Riesen und Zwerge in der SPD

Unser Kolumnist wollte sich Gedanken übers Schrumpfen der Sozialdemokratie machen. Dann kam ihm ein Zitat des Juso-Vorsitzenden dazwischen.

Bruno, mein alter Freund, ist eigentlich kein SPD-Wähler. Aber wenn es am Ende Neuwahlen geben sollte, sagt er, werde er überlegen, sein Kreuz bei den Sozialdemokraten zu machen. Er möchte nicht, dass eine Partei mit dieser großartigen Tradition verschwinde wie die Sozialisten in Frankreich, die praktisch nicht mehr existierten.

Außerdem, füge ich hinzu, bin ich so an die SPD gewöhnt, seit Kindesbeinen. Immer hat es sie gegeben, mit ihr bin ich aufgewachsen. Mein Großvater war Genosse, Bürgermeister sogar. Ich bin mit Flüchen auf die CDU im Gemeinderat groß geworden, mancher Großonkel war bei der SPD. Der Vater verehrte Helmut Schmidt, und ich trug 1972, obwohl ich noch gar nicht wählen durfte, selbst am Pyjama einen »Willy wählen«-Button, also bitte. Das kann man nicht vergessen, schon gar nicht in wackeligen Zeiten.

Die SPD war immer ein Standbein unseres Landes. Andererseits fällt mir ein Schlager von Bully Buhlan ein, den kannte in den Fünfzigerjahren jeder und heute kaum noch einer. Das Lied heißt Ich hab’ mich so an dich gewöhnt. Die Assoziation ist verdächtig. »Wenn du älter wirst, und die Figur wird langsam rund. Wenn du Brillen trägst und kannst mich kaum mehr seh’n. Was auch immer kommt, für mich gibt’s keinen Scheidungsgrund, denn für mich, da bleibst du ewig jung und schön. Ich hab’ mich so an dich gewöhnt.« Da denkt man an Martin Schulz und »kommt ins Simulieren«, wie meine Großmutter immer sagte, wenn sie »Sinnieren« meinte, nicht wahr? War es auch Bully Buhlan, der Heute so, morgen so sang? Nein, Roberto Blanco, später.

Ist es tatsächlich möglich, dass die SPD mal verschwindet, weil sie keinen findet wie Jeremy Corbyn oder Bernie Sanders? Weil sie nicht mehr weiß, was sie will und für wen sie es will? Und weil sie denen, für die sie etwas wollen könnte, nicht mehr vorangeht, sondern hinterherläuft? Der Juso-Vorsitzende Kühnert hat auf dem Sonderparteitag gesagt, die SPD solle »heute einmal ein Zwerg sein, um künftig vielleicht wieder Riesen sein zu können«. Das wäre, wenn’s geschähe, wundersam – allein schon, weil aus einem einzelnen Zwerg »Riesen« entstünden, was es in Realität oder Mythologie nie gegeben hat. Weder in den germanischen Sagen noch bei Richard Wagner, weder bei den Brüdern Grimm noch bei Tolkien, weder bei Rowling noch bei Swift sind je Menschengruppen verzwergt und dann »vielleicht wieder Riesen« geworden.

Auch in dem aktuellen Film Downsizing geschieht nichts dergleichen. Dort gibt es Leute, die sowohl die Rettung des Globus als auch der Menschheit in einer Art Gesundschrumpfung sehen: Personen schnurren auf zwölf Zentimeter Körpergröße zusammen, um das Problem der Überbevölkerung zu lösen. Doch für Matt Damon und Christoph Waltz gibt es kein Zurück.

Einmal Zwerg, immer Zwerg.

Nein, die SPD miniaturisiert: nichts für mich. Sie war immer groß und übrigens aber nie ein Riese, denn Riesen sind in den alten Geschichten, wenn es gut geht, eher dumm, und wenn es nicht so gut geht (also meistens) brutal dazu, also, um es für Andrea Nahles zu sagen: Die blöden Riesen geben den Menschen in die Fresse, bis es quietscht. Im Moment ähnelt die Partei eher dem Scheinriesen Tur Tur in Michael Endes Jim-Knopf-Geschichte. Herr Tur Tur ist von Weitem groß. Tritt man ihm näher, entpuppt er sich als normal, freundlich, hilfsbereit – und sehr einsam. Vielleicht verschwindet die SPD einfach, löst sich in anderen Parteien auf wie Brausepulver in Wasser. Vielleicht ist sie auch biologisch abbaubar und eines Tages rückstandslos weg, nach einer Mitgliederbefragung natürlich?

Kann auch sein, dass wir 2025, wenn sie 150 Jahre alt würde, an ihrem Grab stehen. Wenigstens wird es, Herr Kühnert, ein Hünengrab.

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