Typisch deutsche Geste

Die fehlende Zigarette auf der Helmut-Schmidt-Gedenkmünze ist das Symptom eines der größten Probleme deutscher Politik: Wer es allen recht machen will, der macht am Ende nichts richtig.

Eine Münze wie unser Land. Wenn ich jemandem, der lange weg war oder gerade vom Mars kommt, erklären muss, was falsch läuft und wirklich richtig mühsam ist in Deutschland, werde ich dieses neue Zwei-Euro-Stück aus der Tasche ziehen: Helmut Schmidt, bitte sehr, der beliebteste Deutsche.

Als er Bundeskanzler war vor sehr, sehr langer Zeit, haben die Deutschen ihn nicht so doll geliebt, und die eigene Partei mochte ihn schon gar nicht – das machen Sozialdemokraten bei uns immer so, wenn doch mal einer von ihnen Regierungschef wird. Helmut Schmidt hat dann viele Jahre lang sehr viel geschrieben, welterklärt und vorgeführt, warum es sich lohnt, bei Trost und publizistisch aktiv sehr alt zu werden: So behält man die Definitionshoheit über das eigene Leben. Aber ich schweife ab.

Helmut Schmidt war Raucher. Ein starker, närrisch bekennender Zigarettenraucher gegen den Zeitgeist. So. Und jetzt schauen wir uns diese Münze noch einmal so lange an, bis der Jemand, dem ich erklären soll, was falsch läuft in Deutschland, fragt: Aber wo ist die Zigarette?

Genau. Sie haben sich nicht getraut, Schmidt mit Zigarette auf die Münze zu prägen ohne den Rauchen-tötet-Warnhinweis, für den vielleicht kein Platz mehr war. Was sie sich aber auch nicht getraut haben: dem Künstler und Stahlgraveur Bodo Broschat die Raucherhand wieder auszureden. Sie wollten, was wir hier leider immer wollen: alles richtig machen.

Alles richtig machen zu wollen, heißt in Deutschland: Es allen recht machen wollen. Oder um es mit dem merkelhaftesten aller Merkel-Sätze auszudrücken: »Jede Seite ist aufeinander zugegangen.« Es allen recht machen zu wollen, ist die perfekte Methode zum Scheitern und Unglücklichwerden. Es ist die Deutsche Krankheit, die man sich wahrscheinlich als eine kollektive anankastische Persönlichkeitsstörung denken muss. Psychologen und Gehirnforscher haben ja nachgewiesen, dass transgenerativ durchgereichte Traumata in der dritten Generation nach Krieg und Holocaust noch einmal besonders heftig zuschlagen. Anankasten neigen zu rigidem Perfektionismus, sie müssen ständig alles kontrollieren, beharren ängstlich auf Regeln oder Verhaltensabläufen, und vor allem: Sie wollen es immer allen recht machen.

Das führt zu diesen in der Sache meistens schrecklich gut gemeinten, in der Ausführung aber erbärmlich verkrampften Kompromiss-Katastrophen. So entstehen unsere wöchentlichen Wortklaubereien. So gehen bei uns Koalitionsverhandlungen. So definieren wir mit anankastischer Präzision bis unter den siebten Spiegelstrich Obergrenzen, die dann aber auf keinen Fall Obergrenzen genannt werden dürfen. So verhunzen wir im Namen der Gendergerechtigkeit unsere Texte mit kleinen Sternen und SternInnen. So basteln wir unsere Euro-Münzen. Wahrscheinlich muss man sich sogar den Abgasskandal als einen aus Übereifer ins Kriminelle verrutschten Versuch denken, es allen recht zu machen.

Als die ersten Exemplare der neuen Münze herumgereicht wurden, hat die Zeit, deren Herausgeber Helmut Schmidt war, erschrocken beim Finanzministerium in Berlin angerufen, um zu fragen, wo denn die Zigarette geblieben sei. Die Antwort: Es sei zwar allgemein bekannt, dass Schmidt Raucher war. Die Münze zeige ihn nun aber überhaupt gar nicht als Raucher, sondern ohne Zigarette »im Dialog mit seinem Gegenüber«: der Kopf des Altkanzlers mit akkurat gescheiteltem Haar und der rechten Hand, die er zu »einer charakteristischen Geste beim Reden erhoben hat«. Aha. Andere für noch bescheuerter zu halten, als man selber ist, gehört auch zum Vollbild der Deutschen Krankheit.

Helmut Schmidts Tochter Susanne lebt schon lange in England. Sie versteht also etwas von Humor, aber auch noch genug vom deutschen Anankasmus: »Diese Euro-Münze ist eine sehr schöne Ehrung und ein Symbol für meines Vaters zutiefst empfundene Leidenschaft für Nikotin«, sagte sie also nicht, als sie im September zusammen mit dem Hamburger Finanzsenator auf den Startknopf der Prägemaschine drückte. Sie sagte: »Diese Euro-Münze ist eine sehr schöne Ehrung und ein Symbol für meines Vaters zutiefst empfundene Leidenschaft für ein geeintes Europa.«

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