»Nur Dummköpfe machen die Ortler-Nordwand«

Reinhold Messner war einer der berühmtesten Bergsteiger der Welt. Simon Messner klettert nicht beruflich – aber ebenfalls halsbrecherische Touren. Ein Vater-Sohn-Interview.

"Wir haben schon Zeit zusammen verbracht, aber eben nicht erziehungstechnisch. Wir sind viel gereist, in die Berge gegangen, abends hat er uns Geschichten erzählt", sagt Simon Messner über seinen Vater Reinhold.

Fotos: Robert Brembeck, Dirk Bruniecki

SZ-Magazin: Simon Messner, Sie haben erst mit 16 Jahren mit dem Felsklettern angefangen, in dem Alter hatte Ihr Vater schon die Nordwand des Sass Rigais durchstiegen. Warum so spät?
Simon Messner: Bei uns war das Thema Berg einfach immer so präsent, dass es mich lange Zeit nicht interessiert hat. Die Geschichten schon, die sind ja hochspannend. Aber selbst klettern? Das war erst mal nichts für mich.

Auf Ihrer Webseite steht, Sie hatten Höhenangst.
Simon: Habe ich immer noch ein bisschen. Aber früher ganz stark, zwei Höhenmeter waren für mich die Grenze. Wenn ich in irgendeiner Wand war, wollte ich da nur noch raus.

Reinhold Messner, haben Sie Ihren Sohn vielleicht überfordert, als er ein Kind war?
Reinhold Messner: Das kann schon sein. Als wir am Similaun waren – Simon, da warst du noch unter fünf –, hat er im oberen Teil gejammert. Ich dachte, weil die Felsstufen so hoch waren für die kleinen Beinchen.

Simon: Da bin ich auch zum ersten Mal in eine Spalte geflogen.

Reinhold: Aber nicht weit.

Simon: Nein, nicht so weit.

Reinhold: Jedenfalls

Die jungen Spitzenalpinisten David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley sind im April in einer Lawine umgekommen. Simon, haben Sie da gedacht: Das hätte genauso gut mich treffen können?
Simon: Der Gedanke kommt heute stärker als früher. In den ersten Jahren habe ich mich nahezu unsterblich gefühlt. Mit der Zeit hat man aber eine Reihe von Situationen erlebt, wo es ganz schön knapp war. Das summiert sich dann einfach.

Reinhold: Wenn

Das sagen Sie jetzt so cool. Für Ihren Sohn ist die Kletterei nur ein Hobby, er macht aber durchaus schwere Erstbegehungen. Haben Sie da keine Angst um ihn?
Reinhold: Meistens weiß ich’s ja gar nicht.

Simon: Ich

Reinhold: Nur

Simon: Ich

Reinhold Messner, Sie haben im Lauf Ihres Lebens viele Menschen unten zurückgelassen, die nur hoffen konnten, dass Sie heil wieder von oben runterkommen. Nun bleiben Sie selbst unten. Wie geht es Ihnen damit?
Reinhold: Inzwischen gut. In der Phase, als Simon in den Dolomiten die ersten klassischen Touren kletterte, habe ich Angst um ihn gehabt. Ich kannte diese Touren ganz genau und wusste, wie viel passieren kann. Aber am Ende des Tages ist es so: Er muss sein Leben führen, und er hat sich entschieden, seiner Begeisterung nachzugehen.

So einfach ist das?
Reinhold: Ein Kind hat das Recht, eigene Erfahrungen zu machen. Übernommene Erfahrungen sind nur Oberfläche.

Simon Messner, wie war Reinhold Messner als Vater?
Simon: Das ist die mit Abstand häufigste Frage, die mir gestellt wird. Für mich war er einfach immer der Vater. Aber klar haben wir als Kinder auch mitbekommen, dass der Reinhold sehr vielschichtig ist.

War er autoritär?
Simon: Das war bei uns die Mutter. Die Mutter war für die Erziehung zuständig und der Reinhold eigentlich nicht.

Reinhold: Ich

Simon: Wir

Zärtlichkeit, in den Arm genommen werden, gab es das mit ihm?
Simon: Das nicht, wenn ich ehrlich bin. Aber es hat mir auch nicht gefehlt.

Reinhold: Meine

Wie praktisch für Sie.
Reinhold: Das war großzügig von ihr. Sie hat mich nicht gerade auf Expedition geschickt, wenn ich ihr auf die Nerven ging, aber sie hat mich auch nicht zurückgehalten.

Gibt es etwas, das Sie als Vater lieber anders gemacht hätten?
Reinhold: Ich halte es generell im Leben für eine Dummheit, wenn man rückwärtsgewandt lebt oder denkt. Das Vergangene ist vorbei, warum soll ich mich damit beschäftigen? Die Kinder hatten alle Möglichkeiten, ihren Weg zu finden. Dabei kann man ihnen nicht helfen. Das Schlimmste ist, wenn Eltern ihren Kindern vorgeben, was sie zu tun haben.

Die meisten Eltern praktizieren das heute anders als Sie.
Simon: Das stelle ich mir schwierig vor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kinder zufrieden sind damit.

Reinhold: Simon

Bauer, warum?
Reinhold: Wer Bergbauer ist, kann in Südtirol einen Hof mit null Prozent Mehrwertsteuer kaufen und ihn steuerfrei vererben. Deshalb wollte ich, dass Simon ein Abitur macht, das ihm automatisch die Möglichkeit gibt, Bauer zu werden.

Simon: Deshalb

Reinhold: Damit

Sie haben da schlechte Erfahrungen gemacht?

Reinhold: In

Simon Messner, Sie wurden 1990 geboren, da klang die bergsteigerische Karriere Ihres Vaters schon aus. Wie viel haben Sie von seinem Leben als Abenteurer noch mitbekommen?
Simon: Eigentlich nicht viel. Seine Erlebnisse kenne ich nur aus Erzählungen oder Büchern. 1990 warst du gerade aus Grönland zurück, oder?

Reinhold: Aus

Bei Ihren Expeditionen sind Sie aber weiter große Risiken eingegangen, trotz der Familie. Wie haben Sie das vor sich selbst gerechtfertigt?

Reinhold: Es

Simon: Seine

Reinhold Messner, Sie sind mit Simon drei Wochen lang durch die Sahara gelaufen, da war er dreizehn.
Reinhold: Wir haben die ganze Ténéré durchquert, das Herz der Sahara, von Agadez nach Bilma. Die Idee kam vom Simon.

Simon: Ich

Reinhold: Simon

Simon: Das

Reinhold: Mitten

Reinhold Messner, Ihr eigener Vater, der Dorfschullehrer war im Villnößtal, hat Ihnen als Kind die Berge erschlossen. Aber er hat Sie auch geschlagen. Mit welchen Gefühlen denken Sie an ihn?
Reinhold: Ich bin da heute nachsichtig, entschuldigend. Er war einer dieser Väter, die aus dem Krieg kaputt heimkamen. Sie waren gebrochen. Mein Vater auch. Nicht aus einem schlechten Gewissen heraus – die waren immer noch Nazis und fanden es ungerecht, dass die Deutschen nicht wie versprochen die Weltherrschaft erobert hatten. Das Hauptproblem war aber, dass deren Jugend zerrissen war.

Wie verlief denn seine Jugend?
Reinhold: Mein Vater war in den Dreißigerjahren in seiner Studienzeit ein guter Felskletterer, einer von zweien im Dorf. Weil sein Vater aber nach einem Holzfällerunfall Schadenersatz zahlen musste, wurde mein Vater vom Studium zurückgerufen und musste mithelfen, die Familie zu ernähren. Das war 1936. Als die Südtiroler ins Dritte Reich auswandern wollten, wurde er Sekretär für den Kreis Brixen. Da trägt er eine Mitverantwortung am »Heimatverrat«, den wir Südtiroler begangen haben. Nach dem Krieg hat er dann versucht, an seine Jugendträume anzuknüpfen. Mit fünf Jahren sind wir Älteren schon mit ihm auf Berge gestiegen. Das war für uns das Schönste: aus diesem engen Villnößtal auf den Sass Rigais hinaufzusteigen.

Sie sind ihm recht bald davongeklettert.
Reinhold: Er hatte vor dem Krieg vergeblich die 600 Meter hohe Sass-Rigais-Nordwand versucht. Als ich 16 war und mein Bruder Günther 14, haben wir gesagt: Was der Papa nicht konnte, das machen wir jetzt! Anfangs hat es ihn beflügelt, dass wir in eine andere Welt hineinkletterten, als er sie kannte. Aber als ich das erste Mal durchs Abitur flog aufgrund meiner Bergleidenschaft, hat er versucht, die Kletterei mit allen Mitteln zu unterbinden. Er hat mir sogar in mein Tourenbuch hineingeschrieben, dass ich einen ordentlichen Beruf lernen soll.

Wie hat er später auf Ihren Erfolg als Bergsteiger reagiert?
Reinhold: Als ich den Mount Everest ohne Sauerstoff besteigen wollte und die ganze Welt gesagt hat, das sei absolut unmöglich, schon rein wissenschaftlich nachweisbar, hat er in der Dorfbar herumerzählt: »Der Reinhold spinnt jetzt absolut!« Als ich dann ­lebend herunterkam, ging er wieder in die Dorfbar und sagte: »Ich habe von Anfang an gewusst, dass er das schafft.«

Also war er doch stolz.
Reinhold: Bis ich mein Schloss kaufte. Da hat er gesagt: Das bringt dich unter die Brücke, das kannst du nicht finanzieren, das passt nicht zu einem Bergsteiger. Ich habe ihn auch verstanden, er hatte ja recht, es war arrogant. Er hat geschworen, er werde sich »diese Hütte« niemals anschauen, und daran hielt er sich. 1985 ist er gestorben, noch bevor ich die Bauernhöfe dazugekauft habe. Die hätte er gut gefunden.

Und Ihre Mutter?
Reinhold: Die Mutter hat öfter oben im Schloss gelebt. Die fand es toll.

Simon, haben Sie sich als Jugendlicher mit den Leistungen Ihres Vaters sehr beschäftigt?
Simon: Erst mit dem Ende der Pubertät. Aber ich habe bei Weitem noch nicht alle seine Bücher gelesen, die Hälfte vielleicht.

Es muss eine ziemliche Hypothek sein, als Sohn von Reinhold Messner selbst durch große Wände zu steigen.
Simon: Man wird natürlich verglichen, aber ich stehe da absolut drüber. Alles andere wäre auch absurd. Ich sage es ganz ehrlich: Keine einzige meiner Touren gehört irgendwo gelistet. Es sind wilde Touren teilweise, aber es ist kein High-End-Klettern. Reinhold hat in einer anderen Zeit und in einer ganz anderen Liga gespielt als ich. Ich will es aber auch gar nicht so betreiben wie er. Ich gehe irre gern in die Berge, aber ich bin auch froh, wenn ich mal nicht klettern muss. Da bin ich eigentlich in einer glücklichen Position.

Reinhold: Klettern müssen – das ist ein innerer Antrieb.

Sie teilen nicht die Besessenheit Ihres Vaters.
Simon: Die fehlt mir sicher. Diese Besessenheit muss jeder haben, der alpinistisch an die Spitze kommen will. Was jemand wie Alex Honnold macht, free solo durch die Wand des El Capitan, das könnte ich nicht. Das bin ich auch nicht.

Reinhold: Aber

Reinhold Messner, hätten Sie es gern gesehen, wenn Ihr Sohn den Alpinismus zum Beruf gemacht hätte?
Reinhold: Das Einzige, was ich für ein Kind wichtig finde, ist, dass es ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Das selbstbestimmte Leben ist mir heilig. Ich lasse mir von keinem reinreden, was die Regierung im Übrigen uns allen ununterbrochen tut. Italiens Innen­minister Matteo Salvini lässt die Flüchtlinge im Mittelmeer verrecken und fährt gleichzeitig Italien wirtschaftlich an die Wand. Jeder Schulbub könnte es besser! Und ich muss mit diesem Staat leben, für mich fürchterlich! Sie merken, ich habe schon wieder eine Wut.

Simon: Das

Simon Messner, Ihr Vater gilt als aufbrausender Sturkopf und Egomane, der sich im Laufe seines Lebens mit einem Haufen Leute zerstritten hat.
Simon: Sicher, ja.

Wie kommen Sie damit zurecht?
Simon: Wir kennen ihn ja nicht anders. In der Öffentlichkeit ist es schwieriger. Meine Schwestern und ich müssen draußen oft geradestehen für die Meinung vom Reinhold, weil sich viele Leute nicht trauen, ihm das direkt ins Gesicht zu sagen. Dabei ist das ja nicht immer unsere eigene Meinung. Aber früher war es schlimmer, dieses Aufbrausende, Cholerische. Gerade in seiner Zeit in der Politik, da war das ganz extrem.

Das Urvertrauen in den Vater: Hat das irgendwann Risse bekommen?
Simon: Kleine Risse vielleicht, aber verschwunden ist es nie. Man wird ja irgendwann selbst erwachsen, sieht Dinge anders und hinterfragt diese auch. Da kommt es in den allermeisten Familien hin und wieder zu Differenzen. Doch das Urvertrauen in die Familie und die Verantwortung füreinander, das bleibt.

Reinhold Messner, man muss sich als Journalist schon warm anziehen, bevor man Ihnen gegenübertritt.
Simon: Doch, das stimmt. Mir tat es auch oft leid, den Journalisten gegenüber. Einen wollte er mal mit dem Auto vom Monte Rite schmeißen.

Reinhold: Der

Simon: Und

Haben Sie und die Schwestern oft auf Durchzug gestellt?
Simon: Ja, musste man teilweise, wenn er sich wieder über irgendjemanden aufgeregt hat.

Reinhold: Man

Simon: Es

Simon Messner, Sie werden eines Tages nicht nur die Bergbauernhöfe Ihres Vaters weiterführen, sondern haben mit ihm zusammen auch eine Filmproduktionsfirma gegründet. Dabei haben Sie doch Molekularbiologie studiert.
Simon: Aber den ganzen Tag im Labor zu stehen, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Die Dokumentarfilme sind für mich eine Möglichkeit, die großen alten Berg­geschichten noch einmal zu erzählen, mit dem entsprechenden Know-how dahinter. Ich will es nicht für immer machen, aber im Moment finde ich es spannend.

Reinhold: Das

Ihre Tochter kümmert sich derweil um die Museen. Der Messner-Clan hält eng zusammen.
Reinhold: Die Große, die Magdalena, hat die sechs Museen zur Verantwortung gekriegt. Sie hat ja Kunstgeschichte und Betriebswirtschaft studiert und macht das sehr gut.

Simon: Da

Wann waren Sie beide zuletzt gemeinsam in einer Dolomitenwand?
Simon: Jetzt schon länger nicht mehr, oder?

Reinhold: Ich

Und inzwischen führt der Sohn?
Reinhold: Ja, klar.

Simon: Ich

Reinhold Messner, Sie waren Ihr Leben lang Leitwolf. Wie ist das für Sie, jetzt hinterherzusteigen?
Reinhold: Das ist kein Problem. Ich gehe ja nicht klettern, um zu zeigen, dass ich der Bessere bin, sondern weil ich gerne in den Bergen bin. Und im vierten, fünften Grad komme ich schon noch zurecht.

Simon: Und

Reinhold: Das

Sie werden im September 75. Wie bekommt Ihnen das Altern?
Reinhold: Es ist nicht immer einfach, sicher. Aber was alte Abenteurer zum Teil machen, finde ich eigentlich peinlich. Wenn da getan wird, als könne man noch alles machen. Ich sehe es so: Solange ich gesund bleibe, werde ich Vorträge halten, Filme machen, Bücher schreiben und Ideen umsetzen. Ich tue im Prinzip nichts anderes, als Ideen umzu­setzen, alles andere kann mir gestohlen bleiben.

Sie brauchen schon immer ein Projekt und ein paar Widerstände, nicht wahr?
Simon: Das ist das Einzige, was schwierig wird in zehn Jahren. Du brauchst ja eine Beschäftigung, du kannst nicht einfach nur da sitzen und nichts tun.

Reinhold: Im

Unterm Strich: Was haben Sie beide voneinander gelernt?
Simon: Dass ich zumindest versuche, eine Sache von Anfang bis Ende durchzudenken. Auch die Hart­näckigkeit. Und beim Klettern: Dass es nicht in erster Linie um den Schwierigkeitsgrad geht, sondern um den Stil. Dass man eine Wand im Optimalfall so zurücklässt, wie man sie vorgefunden hat, also ohne Haken und gebohrte Stände: Das unterschreibe ich vollkommen.

Reinhold: Ohne