Auf ein Glas Wein mit Gregor Gysi

Nicht viele werden für ihre Eloquenz so geachtet wie er. Gregor Gysi ist dafür bekannt, über alles reden zu können. Theresa Olkus hat ihn kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit in Berlin-Schöneweide auf ein Glas Weißburgunder getroffen.

Foto: Lucas Pretzel

Theresa Olkus: Morgen liegt die Wiedervereinigung Deutschlands 30 Jahre zurück. Wie sieht dieser Tag bei Ihnen aus?
Gregor Gysi: Ich habe Interviews. Außerdem muss ich einen Gast, den ich bald empfange, vorbereiten. Und dann wollte ich gerne einkaufen gehen, bis mir einfiel, dass es ja ein gesetzlicher Feiertag ist und alle Läden zu haben. Deshalb fällt letzteres aus.

Wäre normalerweise so etwas wie eine Feierlichkeit geplant?
Nein, den 3. Oktober habe ich nie gefeiert. Aber auch nicht das Gegenteil betrieben. Weil die Stimmung dazu nicht immer da war. Eigentlich war es auch nie besonders feierlich. Das liegt daran, dass auf der einen Seite die Vereinigung sehr positiv war und auch vieles gebracht hat. Dass aber auf der anderen Seite aus unterschiedlichen Gründen viele aus dem Osten und viele aus dem Westen den Tag nicht so richtig feiern wollen.

Weil man auch etwas aufgegeben hat?
Wichtig war die Einheit deshalb, weil ein immer möglicher Krieg zwischen beiden deutschen Staaten für immer ausgeschlossen war. Natürlich haben die Ostdeutschen auch Freiheit und Demokratie gewonnen. Natürlich hatte man plötzlich eine Währung, mit der man weltweit einkaufen konnte. Das konnte man in der DDR vergessen. Die Stadtzentren und Wohnungen wurden saniert, das muss man alles sehen. Aber sie haben natürlich eine soziale Sicherheit verloren. In der DDR gab es so gut wie nie Kündigungen von Arbeitsverhältnissen oder Zwangsräumungen. Die Sicherheit ist verloren gegangen. Die Bundesregierung hat sich in der DDR nicht wirklich etwas angesehen und deshalb nichts übernommen. Das Ampelmännchen und der grüne Abbiegepfeil zählen nicht.

Inwiefern?
Der Punkt ist folgender: Wenn man einer Bevölkerung nicht nur sagt, dass ihr System falsch ist, sondern auch, dass man nichts geleistet hat, was es sich lohnt zu übernehmen – dann demütigt man die Bevölkerung. An der Symbolik wurde zum Beispiel nichts verändert: Weder die Fahne, die Bezeichnung des Landes, die Hymne, noch das Emblem. Wenn man jemandem, der dazukommt sagt: „Ihr seid es nicht mal wert, dass wir ein Komma verändern“ hat das etwas Demütigendes. Auf der anderen Seite hätten die Westdeutschen die Erfahrung machen können, dass wegen des Hinzukommens des Ostens, sich ihre Lebensqualität erhöhte. Aber diese Erfahrung ist ihnen nicht gegönnt worden. Deshalb wollen auch sie nicht richtig feiern.

Also doch eher ein normaler Tag als ein Feiertag?
Wenn ich nun in Passau aufgewachsen wäre, hätte ich damals ein Glas Sekt getrunken. Heute würde ich mir sagen: „Naja, der Osten ist ziemlich teuer, da nörgeln sie rum und wählen komisch“. Und wenn man im Osten aufgewachsen ist, ist man die Bevormundung aus dem Westen leid. Das ist ganz interessant.


Hören Sie das gesamte Interview mit Gregor Gysi im Podcast

Woran denken sie zurück, wenn Sie sich an den 3. Oktober 1990 erinnern? Ich mache in der Zwischenzeit den Wein auf.
Ja, erst wird man zum Wein eingeladen und dann gibt’s gar keinen (lacht). Wenn ich mich zurückerinnere, musste ich ständig Reden zur Einheit halten. Am 4. Oktober tagte der Bundestag im Reichstag, obwohl er seinen Sitz eigentlich noch in Bonn hatte. Ich hatte zuvor in der Volkskammer auf einer Veranstaltung gesprochen – dann hier, dann dort. Bei irgendeiner Debatte an dem Tag hatte ich 15 Minuten Redezeit im Bundestag. Das war das erste Mal, dass ich nach sieben Minuten fertig war – was bei mir wirklich außergewöhnlich ist. Der amtierende Präsident meinte: „Aber sie haben noch reichlich Zeit.“ Ich meinte: „Ja, aber ich hab‘ nichts mehr zu sagen“. Alle lachten darüber. Warum? Damals dachte ich, dass immer dieselben Leute zuschauen. Alles, was ich schon mal gesagt hatte, kannten die Leute ja schon. Also musste ich mir immer was Neues ausdenken. Bei der vierten Rede fiel mir einfach nicht mehr ein als sieben Minuten. Heute habe ich längst begriffen, dass es Quatsch ist und dass das immer andere Zuhörer sind. Und eben auch, dass Wiederholung die Mutter der Porzellankiste ist. Oder der Weisheit eben. Prost.

Ich habe lange überlegt, welchen Wein ich mitbringe. Es ist ein Weißburgunder aus der Pfalz geworden.
Das ist staubtrockener Weißwein. Ich liebe trockene Weine und bestelle immer einen staubtrockenen Wein. Weil ich so etwas Süßliches nicht mag. Obwohl etwas fruchtig auch nicht schlimm ist, aber darüber möchte ich jetzt kein Fachgespräch mit Ihnen führen. Denn dann merken Sie, dass mein Wissen dazu begrenzt ist. Später habe ich noch eine Veranstaltung in Dessau. Leicht betrunken halte ich sie vielleicht besser aus (lacht).

Man sagt ja, dass die wirklich politischen Entscheidungen beim Wein getroffen wurden.
Das kann sein. Wissen Sie, woran das liegt? Wenn man Zeit hat, gemütlich zusammensitzt und es gibt große Probleme, die völlig unterschiedlich gesehen werden… Trinken die Kontrahenten dann einen Wein, werden sie immer versöhnlicher. Bis sie dann einen Kompromiss finden, auf den sie sich verständigen können. Das ist interessant, das muss man wirklich mal untersuchen. Ich nehme an, dass das heute auch noch so sein kann. Wenn es Widersprüche gibt, die es zu lösen gilt, kann es sein, dass auf diese Art leichter ein Weg gefunden wird, als wenn man sich fremd und kalt in so einem Saal gegenübersitzt.

Wenn Sie heute auf einem Staatsbankett sind – was wird da ausgeschenkt?Meistens deutscher Sekt. Ich habe noch nie erlebt, dass französischer Champagner ausgeschenkt wurde. Vielleicht wenn der französische Präsident da ist, das kann sein. Es gibt eine ganze Abteilung, die sich über das Essen und Trinken Gedanken macht. Ich bin zu einigen Empfängen gegangen, aber nur wenn es mir politisch wichtig war. Ausgelassen habe ich immer Königinnen und Könige, weil man dann einen Frack oder zumindest einen Smoking tragen soll. Ich habe 1988 einen Smoking in der DDR gekauft, damals ein Produkt aus der BRD. Aber ich traue mich gar nicht, ihn anzuziehen, weil ich nicht weiß, ob er zusammenfällt. Davon abgesehen finde ich mich albern im Smoking (lacht).

Foto: Lucas Pretzel

Gibt es so etwas wie einen Weinkeller des Bundestages?
Es gibt natürlich ein Restaurant mit Weinreserven. Aber es gibt keinen Weinkeller des Bundestages. Ich weiß nicht, wie es der Bundestagspräsident macht. Vielleicht hat er im Kühlschrank zwei drei Flaschen Wein, wenn Besuch angekündigt ist. Bei einem Empfang wird immer alles durch eine entsprechende Gesellschaft vorbereitet. Je nachdem, was für ein Empfang ist, wird dann ein bestimmtes Budget genehmigt. Ist es ein hochwertiger, ein mittlerer, oder ein kleinerer Empfang. Da gibt es natürlich eine Regelung. Der Bundestag hat noch nie einen Empfang für mich gegeben, aber gäbe er je einen für mich, würde der billigste Wein bestellt werden (lacht).

Was würde es zu trinken geben?
Ich kann ihnen sagen, was ich mache, wenn ich einen Empfang geben würde. (Er schenkt sich nach.) Ich würde guten Champagner und guten Weiß- und Rotwein bieten. Was ich gar nicht trinke, ist Schnaps. Vielleicht mal ganz zum Schluss einen Grappa, aber der haut mich dann halb um. Ich bin weder Fan von Cognac, Whiskey noch Wodka. Das ist alles nicht meine Welt.

Und sicherlich würde es einige Reden geben. Sie sind bekannt für Ihre Rhetorik. Welches Stilmittel ist „typisch Gysi“?
Ich bin sehr ironisch. Das sind viele. Ich bin aber gerne auch selbstironisch. Das sind nicht viele. Es macht mir Spaß zu sagen: „Bitte alles noch mal ganz langsam wiederholen, dass einer wie ich auch versteht, worum es geht“. Es wirkt bescheiden – ist aber in Wirklichkeit die höchste Form der Arroganz. Weil ich ja heimlich hoffe, dass es alle schon verstanden haben. Typisch für mich ist auch, dass ich nie grob im Vokabular bin. Trotzdem weiß ich um die Worte, die treffen können. Dann habe ich noch so eine Unart an mir, dass ich weiß, Pausen einzusetzen. In der Zeitung stand einmal der netteste Satz, den ich je über mich gelesen habe: „Bei Gysi nie zu früh nicken, immer noch den Nachsatz abwarten“ (lacht).

Foto: Lucas Pretzel

Zur ersten Folge: Auf ein Glas Wein mit Sarah Kuttner

Zur zweiten Folge: Auf ein Glas Wein mit Sven Hannawald

Zur dritten Folge: Auf ein Glas Wein mit Paul Ripke

Zur fünften Folge: Auf ein Glas Wein mit Hartmut Engler

Weitere Folgen "Auf ein Glas Wein" von 2019 gibt es hier

Anzeige teilen: