Bäderkrise

Was geht verloren, wenn Freibäder geschlossen werden? Längst nicht nur Gelegenheiten zum Schwimmen, findet unser Kolumnist.

Einmal in der Woche gehe ich jetzt schwimmen, im Sommer, ins Freibad, bei Sonne und bei Regen, das ist mir egal. Ehrlich gesagt, ist es bei Regen am schönsten, es sind weniger ­Leute da, man kann in Ruhe seine Bahnen ziehen auf den wie immer nicht enden ­wollenden fünfzig Metern. Nach einer Dreiviertelstunde steige ich dann wieder raus, trockne mich ab, werde im Regen wieder nass, raindrops keep fallin’ on my head, der Schwimm­meister nickt mir zu, ich nicke dem Schwimmmeister zu, nothin’s worryin’ me …

Dieses Wort Schwimmmeister gefällt mir übrigens gerade so gut, die drei m in der Mitte sehen aus wie eine Luftmatratze, finden Sie nicht?

Jedenfalls entdeckte ich kürzlich bei Youtube ein Video über das Freibad Duisburg-Toeppersee. Dieses Bad wurde 2006 geschlossen und dann offenbar sich selbst überlassen, der Sprungturm steht noch da, blau-gelb, aus den Fliesen in einem Becken haben sich schon Bäumchen hervorgearbeitet, in einem anderen Becken modert Regenwasser, das Ganze erinnert an gewisse brasilianische Fußball­stadien, die nach der WM dem Regenwald überlassen wurden, ist es nicht so?

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Ich zappte mich weiter zu anderen Filmen über verlassene Bäder in Österreich, in Berlin, im Saarland, unfassbar: Freibäder, die man nicht mehr benutzt, werden offenbar nie ­abgerissen, sondern einfach der Natur über­lassen, bisweilen stehen Fünf-Meter-Türme zwischen Bäumen wie rätselhafte Zeichen einer verschwundenen Zivilisation. Nicht mehr lange wird es dauern, dann werden Fremdenführer hier Touristen begleiten wie durch ehemalige Maya-Tempel: Ja, von hier sprangen die Menschen ins Wasser, und hier war das Wasser, und darin schwammen die Menschen, ja, sie schwammen, eine vergessene Körperkunst, Sie können später Fotos davon im Museumspavillon betrachten.

In Deutschland schlossen allein im vergangenen Jahr, las ich, 62 Freibäder. Sie sind oft zu teuer für die Gemeinden, der Kostendeckungsgrad, las ich auch, liege bei 27,2 Prozent, also: Kostet der Eintritt drei Euro, legt die Kommune noch mal sieben Euro drauf. Das wird nicht besser, weil die meis­ten Freibäder nämlich in den Sechziger- und Sieb­zigerjahren gebaut wurden. Seitdem wurden wenige saniert, der Beton bröselt. Krankenhäuser kann man nicht einfach zumachen, Friedhöfe braucht man irgendwie, im Theater lässt sich mancher Oberbürgermeister auch mal selbst gern sehen, hingegen eine Freibadschließung, das kriegen die ­meisten Bürger doch gar nicht mit, während sie im Whirlpool dösen oder gerade die 67-Meter-Rutsche im Spaßbad herunter­jubeln.

Nein, das Verschwinden so vieler Freibäder (16 übrigens allein im Jahr 2017 in Bayern) wird höchstens von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft beklagt, vielleicht mal von der bayerischen SPD (aber die steht ja selbst kurz vorm Zusperren) und halt jetzt von mir hier. Weil es mir nämlich beim Freibad nicht bloß ums Schwimmen geht oder ums Sommervergnügen und um sehr schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der wir als Kinder morgens in den Ferien überlegten: Fahren wir heute in dieses Freibad oder in jenes oder in ein ganz anderes?

Nein, das Freibad war (und ist ja noch!) immer auch ein gesellschaftlicher Schmelz­tiegel, es war und ist für alle da, vor allem für jene, die keinen Pool haben und kein Haus auf dem Land und die keinen Urlaub im ­»Resort« machen können. Und wenn man jetzt so viel von der Spaltung der Gesellschaft redet in Arm und Reich, rechts und links, rassistisch und antirassistisch, Fleisch essend und auf Fleisch verzichtend, ausländerfeindlich und ausländerfreundlich, Impfungen befürwortend und Impfungen ablehnend, Kassen- und Privatpatienten, dann hätte ich doch hier die kleine Bitte: Wenigs­tens ins gleiche Wasser zu springen sollte uns weiterhin jederzeit möglich sein.