Das Beste aus aller Welt

Der Sport hat nichts mit Politik, die Ehefrau nichts mit der Affäre und Couscous nichts mit Küssen zu tun. Unser Kolumnist fragt sich, kann das sein?

Neulich gab es erstmals ein Formel-1-Rennen in Russland, in Sotschi. Auf die Frage, ob es angesichts der Lage in der Ukraine und der Repression in Russland angemessen sei, dort ein solches Ereignis zu veranstalten, antwortete Formel-1-Chef Bernie Ecclestone: »Wir haben mit Politik nichts zu tun.« Ach was!? Immerhin bot das Auto-rennen dem Präsidenten Putin in einer für ihn (und vor allem für das von ihm bedrängte Nachbarland) nicht einfachen Zeit eine tolle Bühne. Das soll nichts mit Politik zu tun haben?

Ecclestone kennt sich allerdings aus, mit etwas nichts zu tun zu haben: Im Sommer konnte er, der Bestechung angeklagt, das Münchner Landgericht als unbescholtener Mann verlassen. Er musste freilich dafür 100 Millionen Dollar zahlen, genau die Summe, die ihm seine geschiedene Frau jährlich als Unterhalt überweist. So dass Ecclestone nun ein Jahr lang kein Geld hat - hart, oder? Nachdenkliche Bürger fragten sich damals dennoch, wie viel das mit der vor Gerichten üblichen Wahrheitsfindung zu tun habe.

Nichts?

Aber hatte sich nicht das Gericht immerhin um die Wahrheit bemüht, sie aber nicht finden können? Und ist es dann nicht ganz okay zu sagen: Die Wahrheit ist zwar unauffindbar, aber wenn wir stattdessen hundert Millionen haben können, nehmen wir sie nicht ungern?

Echt jetzt, ich möchte diese Redewendung nicht mehr hören. Sie stimmt nie. Randalieren vor dem Stadion Hooligans, sagen Fußballfunktionäre, diese Menschen hätten mit Fußball nichts zu tun. Ist das wahr? Sehen wir nicht auch dem Feld Zähne fletschende, ja, beißende Männer? Ist nicht dieser Sport in Wahrheit eine permanente Auseinandersetzung mit dem Aggressionspotenzial des Menschen? Und wenn das dann aus dem Gleis gerät, soll es plötzlich nichts mehr mit Fußball zu tun haben?

Nebenbei: Sehen sie dann ein miserables Spiel, rufen Reporter ins Mikrofon: Das hat mit Fußball nichts zu tun! Hat Fußball mit Fußball nur zu tun, wenn er gut ist?

Von dem Ehemann mal nicht zu reden, der eine Affäre mit den Worten beichtet: »Das hat nichts mit dir zu tun«! Man fragt sich: Mit wem jetzt gerade sonst? Von dem Ehemann mal nicht zu reden, der eine Affäre mit den Worten beichtet: »Das hat nichts mit dir zu tun«! Man fragt sich: Mit wem jetzt gerade sonst?

Nein, in Wahrheit hat sehr vieles mit dem meisten etwas zu tun, nur nicht der Satz »Dies hat mit jenem nichts zu tun« mit Nachdenken und Differenziertheit. Man kann zum Beispiel der Ansicht sein, auch in Zeiten wie diesen müsse ein großes Sportereignis wie die Formel 1 in Russland möglich sein; die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 steht uns ja dort bevor. Aber muss man sich nicht gerade dann der politischen Rolle des Sports besonders bewusst sein?

Anderes Beispiel: Der Kabarettist Dieter Nuhr hat Witze über den Islam gemacht, was ihm nicht nur die Anzeige eines humorarmen Osnabrücker Kampfsportschulbesitzers eintrug. Sondern auch die Kritik des Migrationsforschers Klaus Bade, er verwechsele den Islam mit dem Islamischen Staat (was nicht stimmt, wie jeder, der Nuhrs Texte kennt, bestätigen wird), und das habe »in etwa so viel miteinander zu tun wie eine Kuh mit dem Klavierspiel«, also: nichts.

Kann das sein? Kann man zum Beispiel sagen, dass die Kreuzzüge nichts mit dem Christentum zu tun hatten? Kann man leugnen, dass der Islam ganz offensichtlich radikale, aggressive Auslegungen ermöglicht? Darf man so tun, als ob Leute, die tagaus, tagein aus dem Koran zitieren, nichts mit dem Koran zu tun haben? Wäre es nicht ein wenig sauberer und ehrlicher zu sagen: Natürlich hat das mit dem Islam zu tun, aber nicht mit dem Islam, wie wir ihn verstehen, auslegen und leben, und wie man ihn verstehen, auslegen und leben sollte? Nur ein Vorschlag.

Bruno, mein alter Freund, sagt, er habe auf der Internetseite eines Naturkost-Handels die Überschrift »Couscous - mit Küssen hat das nichts zu tun« gefunden; hier sei die Redewendung aber wirklich passend. Meine Antwort ist: Nein. Wie, um alles in der Welt, sollte eine Gericht, dass man Kusskuss nennt, nichts mit Küssen zu tun haben?

Illustration: Serge Bloch