Das Beste aus meinem Leben

Die kleine Sophie lernt nun sprechen, ein hoch interessanter Vorgang. Das Sprechenlernen beginnt nämlich so, dass die Sophie einzelne Wörter formt, die nichts bedeuten. Jedenfalls nichts für uns Erkennbares.Hängü. Ababkih. Abábetschih. Krodgra. Guhdgäh. Nu-na.So hat es bei uns allen angefangen. Und man fragt sich, wo all die Wörter geblieben sind, die wir mit anderthalb vor uns hinsprachen. Wie kann es sein, dass so viele Wörter Tag für Tag geboren werden, um dann sang- und klanglos wieder zu verschwinden? Müsste man nicht auch diese nichtsbedeutenden Begriffe aufbewahren? Vielleicht kann man sie eines Tages brauchen? Ist denn ein Wort nichts wert, bloß weil es nichts bezeichnet? Was ist das für ein blödes, kapitalistisches Nutzdenken? Ich fordere Archive und Dictionarys auch für Wörter, die nichts heißen! Es wäre eine einzigartige Fundstätte. Denn jeden Tag gibt es auch neue Gegenstände, die keinen Namen haben – hier könnte man nach Bezeichnungen suchen und müsste sich nicht erst umständlich welche ausdenken.Nuna, das wäre zum Beispiel ein schönes Wort für einen Kleinwagen. Der neue Ford Nuna ist da.Und wenn man eines Tages eine hirngesteuerte dritte Hand erfinden würde, die man sich nur anschnallen muss und schon funktioniert sie – auf Bulgarisch könnte man sie Krodgra nennen und auf türkisch Hängü. (Übrigens sollte man sie bald erfinden, ich brauche sie dringend, weil man Sophies faltbaren Kinderwagen nur mit drei Händen auseinanderfalten kann.)Paola hat jetzt ein Baby-Wörterbuch gekauft, da trägt man das richtige deutsche Wort ein und auf der anderen Seite das, was das eigene Baby dazu sagt. Umgekehrt geht es leider nicht, man kann also nicht Hängü, Ababkih, Abábetschih, Krodgra, Guhdgäh und Nuna nachschlagen und sehen, was Sophie damit vielleicht doch gemeint haben könnte.Paola schreibt also links das deutsche Auto, rechts Oddo, das ist sophiehisch. Links Arm, rechts Amm. Links Hunger, rechts Unga.Ein paar Wörter hat der Wörterbuch-Verlag schon vorgedruckt, aber man wundert sich, was die Kinder von Wörterbuch-Redakteuren anscheinend so alles können. Sie haben Wörter für Indianer, Qualle und Xylophon, da kommen wir nie hin. Woher soll ich eine Qualle oder einen Indianer bekommen, damit sich Sophie ein Wort dafür ausdenken kann?Neulich stand die Sophie am Fenster und schaute hinaus. Plötzlich schrie sie aufgeregt: »Naum! Naum! Naum!« und zeigte mit dem Finger hinaus.Ich sah nichts, was sie hätte meinen können. Worum ging es ihr? Wollte sie nach Naumburg reisen? Ging ein Herr namens Naum die Straße entlang? Oder (vielleicht weil neuerdings ein Mädchen aus der Mongolei in Luis’ Klasse geht und oft bei uns zu Besuch ist) könnte Naum zum Beispiel das mongolische Wort für jenes spezifische halbstündige Dämmerlicht kurz vor Einbruch der richtigen Dunkelheit sein?Nach einer Viertelstunde erst verstand ich: Da unten spielte eine Katze, und die Katzen machen Miau, und das heißt eben Naum bei Sophie. Oder, bitte, wenn wir zusammen noch einmal genau hinhören: Machen die Katzen nicht in Wahrheit Naum? Naaaaaum....?

Artikel teilen: