Das Beste aus meinem Leben

Glauben Sie mir, es ist seltsam, aber wahr: An manchen Tagen wache ich morgens auf und weiß nicht mehr, wie eine Kuh macht.Macht sie »Mäh«?Macht sie »Pflupf«?Macht sie »Harumpsi«?Ich weiß es nicht. Ich liege im Bett und starre an die Decke. Alle anderen schlafen noch. Niemand ist da, den ich fragen könnte. Ich schließe die Augen und stelle mir eine Kuh vor. Aber sie steht da, in meinen Vorstellungen, die Kuh, und macht nichts, eine stumme dumme Kuh.Manchmal gibt es ja Fragen, die möchte man sofort beantwortet haben. Man denkt, es gehe nicht weiter mit dem Leben, wenn man nicht sofort eine Antwort erhalte. So ist es jetzt bei mir.Wie macht die Kuh?Macht sie »Kikeriki«?Macht sie »Höhö«?Macht sie »Schnarch«?Leise stehe ich auf, gehe ins Wohnzimmer und greife nach Meyers Enzyklopädischem Lexikon. Unter »Kuh« schlage ich nach, da steht: »Bei verschiedenen Säugetieren (z. B. Rindern, Giraffen, Elefanten, Flusspferden) Bez. für das erwachsene weibl. Tier (beim Hausrind ab dem ersten Kalben; auch Färse).«Schön und gut. Aber wie macht die Kuh?Macht sie »Bez.«?Macht sie »weibl.«?Macht sie »Meyer«?Ich gehe ins Bad, starre in den Spiegel und versuche auszusehen wie eine Kuh, blöde glotze ich ins Glas vor mir und malme mit den Kiefern, doch es ergibt sich nichts, nicht die kleinste Erinnerung regt sich. Dabei wusste ich’s doch mal, wie die Kuh macht, aber es ist mir entfallen, und ich weiß nicht, wohin es mir entfiel.Ich gehe in die Küche, suche das Telefon und rufe beim Bauernverband an. Aber es ist zu früh, niemand ist da, nur ein Anrufbeantworter, und der macht »Piep«.»Es hat keinen Sinn«, denke ich. »Ich muss warten.«Also gehe ich ins Bad. Wenn ich wieder herauskomme, denke ich, wird sicher Paola wach sein, die kann ich dann fragen, und ich möchte frisch geduscht ein, wenn ich endlich erfahre, wie die Kuh macht.Ich rasiere mich, »kratzkratz«. Ich putze meine Zähne, »schrubbschrubb«. Ich dusche mich, »prickelprickel«.Dann trockne ich mich ab, schlinge das Handtuch um meine Hüften, gehe aus dem Bad, um mich anzukleiden, da höre ich aus dem Zimmer der kleinen Sophie ein Geräusch. Ich gehe den Flur entlang und höre, dass Paola in Sophies Zimmer ist, sie betrachtet mit ihr zusammen anscheinend ihr Lieblingsbuch, ein Buch voller Bilder von Tieren, auf die man zeigt, damit Sophie etwas sagt.Ich lausche an der Tür.»Wie macht die Ente?«, fragt Paola.» -ak, -ak«, sagt Sophie leise.»Wie macht der Hahn?«» -i, -i, -i…«Und ich will schon die Tür öffnen und rufen: »Bitte, sagt mir endlich, die Kuh macht, ihr wisst es doch, aber mir ist es entfallen, den ganzen Morgen schon sehne ich mich danach, endlich zu erfahren, wie die Kuh macht, heraus mit der Sprache jetzt!, ich will nicht länger leiden.«Da sagt Paola hinter der Tür: »Und wie macht die Kuh?«Und Sophies leises, zartes Stimmchen sagt: »Muuuuh.«Und nun frage ich Sie: Ist es nicht schön, kleine Kinder zu haben, von denen man so viel lernen kann?

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