Ba-Ba-Banküberfall!

Eine wichtige Frage, die sich in Corona-Zeiten nicht nur Hypochonder stellen: Warum kann man sich Krankheiten nur einbilden, aber nicht ausbilden?

Illustration: Dirk Schmidt

Bruno, mein alter Freund, hatte kürzlich in der Bankfiliale zu tun. Vor dieser aber stand ein maskierter Mann, richtete eine Pistole auf Brunos Stirn und drückte ab.
Na gut, es war natürlich eine dieser Fieberpistolen.
Der Mann schaute auf das Display und nickte. Bruno durfte passieren.
»Wie viel Grad sind es denn?«, fragte er.
Der Mann blickte wieder aufs Display und sagte: »34 Grad.«
»Oha!«, sagte Bruno. »Im Schatten?« Der Angestellte blickte verwirrt, und mein Freund überlegt nun, doch endlich zum Online-Banking überzugehen. Da kann er sich selbst das Fieber messen.

Nebenbei zeigt die Geschichte aber auch, wie fundamental sich gewisse Dinge in unserem Leben schon verändert haben. Ein maskierter Mann vor einer Bankfiliale ist etwas Gutes, das war früher nicht so. Ja, man muss heute selbst ein Bankgebäude maskiert betreten; noch vor einem Jahr hätten die Angestellten in einem solchen Fall vermutlich die Polizei gerufen: Ba-Ba-Banküberfall! Die kommt nun selbst maskiert (eigentlich aber nur, wenn der Kunde nicht maskiert ist).

Anderes Beispiel: Zugluft. Vor nichts auf der Welt fürchteten sich

Heute jedoch muss es ziehen. Lieber sitzt man irgendwo vom

Nächstes Beispiel: Symptome. Bruno sagt, seit März fühle er sich

»Es gibt dazu einen schönen Satz von Georg Christoph Lichtenberg«, sagte ich. »Der war Physiker und Schriftsteller und wegen einer furchtbaren Rückgratverkrümmung vor allem von tatsächlichen Atembeschwerden, aber auch von eingebildeten Krankheiten geplagt. In seinem Sudelbuch habe ich gelesen: ›Mein Körper ist derjenige Teil der Welt, den meine Gedanken verändern können. Sogar eingebildete Krankheiten können würkliche werden‹, weil man unter der Einbildung genauso leide wie unter der wahren Malaise. Im Rest der Welt aber, schrieb Lichtenberg, ›können meine Hypothesen die Ordnung der Dinge nicht stören‹.«

»Blöd nur«, sagte Bruno, »dass man sich Krankheiten nur einbilden kann, nicht ausbilden. Also: Man kann sie gedanklich sozusagen herbeiführen, aber nicht abschaffen.«
»Bleibt die Impfung«, sagte ich.
»Darauf hoffe ich sehr. Aber ich werde mich dann nicht zuerst impfen lassen. Ich werde das abwarten.«
»Das sagen jetzt alle«, sagte ich. »Ich hingegen werde der Erste in der Reihe sein, Heidewitzka!, rein mit dem Stoff, wenn er nicht aus Russland kommt. Schon Ende September habe ich mich gegen Grippe impfen lassen, weil ich Angst hatte, das Zeug wird knapp. Ich sei der Erste in diesem Herbst, hat mein Arzt gesagt.«
»Das ist gut«, sagte Bruno. »Dann kann ich dich beobachten, nächstes Jahr, nach der Impfung.«
»Nichts ist wichtiger in diesen Zeiten«, rief ich, »als einen guten Freund zu haben!«­