»Vertrauen wirkt«

Wer vertraut, blickt positiver auf die Welt, heißt es. Doch kann man lernen, anderen Menschen mehr zu vertrauen? Ja, sagt Professor Martin Schweer, der das einzige deutsche Vertrauenszentrum leitet – und auch, wenn es nur langsam geht: Die Investition lohnt sich.

Foto: Austin Kehmeier/unsplash

SZ-Magazin: Sie leiten das Zentrum für Vertrauensforschung an der Universität Vechta. Was macht Vertrauen so wichtig, dass es dafür ein eigenes Forschungszentrum gibt?
Martin Schweer: Vertrauen ist elementar, wenn wir soziale, gesellschaftliche, ökonomische und politische Probleme lösen wollen: Wie gehen wir mit einer Pandemie um? Wie gehen wir mit Nachhaltigkeit um? Wie gehen wir mit Diskriminierung um? Wir gehen wir mit einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft um? Ich sage das so unbescheiden, weil wir mittlerweile wissen, dass es keinen Lebensbereich gibt, in dem Vertrauen nicht ein tragendes Element des Miteinanders darstellt.

Was genau verstehen Sie aus wissenschaftlicher Sicht unter Vertrauen?
Ich will es so definieren: Vertrauen ist die subjektive Sicherheit, sich in die Hand von anderen begeben zu können.

Und wie entsteht diese Sicherheit?
Je mehr positive Erfahrungen Menschen in bestimmten Lebensbereichen machen, desto eher sind sie auch bereit, Vertrauen zu investieren. Das fängt sehr früh an, das sogenannte Urvertrauen entwickeln Säuglinge schon in ihren ersten Lebenswochen und Monaten. Babys und Kleinkinder sind ja existenziell darauf angewiesen, dass sie von ihren zentralen Bezugspersonen, in der Regel sind das die Eltern, mit allem Lebensnotwendigen versorgt werden. Sie müssen also darauf vertrauen können, dass die Versorgenden es gut mit ihnen meinen und ihre Bedürfnisse erkennen. Wenn dies auf Dauer nicht der Fall ist, wird sich ein unsicheres Bindungsverhalten einstellen. Und das wirkt sich in der Folge auf die Bereitschaft im späteren Lebensalter aus, das Risiko des Vertrauens anderen Menschen gegenüber einzugehen.

Unter jungen Eltern besteht gerade in Bezug auf das Schreien eine große Uneinigkeit: Es gibt Verfechter der Theorie, Kleinkinder müssten darauf konditioniert werden, alleine schlafen zu können, indem man sie regelmäßig eine Weile unbeachtet schreien lässt. Wie beurteilen Sie das aus vertrauenspsychologischer Sicht?
Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn es hängt von vielen Faktoren ab, ob und wie gut sich bei einem Menschen eine Vertrauens- und Bindungsfähigkeit ausbildet. Zunächst ist es sicher eine Frage des Alters: Ist ein Kind schon in der Lage zu begreifen, dass die Bezugspersonen es nicht verlassen, wenn sie etwa aus dem Raum gehen? Hat es bereits so viel Vertrauen gefasst, dass es eine solche Situation angemessen einschätzen und mit innerer Ruhe aushalten kann? Oder handelt es sich um ein Kind, das eher ängstlich und aufgrund bisheriger Erfahrungen verunsichert ist? Es spielt also eine große Rolle, welches Fundament die Beziehung von engen Bezugspersonen und Kind besitzt. Es ist wie in jeder anderen Beziehung auch: Im Falle einer stabilen Vertrauensbasis lassen sich schwierige Situationen besser bewerkstelligen, ohne dass dauerhafte Schäden entstehen. Das Setzen von Grenzen, in der Erziehung zwingend erforderlich, ist unter dieser Prämisse nicht bedrohlich, sondern stabilisierend.

Wie meinen Sie das?
Ein typisches, vielen Eltern bekanntes Beispiel: Wenn ein Kind das Zu-Bett-gehen-Ritual wieder einmal überstrapaziert, kann und sollte man einen deutlichen Schlussstrich ziehen, ansonsten reizen die Kinder diese Situation dauerhaft aus. Solche Regeln geben Halt, auch wenn sie sich vielleicht manchmal ärgerlich anfühlen. Sie führen nicht zu Vertrauensverlusten. Aus psychologischer Sicht ist es viel problematischer, wenn Regeln ständig geändert, die Grenzen ständig verschoben werden. Vertrauen entsteht gerade auch über Verlässlichkeit, dazu gehört, dass sich alle an die vereinbarten Spielregeln halten. Glaubwürdigkeit und Authentizität werden auf diese Weise gestärkt.

Und was ist mit den ganz Kleinen, die solche Regeln noch nicht verstehen?
Ich würde aus bindungspsychologischer Sicht nicht empfehlen, ein Kleinkind ins Bett zu legen und es in dem Wissen, satt und sauber zu sein, so lange schreien zu lassen in der Hoffnung, dass es irgendwann von alleine aufhört. Hierdurch können Ängste und Verunsicherungen verstärkt werden.

Würden Sie sagen, dass Menschen, denen es schwer fällt zu vertrauen, als Kinder häufig enttäuscht wurden?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen, richtig ist aber, dass zwischenmenschliche Rückschläge die Bereitschaft, Vertrauen zu investieren, fragiler macht. Wir alle kennen Menschen, die ihrem Umfeld eher mit Skepsis gegenübertreten. Vielleicht sind sie in einer Familie aufgewachsen, in der man nach innen vertraute, nach außen aber nicht. Gelernt wird sehr stark über Modelle, und solche Modelle finden sich selbstverständlich gerade auch in der eigenen Familie. Es kommt also nicht nur auf die eigenen Erfahrungen an, sondern zudem darauf, wie die Menschen im sozialen Nahraum auf die Welt blicken. Hierzu zählt auch der Einfluss sozialer Medien. Es besteht die Gefahr, dass die subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen sich stark an einer kleinen Auswahl von Informationen, Meinungen und Haltungen orientieren, weshalb der eigene Blick im Sinne der Suche nach Bestätigung nicht offen, sondern vielmehr sehr eingeschränkt ist. Dies können wir in Zeiten hoher Unsicherheit, wie momentan im Zuge der Corona-Pandemie, verstärkt beobachten.

Man würde meinen, dass Menschen in so einer Situation eher auf der Suche nach etwas sind, in das sie Vertrauen setzen können, oder?
Das ist in der Tat ein Dilemma. Besonders bedrohliche Situationen machen Vertrauen besonders wichtig, auf der anderen Seite ist die Bereitschaft, Vertrauen zu schenken, sehr eingeschränkt: Es gibt viele komplexe, zum Teil widersprüchliche Informationen, unsichere Handlungsoptionen, unklare Perspektiven. Es erscheint vielfach leichter, zu misstrauen oder diejenigen mit Beifall zu bedienen, die einfache, meist aber wenig zielführende Antworten anbieten. Typische Beispiele hierfür sind der Umgang mit sogenannten Verschwörungstheorien oder auch mit politischen Führern weltweit.

Viele Menschen sagen, sie hätten in der Coronakrise das Vertrauen in Politik und Wissenschaft verloren, weil sich deren Meinungen und Bewertungen ständig verändert hätten. Können Sie das verstehen?
Meiner Meinung nach ist das vor allem ein Kommunikationsproblem. Denn als Wissenschaftler weiß ich: Wissenschaft ist Erkenntnisfortschritt, es gibt konkurrierende Meinungen, und am Ende setzen sich die stabilsten durch. Es gibt in dieser Pandemie kein: »3 plus 4 ist 7, und das ist in 100 Jahren auch noch so.« Damit haben aber ganz viele Menschen Probleme, denken Sie etwa an die Forderung von einzelnen Politikern, Virologen sollten nicht mehr in Talkshows auftreten, um die Bevölkerung nicht mit unterschiedlichen Auffassungen zu »belasten«. Gerade mit Blick auf komplexe Herausforderungen können und müssen sich Perspektiven und Wahrheiten verändern, das liegt in der Natur der Sache. Dieses müssen aber gegenüber der Öffentlichkeit deutlich ausgesprochen werden. Und schließlich: Fehleinschätzungen und falsches Handeln müssen authentisch und glaubwürdig benannt werden. Passiert dies nicht, ist enttäuschtes Vertrauen absolut nachvollziehbar.

Gibt es eine Chance, enttäuschtes Vertrauen wiederherzustellen?
Im Prinzip schon, allerdings ist dies ein langer, schwieriger Weg. Vertrauen baut sich ja grundsätzlich langsam auf, Schritt für Schritt. Derjenige, der enttäuscht hat, muss sich sehr bemühen, immer wieder Angebote machen und glaubhaft zu den eigenen begangenen Fehlern stehen. Auch in diesem Fall sind Authentizität, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit ganz entscheidend.

Und dann ist es irgendwann wieder ganz gut?
Nehmen wir das klassische Beispiel in einer Partnerschaft, den Seitensprung. Meiner Meinung nach ist eine solche Enttäuschung niemals ganz auskuriert, es bleibt – selbst im Falle einer hohen Bereitschaft auf beiden Seiten – stets ein dunkler Schatten auf der Beziehung, der in krisenhaften Situationen wieder aktiv werden kann. Insofern sollte vor allem in jeder Beziehung der Blick darauf ausgerichtet sein, möglichst schwerwiegende Vertrauensbrüche zu vermeiden.

Ist man als jemand, der schnell vertraut, eher gefährdet, enttäuscht zu werden?
In dieser Hinsicht habe ich als Vertrauensforscher eine ganz klare Haltung: Vertrauen ist die beste Investition, die wir machen können, und wir sollten niemals »vorsorglich« misstrauisch sein. Die vorliegenden wissenschaftliche Studien zeigen eindrucksvoll, dass Vertrauen wirkt: Im Klima des Vertrauens ist ein besseres Miteinander, mehr Motivation, mehr Engagement, mehr Bindung gegeben. Dies schützt selbstverständlich nicht vor Enttäuschungen, die Wahrscheinlichkeit für das Erleben positiver Beziehungen steigt jedoch immens. Soziale Begegnungen vollziehen sich nämlich immer wechselseitig: Wer positiv in die Welt geht und damit auf die Vertrauenswürdigkeit der anderen setzt, der- oder diejenige wird auch eher Gutes zurückbekommen.

Wie kann man lernen, mehr zu vertrauen?
Über das Prinzip der kleinen Schritte. Man muss beispielsweise nicht gleich dem neuen Nachbarn sehr intime Dinge erzählen, sondern zunächst einmal etwas Unverfänglicheres. Es geht ja stets um das Risiko, das Menschen eingehen für den Fall, dass Vertrauen missbraucht wird. Und dieses Risiko kann man durchaus dosieren. Wichtig ist, es wirklich zu wollen. Vertrauen ist nämlich keine Strategie, sondern eine grundlegende Lebenshaltung, mit der wir unserem sozialen Umfeld begegnen.