringung von Flüchtlingen. Sie standen für eine Willkommenskultur - so wie Sie, Herr Hollstein: Sie setzten durch, dass Altena hundert Flüchtlinge mehr aufnimmt, als die Gemeinde nach dem Verteilungsschlüssel hätte aufnehmen müssen. Beide Täter nannten diese Flüchtlingspolitik als Grund für ihre Angriffe. Ist es lebensgefährlich, sich für Flüchtlinge zu engagieren?
Reker: Als Person des öffentlichen Lebens war man immer einer Gefahr ausgesetzt, das sieht man an Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine. Was ich erlebt habe, ist eine Transformation. Ich hatte nie eine flammende Rede auf die Flüchtlingspolitik gehalten, ich stand für gar keine Kultur, es war damals als Beigeordnete meine Aufgabe, die Flüchtlinge unterzubringen. Mein Attentäter hat ja gemeint, lieber hätte er Frau Merkel attackiert. Ich war natürlich leichter zu kriegen.
Hollstein: Es gibt mehr als 11 000 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Deutschland, da ist es überhaupt nicht möglich, alle durch Personenschutz zu schützen. Man braucht auch das Kuscheln mit dem Bürger, das macht uns Bürgermeister aus. Mein Urvertrauen ist natürlich etwas erschüttert worden, und das muss man sich wieder erkämpfen, sonst würde man ja den Menschen in die Karten spielen, die die geistigen Brandsätze in unserem Land legen. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dieser Sprache und den Taten, aber es gibt eine geistige Verantwortlichkeit.

Was meinen Sie damit?
Hollstein: Die Thesen, die mein Attentäter als Rechtfertigung anführt, sind ja nicht originär von ihm. Solche Menschen greifen Phrasen und auch Herleitungen auf, die woanders entstanden sind.

Wo?
Hollstein: Vor ein paar Tagen habe ich die falsche Behauptung im Internet gelesen, der häufigste Name in Essen wäre mittlerweile Mohammed. Kommt als Nachricht daher, soll natürlich alarmieren, und das gelingt. So was greifen Täter auf. Und wenn man auf Facebook in seiner Filterblase festhängt, bekommt man das jeden Tag auch noch mundgerecht serviert.
Reker: An meinem ersten Amtstag war Herta Müller hier. Sie bekam den Heinrich-Böll-Preis und sagte: »Wenn Worte wie Volksverräter und Lügenpresse nur lang genug spazieren gehen, geht auch mal ein Messer spazieren.« Diesen Satz zitiere ich immer wieder.
Hollstein: Volksverräter ist ein ganz böser Begriff. Der hat den völkischen Ansatz drin. Und er richtet sich oft gegen Mandatsträger. Politiker werden immer mehr zu Objekten degradiert. Das macht es leichter, uns anzugreifen, verbal und körperlich. Der WDR hat in einer Umfrage recherchiert, dass in NRW rund fünfzig Prozent der befragten Amts- und Mandatsträger schon mal bedroht wurden. Nach dem Motto: Die Politiker machen einen Drecksjob, also müssen sie auch mit dem Dreck leben können. Zum feindlichen Klima tragen aber paradoxerweise auch einige Politiker bei - wenn man sieht, wie im politischen Diskurs mittlerweile zugespitzt wird.

Andreas Scheuer, CSU, sagte im Regensburger Presseclub: »Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist - weil den wirst du nie wieder abschieben.« Und Ihr Parteikollege von der CDU, Jens Spahn, sagte neulich: »Wie erkläre ich einer deutschen Mutter, deren Sohn oder Tochter im Norden Afghanistans dient, dass wir dorthin keine jungen Afghanen abschieben?«
Hollstein: Ich möchte jetzt gar nicht auf Namen aus meiner Partei oder anderen Parteien eingehen, denn das wollen die ja nur. Provokation macht Schlagzeilen, Schlagzeilen machen bekannt und damit wichtig. Das ist leider zu häufig das Spiel.

Alexander Gauland sagte, er wolle Merkel »jagen«. Beatrix von Storch twitterte nach der Silvesternacht: »Was zur Hölle ist in diesem Land los? Wieso twittert eine offizielle Polizeiseite aus NRW auf Arabisch. Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden so zu besänftigen?« Wie reagiert eine Oberbürgermeisterin klug auf solche Äußerungen, Frau Reker?
Reker: Das ist schwierig, und auch diesen Fall haben wir hier diskutiert. Ich überlege immer, ob man das abtropfen lässt oder ob man reagieren muss, weil es unwidersprochen noch mehr Wirkung entfaltet. Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. Wir hatten im vorigen Jahr einen Parteitag der AfD hier, und da habe ich ein offizielles Statement abgegeben: dass ich es als Provokation empfinde, dass sie ausgerechnet nach Köln kommen. Ich habe da auch deutlich gemacht, dass ich populistisches und menschenverachtendes Gedankengut ablehne. Daraufhin hat mich die AfD verklagt. Das Verwaltungsgericht entschied, die Ablehnung dürfe ich kundtun, dazu jedoch kein Instrument der Stadtverwaltung benutzen. Ich hatte es über die Presseabteilung rausgegeben, und das war falsch. Aber für mich war entscheidend, was ich alles sagen darf.

Wie gelingt sprachliche Abrüstung?
Hollstein: Ich weiß es nicht. Nehmen Sie beispielsweise Politiker wie Annegret Kramp-Karrenbauer, Frank-Walter Steinmeier oder Robert Habeck. Die bekommen eine Rhetorik hin, die nicht von Kampfbegriffen geprägt ist.

Wie lässt sich das Klima verbessern, dass zu den Angriffen gegen Sie und Frau Reker beigetragen hat?
Hollstein: Durch gute Politik. Die Fehler in der Flüchtlingspolitik haben natürlich dazu geführt, dass so eine Stimmung möglich war. Ohne dass handwerkliche Fehler gemacht werden, kriegt keiner ein schlechtes Klima künstlich geschaffen.

Es gibt ja mittlerweile diesengeflügelten Satz: Danke, Merkel! Sarkastisch gemeint. Haben Sie das auch schon mal gedacht?
Reker: Wenn Frau Merkel im Herbst 2015 eine andere Entscheidung getroffen hätte, also die Grenzen geschlossen hätte, dann hätte das eine humanitäre Katastrophe auf der Balkanroute zur Folge gehabt. Es gab aus menschlicher Sicht keine andere Möglichkeit.
Hollstein: Man fokussiert sich in dieser Frage zu sehr auf Frau Merkel. Person und Geschichte wirken wohl mal zusammen, aber Personen machen Geschichte nicht allein. Sie treffen richtige oder falsche Entscheidungen in bestimmten geschichtlichen Situationen. Aus meiner Sicht hat sie das absolut Richtige getan, nur die Kritik bleibt: Wir haben uns in Europa, das hat sie auch selbst eingeräumt, zu wenig um die Rolle der Schwellenländer gekümmert, also der Grenzländer Griechenland, Italien. Und im Inneren haben wir uns lange nicht um die Fragen gekümmert, die jetzt diskutiert werden. Behandeln wir alle gleich? Was können wir leisten, was nicht? Wer darf bleiben? Wieso keine Sammelstellen? Wir können doch in den Kommunen nicht die Menschen integrieren, die nach zwanzig Monaten mit einer Wahrscheinlichkeit von 99Prozent zurückgeführt werden. Das versteht keiner unserer Bürger.

Reker: Da sind wir uns nicht einig. Ich bin der Meinung, dass auch Menschen, die zurückgeführt werden, in dieser Zeit, in der sie hier sind, möglichst viel Positives aus unserem Land mitnehmen sollten, die Sprache lernen, Ausbildungen bekommen, eine neue Kultur kennenlernen.

Frau Reker, was würden Sie einer Bürgerin entgegnen, die sagt: Ich gebe Deutschunterricht, begleite Geflüchtete zum Amt, nehme auch mal akut Leute auf, aber ich möchte mich nicht weiter so exponieren - ich habe Angst wegen des Angriffs auf Sie.
Reker: Das erlebe ich so, und zwar häufig. Ich bedanke mich erst mal und sage dann, dass gerade dieser Einsatz dazu führt, dass wir uns auf unsere Mitmenschen besser verlassen können. Ich ermuntere immer ganz klar dazu weiterzumachen. Auch nach diesen Silvestervorfällen 2015 hat die Willkommenskultur in Köln nicht gelitten. Es sind viele ein bisschen müde geworden, aber es ist keine schlechte Stimmung entstanden.

Herr Hollstein, Sie haben in Ihrer Kommune ein Kümmerer-Programm aufgelegt, da übernehmen Bürger Patenschaften für Flüchtlinge. Frau Reker, Sie gehen in Köln einmal im Monat ins Stadtteilgespräch, setzen sich mit bis zu 300 Bürgern zusammen und diskutieren die drängenden Themen der Stadt. Jetzt heißt es immer, man müsse mit Rechten reden, die Abgehängten einsammeln, Ängste moderieren. Wie geht das denn?
Hollstein: Solange ich den Eindruck habe, dass der andere sich kommunikativ auf mich einlässt, gehe ich jedem Menschen vernünftig entgegen. Das hat nichts mit der Parteizugehörigkeit zu tun, die ich im Zweifel ja auch gar nicht kenne. Aber wenn jemand sagt, ihr seid sowieso alle Verbrecher - dann kann ich nicht weiterdiskutieren, den kann ich dann auch nirgendwohin mitnehmen.
Reker: Ich erlebe den Austausch in den Stadtgesprächen eigentlich immer als konstruktiv. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem, was Leute anonym äußern, und dem direkten Umgang miteinander. Ich bekomme immer noch Drohbriefe. Die sind zum Teil wirklich perfide, da wird meine Hinrichtung sehr detailliert beschrieben. Aber wenn ich real auf Menschen treffe, ist nur jede tausendste Wortmeldung mal unflätig.

Der Mann, der Sie angegriffen hat, Herr Hollstein, war ein arbeitsloser Maurer. Im Moment der Attacke rief er: »Sie lassen mich verdursten und holen 200 Flüchtlinge nach Altena!« Ihm war zuvor von der Stadt das Wasser abgestellt worden. Bräuchte man auch für abgehängte Deutsche wie Werner S. eine Art von Kümmerer, eine Art von Patenschaft?
Hollstein: Wir haben ein gesellschaftliches System, das Menschen in Notsituationen auffängt. Und wir sollten nicht so tun, als wäre das nicht der Fall. Aber es gibt auch eine Verantwortlichkeit des Individuums, das in Anspruch zu nehmen. Ich kann nicht öffentlich über diesen einen Fall sprechen, aber auch hier gab es viele Angebote und Möglichkeiten. Diese Unterstellung der gespaltenen Gesellschaft gehört übrigens auch zu den besonders fiesen Brandbeschleunigern.

Ihr Attentäter, Frau Reker, hat eine ähnliche Geschichte: Er wurde als Kind von seinen Eltern verwahrlost in einer Wohnung zurückgelassen. Anschließend lebte er bei einer Pflegefamilie, der Alltag war von Gewaltgeprägt. Der Gerichtsgutachter diagnostizierte ein vermindertes Selbstwertgefühl. Der Täter hat sich dann rechtem Gedankengut zugewandt, Gewalttaten verübt und eine Gefängnisstrafe verbüßt. Im Urteil gegen ihn wurde ihm diese Biografie sehr zugute gehalten. Einverstanden damit?
Reker: Nicht so wirklich. Ich bin der festen Überzeugung, dass man nicht alle Verfehlungen im Erwachsenenleben auf eine schwierige Kindheit schieben kann.

Herr Hollstein, der Angriff ist nun gut zwei Monate her. Wie hat sich Ihr Gefühl zu dem Erlebten verändert?
Hollstein: Ich schlafe gut, fühle mich normal. Aber ich diskutiere auch viel mit meiner Frau, was nicht immer ein Vergnügen ist. Sie hatte mich schon lange gewarnt, mein Engagement könnte dazu führen, dass jemand eine Gewalttat gegen mich plant. Sie hat recht behalten. Und natürlich geht es mir sehr nahe, wenn der Mensch, den ich liebe, Angst hat, dass mir etwas zustößt. Wir müssen schauen, ob sie langfristig mit meiner Arbeit als Bürgermeister klar kommt. Wenn meine Frau meinen Job nicht unterstützen würde, ginge es nicht.

Wie ist das bei Ihnen, Frau Reker? Meinen Sie, das Attentat ganz überwunden zu haben?
Reker: Ganz sicher, es hat mich stärker und entschlossener gemacht.

Woran machen Sie das fest?
Reker: Ich denke nicht mehr jeden Tag daran.

In welchen Momenten kommen die Erinnerungen zurück?
Reker: Wenn ein Kollege angegriffen wird, wie Herr Hollstein oder die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox. Als die im Juni 2016 von einem Rechtsextremisten getötet wurde, hat mich das umgehauen. Da habe ich mich abends um sieben Uhr unter der Decke verkrochen. Ich muss auch jedes Mal, wenn ich an einem Wochenmarkt vorbeifahre, an den Angriff denken. Früher habe ich gern auf Märkten eingekauft, jetzt genieße ich das nicht mehr wie früher. Das ist so schade!
Hollstein: Bei mir ist das anders. Ich war drei Tage nach dem Angriff in dem Döner-Laden, wo es passiert ist, um Danke zu sagen. Ich habe keine Vorbehalte gegen diesen Ort, ich habe das Kühlaggregat gesehen, gegen das ich den Täter gedrückt hatte. Aber mir fällt es womöglich leichter, weil dieser Ort den wundervollen Menschen gehört, die mir geholfen haben. Ich kann allerdings nicht abschätzen, was die Gerichtsverhandlung, die ja irgendwann ansteht, mit mir machen wird. Ob es dann noch einmal hochkommt.
Reker: Für mich war das schon noch mal ein Einschnitt. Dabei bin ich nur an dem Tag ins Gericht gegangen, an dem ich meine Aussage machen musste. Der Prozess wurde am Oberlandesgericht Düsseldorf geführt. Der Saal gleicht einem Hochsicherheitstrakt, weil darin auch die Terrorismusverfahren der Generalbundesanwaltschaft geführt werden. Ich empfand es als sehr unangenehm, dass der Täter in diesem Saal hinter mir saß, in meinem Rücken. Nicht, weil ich Angst vor ihm gehabt hätte, es konnte mir nichts passieren. Aber ich konnte ihn eben nicht sehen. So ein Gerichtssaal ist nicht aus der Opferperspektive heraus gebaut. Das habe ich auch bei der Justiz einmal sehr deutlich angesprochen: was man als Opfer erdulden muss. Ich habe das als meine Aufgabe empfunden, weil ich ein ausgesprochen privilegiertes Opfer bin.

Wen haben Sie angesprochen?
Reker: Den Generalbundesanwalt und auch die Justizbehörden in Köln. Ein Gerichtssaal müsste so eingerichtet sein, dass ein Opfer den Täter anschauen kann, aber nicht anschauen muss. Mich hat auch gestört, dass ich als Erstes ihn gesehen habe, als ich den Saal kam.

Gibt es eine Art der Entschuldigung, die Sie annehmen könnten?
Reker: Ich habe das während des Gerichtsverfahrens abgelehnt. Da kam der Anwalt des Täters auf mich zu und sagte, der Täter wolle sich entschuldigen. Aber dazu hätte er ja viele Wochen und Monate die Gelegenheit gehabt.

Sie haben das als Schachzugempfunden?
Reker: Ich fand das unangemessen. Außerdem reicht es nicht, Entschuldigung zu sagen. Man sollte um Verzeihung bitten. Dann könnte ich sagen: Jawohl, ich verzeihe dir, oder eben nicht.
Hollstein: Ich halte das für eine Trockenübung. Ich habe am ersten Tag danach gesagt: Ich habe keinen Hass diesem Menschen gegenüber. Für mich war eben nicht der Täter der Schuldige; es ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die dazu beigetragen hat, dass dieser Mensch in seiner Situation so gehandelt hat.

Das heißt, Sie haben ihm schon verziehen?
Hollstein: Innerlich mit Sicherheit. Ob ich das dem Täter gegenüber so formulieren würde, kommt auf den Inhalt und die Art seiner Entschuldigung an. Aber ich kann damit leben, wenn nichts kommt.

Warum treibt Sie beide die Integration von Flüchtlingen besonders um?
Reker: Meine Mutter war Flüchtling. Sie kam nach dem Zweiten Weltkrieg aus Niederschlesien nach Köln, weil mein Vater Ur-Kölner war. Sie hat mich immer daran erinnert, dass niemand aus Jux und Dollerei seine Heimat verlässt. Und sie hat mich stets daran erinnert, wie es sich anfühlt, Flüchtling zu sein, in ihrem Fall hieß das Vertriebene. Selbst die Familie meines Vaters hat sie nicht herzlich empfangen: »Die kütt von dahinge irgendwoher«, hieß es. Und: Jetzt soll die erst mal die Trümmer hier aufräumen! Köln war ja auch eine fast völlig zerstörte Stadt. Dabei hat sie das gerne gemacht.
Hollstein: Wieder eine Parallele. Bei mir war es die Großmutter, die als gebürtige Litauerin nach dem Krieg nach Altena kam, weil sie einen Deutschen geheiratet hatte. Sie hat mir viel von Krieg und Vertreibung erzählt, das hat mich seit Kindheitstagen beschäftigt. Als ich dann die grauenhaften Bilder von den Menschen sah, die auf Lesbos und den anderen griechischen Inseln angespült wurden, musste ich an meine Großmutter denken. Diese Geschichte habe ich auch auf einer Bürgerversammlung in Altena erzählt, auf der es um die Aufnahme der Flüchtlinge ging. Diese Versammlung war ein Schüsselerlebnis für mich. Ein älterer Mann stand auf und sagte, die Situation meiner Großmutter sei eine ganz andere gewesen, sie sei doch als Deutsche gekommen. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, aber dann erhob sich eine ältere Dame und sagte: Ich bin aus Oberschlesien nach Altena gekommen und habe die Willkommenskultur der Deutschen gegenüber den Deutschen erlebt. Wenn ich mit anderen Kindern spielen wollte, pfiffen deren Mütter ihre Kinder zurück: Spiel nicht mit den Polackenkindern!