Reise ins Ungewisse

Ein junger Mann glaubt, seine Mutter sei tot. Dann erfährt er, dass sein Vater ihn einst aus Iran nach Deutschland entführt hat – und dass die Mutter seit Jahrzehnten nach ihm sucht. Weil er nicht legal zu ihr reisen kann, will er zu Fuß über die Grenzen – die Flüchtlingsrouten in umgekehrter Richtung. Aber selbst wenn er alle Hindernisse überwindet: Was erwartet ihn am Ziel?

Bevor eine Facebook-Nachricht sein Leben aus den Fugen brachte, hatte Mehdi Maturi kaum etwas ­über seine Wurzeln in Iran gewusst. Maturi lebt ­heute, eineinhalb Jahre nach seinem abenteuer­lichen Marsch, in Berlin. Dieses Foto für das ­SZ-Magazin wurde in Berlin-Lübars aufgenommen.

Er hat gepackt: Damenbinden, extra saugstark. Die will er sich unter die Achseln kleben: Er würde sich lange nicht waschen können, aber er durfte nicht verlottert wirken oder nach Schweiß stinken, sonst könnte er aufgegriffen werden. Mit den Binden sollte es gehen.

Akkurat ordnete er alles auf dem Boden, was er noch für seine Reise brauchen würde, Nachtsichtgerät, GPS-Empfänger, wasserfeste Stirnlampe, Sturmstreichhölzer, Thermounterwäsche, Erste-Hilfe-Paket, Energieriegel, Schlafsack, Kompass, drei Armbanduhren zum Bestechen und 580 Euro in bar. Einen Tag später

In seinen letzten Wochen in Deutschland im Januar 2018 hatte Mehdi Maturi, damals 30 Jahre alt, bei seiner Arbeit als Eventmanager und Barkeeper in Münchner Clubs und Bars nicht mehr um Schichten gebeten, er hatte sein WG-Zimmer

Mehdi Maturi heißt in Wahrheit anders, sein echter Name ist dem SZ-Magazin bekannt. Um ihn vor Strafverfolgung durch türkische und iranische Behörden zu schützen, wurde sein Name geändert. Auch die Namen der Menschen, die Maturi auf seiner Reise halfen, wurden geändert, ebenso die seiner Verwandten.

An diesem Abend des 16. Januar 2018 packte Mehdi Maturi seine Sachen, um von Deutschland in den Iran zu laufen, wie ein Flüchtling, aber in entgegengesetzter Richtung. Er wollte seine Mutter finden, von der er sein Leben

Als Säugling war er 1988 mit seinem Vater und den zwei Geschwistern – die Schwester und der Bruder noch Kleinkinder, Mehdi erst wenige Monate alt – vor dem Mullah-Regime aus Iran nach Deutschland geflohen. Die Mutter sei

Mehdi Maturi wuchs in Schwäbisch Hall scheinbar auf wie andere Jugendliche, Mittelfeld links beim SSV Schwäbisch Hall, Pommes rot-weiß im Freibad, Nebenjob im Hagebaumarkt. Der Vater erzog die Kinder nicht religiös, aber extrem streng. Er sperrte sie

Der Vater verdiente sein Geld als selbst ernannter Künstler, er malte psychedelisch bunte Bilder, oft mit Frauen, Paaren, roten Rosen, Pfauen. Später arbeitete er als Hypnosetherapeut. Eine Ausbildung dafür hatte er nicht. Um seriös zu wirken, hängte

Nach dem Realschulabschluss und zwei Jahren auf dem Gymnasium fing Maturi an, Geld in Münchner Clubs und Bars zu verdienen. Das Nachtleben half ihm beim Vergessen. Am Morgen des 22. Februar 2010 war Maturi 22 Jahre alt

Facebook war gerade populär geworden. Über das Netzwerk hatte ihm jemand eine Nachricht geschickt: Ein Absender, den er nicht kannte, schrieb, er sei sein Onkel, seine Schwester suche seit der Entführung ihrer drei Kinder durch den Vater

»Ich stand wie unter Schock«, sagt Mehdi Maturi. Er schrieb mit seinem Onkel hin und her und erfuhr zum ersten Mal den Namen seiner Mutter: Nada Kharzi. Als der Onkel ein altes Foto von ihr schickte, sah

Er erzählte seinen Geschwistern davon, die reagierten verhalten. Doch Maturi traute sich, seinen Vater zur Rede zu stellen. Der lebte, von Leukämie und Schlaganfällen gezeichnet, allein und zurückgezogen in einer Wohnung in Stuttgart. Er schrie Mehdi an:

Was sollte Mehdi Maturi tun, was denken? Er hatte Nachricht von seiner Mutter, aber keine Beziehung zu ihr. »Du kannst nichts vermissen, was du nicht kennst«, sagt er. Auch zu dem Land seiner Eltern hatte er keine

Mehdi Maturi nähert sich Problemen und Gefühlen kaum über Worte. In seiner Familie herrschte Sprachlosigkeit. Einmal stellte sein Vater die drei Kinder nebeneinander auf, um herauszufinden, wer eine Tasse kaputtgemacht hatte. Er gab jedem abwechselnd eine Ohrfeige,

Als Jugendlicher fing er an, intensiv Sport zu treiben, Fußball, American Football, Baseball. »Wenn mein Vater mich bestrafen wollte, verbot er mir den Sport, mein einziges Vergnügen.« Bis heute geht Maturi jeden Tag ins Fitnesscenter, mindes­tens drei,

2014 starb der Vater. Er wurde erstochen in seiner Wohnung aufgefunden: Die Polizei suchte mit Fahndungsfoto nach einem Mann, mit dem er kurz vor seinem Tod gesehen worden war, konnte den Tatverdächtigen aber nie stellen. »Vielleicht hat

Als 2015 immer mehr Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Deutschland kamen und Angela Merkel »Wir schaffen das« sagte, dachte Mehdi Maturi über Flucht und Vertreibung, über entwurzelte Familien und zerrissene Lebensgeschichten wie seine nach:

In einem Club auf Ibiza lernte er 2017 einen Iraner kennen, Dariusch, der in Teheran lebt, sich aber mit seinem britischen und iranischen Pass frei zwischen den Welten bewegen kann. Dariusch sagte etwas, was er in den

In Dariusch sah Maturi einen Anker in diesem fremden Land, jemanden, der ihm dort helfen, womöglich übersetzen könnte. Im Sommer 2017 beantragte Maturi endlich ein Visum. Aber er hat seit seiner Ankunft in Deutschland nur den deutschen

Zu dieser Zeit sah man oft Menschen im Fernsehen, die sich in dünnen Jacken in Richtung Europa schleppten. Ihre Routen sahen auf Karten aus wie Blutzuflüsse in ein Organ. Ihren Weg wollte Maturi nun 4000 Kilometer weit in die entgegengesetzte Richtung nehmen, über Schmugglerwege und Schlepperrouten, über Flüsse und Gebirge, ohne gültigen Pass. Er wollte unter dem Radar segeln, so wie als Kind bei seinem prügelnden Vater. Maturi liebt die Serie Born Survivor – Ausgesetzt in der Wildnis auf DMAX, in der ein ehemaliger Soldat sich durch Regenwälder und Sümpfe kämpft. So wollte Maturi sein. Er strebte nie nach einem Leben mit Partnerschaft oder Besitz, nach einer eigenen Wohnung oder einem Auto, wollte immer leicht, frei, ungebunden leben, immer schnell weg können. Und als Kind hatte er im Sommerlager gelernt, wie man mit dem Kompass umgeht und wie man ein Floß oder eine Hütte baut. »Im Nachhinein war das natürlich total blauäugig«, sagt er heute: »Als würde es genügen, ein gutes Paar Turnschuhe zu kaufen, schon kannst du einen Marathon laufen.« Er blendete alle Gefahren aus: dass er verletzt, überfallen werden, im Gefängnis landen oder sterben könnte.

Über die Satellitenbilder von Google Maps wählte er eine Route, die ihm sinnvoll schien: Über Wien und Athen wollte er nach Alexandroupoli fliegen. Dort ist der auf dem Festland am weitesten östlich gelegene Flughafen Griechenlands. Von da

Wenn er sich nicht überwinden konnte, den Hörer in die Hand zu nehmen, um seine Mutter anzurufen – dann würde er eben diese Strecke überwinden. Fragen nach Identität, Wahrheit und Lüge schwirrten in seinem Kopf. Mit dem

Mehdi Maturi ist heute 32 Jahre alt, drahtig, strahlendes Lächeln, breiter Gang, die dunkelbraunen Haare zum Männerdutt gebunden. Wie seine Reise hier beschrieben wird, fußt auf Maturis Schilderungen. Aber nicht nur: Seine Route lässt sich auch anhand

Der 17. Januar 2018 war ein kalter Mittwoch. Maturi schnallte seinen großen Rucksack mit Schlafsack und Thermokleidung auf den Rücken und einen kleinen mit technischer Ausrüstung vor die Brust. Seinen abgelaufenen Flüchtlingspass packte er ein, obwohl der

Der Grenzfluss Evros, den die Türken Meriç Nehri nennen, misst an der breitesten Stelle etwa 150 Meter. »Das müsste machbar sein«, sagte sich Maturi. Tausende Flüchtlinge hatten es von Ufer zu Ufer geschafft, aber es waren auch

Allein in der Dunkelheit zog er seine warme Kleidung an, klebte sich die Binden unter die Achseln, setzte die Stirnlampe auf und ging los. Der Matsch unter den Springerstiefeln klumpte, er schwitzte in der Skiunterwäsche. Viele Stunden

Maturi schlief im Schlafsack unter einer Plane. Auch am nächsten Tag lief er kreuz und quer, laut Google Maps 39,2 Kilometer innerhalb von acht Stunden und 59 Minuten, fand aber keinen Zugang zum Fluss. Erschöpft und hungrig

Mit Bussen durchquerte er über 1800 Kilometer hinweg die Türkei bis zur Grenzstadt Doğubeyazıt, um über die Berge nach Iran zu klettern, Energieriegel in der Tasche. Aber er kam nicht weit. Es hatte geschneit, mit den abgelaufenen

Zurück in Doğubeyazıt suchte er wieder über Couchsurfing nach Kontakten, einer antwortete: Karim. Der lud ihn zum Abendessen ein. »Da kannst du nicht rüber«, sagte Karim, als er von dem Plan hörte: »Die Türken haben gegen Illegale

Mit Zigarettenschmugglern, die halbe Kinder waren, ritt er auf Maultieren und Pferden am nächsten Abend in Richtung Berge, der Boden vereist, enge Wege, rutschige Hufe, stockdunkel. Plötzlich erfasste Flutlicht auf Jeeps die Reiter. Im Galopp flüchteten sie

An einem Treffpunkt, an dem die Schmuggler säckeweise gefälschte Zigaretten von iranischen Jugendlichen entgegennahmen, setzten sie Maturi ab. Nun ging es mit den Iranern weiter, zu Fuß. Die acht Jugendlichen waren aufgeregt, so einen wie ihn hatten

Dann machte der Anführer eine Handbewegung – stehen bleiben, ducken. Die Grenze: eine Patrouillenstraße, ein Graben mit Nato-Draht, Stacheldraht mit scharfen Widerhaken. »Jetzt rennen!«, schrie der Anführer, und alle rannten zu einer Stelle, wo sie den Draht

Im Morgengrauen erreichten sie ein Dorf. Mit quietschenden Reifen hielt ein Auto, er sollte sich in den Fußraum legen. Nach zehn Minuten stoppten sie und man führte ihn in eine Lehmhütte. 14 Augenpaare aus schmutzigen Gesichtern starrten

Eine Stunde vor Teheran wollte er sich endlich bei Dariusch ankündigen – und erfuhr, dass der Freund im Urlaub war, weit weg, im Norden des Landes. Die einzigen Verwandten, die er nun kannte, waren eine Tante und

»Wahrscheinlich wollte sie nicht mehr daran erinnert werden, vielleicht hatte sie auch ein schlechtes Gewissen, ich weiß es nicht«, sagt Maturi heute. Die Sprachlosigkeit setzte sich auch in dieser Familie fort. Der Onkel hatte zu der Tante

Ein paar Tage später legte der Onkel ein Fotoalbum auf Maturis Knie, darin Fotos des väterlichen Familienzweiges. Der Onkel erzählte zu jedem Foto etwas, mit Hilfe einer Übersetzungs-App. Maturi sah ein Bild, auf dem seine Schwester und

Eigentlich wollte er nur ein paar Tage bei seiner Verwandtschaft bleiben, dann zu Dariusch ziehen und Farsi üben. »Ich hatte Angst, meine Mutter zu sehen«, sagt er. Er wollte das Treffen hinauszögern. Aber eines Nachmittags hörte er

Zwei Tage später traf er endlich Dariusch an einem nahen See, er dachte, er habe noch Zeit, bis seine Mutter am Abend kommen sollte. Doch sein Onkel rief an: »Deine Mutter ist schon hier!« Maturi sprang in

Da verstand er plötzlich, dass sie gerade drei quälend lange Stunden mit den Menschen zusammensitzen musste, die die Entführung ihrer Kinder unterstützt hatten. Er verabschiedete sich schnell. Sie fuhren die halbe Nacht. Seine Mutter hatte Proviant eingepackt,

In den nächsten Wochen, als er immer besser Farsi sprach, erfuhr er die andere Seite der Geschichte. Die Mutter erzählte es so: Kein Tag der Ehe war glücklich. Sie war 17, als sie ihn kennenlernte, ein Mädchen

Als der Vater die zweijährige Schwester schlug, weil sie in die Windeln gepinkelt hatte – sonst lerne sie nicht, aufs Klo zu gehen –, bestand sie auf Scheidung. Sie zog zu ihren Großeltern, Mehdi im Bauch. Ein

Eine Kleinigkeit half ihr über die Jahrzehnte. 13 oder 14 Jahre nachdem ihre Kinder verschwunden waren, bekam sie anonym ein Foto zugeschickt: ihre Kinder in einem Wald vor einem Wasserfall, ordentlich gekleidet und frisiert, gut genährt. Sie

Fünf Monate lang blieb Maturi in Iran. Er lernte seine große Verwandtschaft kennen, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen. Hunderte Male hörte er die iranische Begrüßungsfloskel »Mögen deine Augen leuchten!« und bekam auf Familienfesten erzählt, wie er mit wem

Er rief seine Geschwister an, die bis dahin nicht wussten, dass er in Iran war: »Unser Vater hat Mist erzählt. Sie ist die Gute in dem Spiel. Sie ist ein warmer, einfühlsamer Mensch.« Seine Geschwister waren erleichtert,

Gehörte er nun hierher? Bei Besuchen in Teheran bei Dariusch lernte er auf Untergrundpartys das junge Iran kennen. Er fand geheime Friseursalons, in denen Frauen in T-Shirts die Haare von Männern schnitten. Dazu großartige Ausflüge in die

Mit Schmiergeld und Kontakten seiner Familie beschaffte er sich eine Geburtsurkunde und einen iranischen Personalausweis, mit dem er wiederum einen Reisepass beantragen wollte, um nach Deutschland zu fliegen. Doch dafür müsste er Armeedienst geleistet oder sich freigekauft

Er trainierte im Fitnessstudio und rannte Treppen und Berge hoch und runter. Er rief Karim an, seinen Helfer in Doğubeyazıt, dessen Schwiegervater ihm die schmuggelnden Jugendlichen vermittelt hatte. Nun erfuhr er, dass diese Route nicht mehr möglich

Als sie durch den iranischen Grenzort fuhren, in dem er ein halbes Jahr zuvor angekommen war, verstand er, warum die Schmuggler nicht mehr ritten: Im Dorf war eine Kaserne gebaut worden, Soldaten auf Jeeps patrouillierten. Seine Mutter

»Lass mich jetzt hier«, sagte er zu seiner Mutter und entschuldigte sich für all die Umstände, die er ihr bereitet hatte. »Danke, dass du dir die Mühen gemacht hast«, antwortete sie. »Ich träumte viele Jahre, dich nur

Mehrere Tage lang versuchte er in Bazargan, Schlepper zu finden. Als er in einer Wechselstube seine Geschichte erzählte, sagte ein Mann, Allahs Wille sei geschehen, er kenne jemanden, kurz darauf tauchte ein Schlepper auf, gut 600 Euro

Ein Fahrer brachte ihn in den Südwesten. Maturi schloss sich einer Gruppe von Schleppern und mehr als hundert Flüchtlingen aus Afghanistan, Bangladesch und Pakistan an, versorgt von berittenen Keks- und Zigarettenlieferanten: Kindern auf wilden Ponys, die sich

Endlich in der EU, wollte Maturi nach Hause fliegen, konnte aber nicht, weil sein Pass ja abgelaufen war und er keine Aufenthaltskarte hatte. Doch dann sah er einen Flug auf der Anzeigetafel des Athener Flughafens, 1.35 Uhr

»Heute bin ich ein ganzer Mensch«, sagt Maturi. Er wusste, dass er seine Sturheit, Furchtlosigkeit, Risikofreude und Schlampigkeit von seinem Vater hat – aber nicht, dass er auch die innere Ruhe und die Stärke seiner Mutter in

Sein Weg mit den Flüchtlingen hat auch seinen Blick auf sie verändert: Wie ungerecht es sei, dass er wegen einer persönlichen Familiengeschichte zu seiner Mutter laufen will und überall Unterstützung und Verständnis erfährt, während Menschen, die wegen

Nachdem Mehdi Maturi zurückgekehrt war und seinen Geschwistern ihre Lebensgeschichte aus der Sicht der Mutter erzählt hatte, versuchte auch sein Bruder, einen iranischen Pass zu beantragen, um mit dem Motorrad zu seiner Mutter zu fahren – bisher

Mit seiner Mutter versucht Maturi Kontakt zu halten, wenn es das Kommunikationsnetz und die iranische Zensur erlauben. Oft sind Internet- und SMS-Dienste wie WhatsApp oder Telegram gesperrt, manchmal ist sie auch telefonisch wochenlang nicht zu erreichen. Wenn

Maturi ist nach Berlin gezogen und will sich eine Zukunft aufbauen, vielleicht etwas mit Sport und Motivation, um anderen Menschen zu helfen, an ihre Grenzen zu gehen: »Ich weiß ja jetzt, wie sehr es sich lohnt.« Auf