Ein Land baut auf Sand

Der Ölsand von Kanada hat jahrelang niemanden interessiert, es war einfach zu teuer, das Öl zu isolieren. Aber seit die Benzinpreise explodieren, ist der Sand Milliarden wert. Das Städtchen Fort McMurray erlebt einen ungeahnten Goldrausch – und der bringt zugleich Reichtum und Elend.

Man muss nur einmal kurz die Hauptstraße runterlaufen, um zu sehen, was Fort McMurray ausmacht: Man kommt am »Boomtown Casino« vorbei, an Ladenzeilen und an einem Club namens »Cowboys«, der stolz mit der »Nacht der wilden Schulmädchen« wirbt. Dann die Polizeistation der Royal Canadian Mounted Police, die städti-schen Verwaltungsgebäude, das »Oil Sands Hotel« und die »Diggers Bar«, die »exotic dancers« im Angebot hat. Unzählige Geländewagen rauschen vorbei – einer aufgemotzter als der andere, viele mit getrocknetem Schlamm bedeckt, fast alle mit Allradantrieb. Mit denen kann man über das unwegsame Gelände rasen, das von der Hauptstraße aus zu sehen ist. Und wenn der Wind aus Nordwesten weht, kann man das Öl riechen: ein schwerer, säuerlicher Geruch, unverwechselbar. Hier in der Gegend nennt man ihn den Duft des Geldes.

Nachdem die Lage im Nahen Osten immer unsicherer wird und der Irak im Chaos versinkt, werden Orte zu Zentren der Ölförderung, von denen man es nicht erwartet hätte. Fort McMurray, fünf Stunden Autofahrt nördlich von Edmonton in Alberta gelegen, war immer ein Ort der Pioniere. Schon bevor die ersten weißen Pelzjäger kamen, wussten die indianischen Ureinwohner, dass es hier Öl gibt; sie benutzten es, um ihre Kanus wasserdicht zu machen. Das Problem: Es handelt sich nicht um normales Rohöl, sondern um Teersand, auch als Ölsand bekannt, eine Mischung aus Sand, Wasser und schwerem Rohöl. Das macht die Gewinnung kompliziert und teuer: Ungefähr 26 kanadische Dollar (27 US-Dollar) kostet die Produktion pro Barrel (158,98 Liter). Als diese Summe noch etwa dem Ölpreis entsprach, hatte die Art der Förderung natürlich keinen Sinn. Doch jetzt, da der Preis bei rund hundert Dollar pro Barrel liegt, sieht die Sache ganz anders aus. Jahrelang bearbeiteten nur zwei Firmen die Ölsandfelder von Athabasca, die sich über 141 000 Quadratkilometer erstrecken. Heute sind sieben Firmen ansässig, allein Shell plant, irgendwann 500 000 Barrel täglich zu fördern. Alle Unternehmen zusammengenommen sind es zurzeit insgesamt 1,2 Millionen Barrel am Tag. Es sollen 3,5 Millionen werden, sobald alle Anlagen laufen (vier der sieben Firmen stecken noch in den Vorbereitungen). In den nächsten 15 Jahren wollen die Unternehmen 100 Milliarden Dollar in die Gegend investieren.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Durchschnittsalter: 31. Durchschnittseinkommen: 135 000 Dollar)

Falls die Ölpreise so hoch bleiben wie im Moment oder sogar noch steigen, sind hier Profite von zig Milliarden jährlich drin. Viel von diesem Geld wird aus den USA kommen, wo sie glücklich über den Zugang zu »sicherem« Öl in unmittelbarer Nachbarschaft sind. Technisch sind die Firmen zwar derzeit nur in der Lage, rund zehn Prozent der Vorräte zu erschließen, doch selbst mit dieser Quote sind die Ölsandfelder von Athabasca das zweitgrößte nachgewiesene Ölreservoir der Welt. Zählt man die bislang unerschlossenen neunzig Prozent dazu, dann sind die Ölvorräte von Alberta mindestens sechsmal so groß wie die von Saudi-Arabien. Schon heute produziert Kanada so viel Öl wie Kuwait. Bald wird es doppelt so viel sein. Und schon jetzt ist Kanada der größte Rohöllieferant der USA.

Wenn man Menschen fragt, warum sie in Fort McMurray sind, ist die Antwort fast
immer dieselbe: ein Aneinanderreiben von Daumen und Zeigefinger, ein vielsagender Blick. Oder, im Fall des temperamentvollen 11-jährigen Ron Mfoafo-M’Carthy, der mit Schwester und Mutter zu Besuch bei seinem Vater, einem Ingenieur aus Ghana, ist: »Die Kasse klingelt!« Wegen der rasenden Entwicklung herrscht hier ein Mangel an Fachkräften, also bezahlen die Firmen Gehälter, die weit über den üblichen Tarifen liegen. Ein Ingenieur wie Johnny Mfoafo-M’Carthy kann hier bis zu 220 000 kanadische Dollar (rund 150 000 Euro) im Jahr verdienen, in Toronto wären es auf einer entsprechenden Stelle weniger als halb so viel.

Kein Wunder, dass täglich Menschen aus der ganzen Welt eintreffen. Die Bewohner von Fort McMurray stammen aus mehr als 70 Nationen, Durchschnittsalter 31, Durchschnittseinkommen 135 000 Dollar pro Familie (das höchste in Kanada, bei einem landesweiten Durchschnitt von 67 000 Dollar). Es gibt Fidschianer, Mauretanier, Venezolaner, sogar Flüchtlinge aus dem Grenzland zwischen Somalia und Äthiopien. Sie alle nehmen viel in Kauf: Im Winter sinken die Temperaturen wochenlang auf minus vierzig Grad, dazu kommt ein grausiger Wind. Aber es lohnt sich – so wie aus dem Goldrausch in Kalifornien der amerikanische Traum entstand, so wird in Fort McMurray ein neuer kanadischer Traum definiert. Go west. Fort McMurray kann Ihr Leben verändern. Aber Sie sollten sich überlegen, welchen Preis Sie bezahlen wollen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Lastwagen mit Reifen, so groß wie einstöckige Häuser. Einen gewöhnlichen Lieferwagen könnten sie zermalmen, ohne dass der Fahrer es merken würde.")

Abgesehen vom Geruch bekommt man keinen wirklichen Eindruck vom Ölsand, wenn man nicht 45 Minuten auf dem Highway 63 entlang fährt und sich, sagen wir, das Gelände von Syncrude anschaut. Selbst wenn man weiß, dass das der weltgrößte Produzent von synthetischem Rohöl ist, dauert es eine Weile, bis man sich die ganze Tragweite der Projekte hier vergegenwärtigt hat. Der Abbau läuft so: Erst werden Bäume und Büsche gefällt, dann der morastige Torf entfernt. Zuletzt bleibt der schwarze sirupartige Ölsand übrig, er wird abtransportiert von Lastwagen mit Reifen, so groß wie einstöckige Häuser. Voll beladen wiegen sie so viel wie eine Boeing 747, einen gewöhnlichen Lieferwagen könnten sie zermalmen, ohne dass der Fahrer es merken würde.

Diese Art von Tagebau ist eine mühsame Arbeit. Ein Schwertransporter schafft bis zu 63 Fahrten am Tag; dann schaukelt er immer wieder an über zwanzig Meter hohen Bergen aus gelbem Schwefel vorbei – ein Nebenprodukt der Reinigung des aus dem Sand extrahierten Öls. Im Winter ist der Dunst oft so dicht, dass Bulldozerfahrer sich Zentimeter für Zentimeter über das Gelände tasten, um nicht in eines der riesigen Teerlöcher zu rutschen. Im Sommer ist es wiederum so staubig, dass das Gelände ständig mit Wasser besprenkelt werden muss. Die Arbeiter haben drei Kaffeepausen zu je zwanzig Minuten pro Zwölf-Stunden-Schicht; dazu kommt eine Anfahrt von Fort Mc Murray, die im Fall von Shells Albian Sands anderthalb Stunden dauert.

Da man für die Extraktion des Öls Hitze benötigt, werden große Mengen an Gas verbrannt – ein Barrel Gas, um zwei Barrel Rohöl zu produzieren. Manchen Schätzungen zufolge werden die Ölsandfelder von Fort McMurray und Athabasca bald Kana-das größter Beitrag zur globalen Erwärmung sein. Nach Meinung von David Schindler, Professor für Ökologie an der Universität von Alberta, sind die Temperaturen in dieser Gegend in den letzten vierzig Jahren bereits um zwei Grad gestiegen.

Der Tagebau in den Ölsandfeldern verändert die Erdoberfläche. Die schwarzen Flächen kann man jetzt schon vom Weltall aus erkennen. In zehn Jahren, schätzt Schindler, »werden sie wie eine einzige riesige klaffende Grube aussehen«, so groß wie Florida. Der saure Regen tötet Bäume. Die Ölfirmen sagen, dass sie Renaturierungen durchführen – Gras für Bisons und 4,5 Millionen gepflanzte Bäume von Syncrude. Aber das Sumpfland ist unersetzbar: In der tausend Jahre alten Torflandschaft leben zum Beispiel die vom Aussterben bedrohten Karibus.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Bürgermeisterin Melissa Blake ist nicht um ihren Job zu beneiden.")

Zur Extraktion eines Barrels Öl braucht man zwei Barrel Wasser. Täglich wird aus dem Athabasca River die Menge an Wasser abgepumpt, mit der man sonst eine Milli-onenstadt versorgt. Da man das Wasser trotz Wiederaufbereitung nicht in die Flüsse zurückleiten kann, fängt man es in künstlichen Seen auf. Die sind voll mit krebserregenden Kohlenwasserstoffen und giftigen Metallen, Quecksilber, Kadmium und Arsen. Trotzdem bekommen die Ölfirmen von der Politik alles, was sie wollen. Der freie Markt und die Öleinkommen überwiegen alle anderen Faktoren. In der Provinzregierung werden die Vertreter der Umweltverbände und der Ureinwohner regelmäßig überstimmt.

Bürgermeisterin Melissa Blake ist nicht um ihren Job zu beneiden. Das gilt auch für andere Bereiche: Die Verdoppelung der Einwohnerschaft in den letzten zehn Jahren überlastet die Stadt; von rund 32 000 auf ungefähr 65 000 ist die Einwohnerzahl von Fort McMurray hochgeschossen, für die nächsten fünf Jahre wird ein Wachstum um weitere 40 000 vorhergesagt. Der Bürgermeisterin fehlen Gelder; sie will die Ölfirmen dazu bringen, den Ausbau der Förderanlagen langsamer anzugehen, damit die Infrastruktur der Gemeinde nachkommt. Ein neues Klärwerk wird 2009 fertiggestellt – und voraussichtlich ein Jahr später schon wieder überlastet sein. Eine Schule, Bauzeit drei Jahre, war schon ein Jahr vor der Einweihung zu klein. Die medizinische Versorgung wird nur notdürftig aufrecht erhalten. Auch schwierig: das Thema Immobilien. In den letzten zwei Jahren sind die Preise um vierzig bis fünfzig Prozent gestiegen. Ein bescheidener Bungalow mit drei Zimmern kostet jetzt 600 000 Dollar.

Bevor Inderjit Kaur auf der Suche nach einer besseren Zukunft für ihre drei Kinder nach Fort McMurray kam, hat sie in Mohali in Pandschab Computer- und Englischkurse gegeben. Am Anfang hat die 40-Jährige für einen geringen Lohn auf die Kinder ihrer Schwester aufgepasst. Inzwischen hat sie zwei Jobs, weiter als Kindermädchen, dazu als Telefonistin im Freizeitzentrum. Sie arbeitet von halb acht morgens bis halb elf abends, hat kaum freie Tage. Nach Abzug der Steuern bleiben ihr 2000 Dollar im Monat. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung würde 2500 Dollar im Monat kosten, deshalb konnte sie ihre Familie nicht mitbringen. Sie hoffte, es würde ein Jahr dauern, bis sie nachkommen könn-ten. Mittlerweile hat sie die Kinder seit vier Jahren nicht mehr gesehen.

Es gibt viele solche Schicksale in Fort McMurray. Trina Rolsdon zum Beispiel. Sie sitzt an einem Platz im Zentrum und raucht eine Zigarette. Die 44-Jährige lebte mit ihrem Freund und ihrem Sohn zusammen, arbeitete als Kellnerin – bis eine Arthritis
sie zwang, ihren Job aufzugeben. Vor einem Jahr wurde sie zur Obdachlosen. Die Frau stammt aus einer winzigen Stadt im südlichen Alberta und gehört zu jenen, die
Tonia Enger, Leiterin der Polizeidienststelle von Fort McMurray, fragen würde: »Warum sind Sie noch hier? Sollten Sie nicht lieber an ihren Heimatort zurückkehren?« Rolsdon hasst den Ort mittlerweile auch, aber sie will so lange durchhalten, bis ihr 16-jähriger Sohn seinen Schulabschluss hat. Dann wird sie schauen, dass sie wegkommt.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Dem Camp, in dem sie wohnen, geben er und Evers »fünf Anti-Sterne«.")

Für viele Arbeitskräfte sind die work camps, die provisorischen Siedlungen, die beste
Lösung – und für manche der Arbeiter, die die Förderanlagen bauen, sind sie sogar die einzige Option. Diese Camps sind richtige Kleinstädte. Im Suncor’s Borealis Camp, der größten derartigen Einrichtung in Nord-amerika, leben 7500 Menschen. Allerdings fehlen alle Annehmlichkeiten, die eine Kleinstadt normalerweise zu bieten hat. Die langen, niedrigen Wohnwagen sind von Stacheldraht umgeben und eingezwängt zwischen dröhnenden Türmen und Rohren einerseits und einer Landstraße und riesigen Sandhügeln andererseits. In den Wohnwagen: Männer in Hausmänteln. Die Zimmer sind sechs Quadratmeter große Zellen, eingerichtet mit einem kleinen Bett. Ein Taxifahrer aus Somalia, der in einem der Camps lebt, erzählt, dass hier alle Husten kriegen. »Und die Gesichter sehen nach einer Weile aus wie Gummi.«

Am Wochenende suchen die Bewohner der Camps das Weite. Entweder sie lassen die Stadt hinter sich und fahren fünf Stunden über den Highway 63 nach Edmonton (der Highway hat keine Überholspur, ist so dicht befahren und abends so voll mit Rasern, dass man ihn auch »Straße des Todes« nennt). Oder sie fahren einfach nur nach Fort McMurray. In der Bar, die zu »Moxie’s Classic Grill« gehört, genehmigen sich die französisch-kanadischen Bauarbeiter Guy Chiasson, 39, Marty Leblanc, 31, und Alain Evers, 44, aus New Brunswick ein Nachmittagsbier. Chiasson, ein redseliger Typ, hat gerade 24 Tage lang Zwölf-Stunden-Schichten gefahren, von denen er die meiste Zeit in zehn Meter Höhe beim Bau einer Verkokungsanlage verbracht hat, einem riesigen Gefäß, in dem Bitumen zerlegt wird, um die Umwandlung in Rohöl einzuleiten. Dem Camp, in dem sie wohnen, geben er und Evers »fünf Anti-Sterne«. Die Wände sind so dünn wie Papier. Die Leute von der Spätschicht wecken die von der Frühschicht auf und umgekehrt. Leblanc sagt: »Ich war zwar noch nie in einem Gefängnis, aber so ungefähr stelle ich mir das dort vor. Die Zimmer, die Essensausgabe, das Schlangestehen.«

Wofür gibt Leblanc sein Geld aus? »Für meinen Jeep!«, antwortet er mit kindlicher Begeisterung. Evers, der ohne seine Frau und seine 23-jährige Tochter in Fort McMurray ist, war Fischhändler in einem Dorf, bis der Fisch rar wurde. Chiasson, ein Krankenpfleger, Sanitäter und Schreiner, hat sich vor dreieinhalb Jahren scheiden lassen, dabei sein Haus an seine Frau verloren und versucht nun wieder auf die Beine zu kommen. Er möchte sich sein eigenes Haus bauen. Dann die Rente. Bei seinem derzeitigen Tempo, einem Verdienst von 8000 Dollar in 24 Tagen, schätzt er, bedeutet das noch zehn Jahre »arbeiten, duschen, schlafen gehen, arbeiten, duschen, schlafen gehen«.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Keiner von ihnen macht sich Illusionen darüber, welche Opfer er hier bringen muss.")

Keiner von ihnen macht sich Illusionen darüber, welche Opfer er hier bringen muss. »Man verdient schon gut«, sagt Leblanc, »aber es ist hart.« Er ist jünger als die anderen, hat nach eigener Einschätzung noch 15 bis zwanzig Jahre vor sich. »Was nicht unbedingt heißt, dass wir es erleben werden«, meint Chiasson. Es kursieren viele Geschichten über Männer, die jahrelang Überstunden gemacht haben und dann sechs Monate nach Antritt ihrer Rente gestorben sind. »Na ja«, brummt Chiasson, »alles geht mal vorbei.«

»Das kann hier schon recht einschüchternd auf Neuankömmlinge wirken«, sagt Angela Adams, die in der Beschwerdestelle der Gewerkschaft arbeitet. »Es ist nicht immer einfach, wenn man Hilfe sucht.« Richtig hart ist es, wenn man zum Beispiel von einer Südseeinsel oder aus Bosnien stammt und nicht Englisch spricht. »Viele Leute hier haben Depressionen.«

Und in den Siedlungen, die weiter außerhalb der Stadt liegen, gibt es noch ganz
andere Sorgen. Kanada hat ein Einwanderungsprogramm für »zeitlich begrenzte Arbeitsaufenthalte«, das heißt, man darf zwei Jahre lang arbeiten, muss dann aber in sein Heimatland zurückkehren. Es heißt, die Ölfirmen lassen massenweise Philippiner, Chinesen und Mexikaner in gecharterten Boeings einfliegen, die direkt auf den firmeneigenen Landebahnen landen. Die Arbeiter verlassen das Gelände kaum, nach zwei Jahren werden sie wieder nach Hause verfrachtet.

Gil McGowan, der Präsident der Alberta Federation of Labour, eines Gewerkschaftsverbands der Provinz, hat kürzlich eine Beschwerde von einer Gruppe Rumänen erhalten, die auf dem Papier 24 Dollar pro Stunde bei einer Sechzig-Stunden-Woche verdienten, tatsächlich aber nur 200 Dollar alle zwei
Wochen ausbezahlt bekamen. »Wir benützen diese Menschen, die aus Ländern der Dritten Welt stammen, wie Wegwerfware«, sagt er. »Das widerspricht allen kanadischen Werten. Das ist nicht die Art, wie wir unsere Wirtschaft und unser Land aufbauen sollten.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Nach langen Schichten geben viele locker 800 Dollar an einem Abend aus; manche verspielen 30 000 Dollar. Alkohol und Glücksspiel sind dabei noch das Geringste.")

Und schließlich gibt es noch ein Problem, mit dem die wenigsten rechnen: zu viel Geld. Für Menschen, die ein bescheidenes Leben gewöhnt waren, kann eine Einkommensexplosion ein zweifelhafter Segen sein. Nach langen Schichten geben viele locker 800 Dollar an einem Abend aus; manche verspielen auf einen Schlag 20 000 bis 30 000 Dollar im »Boomtown Casino«. Alkohol und Glücksspiel sind dabei noch das Geringste.

Für den 56-jährigen Dave Beaton zum Beispiel: Nachdem er seine Kinder in Vancouver allein großgezogen hatte, ist er nach Fort McMurray gezogen, hat einen guten Job als Gerätemechaniker bekommen – und sich dazu verleiten lassen, zum ersten Mal in seinem Leben harte Drogen zu nehmen. Heute ist er obdachlos. Auf einem fünfminütigen Spaziergang die Franklin Street runter, sagt Beaton, kann ein Drogendealer Hunderte von Dollar verdienen. Aber er versucht, von den Drogen loszukommen, denn »meine Kinder nehmen mir das übel«. Ein Schniefen, er senkt den Kopf.

In Fort McMurray leben vor allem Männer. Arbeiter. Es gibt einen Haufen Geschichten über Frauen, die überraschend zum Geburtstag ihres Mannes anreisen, um dann feststellen zu müssen, dass die Ehe gar nicht mehr funktioniert. »Das Familienleben leidet hier sehr«, sagt Dave Drummond, Präsident der Gewerkschaft für den Bereich Kommunikation. Im »Lion’s Den«, einer schmuddeligen Kneipe voller müder Männer, die Labatt Blue Beer trinken, sagt die 21-jährige Kim Pabrelko, dass sich Frauen hier ständig wehren müssen. Dabei ist sie durchaus verständnisvoll: »Achtzig Prozent haben ihre Familie woanders.«

Aufstieg und Niedergang zugleich: In rasendem Tempo entwickelt sich die Kleinstadt Fort McMurray zur Großstadt, zum Wirtschaftszentrum. Noch in den Fünfzigerjahren gab es in dieser Stadt gerade mal eine Hauptstraße und eine Promenade, noch vor sieben Jahren kannten die Einwohner von Fort McMurray die meisten Leute, denen sie auf der Straße begegneten, zumindest vom Sehen. Heute scheint jeder ein Fremder zu sein.

Die Abflughalle des Flughafens von Fort McMurray ist voller Passagiere mit schlecht sitzenden Jeans und schalem Alkoholatem. Bierbäuche, müde Augen. Die wenigen Frauen – eine mit hohen Absätzen und engem Kleid, eine andere mit drei Kindern – haben sich gerade wieder mal von ihren Männern verabschiedet. Ein knorriger Kanadier aus dem französischsprachigen Teil des Landes murmelt »Je t’aime« in sein Handy. Das Bodenpersonal lächelt den jungen Mann an, der gerade von der Spätschicht kommt und für seinen Flug wachgestupst werden muss. Und als das Flugzeug schließlich abhebt, hat man als Besucher das Gefühl, als sei die ganze Stadt auf dem Weg nach Hause.

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