• 04. September 2020
  • Sex

»Es sollte nie jemand von meiner Sexsucht erfahren«

Unter dem Pseudonym Florian Winter hat ein Berliner Illustrator seine Krankheit in einem Comic verarbeitet. Ein Gespräch über Bordellbesuche, schmerzhafte Erinnerungen, die Reaktion seiner Ehefrau – und die Frage, ab wann etwas so Schönes wie Sex zur Sucht wird.

SZ-Magazin: Sexsucht trägt in der Aufstellung aller anerkannten Krankheiten den Code F 52.7. Wie wichtig ist es, dass Sexsucht offiziell als Krankheit gilt?
Florian Winter: Es gibt Ärzte, die sagen: Sexsucht? Gibt’s doch gar nicht, das ist Quatsch. Da kann es helfen, dass Sexsucht als Krankheit anerkannt ist. Viele Betroffene erleben ihre Sucht ja erstmal etwas diffus: Sexsüchtig – bin ich es jetzt, bin ich es nicht? Ist es zu viel? Ab wann ist es zu viel?

Wann haben Sie gemerkt, dass Sex eine Sucht wird?
Das war ein ziemlich langer Prozess.

Erzählen Sie.
Ich bin sehr früh mit meiner körperlichen Sexualität konfrontiert gewesen. Als Kind habe ich Hormonspritzen bekommen, da bei mir eine Hodenfehlstellung diagnostiziert wurde. Ich habe dadurch sehr früh angefangen, mich selbst zu befriedigen.

Wie alt waren Sie?
Acht, neun Jahre. Und mich hatte auch niemand aufgeklärt. Damals fing es an: Ich sah mich meiner unbekannten Sexualität gegenüber und fing an, mich mit meinem Körper zu beschäftigen. Da ich kein Gegenüber hatte, fing ich damals an, Sexualität als etwas tabuisiertes zu betrachten. Diese Geheimniskrämerei war auch ein zentrales Thema meiner Sexsucht. Es sollte nie jemand etwas davon erfahren.

Und Ihre Familie?
Ich bin in einer Familienstruktur aufgewachsen, in die das irgendwie reingepasst hat. Mein Opa war Alkoholiker. Meine Oma war nach dem Tod meines Opas stark tablettenabhängig. Meine Mutter war nikotinabhängig, mein Onkel esssüchtig.

Wann haben Sie denn Sex als Ihre Sucht empfunden?
Die Selbstreflexion, mich als süchtig zu bezeichnen, kam erst mit Mitte 30. Sexualität war bei mir extrem schambesetzt und ich wusste nicht, warum. Ich dachte immer, ich wäre der einzige Mensch auf der Welt, der dieses Problem hat – und konnte deswegen auch mit niemandem darüber reden. Ich habe das immer schön für mich behalten und meine ganze Welt so drum herum gestrickt, dass es bloß nicht auffliegt.

Wie zeigte sich Ihre Sexsucht?
Übermäßiger Konsum von Pornografie und Bordellbesuche. Ich weiß, da werden manche sagen: Ja sind jetzt alle Männer, die ins Bordell gehen, sexsüchtig? Die Mehrheit wird antworten: Nein, Sex ist ein natürliches Bedürfnis. Pornos gucken? Macht doch jeder. Das sind die gängigen Sätze, die man zu hören kriegt.

Ab wann, meinen Sie, kippt das Ausleben von Sexualität in eine Sucht?
Von außen kann man das nicht sagen. Es kann nur jeder für sich selbst entscheiden: Das ist mir zu viel, mein Leben wird zu sehr von Gedanken an Sex bestimmt. Ich bin süchtig danach.

Wann waren Sie soweit?
Ich habe irgendwann gemerkt: Ich komme mit der Menge des Konsums nicht mehr klar – und damit, wie ich meinen Alltag danach ausrichte, Lücken für Sex zu schaffen: Wann habe ich Zeit, mir endlich wieder Bilder anzugucken? Das Sexuelle bekam immer mehr Bedeutung – und hinterließ gleichzeitig eine maßlose Leere. Es ist ja nicht so, dass es total erfüllend war und Spaß gemacht hat.

Ein Kennzeichen für Sucht ist: Sie steigert sich.
Ja, die Dosis steigt. Ganz früher waren es bei mir Sexheftchen, einfach nackte Frauen. Aber langsam, Schritt für Schritt, steigerte sich das, immer ein bisschen mehr. Dann entwickelt man andere Fantasien, sucht nach Pornografie dazu und erschrickt: Was ist das denn jetzt – das will ich gar nicht sehen!

Was war der Moment, als Sie merkten: So geht das nicht weiter?
Die Fantasien schlugen eine Richtung ein, wo ich mir selber fremd vorkam. Ich dachte, diese Fantasien, das bin ich nicht. Ich habe ein Berufsleben, ich habe ein Kind, ich bin eigentlich ein netter Mensch. Wenn dann auf einmal Bilder im Kopf erscheinen, die einem selbst unangenehm sind… In diesem Augenblick war mir klar: Ich muss was tun.

In Ihrem autobiografischen Comicband »XES« zeichnen Sie sich in den Momenten, in denen Sie die Sexsucht beherrscht, mit glühend roten Augen – wie einen Besessenen. Welcher Augenblick hat sich Ihnen am meisten in die Erinnerung gebrannt?
Einmal wurde ich nach einem Besuch im Bordell von der Polizei festgenommen und saß die ganze Nacht in einer Untersuchungszelle. Die Polizei dachte, ich stünde in Kontakt mit einem Autoknacker, der kurz vorher an mir vorbei gegangen war. Dennoch habe ich das als starke Verknüpfung zu meiner Sexsucht empfunden: Dieses Abführen in Handschellen wäre nicht passiert, wenn ich nicht ins Bordell gegangen wäre. Das passierte, als ich ausnahmsweise mal in einer kurzen Beziehung war. Ich erinnere mich, wie ich versuchte, die Striemen an den Handgelenken zu vertuschen, die von den Handschellen kamen. Ein schlimmes Ereignis. Und ein Paradebeispiel für das Verhalten eines Suchtmenschen.

Inwiefern?
Danach habe ich mir geschworen: So was will ich nie, nie, nie wieder erleben! Nie wieder gehe ich ins Bordell. Da hatte ich auch richtig Angst im Körper. Und was war? Ich habe mit mir gerungen – und nach einem halben Jahr war ich wieder da. Das ist Sucht. Es war eine ziemlich düstere Zeit.

Sie leben seit Jahren in einer festen Beziehung. Weiß Ihre Frau von Ihrer Sexsucht?
Als ich meine Frau kennengelernt habe, wusste ich: Das kann ich nicht geheim halten. Mir war klar, ich kann das nicht erst nach zwei Jahren erzählen – ach, übrigens, ich bin sexsüchtig. Das musste ganz schnell raus.

Wie hat Ihre Frau reagiert?
Das war schwierig für sie. Sie dachte: Alles, nur das nicht. Aber wir sind jetzt seit zehn Jahren zusammen, haben auch eine Tochter.

Was haben Sie gegen Ihre Sexsucht unternommen?
Der Schlüsselmoment tauchte im Rahmen einer Therapie auf. Ich hatte immer mal wieder Therapien angefangen, wegen Depressionen. Eines Tages habe ich zu meinem Therapeuten gesagt: Ich habe das Gefühl, ich komme nicht weiter. Deswegen sage ich jetzt mal, dass meine Sexualität krankhaft ist.

Harte Aussage.
Ja, klingt erstmal hart. Aber für mich ging es darum, einen neuen Status einzunehmen: Irgendwas ist nicht in Ordnung, und mir fällt erstmal keine andere Beschreibung ein außer: Ich bin krank.

Wie reagierte Ihr Therapeut?
Er stand auf und holte eine Broschüre aus der Schublade – einen Flyer einer Selbsthilfegruppe. Das war der Anfang meiner Genesung.

Warum?
Ich hatte immer alles mir mit selbst ausgemacht. Immer die Fantasien im Kopf, mit niemandem darüber sprechen können, alles geheimhalten, bloß nichts auffliegen lassen. Und dann sitze ich auf einmal in einer Runde und höre fast im gleichen Wortlaut meine eigene Geschichte – aber von anderen Menschen. Da setzte sich das ganze Puzzle zusammen, die Jahrzehnte davor ergaben einen Sinn. Das war eine Offenbarung und riesige Erleichterung.

Was war das für eine Selbsthilfegruppe?
Die SLAA, »Sex and Love Addicted Anonymous« – also auf Deutsch: Anonyme Sex- und Liebes-Süchtige. Sie haben ihren Ursprung bei den Anonymen Alkoholikern. Die Leute sitzen im Kreis, jeder erzählt von sich: »Hi, ich bin Florian, und ich bin sexsüchtig« – das ist das gern benutzte Klischee, viele machen sich darüber lustig. Aber genau diese Form gilt nach wie vor als wirkungsvollste Methode, mit Süchten klarzukommen.

Wie kamen Sie darauf, die Geschichte Ihrer Sexsucht zu zeichnen, als Comicbuch?
Die Anonymen Sexsüchtigen folgen einem Programm in zwölf Schritten. Zu diesen Schritten zählt auch, eine Inventur im Inneren zu machen – mal alles aufzulisten, was mit mir in der Sexsucht passiert ist, wem ich geschadet habe. Viele schreiben das auf. Ich bin Illustrator von Beruf und dachte: Ich könnte das eigentlich zeichnen. Das ich dafür fünf Jahre brauche, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Sie zeichnen an manchen Stellen Zen-Gedichte, an anderen Witze über Gott – und immer und immer wieder, wie in einer ewigen Dauerschleife, dieses glühende Verlangen in den Augen.
Dieses Monotone habe ich bewusst gewählt, weil die Sucht ja auch monoton ist. Sie zieht sich durch den Comic, ein bisschen quälend: Jetzt schon wieder Bordell – jetzt kann ich es aber auch gleich nicht mehr sehen.

Sie nähern sich der Frage, was Sexsucht eigentlich ist, in Ihrem Buch mit einer gezeichneten Straßenumfrage: Jugendliche antworten, das müsse »voll geil« sein, ein Mann fragt, was das überhaupt sein solle. Was halten Sie von einer solchen schenkelklopfenden Sicht?
Diesen ganzen Machismo, wie Männer sich über Sexualität definieren, lehne ich ab. Für mich ist eine übersteigerte Sexualität ein Problem – bei Männern und Frauen. Wenn das für den Rest der Bevölkerung kein Problem ist – dann haben sie vielleicht ein Problem.

Wie lautet denn Ihre Definition von Sexsucht?
Sexsucht ist keine Sucht, die an eine Substanz gebunden ist, sondern eine prozesshafte Sucht. Sie beginnt dann, wenn das Thema Sex – in welcher Form auch immer – das Leben eines Menschen so stark dominiert, dass er das Interesse an anderen Menschen, an lebendigen Beziehungen verliert.

Sie haben sich lange mit dem Thema Sucht auseinandergesetzt.
Ich sehe ganz grundsätzlich ein Problem darin, wie süchtig unsere Gesellschaft eigentlich ist. Kaufen. Arbeiten. Sogar Sport. Das ist nicht alles zwingend Suchtverhalten, aber ich glaube, dass unsere Gesellschaft stark auf süchtigen Impulsen basiert. Wenn ich lese, dass Manager in gewaltigen Maßstab Geld veruntreut haben, dann tickert bei mir sofort: Süchtig – machtsüchtig, geldsüchtig, anerkennungssüchtig … Keine Kontrolle mehr über das, was eigentlich noch maßvoll ist.

Die Geschichten, die Sie im Buch erzählen, liegen Jahre zurück. Wie geht es Ihnen heute?
Ich bin abstinent, aber ganz raus bin ich nicht aus der Sucht. Ich arbeite, ich habe Freunde, ich habe meine Familie. Und ich bin dankbar dafür, dass ich mich mit dem, was ich im Buch schildere, nicht mehr so beschäftigen muss wie früher. Das Buch ist wie ein Schlusspunkt. Trotzdem gibt es für Süchtige keinen Tag X, an dem man sagt: Jetzt habe ich das Thema aber wirklich komplett erledigt. Letztendlich ist es eine Lebensarbeit, jeden Tag von Neuem.