Zuhause bei meiner Putzfrau

Seit 13 Jahren macht Ferida Makalic bei unserer Autorin sauber. Trotzdem wusste Susanne Schneider kaum etwas über sie – bis sie ihre Putzfrau in ihrer Heimatstadt in Bosnien besuchte.

Landschaft satt: Bosniens grüne Hügel und malerische Dörfer sind eine Reise wert.

Ganz Ehrlich? Begeistert war ich nicht von dem Vorschlag, meine Putzfrau im Sommer zu Hause in Bosnien zu besuchen, dort wo sie herkommt; mehr merkwürdiges Gefühl als Unwille, mehr Angst vor der Antwort: Will ich mit ihr befreundet sein?

13 Jahre – seit sie bei mir sauber macht – musste ich diese Frage nicht beantworten. Meist sehen wir uns gar nicht, sie hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Wenn wir uns doch begegnen, ist es meist lustig und sie erzählt unglaublich engagiert von ihren Kindern, ihren Sorgen, ihren Arztbesuchen, ihren sechs Geschwistern in Bosnien. Sie weiß, wo ich meine Unterwäsche aufbewahre und wo ich die Briefe mit den Rechnungen staple, bevor ich sie endlich öffne. Sie kennt mich also gut. Nicht nur viel besser, sondern viel, viel, viel besser als ich sie. Ich weiß ja nicht mal, woher sie stammt aus Bosnien: aus einem Dorf, einer Stadt? War sie Tochter einer Lehrerin, eines Handwerkers oder von Bauern? Keine Ahnung. Donnerstags kommt sie zu mir zum Sauber machen. Sie ist zuverlässig, schnell und ehrlich. Das hat mir gereicht.

Dann habe ich ihr gesagt, dass ich sie besuchen komme im Sommer, in ihren Ferien, die sie immer in Cazin, ihrer Heimatstadt, verbringt. Seit 39 Jahren. Seit sie als sehr junge Frau mit ihrem Mann von Bosnien nach München zog. Und sie freute sich unbändig. Dann fragte sie nach, wieder und wieder, weil sie es nicht glauben konnte.

Eigentlich wollten wir zusammen mit dem Bus fahren, aber am Tag vor ihrer Abreise kaufte sie einen roten Golf für 800 Euro von einem Serben, der so nett war, sagt sie, dass er den ganzen Papierkram und die Anmeldung noch am selben Tag erledigte. Ein Serbe! Sie rief das Ausrufezeichen gleich mit. Ausgerechnet der Feind aus dem Balkankrieg in den 90er-Jahren, verantwortlich für das Massaker in Srebrenica, hilft ihr.

Sie hatte dann keinen Platz mehr für mich in ihrem Auto. Ihre Kinder, ihre Nichte, alle fuhren mit. Also fuhr ich mit dem Bus, vollbesetzt mit achtzig Bosniern und mir. Alle Durchsagen im Bus: auf bosnisch. Nachdem ich einmal meine Sitznachbarin gefragt hatte, was die Durchsage bedeutete, übersetzten automatisch mein Vordermann, die Sitznachbarin, der Hintermann bei jeder weiteren Ansage: 20 Minuten Pause, oder alle, die nach Cazin oder Bihac wollen, müssen in den anderen Bus umsteigen.

Am Busbahnhof von Cazin stand Ferida, meine Putzfrau, in einem bunten Sommerkleid. Seit halb fünf Uhr morgens wartete sie in ihrem roten Golf, da sollte der Bus ankommen. Tatsächlich war er erst um neun da. Dann tranken wir einen Espresso. Und sie begann zu erzählen – und hörte im Grunde nicht wieder auf bis ich zwei Tage später zurückfuhr, reich beschenkt von ihrer Familie. Ich will da wieder hin, ganz ehrlich.
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sanne84 / photocase.de

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