Wall Street

Die Krise als Folge menschlichen Versagens: Viele Banker haben zu lange geglaubt, das System sei stärker als seine Einzelteile. Jetzt müssen sie einsehen, dass sie selbst die Schwachstellen waren - und trotzdem legen die Ersten schon wieder los wie gewohnt. Ein Stimmungsbericht aus New York.

Es ist eine Schlange, eine lange Schlange von schwarzen Limousinen, die da mit laufendem Motor warten, wie bei einer Beerdigung, wie bei einem Staatsbegräbnis, hundert vielleicht. Die Fahrer, die warten, unterhalten sich leise auf Spanisch oder lesen Zeitung oder dösen vor sich hin. Vom Meer her weht ein kalter Wind. Ein Mann in kurzen Hosen führt seinen Hund spazieren. Der milchige Schimmer, der aus dem Laden von Tiffany’s dringt, ist das Einzige, was hier leuchtet, und wenn man hineinschaut, in den traurigen, leeren Laden, dann wirkt er wie ein Aquarium, aus dem jemand das Wasser gelassen hat.

Es ist Nacht an der Wall Street. Um halb vier morgens wanken die letzten blassen Banker aus dem Gebäude und steigen in die Autos, die auf sie warten, und fahren hoch in die Upper East Side, zu den Wohnungen, die sie sich bald nicht mehr leisten können, und zu den Frauen, die sich fragen, was mache ich mit dem Langweiler, wenn er kein Geld mehr hat. Die Banker werden unruhig schlafen, sie werden früh wieder hier sein, um zu retten, was zu retten ist. So eine Krise macht viel Arbeit. Wenn sie einen nicht die Arbeit kostet. Was also ist da passiert, was ist da genau passiert? Und was wird noch passieren? Und wird es mir passieren?

Das sind so die Fragen, mit denen sich jemand wie Joe Nocera herumschlägt. Er ist kein Banker, er ist Wirtschaftskolumnist der New York Times. Vor allem aber ist er müde. Vielleicht könnte ein Drink helfen. Aber es ist gerade mal Mittagszeit, kurz nach eins. Zu früh dafür. Er muss noch viel arbeiten heute, er muss noch viel erklären. So wie gestern und vorgestern und vorvorgestern. Es gibt so viel zu erklären in diesen Tagen.
Joe Nocera hat einen schweren quadratischen Kopf, mit dem er sich schwere quadratische Gedanken macht. Und was er sagt, wirkt wie eine Ode auf den Untergang des amerikanischen Kapitalismus.

»Alle sind wütend auf die Wall Street.«
»Die Menschen sind Herdentiere.«
»Und man wirft ihnen noch Geld hinterher.«
»Angst und Gier gehören zusammen.«
»Das ist eine Panik.«
»Das ist das Ende einer Ära.«
Dann macht er eine Pause. »Es ist beängstigend«, sagt er. »Und es ist aufregend. Es ist das, worauf ich mein ganzes Leben gewartet habe. Es gibt meiner Arbeit einen moralischen Sinn.« Jetzt wirkt er gar nicht mehr müde, jetzt wirkt er richtig aufgeputscht. Fast wie ein Kind, das Geburtstag hat und nicht warten kann, bis es seine Geschenke aufmachen darf. »Ich habe einen moralischen Auftrag, den Menschen zu erklären, was passiert ist«, fügt er noch hinzu. »Es ist wie nach 9/11. Eine Welt bricht zusammen. Und die Menschen wollen wissen, warum.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wir wissen jetzt, dass Banker eine Klasse totaler Idioten sind.)

Das ist die historische Fallhöhe, das ist der Vergleich. Das 9/11 der Wall Street. Dabei ist der Schock, mit dem dieses Jahrzehnt endet, womöglich sogar größer als der Schock, mit dem dieses Jahrzehnt begann. »9/11 war schlecht für die, die dabei starben«, sagt ein paar Tage später der Schriftsteller Joseph O’Neill, und er meint es wirklich nicht zynisch. Was er meint, ist: Das hier, das ist schlecht für alle.

Wir sitzen im »Pastis«, einem französischen Restaurant, das einmal sehr angesagt war, im Meatpacking District, wo es einmal sehr schmutzig war, als die Zeiten hart waren, wo es sehr schick war, als die Zeiten golden waren, und wo man heute irgendwie im Nichts hängt. Wie die ganze Stadt. New York fühlt sich an wie eine Erinnerung, die einen heimsucht, die einen traurig macht. Die Welthauptstadt des Kapitalismus und des Konsums, ernüchtert.

Auch Joseph O’Neill wirkt ein wenig zerknittert. Dabei verläuft sein Leben, wie Wirtschaftswissenschaftler sagen würden, gerade antizyklisch. Die letzten sieben Jahre, als alle um ihn herum reich wurden und immer reicher, als es diese Mauer von Geld gab, die sich durch die Stadt schob und durch die USA und durch weite Teile unserer Welt, da saß er und schrieb und schrieb in der winzigen, dunklen Arbeitswohnung im West Village und wusste nicht, was werden würde, wenn dieser Roman so wenig beachtet würde wie seine ersten beiden. Wieder als Rechtsanwalt arbeiten? Wieder zurück nach London? Aber dann kamen die Kritiken, sie feierten Netherland als den ultimativen Roman zu 9/11, eine Bankergeschichte im postnationalen Kricket-Milieu von New York – und nun, wo links und rechts seine Freunde ihre Jobs verlieren, rauscht auf ihn plötzlich der Ruhm zu.

»Es ist schockierend«, sagt er, »ich habe so etwas noch nicht erlebt. Gerade in diesen letzten paar Wochen. Zwei Freunde von mir haben ihren Job verloren. Die Neuigkeit ist: Wir wissen jetzt, dass Banker eine Klasse totaler Idioten sind. Aber niemand ist schadenfroh, alle waren beteiligt, und kaum jemand hat es kommen sehen. Die allgemeine Dummheit, die dieses Land erfasst hat in den letzten Jahren, die hat alles verdeckt. Diese Krise verdanken wir der Ideologie des freien Marktes.«Joseph O’Neill ist kein Amerikaner, er ist Ire mit türkischen Wurzeln. Er sieht die Dinge mit einiger Distanz, die globale Perspektive sozusagen. Und vielleicht ist das alles tatsächlich nicht nur die Zeche für all die Jahre dicke Gehälter, dicke Lippe, dicke Schlitten. Vielleicht gehen da nicht nur dreißig Jahre zu Ende, in denen die Märkte immer stärker dereguliert und entfesselt wurden, bis sie zu diesen »Dämonen wurden, die wir selbst erfunden haben«, so hat das der Autor Richard Bookstaber genannt, der selbst lange Investmentbanker war. Vielleicht geht hier mehr zu Ende als eine Kultur, vielleicht erleben wir die Dämmerung der amerikanischen Dominanz der letzten hundert Jahre.

Das ist die ganz große These; die ganz kleine Wahrheit ist, dass das, was wir gerade erleben, zutiefst »menschlich« ist – das sagen sie alle, der Banker, der Analyst, der Kolumnist, dieses Wort verwenden sie alle, menschlich: Als sei das schon eine Erklärung, als hätten wir lange vergessen, dass der Mensch Teil der Rechnung ist. Als hätten wir gedacht, Markt und Mensch seien irgendwie getrennt und der Markt könne ohne den Menschen funktionieren. Das haben die Protagonisten der Krise wohl tatsächlich gedacht.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es war wie in dem Roman von Agatha Christie: Alle haben zugestochen, alle hatten ein Messer in der Hand.)

Joseph O’Neill beschreibt die Marktwirtschaft eher wie ein großes Spiel, vergleicht es mit der Pokerrunde, zu der er sich einmal die Woche mit ein paar Freunden trifft. »Bail-Out« heißt eine neue Variante, die sie gerade erfunden haben, da übernimmt ein anderer deine Schulden; »Depression« heißt eine andere, da gewinnt der Spieler, der die schlechtesten Karten hat. Und die zwei Freunde, die gerade ihren Job verloren haben, sagt O’Neill, die wetten am höchsten. Für den Schriftsteller ist es offensichtlich: Das ist der Kreislauf des menschlichen Lebens. Einer gewinnt, einer verliert.

Nur: Wer sonst hat denn all die tollen Jahre über offen gesagt, dass Kapitalismus, dass Wall Street, dass das alles nur ist wie Poker? Die Geschichte war doch eine andere. Es war doch sicher, es war doch praktisch wissenschaftlich erwiesen, dass es nur noch nach oben gehen würde. Die Geschichte ging doch so: Ein Haus für jeden Amerikaner, selbst den, der es sich nicht leisten konnte. Eine Million für jeden Broker, Banker, Analysten, selbst den, der Regeln findet, auch Menschen Kredite zu verschaffen, die sie sich weiß Gott nicht leisten können. Und eine Milliarde für jeden Hedgefonds-Manager, der smart genug war, gegen den ganzen Irrsinn zu wetten.

Einer gewinnt, einer verliert? Das war nicht mehr Teil der Geschichte. Es gibt Wirtschaftszyklen, Kreisläufe? Nicht mehr Teil der Geschichte. Boom, Bust? Nicht mehr Teil der Geschichte. 1987, 1998, 2000, all die Krisen davor? Nicht mehr Teil der Geschichte. Ein wenig war es wie nach dem Fall der Mauer, als jemand ein Buch schrieb und das Ende der Geschichte erklärte, und alle, die ein bisschen Grips im Kopf hatten, nickten und sagten, mmmhhhmmm, genau, End of History, End of Story, right.

Das Ende der Vernunft, das trifft es eher. »Mit den Derivaten war es wie mit dem Atomkrieg«, hatte Joe Nocera gesagt, »du hast verdrängt, dass die Bomben existieren, und gehofft, dass sie nie explodieren.« Kollektive Amnesie, Markt-Voodoo, Crash-Kapitalismus, spiritistische Anlageformate. Und Derivate, das Zauberwort, das Schreckenswort. Damit fing alles an, damit endete alles: Faule Kredite, verpackt und versichert und verscherbelt, für so viele Milliarden, die niemand hatte. »Es war das perfekte Verbrechen«, sagt Ed Yardeni, und der steht nicht im Verdacht, irgendwie naiv oder übermäßig moralisch zu sein. »Es war wie in dem Roman von Agatha Christie: Alle haben zugestochen, alle hatten ein Messer in der Hand.« Es gibt eine Leiche, aber keine Täter.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sie alle immer noch nicht ganz genau verstehen, was zu tun ist, und Finanzminister Henry Paulson mal dies vorschlägt und mal das.)

Weil alle Täter waren. Von ganz unten bis ganz oben, eine Kette der Gier. Vom Kaufberauschten mit seinen zwanzig Kreditkarten über die Banken, wo die Bedenkenträger in den Kreditabteilungen bedrängt wurden, über die Rating-Agenturen, die Scheiße in Gold verwandelten, also faule Kredite in heiße Ware, bis zur amerikanischen Notenbank, die seit dem Dotcom-Crash von 2000 die Zinsen senkte und senkte, von 6,5 auf ein Prozent, bis es tatsächlich eine ökonomische Dummheit war, dieses billige, dieses geschenkte Geld nicht zu nehmen. »Der wilde Ritt des Konsumismus«, so hat Joseph O’Neill das genannt, aber der hat den Glauben an die Börsen schon vor langer Zeit verloren.

Wenn jetzt jemand wie Yardeni vom perfekten Verbrechen spricht, der einmal Chef-Investment-Stratege der Deutschen Bank war und heute täglich von seinem Büro in Long Island aus seine Börsenanalysen an gut zahlende Kunden verschickt und schon für die Federal Reserve gearbeitet hat und für das amerikanische Finanzministerium – dann wird das Ganze zu einem surrealen Schwank. Was Yardeni aber am Schluss erzählt, das zeigt die Finanzkrise als großkapitalistisches Bauerntheater, bei dem die Grenze von Witz und Wahrheit verwischt. Politik und Strategien, zeigt sich, sind nicht objektiv, sondern äußerst willkürlich und Ergebnis menschlicher Erregungen.

Wie da Finanzminister Henry Paulson und all die anderen so erschöpft sind von den vielen Krisensitzungen und dann so verärgert über den arroganten Auftritt von Richard Fuld, dessen Bank sie doch retten sollen, dass sie Lehman Brothers einfach fallen lassen – ein schlimmer Fehler, der die Angst an den Finanzmärkten erst in die Panik verwandelt, die die Welt dann erlebt. Wie sie Tage später immer noch so müde beisammensitzen und sich sagen: 500 Milliarden sind zu wenig und eine Billion ist zu viel – und so eben auf die Summe von 700 Milliarden Dollar kommen, mit der sie das US-Bankensystem stützen wollen.

Wie sie alle immer noch nicht ganz genau verstehen, was zu tun ist, und Paulson mal dies vorschlägt und mal das, wie Notenbank-Chef Ben Bernanke die Krise von 1929 seziert und mit alten Pflastern neue Wunden verarzten will, wie der frühere Notenbank-Chef Alan Greenspan, der zwanzig Jahre lang der erste Ideologe des freien Marktes war, sich einfach vor den Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses stellt und sagt: »Sorry, aber ich habe echt keine Ahnung, wie das gekommen ist.«

Das ist ein Satz, den man nicht mal von der Putzfrau hören will, die die Vase vom Tisch gefegt hat. Das Wirtschaftssystem, kann man daraus lernen, ist nur so gut wie die Leute, die damit arbeiten. Und: Der Glaube, dass das System schlauer ist als wir, ist nur eine Illusion. Wir haben das System ja gemacht, wir sind das System. Ed Yardeni erzählt seine Geschichten mit sanfter Stimme, weil er weiß, dass sie ihre Wirkung schon erreichen, weil sie in den Köpfen weiterarbeiten. Dann hält er kurz inne und sagt: »Es gibt in Wahrheit nur zwei Wirtschaftssysteme auf der Welt. Kapitalismus und Korruption.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Heute verdient ein Chef hundert Millionen, er bekommt sie ganz ausgezahlt und verschwindet, wenn es der Firma schlecht geht.)

Jemand wie Ken Lipper weiß genau, was damit gemeint ist. In seinem Büro in einem Midtown-Wolkenkratzer hängen Filmplakate, seine Holocaust-Dokumentation The Last Days, die er mit Steven Spielberg produzierte, City Hall, in dem er seine Erfahrungen als Stellvertreter von New Yorks Bürgermeister Ed Koch verarbeitete, und natürlich Oliver Stones Wall Street, der Film, der das Bild des gierigen Gordon Gecko schuf und das Image der ganzen Branche prägte und auf Lippers Roman beruhte. In den Siebzigerjahren verdiente Lipper erst bei Lehman Brothers seine Millionen und dann bei Salomon Brothers, in den späten Achtzigerjahren gründete er einen eigenen Hedgefonds, verwaltete mehrere Milliarden und wurde von einem Gericht 2003 dazu verurteilt, viele Millionen an getäuschte Investoren zurückzuzahlen, darunter auch Julia Roberts. Der Mann kennt Ruhm und Raffgier, er ist dreißig Jahre lebende Wall-Street-Saga – und schimpft heute über seine Branche.

»Es gab auch in meiner Zeit an der Wall Street Gier, aber heute ist es das ganze System, das auf Gier gebaut ist. Was ist zum Beispiel mit den Gehältern? Ein Wahnsinn. Früher habe ich vielleicht vier Millionen Dollar im Jahr verdient, ich habe 150000 Dollar ausgezahlt bekommen, der Rest blieb in der Firma. Heute verdient ein Chef hundert Millionen, er bekommt sie ganz ausgezahlt und verschwindet, wenn es der Firma schlecht geht. Das ist das Ende des langfristigen Denkens.«

Kurzfristiger Erfolg, schneller Konsum: Es sei eine »Kultur des Schul-denmachens«, die die ganze Gesellschaft erfasst habe. Sie sparen einfach nicht, die Amerikaner. In den Achtzigerjahren waren es immerhin noch neun Prozent ihres Geldes, heute ist es gerade mal ein Prozent. »Nur Konsum, keine Investitionen, das funktioniert eben nicht«, sagt Lipper. Sein Büro ist klein, seine Haare sind geföhnt, seine Laune ist bestens. »Ich hatte schon oft in meinem Leben schlechte Karten in der Hand. Ich weiß, wie es weitergeht.« Er ist wieder im Spiel, im Januar wird er ins Geschäft eingreifen, er wird fremdes Geld investieren, »mich haben Leute angerufen, von denen ich seit 1982 nichts mehr gehört habe«.

Wall Street wird natürlich nicht mehr das Gleiche sein wie damals. Und auch die amerikanische Wirtschaft wird sich verändern. Zum Besseren, meint jemand wie Lipper. »Das«, sagt er und pumpt Blut in seinen Kopf, bis der leuchtet, »das ist doch eine riesige Chance. Wir müssen unsere gesellschaftlichen Prioritäten geraderücken. Wir müssen ein paar alte Grundlagen unseres Zusammenlebens wiederbeleben. Und dann wird es wieder Amerika sein, das die Welt aus diesem Schlamassel führt.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Sie werden auf Barack Obama hoffen. Sie werden zwischen Optimismus und Depression schwanken, zwischen Aufbruch und Untergang, zwischen Glücksritter und Krisenkater.)

Das ist ungefähr auch das, was man von jemandem wie Gary hört, der nicht Gary heißt, aber so ist das in diesen Tagen, wer noch einen Job hat oder bald wieder einen haben will, der will seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Gary zahlt 5000 Dollar monatlich Miete für sein Haus in Greenwich Village, er ist Mitte dreißig und hat bis vor Kurzem bei einer Investmentbank gearbeitet, er ist freiwillig gegangen und führt erst einmal nur noch seinen Bernhardiner spazieren. »In den großen Banken ist das Klima mörderisch«, sagt er, die Worte kommen wie kleine Pfeile. »Die essen dich auf und spucken dich wieder aus. Jetzt sind die alle am Boden. Jetzt ist die beste Zeit, etwas Eigenes zu starten.« Fünfzig bis siebzig Millionen, so viel braucht er an Kapital für den Hedgefonds, den er nächstes Jahr gründen will. »Das wird hart. 2009 wird hart. Aber es hilft ja nichts«, sagt er, »ich stemme mich gegen die Flut.«

Wie jetzt, fragt sich da natürlich der gut antikapitalistische mitteleuropäische Bildungsbürger, haben die drüben immer noch nichts aus dem Schlamassel gelernt? Aber sie werden nicht einfach aufhören. Sie werden sich kein neues System erfinden. Sie werden auf Barack Obama hoffen. Sie werden zwischen Optimismus und Depression schwanken, zwischen Aufbruch und Untergang, zwischen Glücksritter und Krisenkater.

Was Obama betrifft, ist Yardeni übrigens skeptisch. »Er kann im Grunde nichts machen«, sagt er, »außer Fehlern.« Und auch Ken Lipper zuckt mit den Schultern. »Er ist klug, er ist vorsichtig, er ist realistisch«, sagt er. »Aber es gibt hier leider erst einmal wenig für ihn zu gewinnen. Es geht darum, die Verluste so gut wie möglich zu verteilen.«

Wie wird es also weitergehen? Ist die Blase mit den Kreditkartenschulden die nächste, die platzt? Was ist mit dem Konsumeinbruch? Was ist mit den vernichteten Rentenmilliarden? Was ist mit den 55 Billionen Dollar uneingelöster Schulden, die noch im Orbit schwirren?

Es ist Nacht an der Wall Street, und sie trinken Kaffee oder nehmen Koks und starren auf Computer und hängen an Telefonen und schauen nicht nach draußen, weil die Welt, wie sie sie kennen, wieder einmal untergegangen sein könnte. Der Kapitalismus ist tot? Es lebe der Kapitalismus. Heute ist Beerdigungswetter.

Was hatte Joe Nocera gesagt, nachdem er lange geschwiegen hatte, weil er auch keine Antwort wusste auf die Frage, was noch alles kommt?

»I gotta get back to work.«

Fotos: ap