Danke für alles, Oma

Als ihre geliebte Großmutter schwer krank wird, trifft unsere Autorin eine ungewöhnliche Entscheidung: Sie kündigt ihren Job und widmet der Oma so viel Zeit wie möglich. Doch das Schicksal lässt sich nicht aufhalten.

TEEWASSER
Ich weiß es, als ich die Küchentür öffne und zum ersten Mal seit über 20 Jahren kein Teewasser auf dem Herd steht. Oma stellt immer Teewasser auf, wenn ich zum Frühstück komme. Sie müsste nicht, es ist nur Gewohnheit geworden. An diesem Frühsommertag fehlt der kleine, silberne Topf auf der Platte. Noch bevor ich die Tür ganz aufmache, weiß ich: Ab heute wird es nie wieder so wie früher.

Oma, 76, sitzt auf einem Stuhl am Küchentisch, die Zeitung unaufgeschlagen, kein Tee, keine Buttersemmel. Sie atmet flach und schnell. Zu schnell. Und Oma, die nur zum Arzt geht, wenn sie ein Rezept für ihre Hustentropfen braucht, sagt: »Hol' mir den Doktor.« Eine dreiviertel Stunde später kommt der Krankenwagen.

KRANKENHAUS I
Verschleppte Entzündung, sagen die Ärzte. Aber da ist noch etwas anderes, etwas Unbekanntes. Das Herz ist es nicht, es ist stark und gesund. Ich sitze neben Oma auf dem weiß bezogenen Bett, halte ihre Hand und denke: Natürlich ist es das.

Blutentnahme. Ultraschall. Belastungstest am Ergometer.

Den schafft Oma nicht. Sie hat schon Atemnot, wenn sie aufstehen muss. In ihrem Krankenblatt wird der Ergometer-Test als »verweigert« eingetragen. Oma und ich ärgern uns gemeinsam. Sie sagt: »Das auf dem Rad, das konnte ich einfach nicht.«

Röntgenbild, Thorax. Röntgt man die Lunge, sollte sie ebenmäßig und dunkel dargestellt werden. Dann ist sie gesund. Omas Lunge hat kleine und größere weiße Flecken. Die Ärzte runzeln die Stirn.

Die Diagnose trägt den Namen »Lungenfibrose«. Eine Bindegewebskrankheit der Lunge, die verhindert, dass das Organ genügend Sauerstoff ins Blut transportiert. Die Patienten werden kurzatmig, versuchen den Sauerstoffmangel mit schnellerem Atmen auszugleichen. So wie Oma.

Woher kommt so etwas?, frage ich. Niemand weiß es, und die Ärzte verstecken ihre Ratlosigkeit hinter der klug klingenden Vokabel »idiopathisch«. Wie heilt man das?, frage ich, fest überzeugt, dass man bei einer so rüstigen Frau wie Oma einfach alles heilen kann. Es gibt keine Heilung, sagen die Ärzte. Außer einer Lungentransplantation. Dafür ist Oma zu alt.

Aber man kann die Krankheit sehr gut eindämmen. Sie angeblich fast zum Stillstand bringen. Die Lösung ist Luft.

Als ich Oma das nächste Mal sehe, trägt sie eine Sauerstoffbrille und ein Lächeln im Gesicht. So kann man den Sauerstoffmangel im Blut ausgleichen, erfahre ich. Das Gerät wird sie auch zu Hause brauchen, aber nur nachts. Die Intensität der Luftzufuhr lässt sich außerdem regulieren. Bei Oma ist sprichwörtlich viel Luft nach oben. Ich bin erleichtert.

Bald darauf wird Oma entlassen. Das Sauerstoffgerät wird zu uns nach Hause geliefert.

BERLIN I
Ich ziehe um. Noch bevor Oma krank wurde, habe ich eine Stelle bei einer Tageszeitung in Berlin angenommen. Da dachte ich noch, es sei alles in Ordnung. Jetzt ist mir unwohl bei dem Gedanken, so weit von der Frau entfernt zu sein, mit der ich mehr als zwei Jahrzehnte unter einem Dach gelebt habe. Oma hat mich vom Kindergarten, der Grundschule, dem Gymnasium abgeholt, während meine Mutter arbeiten war. Sie hat mit mir Lesen und Rechnen geübt, später Englisch- und Französischvokabeln, obwohl sie beide Sprachen nicht kann. Wenn ich die Schulsachen fertig hatte, durfte ich Tom und Jerry schauen und bekam eine Schokoladensemmel: Semmel auf, halbe Tafel Milka rein, Semmel zu. Oder wir waren draußen, beim Spazierengehen, im Wald, beim Pilzesuchen. Oma ist so selbstverständlich präsent, dass ich zum Muttertag immer zwei Karten bastle. Eine für Mama, eine für sie.

Jetzt steht mein Polo abfahrtbereit vor der Garage, und Oma, die noch nie in Berlin war, sagt: "Kommst aber schon wieder, oder?" Ich nicke bedrückt, Oma wäre nie von meiner Seite gewichen, während ich krank bin. Einmal, als ich mich in der Grundschule auf den Boden übergeben hatte, stand sie innerhalb von fünf Minuten im Klassenzimmer. Die Lehrerin sah sich außerstande, "das da" wegzumachen, also putzte Oma - vor den Augen aller Mitschüler. Ich lehnte käseweiß und apathisch an der Wand. Oma war fürchterlich wütend. Auf die Lehrerin. Nicht auf mich.

Kann man jemanden zurücklassen, der so viel für einen getan hat?

Ich atme tief durch und beruhige mich: Ich weiß, meine Mutter kümmert sich um sie, wenn ich nicht da bin.

Es geht Oma auch besser, seit sie wieder zu Hause ist. Die Sauerstoffbrille zieht sie nur nachts an. Das haben wir zusammen geprobt: Erst über das eine Ohr, dann über das andere. Sogar die Blumen in ihrem wunderschönen Garten kann sie wieder pflegen. Dahlien, Tulpen, rote Rosen. Sie braucht jetzt einen Hocker, wenn sie verwelkte Blüten abschneiden will, Bücken kostet zuviel Kraft. Aber sie ist gern draußen. Nur wenn der Wind kalt von den Bergen weht, traut sie sich nicht.

TELEFON I
Weil ich so daran gewöhnt bin, Oma fast täglich zu sehen, telefonieren wir oft. Sie hat jetzt ein schnurloses Telefon in der Küche, damit sie dabei sitzen kann und nicht neben dem alten Festnetz-Apparat im Wohnzimmer stehen muss. Ganz geheuer ist ihr das neue Gerät aber nicht. Ich verspreche, das "Ding" mit ihr durchzugehen, wenn ich Urlaub habe und wieder zu Hause bin. Meine Nummer habe sie trotz aller Widrigkeiten als Allererstes eingespeichert, erzählt sie mir stolz. Ich schmunzle. Dass sie das nicht sehen kann, fällt mir erst ein, nachdem ich aufgelegt habe.

ZU HAUSE I
Urlaub, wenige Monate später. Als ich die Küche betrete, sitzt Oma im Lehnstuhl und trägt ihre Sauerstoff-Brille. Dabei ist es noch Tag, draußen scheint die Sonne. Sauerstoff nur in der Nacht, erfahre ich, hat nicht mehr gereicht. Außerdem kann Oma nicht mehr lang stehen oder gehen, die Füße tun weh. Mehr als 50 Jahre lang werkelte sie am Herd, erst für Mann und Kinder, dann für mich. 365 Tage im Jahr, Suppen, Braten, Kartoffelsalat. Jetzt kocht meine Mutter ihr Essen vor. Oma muss es nur noch aufwärmen.

GOOGLE I
Das kann nicht sein: So eine Verschlechterung in so kurzer Zeit? Die Ärzte hatten von "Eindämmen" gesprochen. Zum ersten Mal setzte ich mich an den Rechner und suche im Internet nach Omas Krankheit. Ok, Google: Lungenfibrose. Idiopathisch.

Das Netz weiß Dinge, die ich lieber nicht lesen würde. Idiopathische Lungenfibrose ist unheilbar. Das ist mir klar. Was ich bisher nicht weiß, ist: Die Krankheit schreitet rapide voran. Wird sie im Endstadium diagnostiziert, beträgt die Lebenserwartung des Patienten noch maximal fünf Jahre.

Maximal.

Bei Oma wurde die Krankheit im Endstadium diagnostiziert.

Außer einem Wikipedia-Artikel finde ich ein Forum für Betroffene, in dem sich vor allem Angehörige austauschen. Ich lese, dass die medizinisch veranschlagten fünf Jahre eine Utopie sind. Die meisten Angehörigen berichten von höchstens zweieinhalb Jahren, in denen alles Stück für Stück schlechter wird. Bis zum Schluss.

Ich fahre den Rechner herunter. Mir ist flau.

Wie sagt man jemand, dass er sterben wird?

TAGESZEITUNG
Oma erfährt es selbst. Eines Tages, als sie die Zeitung aufschlägt, stehen auf der Gesundheitsseite Artikel über Lungenkrankheiten. Auch über ihre.

Wir wissen es jetzt. Alle. Oma, meine Mutter, ich. Was es bedeutet, verstehen wir nicht.

TELEFON II
Ich nehme mir vor, täglich anzurufen, wenn ich nicht da bin. Das ist nicht immer leicht. Ich arbeite, und wenn ich Pause habe, hält Oma Mittagsschlaf, aus dem ich sie nicht wecken will. Abends geht sie früh zu Bett, ich bin auf Terminen. Oft schaffen wir es doch irgendwie. Dann reden und lachen wir, stundenlang. Wie früher. Wie immer. Nur wenn Oma hustet, müssen wir eine Pause einlegen.

Das Telefon macht mir aber auch ein schlechtes Gewissen. In manchen Wochen schaffe ich es zwei, drei Tage hintereinander nicht, anzurufen. Ich weiß genau, wie Oma sich melden wird, wenn ihr Display am vierten Tag endlich meine Nummer anzeigt: »Ach, dich gibt's auch noch!« Oma meint das nicht böse. Aber ich fühle mich schlecht.

Sie war immer für mich da. Ich habe nicht mal Zeit, den Hörer abzunehmen.

ZU HAUSE II
Oma ist schmal geworden. Die Frau, die ich immer mit den typischen fünf Kilo zu viel kannte, ist jetzt hager, mit scharfen Gesichtszügen. Dabei isst sie nicht wenig. Kleine Portionen, dafür alles, was schmeckt. Ich fahre zum Konditor und kaufe Granatsplitter, ich koche Risotto, ich zerstampfe Avocados zu Brei, weil ich irgendwo gelesen habe, dass sie nahrhaft sind. Und sehe, wie sie jeden Tag dünner wird.

GOOGLE II
Das Internet weiß: Wird der Körper nicht richtig mit Sauerstoff versorgt, kann er auch nicht mehr »ansetzen«.

Oma wird nicht mehr zunehmen. Ganz egal, wie viele Granatsplitter ich ihr kaufe.

BERLIN II
Arbeit. Sport. Kneipe. Kino. Es gibt kaum einen Moment, in dem ich nicht denke: Ich müsste ihre Hand halten. Ich müsste für sie kochen, so, wie sie es früher für mich getan hat. Ich müsste mit ihr Kreuzworträtsel lösen, weil sie ohne mich immer Probleme mit den lateinischen Fremdwörtern hat.

Stattdessen sitze ich im Büro und schreibe Texte, von denen ich manchmal sicher bin, dass niemand sie lesen wird.

Ich müsste da sein.

ZU HAUSE III
Jeder Tag Urlaub bedeutet jetzt: Oma. Ich würde gern einmal wieder wegfahren – meine letzte, längere Reise ist fast drei Jahre her. Aber mir ist klar, dass ich wenig davon genießen kann, wenn sie krank zu Hause ist - ich mache mir ja schon im Büro ständig Sorgen. Deswegen hechte ich an jedem letzten Arbeitstag ins Auto und fahre 640 Kilometer nach Süden. Oft komme ich erst spätnachts an, und das erste, was ich am nächsten Morgen tue, ist nicht frühstücken, sondern: Nach ihr sehen.

Oma macht keine Kreuzworträtsel mehr. Sie sieht auch nicht mehr fern. Nicht einmal die Zeitung liest sie noch. Ich sitze am Küchentisch, sie im Lehnstuhl, wir schweigen uns jetzt oft an, wenn ich da bin. Es ist kein schlechtes Schweigen, eher ein beruhigendes. Wenn wir schweigen, müssen wir nicht über die Krankheit reden.

»Wird schon« ist mein geflügeltes Wort. Mein Schutzschild in allen Situationen. Ich sage es, wenn Oma doch darüber spricht, dass es ihr schlecht geht, dass die Füße schmerzen, die Ohren vom ewigen Tragen der Sauerstoffbrille, dass sie wenig Appetit hat. Wird schon. Wird schon, Oma, Kopf hoch.

An einem Tag zähle ich heimlich mit: Ich sage es mehr als vierzig Mal.

BERLIN III
Ich kündige. Mein Job gefällt mir nicht mehr, das ist ein Grund. Der wesentlich wichtigere ist Oma. Ich will frei arbeiten, um öfter und länger bei ihr sein zu können. Meinen Laptop kann ich auch auf ihrem Küchentisch aufklappen. Außerdem will ich meine Mutter entlasten: Sie überlegt sich, sich freistellen zu lassen, um sich ganztags um Oma zu kümmern. Theoretisch ist das möglich, praktisch schwierig. Ich dagegen kann wochenweise meine Texte in Omas Wohnung schreiben und ihr mittags die Suppe aufwärmen. So wild kann das ja nicht sein, denke ich. In meinen bisherigen Urlauben habe ich es schließlich genauso gemacht. Als ich die Entscheidung getroffen habe, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich habe Oma vielleicht zurückgelassen. Aber ich komme wieder, um diesen Fehler auszubügeln.

ZU HAUSE IV
Tage mit Oma können lang sein, zäh, nervenzerfetzend. Ich betrete die Wohnung gegen halb 10 am Vormittag und bleibe bis abends um sechs, manchmal bis sieben. Das Sauerstoffgerät dröhnt ununterbrochen, es riecht nach Minzöl, mit dem sie sich die Schläfen gegen ihr Kopfweh einreibt. Oma ist schlecht gelaunt, alles tut weh, »hoffentlich ist's bald vorbei«. Setze ich mich auf die Eckbank, scheucht sie mich in der nächsten Sekunde wieder auf: Hol mir dies, hol mir das, bring mir jenes. Fahr einkaufen! Ich habe Angst, wenn ich länger als eine halbe Stunde bei Edeka brauche. Neulich wäre sie fast über ihren Sauerstoffschlauch gestürzt, als sie doch einmal aufgestanden ist. Ich bettle ihr Nussschnecken in den Mund, iss doch was, Oma, und wenn ich endlich auch zum essen komme, meckert sie: »Du schlingst«. Ich bin 25, sage ich, ich habe normalen Appetit. Jetzt ist sie beleidigt.

Jeden Tag nehme ich mir vor, trotz allem freundlich und gut gelaunt mit ihr umzugehen. Ich schaffe es sechs Stunden lang, sieben. Nach acht Stunden kann ich nicht mehr. Ich gehe vor die Haustür und würge ins Blumenbeet, so gestresst bin ich. Ich frage mich, ob es professionellen Pflegekräften am Ende ihres Arbeitstages auch so geht. Oder nur mir, weil ich keine Erfahrung mit solchen Situationen habe. Noch nie habe ich mich so überfordert gefühlt.

Abends kommt meine Mutter und übernimmt. Ich lasse mich mit Fernseh-Trash berieseln, ohne richtig hinzusehen. Morgen werde ich mir den ganzen Tag nichts anmerken lassen. Immer freundlich sein, die Belastung einfach weglächeln. Sie kann nichts dafür, sie ist krank. Ich war als Kind sicher auch unleidig, wenn ich krank war.

KRANKENHAUS II
Spätherbst, ich habe Termine in Berlin. Als ich zur U-Bahn laufe, klingelt mein Handy. Oma ist wieder im Krankenhaus, sagt meine Mutter, nichts Wildes, mach deine Arbeit. Heimkommen musst du nicht.

Vier Stunden später sieht alles ganz anders aus. Oma wollte nicht im Krankenhaus bleiben, obwohl die Ärzte ihr dazu geraten haben. Sie ist wieder zu Hause, aber es geht ihr schlecht. Sie ist zu schwach zum Sitzen, wir brauchen ein Pflegebett – aber um eines zu bekommen, muss man Pflege beantragen. Das wollte Oma nie. Jetzt geht es nicht mehr anders.

Am nächsten Tag sitze ich im ICE.

ZU HAUSE V
Bevor sich Oma selbst entlassen hat, haben die Ärzte sie noch einmal untersucht.

Röntgenbild, Thorax.

Dort, wo noch vor eineinhalb Jahren weiße Flecken waren, haben sich Ebenen ausgebreitet. Omas Lunge ist jetzt ganz weiß. Überall, wo sie weiß ist, arbeitet sie nicht mehr richtig.

Meine Mutter hat sich von der Arbeit freistellen lassen.

Eine Angestellte der Krankenkasse kommt wegen des Pflegeantrags vorbei, stellt Fragen, die so intim sind, dass ich mehrmals den Raum verlassen muss, um nicht loszuweinen. Als die Dame geht, lächelt Oma und sagt: »Die war doch recht nett.«

Kurze Zeit später kommt das Pflegebett. Oma aus ihrem alten Bett hinüberzuheben, ist kein Problem. Wir machen es zu zweit, aber jeder von uns hätte es auch alleine geschafft. So leicht ist sie mittlerweile.

Der Hausarzt kommt. Wie lange noch, fragt Oma. Er schüttelt den Kopf, er weiß es nicht.

Niemand weiß es.

WINTER I
Tage und Wochen vergehen. Zu Weihnachten machen wir Oma Lachsbrötchen, ganz dünn geschnittenes Baguette, viel Fisch, dazu eine Schmerztablette. Ich stelle ihr den Radio ein, damit sie Weihnachtslieder hören kann. Sie hört eine halbe Stunde, dann macht sie ihn aus. Sie ist müde.

Es tut unendlich weh, Oma so zu sehen und nicht helfen zu können. Ich versuche jetzt oft, mich krampfhaft daran zu erinnern, wie sie aussah, als ich noch ein Kind war: Rundlich, mit vollen Wangen und selbst gestrickten Wollpullovern. Sie roch nach Blumen, frisch geschnittenem Gras und dem Eintopf, der gerade auf dem Herd kochte. Bevor sie einkaufen ging, legte sie hellblauen Lidschatten und ein fürchterliches Parfum auf.

Nichts davon ist übrig geblieben.

WINTER II
Oma schläft nachmittags ein, während wir ihr einen Verband am Fuß wechseln.

Als ich später zu Bett gehe, denke ich kurz: Schafft sie die Nacht? – und verdränge den Gedanken sofort. Ich habe ihn in den letzten Wochen so oft gedacht. Und natürlich hat Oma die Nacht immer geschafft. Oma ist zäh; die mutigste und zäheste Frau, die ich kenne. Es ist sehr ruhig im Haus, bis mich meine Mutter ruft. Oma hat die Nacht geschafft. Natürlich.

Den Morgen nicht.

TELEFON III
Manchmal, wenn ich am Nachmittag eine Pause mache, denke ich: »Ach, du musst ja noch Oma anrufen.« Dann fällt mir ein, dass ich nicht mehr anrufen kann. Niemand wird abnehmen, das Telefon würde nicht einmal mehr läuten: Der Anschluss ist abgemeldet.

Ich habe bis heute Omas Nummer eingespeichert. Ich werde sie nicht löschen.

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