Warum wir alles behalten

Von wegen aufräumen: Statt Dateien auf dem Computer einfach zu löschen, schieben wir sie endlos hin und her. So schaffen wir Datenhalden, in denen wir unserem früheren Ich immer wieder neu begegnen.

Früher war Löschen Männersache. Gelöscht war gelöscht, ganz unsentimental. Die ganze verweichlichte Welt des »Bearbeiten – Rückgängig«, das feige Backups-Machen und Festplattenretten gab es nicht. Etwas zu löschen war eine unumkehrbare Entscheidung. Heute leben wir in einem Zeitalter des kompletten Speicherwahns. Jeder hebt alles auf, jedenfalls in digitaler Form, denn Daten wiegen nichts und nehmen keinen Raum ein. Digitaler Speicherplatz ist kein Thema mehr in einer Zeit, in der Privatmenschen Festplattenkapazität in Terabyte auf dem Schreibtisch stehen haben und sich auf der Weltfestplatte im Internet – der Cloud – ausbreiten können.

Wollen wir nicht mehr vergessen? Doch. Aber wir wollen nicht löschen. Und Löschen ist in einer Welt, die so voller Computer ist wie die unsere, gleichbedeutend mit Aufräumen. Mit den Bürosymbolen am Bildschirm des Apple Mac-intosh war 1984 der Papierkorb in den digitalen Alltag eingekehrt - und mit ihm ein verhängnisvolles Prinzip, nämlich dass man Dinge, die man schon weggeworfen hat, wieder zurückholen kann. Zu spüren bekommt man diese Löschmutlosigkeit anlässlich der seltenen Gelegenheiten, zu denen man seine Festplatte aufräumt. Selten, denn man ahnt ja bereits vorher, dass auf dem Gerät nicht nur nüchterne Daten und Souvenirs vergangener Lebensabschnitte zu finden sein werden, sondern auch frühere Versionen der eigenen Identität.

Um es mit einem analogen Beispiel zu illustrieren: Ich habe eine große Bücherwand im Wohnzimmer und bringe es nur alle paar Jahre zuwege, sie auszumisten und neu zu sortieren. Ich habe Angst, dabei in einem tagelangen Rausch aus Wiederentdeckungen verloren zu gehen. Vor allem aber habe ich Angst vor der Person, die ich war, als ich das letzte Mal Ordnung in die Bücher brachte – sinnierend, ein Buch in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Längst rauche ich nicht mehr, aber ich weiß, ganz tief ist da noch etwas, das durch bloßes Büchersortieren wieder wach geküsst werden und mich in einen Zombie verwandeln könnte – in eine Person, die Zigaretten raucht und eigentlich schon längst nicht mehr existiert.

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Macht es einen Unterschied, ob man in einem Umzugskarton wühlt, der drei Umzüge lang nicht mehr geöffnet worden ist, oder in dem megalomanischen Daten-Fuchsbau einer Festplatte? Das Gedächtnis arbeitet grundlegend anders als eine Festplatte. Was wir Erinnerung nennen, ist ein biologischer Prozess, der viel mit Übergängen zu tun hat, mit einem Verblassen, Herausdestillieren, Abmildern und nichts mit dem An- und Ausknipsen von Bits. Auf einer Festplatte führt schon die Bezeichnung »Baumstruktur« für die Verzeichnisgliederung zu einer falschen Vorstellung, nämlich dass es sich um etwas Oberirdisches handelt, während das Ganze viel eher dem Labyrinth eines Beutetiers gleicht.

Und das, was wir da hamstern, ist weitestgehend Zeug, das wir nicht brauchen. Heizmaterial für die Seele, das uns das Gefühl gibt, Vorräte zu besitzen. Auch das wird einem schmerzhaft deutlich, während man seine Harddisk durchgräbt und überlegt, wie lange man wohl braucht, um etwa 74 000 Textdateien auch nur zu überfliegen. Wir alle geben uns einer gigantischen Illusion hin. Wir glauben, dass Computer uns dabei helfen, Dinge zu ordnen. Stets wie mit dem Lineal gezogen stehen die Zeilen auf dem Bildschirm. Aber auch der Begriff »Datenverarbeitung« führt in die Irre – es werden Daten erzeugt. Die schiere Menge und die Feinkörnigkeit dessen, was man da alles so wiederfindet, zeigen einem Menschenwesen mit begrenzter Lebenszeit die Grenzen. Man findet ständig neue Beweisstücke, dass man gelebt hat, Lebenswinzigkeiten, die dazu führen, dass man zu seinem eigenen Spurensicherungstrupp wird.

Es kann durchaus auch beglückend sein, wenn man sich mit Computerhilfe auf eine neue Art genau und detailtief erinnern kann. Nicht selten ist es aber so, dass eine unbereinigte Art der Erinnerung den Genuss trübt: Haufenweise unscharfe und verwackelte Fotos von der Amerikareise vermitteln einem das Gefühl, ein unscharfer Zeitgenosse zu sein. Aber der Mensch braucht das Ungefähre, Ungewisse und Unaufgeräumte, um sich zu vergewissern, dass nicht bereits alles festgelegt ist – auch nicht die Vergangenheit –, und um sich frei fühlen zu können. Es ist deshalb eine Art Naturgesetz, dass Festplatten nie ganz aufgeräumt werden.

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