Im Namen der Tochter

Die Mutter ist ein Flittchen, heißt es, unmöglich zu sagen, von wem das Kind ist. Der Vater wendet sich ab. 48 Jahre später findet die Tochter ihn wieder. Eine Annäherung.

Manchmal fragen sich Vater und Tochter, ob sie auch so glücklich übereinander wären, wenn ihnen nicht fast fünfzig Jahre fehlen würden.

Die Stimmung heizt sich auf an diesem Abend im Jahr 2009, an dem die Mutter ihre Kinder um eine Bürgschaft für den Kauf einer Eigentumswohnung bittet. Die Kinder, Sandra G. und ihre zwei Halbgeschwister, haben Fragen bis weit nach Mitternacht. Sandras Mutter schimpft: Warum macht ihr das mit mir, habe ich nicht alles für euch getan? »Nicht ich bin dir etwas schuldig. Du bist mir etwas schuldig. Du bist mir schuldig, wer mein Vater ist!«, entfährt es Sandra. In dieser Nacht bricht der Kontakt zu ihrer Mutter ab. Da ist Sandra 47 Jahre alt.

Seit zwanzig Jahren hat Sandra ihre Mutter gefragt, wer ihr Vater ist. Sie hat ihn nie gesehen und nie von ihm gehört. Sie wuchs in der deutschsprachigen Schweiz bei ihrer Mutter auf, einige Jahre davon zusammen mit ihrem Stiefvater. Doch die Mutter wehrt ihre Frage immer ab: Warum willst du das auf einmal wissen? Warum ist das jetzt wichtig? »Es war wie ein Familien-geheimnis, das man sich nicht zu berühren traut. Auch meine Großmutter und mein Großvater haben alles totgeschwiegen.«

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Sie erinnert sich, wie einsam sie als Kind gewesen ist. Sie hätte einen Vater gebraucht, sagt sie, einen, der ihr Mut macht oder sie von verwegenen Ideen abbringt. Ihr Stiefvater ist ihr fern, und nach einigen Jahren trennt er sich von ihrer Mutter. In der Pubertät rückt die Sehnsucht nach dem leiblichen Vater in den Hintergrund, zu sehr ist sie mit sich beschäftigt. Doch als sie gefestigt im Leben steht, keimt das Gefühl wieder auf, »ein Bedürfnis, einen Teil von sich zu finden, etwas vollständig zu machen, sich zu Hause zu fühlen, anzukommen. Es liegt so viel darin, einen Vater zu haben.« Sie überlegt, einen Privatdetektiv zu engagieren und bei der deutschen Fernsehsendung Vermisst anzurufen. Aber ohne einen Namen, ohne ein Foto, ohne irgendeinen Anhaltspunkt?

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Ein Jahr ist vergangen, seit Sandra und ihre Mutter zuletzt gesprochen haben. Die Mutter ist plötzlich am Telefon. »Ich komme vorbei. Ich habe noch ein paar Fotos von früher.« Kurz darauf sieht Sandra auf zwei Aufnahmen einen 19-Jährigen mit schwarzer Elvis-Tolle und einem Lächeln. Ein Fremder, der nach dem Äußeren ihr Sohn sein könnte, aber vielleicht ihr Vater ist. Die Mutter erinnert sich nur noch an den Vornamen Philippe. Sie war 17 damals, als sie Sandra zur Welt brachte. Weil sie minderjährig war, bekam Sandra einen Vormund, erzählt ihr die Mutter an diesem Tag. Sandra fragt kaum, so überwältigt ist sie.

Es muss vormundschaftliche Akten geben, ist der erste klare Gedanke. Sie kann die Papiere einsehen, sagt ihr die Beamtin der Behörde, aber aus Datenschutzgründen müsse sie alle Namen schwärzen. Sandra ist außer sich. »Das ist doch genau das, was ich suche!«, ruft sie ins Telefon. Trotzdem entschließt sie sich, die Akten zu lesen, in der Hoffnung, darin auf andere Anhaltspunkte zu stoßen.

Die Beamtin interessiert sich für ihre Geschichte. Warum sucht sie jetzt ihren Vater? Warum interessiert sie sich jetzt für diese Dokumente? Es sind fast die gleichen Fragen, wie sie die Mutter gestellt hat.

Nur zwei Jahre später hätten die Mitarbeiter der Behörde die Akten in den Schredder geschoben, weil fünfzig Jahre Aufbewahrungsfrist verstrichen wären. Die Beamtin kennt viele ähnliche Fälle. Als sie die Akten vor Sandra auf den Tisch legt, sind die Namen nicht abgedeckt.

»Fräulein Ursula Beatrix T.« bekam am 20. September 1962 ein »illegitimes Kind«. So schrieben die Gerichte im streng protestantischen Kanton Zürich damals über solche unehelichen Kinder. Die Familien schwiegen sie am liebsten tot. DieMutter gab ihren damaligen Freund, Hans R., als Vater an. Doch der bestritt das vor Gericht. »Fräulein T. räumt ein, noch mit ihrem Freund Philippe W. verkehrt zu haben«, tippte der Gerichtsgehilfe in seine Schreibmaschine. Das Gericht ordnete einen Bluttest an, mit dem damals manchmal anhand der Blutgruppe ein potenzieller Vater ausgeschlossen werden konnte. Der DNS-Test war noch nicht erfunden, der genetische Code noch kein Begriff. Die medizinischen Gutachter der Universität Zürich informierten das Gericht, dass Hans R. nicht der Vater sein konnte, wohl aber Philippe W. Damals konnte die Vaterschaft in der Schweiz jedoch höchstens ein Jahr nach Geburt eingeklagt werden. Die Zeit verstrich mit Tests, Briefwechseln und Verhandlungen, ehe Philippe auch nur befragt wurde.

Der letzte Eintrag zu Philippe in den Akten führt in ein kleines Dorf in der französischsprachigen Schweiz. Doch dort weiß man nur, dass jener Philippe am 11. August 1986 nach Tunesien ausgewandert ist.

Wie soll sie ihn je in Tunesien finden? Die Botschaft? Sandras Gedanken überschlagen sich. Und dann macht sie erst einmal das Naheliegende: Sie gibt den Namen ihres möglichen Vaters in die Telefonbuchsuche ein. 235 Treffer. Die meisten tragen einen anderen Vornamen. Nur vier haben denselben Vor- und Nach-namen wie er. Alle vier leben in der französischsprachigen Schweiz. Sandras Schulfranzösisch reicht nur noch für ein paar Brocken. Sie zeigt ihrer Mutter, die gut Französisch spricht, die Liste potenzieller Väter. »Gib mir die Liste. Ich ruf da an.«

Warum hilft die Mutter nach all den Jahren des Schweigens? Sandra weiß es nicht. Sie liebt ihre Mutter, aber sie kennt ihre Gedanken und Gefühle kaum, zu verschieden ist ihr Charakter und zu verschlossen ihre Mutter. Macht sie sich keine Gedanken oder behält sie diese einfach für sich? Das fragt sie sich immer wieder.

Es ist ihre Mutter, die den Wagen fährt, als sie am 19. Juni 2010 diesen Mann mit dem silbergrauen Haar besuchen. Jahrelang hat sie im Kopf so viele Szenen von dieser ersten Begegnung gemalt. Er könnte ein Arzt oder ein Säufer sein. Vielleicht will er nichts von ihr wissen, vielleicht ist es Nähe auf den ersten Blick. Sie weiß, dass sie enttäuscht werden kann, aber sie hat so lange auf diesen Augenblick warten müssen, dass die Angst davor verflogen ist.

Er kommt ihr auf dem Parkplatz vor seinem Haus entgegen und schließt sie in die Arme. Einfach so. Sandra ist beeindruckt von dieser Herzlichkeit. Die Mutter und der Mann unterhalten sich. Aber in Sandras Erinnerung verschwinden die Details dieser ersten Begegnung in einem Loch, zu übermächtig sind die Aufregung, die vorsichtige Freude und der Zweifel, dass sie nun am Ziel sein könnte – oder auch nicht. Sie kann kaum etwas sagen, weil er kein Deutsch spricht und sie kaum Französisch. Beim Abendessen im Restaurant weint sie, überwältigt von ihren Gefühlen. Da legt ihr der Unbekannte den Arm auf den Rücken. Sie spürt, wie sympathisch und nah ihr diese arglose Zugewandtheit ist.

Sie beschließen, einen DNS-Test zu machen. »Wir brauchen diese Gewissheit, um uns aufeinander einlassen zu können. Es ist so viel Zeit verstrichen. Wenn wir immer im Hinterkopf haben, vielleicht ist alles nur ein schöner Wunsch, stünde das zwischen uns«, sagt Sandra. Die Mutter und ihr Vielleicht-Vater einigen sich darauf, dass er die 700 Schweizer Franken für den Gentest übernimmt, wenn Sandra seine Tochter ist. Wenn nicht, kommt ihre Mutter dafür auf.

Viele Begegnungen, in denen eine Tochter oder ein Sohn den Vater finden, enden an diesem Punkt der genetischen Klarheit. Hier ist die biologische Nähe und dort die Leere der Beziehung ohne gemeinsame Vergangenheit. Zwei Leben, vielleicht zwei Familien, treffen aufeinander wie Flüssigkeiten verschiedener Dichte, die sich nicht ohne Zutun mischen können. Sandra und Philippe sprechen ja nicht einmal dieselbe Sprache.

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»Hier ist Ursula. Deine Tochter sucht dich.« Philippe klingen die Worte noch heute im Ohr. Ursula, er kennt keine Ursula. Doch … Ganz vage erinnert er sich an eine Beziehung in der französischsprachigen Schweiz, ein Jahr lang vielleicht, als er 19 Jahre alt war. Eher sexueller Natur, würde er sagen. Aber von einer Tochter weiß er nichts mehr. Er hat zwar mitbekommen, dass sie kurz nach der Trennung schwanger war. Doch der Polizeibeamte beugte sich ein wenig vor, als er ihm sagte, es gebe fünf mögliche Väter. Ausgeschlossen, bei diesem Durcheinander festzustellen, zu wem das Kind gehöre. Philippe dachte bei sich: Ach, so eine ist das! Dass das Kind zu ihm gehören könnte, kam ihm nicht in den Sinn.

Philippe ist eines von acht Kindern und wächst streng adventistisch auf. Seine Eltern rauchen nicht, trinken nicht und lieben sich nur, um Kinder zu bekommen. Mehrere Male landet der Vater im Gefängnis, da er seine Kinder samstags nicht zur Schule gehen lässt, weil die Familie an diesem Tag den Sabbat zelebriert.

Philippe sprengt das religiöse Moralkorsett schon bald und mit Vergnügen. Kurz nach der Affäre mit Ursula spricht ihn ein Mädchen am Bahnhof an, das er nur vom Sehen kennt, und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Eine ziemliche Unverfrorenheit damals in der Schweiz, aber gerade das Abenteuer lockt ihn sehr. Heimlich natürlich muss das Treffen sein. Seinen Vater hätte er nicht einmal zu Ende fragen können, schon wären die Ohrfeigen geflogen. Das Mädchen hat keine Eltern mehr, und die Tante ist an diesem Abend nicht zu Hause. Es öffnet die Tür und steht vor Philippe mit blasser Haut im halb geöffneten Negligé. »Ich war 19.« Philippe bläst Luft durch die Lippen und lacht herzhaft, »wie sagt man, ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt.«

Keine Stunde später ist Philippe wieder fort und sieht und hört von dem Mädchen nichts mehr. Wohl aber seine Mutter. Einen Monat später ruft jene Jugendliche an: Sie sei schwanger. Wieder gibt es noch einen anderen potenziellen Vater, den sie vor Gericht angibt. Und wieder besagt der Bluttest, dass Philippe in Frage kommt. Dieses Mal wird er zum Unterhalt verpflichtet. Er zahlt 18 Jahre lang jeden Monat für das Kind, das zumindest rechtlich seine Tochter ist. Aber er sieht sie nie und will das auch nicht. Diese Frau hat ihm eine Falle gestellt, so empfindet er das. Als jene Tochter 38 Jahre alt ist, ruft sie ihn an. Auch sie sucht ihren leiblichen Vater. Er schlägt ihr einen DNS-Test vor. Sie will es sich überlegen. Seither hat er nichts mehr von ihr gehört. Ihre Mutter hat ihr den Test wahrscheinlich ausgeredet, weil sie sich doch nicht sicher war, dass er der Vater ist, glaubt Philippe.

Im Laufe seines Lebens heiratet er drei Frauen, zwei davon Brasilianerinnen. Immer wünschen sie sich Kinder, aber alle Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt. Drei nichtleibliche Kinder zieht er mit groß. Und dann, an diesem Tag im Juni 2010, er ist 68, kommt Sandra mit ihrem fast schwarzem Haar, ähnlich wie seins, als er jung war, auf dem Parkplatz auf ihn zu und ist vielleicht seine einzige leibliche Tochter. Zu 99,9999 Prozent besteht eine verwandtschaftliche Beziehung, schreibt das DNS-Untersuchungslabor.

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März 2014. Sandra schaut auf die Fotos an der Wand. Da ist er Arm in Arm mit ihr in einem Boot auf dem Rhein und auf einer Almhütte. »Er ist schon älter geworden in dieser Zeit. Das geht schnell jetzt.« In ihrer Stimme liegt Sorge um den Vater, der vor vier Jahren erst in ihr Leben kam, jetzt ist er 72. Es klingelt.

Sie sieht ihn, wie er zur Wohnungstür hereinkommt, Jacke und Schuhe ablegt, und da ist kein Halten mehr. Sandra schlingt ihre Arme um Philippe. Er drückt sie an sich und gibt ihr einen innigen Kuss auf die Wange. Sie wiegen sich in den Armen. Sie juchzt und trippelt mit den Füßen. Kaum ist er in der Küche, umarmt sie ihn noch einmal. Ihre Augen glänzen.

»Jetzt sind wir meistens zu dritt unterwegs, nicht mehr zu zweit wie vorher. Aber ich sehe, dass Sandra glücklich ist, und das möchte ich auch«, sagt Peter, Sandras Partner, der in der Küche das Mittagessen zubereitet. »Gesundheit, Glück, Liebe und Hitze«, die drei stoßen mit Rotwein zum Rinderragout an und erzählen sich gemeinsame Geschichten.

Sie wäre andere Wege gegangen, glaubt sie, wäre mutiger gewesen, wenn sie ihren Vater schon als Kind gehabt hätte.

Arm in Arm am Zürichsee: Vater und Tochter sind überrascht von den Gemeinsamkeiten, die sie haben, obwohl sie einander nicht kannten.

2012 flogen sie zu dritt nach Brasilien, Philippes Wahlheimat. Philippe, Schweizer, freiberuflicher Kunstschmied, hatte zwei Jahre lang Tunesier in der Schmiedekunst ausgebildet, war dann wieder in die Schweiz gegangen und von dort mit seinen brasilianischen Ehefrauen viele Male nach Brasilien geflogen. Mit seinem fließenden Portugiesisch ist er ein fantastischer Reiseführer.

Sie lassen sich treiben, liegen am Strand, probieren die ausgefallensten Speisen und tanzen gemeinsam Forró. Sandra und Philippe lieben Tanz. Und weil alle mittlerweile gut Französisch sprechen, können sie sich problemlos unterhalten. Es gibt keinen Streit, keine Reibereien. »Es war ein Test. Und es ist sehr gut gelaufen«, meint Philippe.

Es ist wie eine Entdeckungsreise, diese kleinen Gemeinsamkeiten, die sie aneinander finden. Sie sagt: »Schöne Farbe«, als sie den Wein im Glas schwenkt. Und als ihm eingeschenkt wird, freut er sich auf Französisch: »Schöne Farbe!« Sie wiederholen einander nicht. Sie empfinden das Gleiche. Er hat eine Serie mit Fotos ihrer Gesichter gemacht und gestaunt, wie sie einander ähneln, besonders die Augen.

Sie sind spontan und offen, beide, sie berühren gern andere Menschen, einfach so. »Je besser ich ihn kennenlerne, desto mehr finde ich Anteile von mir, das Liebevolle, das Warme, das Herzliche, das Offene. Das ist alles auch in mir, aber es hat nie einen Widerhall in meiner Familie gefunden«, sagt Sandra.

Sie wäre andere Wege gegangen, glaubt sie, wäre mutiger gewesen, wenn sie ihn schon als Kind gehabt hätte. Viele Jahre hat sie sich so klein und auf sich allein gestellt gefühlt, an sich gezweifelt. Und wenn sie heute die selbstbewussten jungen Mädchen sieht, die mit 16 lauthals sagen, was sie denken, und tun, was sie für richtig halten, dann ist sie sich sicher, dass ein Kind, das den Rückhalt beider Eltern hat, anders ins Leben hinausgeht. Aber seit sie ihn gefunden hat, ist sie ruhiger geworden. Sie fühlt sich stärker.

»Es fehlen uns fast fünfzig Jahre. Das ist speziell«, sagt Philippe. Diese Zeit kann man nicht einfangen. Nie hat er ein Baby auf seinen Schultern getragen, nie die ersten wackeligen Schritte eines Kleinkinds an der Hand gefühlt. Er war nicht da, als Sandra verkleidet zum Fasching ging und als Jugendliche ihren ersten Freund nach Hause brachte.

Vielleicht wären sie heute nicht ein Herz und eine Seele, wenn sie all die pubertären Querelen durchgestanden hätten und Sandra sich hätte losreißen müssen von der väterlichen Hand. Wenn die Tochter immer da ist, liegt darin auch eine Selbstverständlichkeit, eine Gewohnheit. Aber er ist kein Mann, der in der Vergangenheit wühlt und über philosophische Fragen sinniert. Das macht nur unzufrieden, sagt Philippe. Und man kann doch so gut es geht in der Gegenwart miteinander leben. Als Sandra das Familienalbum mit Kindheitsbildern aus dem Schrank holt, steht Philippe wortlos auf und schaltet das Fernsehgerät ein. Er liebt Motorradrennen.

Aber eine Frage beschäftigt ihn doch. Sandras Mutter spricht nicht über Privates, und er wüsste gern, wie es ihr in den vergangenen fünfzig Jahren ergangenen ist. Er glaubt, dass sie es schwer gehabt hat. Sie musste ihre drei Kinder meistens allein ernähren, arbeiten gehen und wurde bestimmt geächtet wegen des unehelichen Kindes.

Sie sehen sich sogar hin und wieder, die Mutter, der Vater und Sandra. Sie sprechen über ihre Katzen. Sandra hat neun, seit sie noch vier Junge von ihm aufgenommen hat, und möchte ein Katzenklo bei Ebay ersteigern. Sie reden über Werkzeuge, die beim Öffnen von Dosen und Gläsern helfen, und über vergangene und bevorstehende Ausflüge. Das Private, das Intime, umschiffen sie geflissentlich. Manchmal unternimmt Philippe einen kühnen Vorstoß, um die Mutter aus der Reserve zu locken.

Nach Rösti mit Kalbsleber in einem Züricher Restaurant fragt die Kellnerin: »Und Sie gehören zusammen?« Sie deutet auf Philippe und Ursula, obwohl die zwei nicht nebeneinander sitzen. »Nein, nein«, sagt Philippe. »Das gäbe eine lange Geschichte.« Er lacht. »Ich verrate Ihnen ein Geheimnis.« Er beugt sich zur Kellnerin, mit der er schon eine Weile flirtet. »Das ist unsere gemeinsame Tochter.« Er zeigt auf Sandra. »Ich weiß das auch erst seit vier Jahren. Aber sie wusste es«, fügt er hinzu und winkt mit dem Kopf in Richtung Ursula. Stille.

Ursula könnte jetzt etwas Schlagfertiges erwidern, einen Witz machen oder sich erklären. Aber sie schweigt und verzieht keine Miene. Damit es nicht peinlich wird, schaut die Kellnerin zu Sandra und sagt mit routinierter Heiterkeit: »Das haben sie gut gemacht, die beiden.«

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Vielleicht für ein halbes Jahr ist Ursula damals mit 17 ins Welschland, in die französischsprachige Schweiz, gezogen, um Französisch zu lernen. Als Au-pair-Mädchen muss sie nur putzen, was sie bald langweilt. Kurzerhand wechselt sie in eine Uhrenfabrik. Sie und Philippe sehen sich viel in dieser Zeit; richtig verliebt sind sie gewesen, das weiß sie noch sicher. Aber dann trennt er sich von ihr.

In ihrem Frust wirft sie sich in eine neue Beziehung mit Hans R. und ist sofort schwanger. Der Frauenarzt rechnet mit ihr aus, dass der Neue der Vater sein muss. Sie verklagt den Falschen. Das Jahr, in dem die Vaterschaft gerichtlich festgestellt werden kann, verstreicht. Ihre Eltern schimpfen: Kaum lässt man sie allein, passiert etwas! Die Nachbarn sprechen verächtlich von ihr.

Sie erzählt Philippe am Telefon, dass Hans R. als Vater per Bluttest ausgeschlossen wurde und er in Frage kommt. Er will zu ihr nach Zürich ziehen und sich dort Arbeit suchen. Sie hofft auf eine zweite Chance für ihre Beziehung. Sie treffen sich an einer Bahnstation in Zürich. Ihre Tochter ist zu dem Zeitpunkt schon geboren. Als sie ihre dunklen Haare sieht, ist sie sich ganz sicher, dass Philippe der Vater ist.

Möchte er das Baby sehen? Er lehnt ab. Und dann erzählt er ihr, er hat eine lukrative Stelle in seiner Region gefunden und eine neue Freundin, die von ihm schwanger ist. Die werden vielleicht heiraten, denkt Ursula, und seine Tochter will er auch nicht sehen: So ein Mann verdient es nicht, eine Tochter zu haben.

Sie spürte, dass Sandra der Vater fehlt und ihr Mann dem Kind nie wirklich ein Vater war. Aber man sprach darüber nicht.

Irgendwann fängt ihre Tochter an, sie zu piesacken. Für sie ist die Sache längst abgehakt, und sie will nicht daran rühren. Es tut ihr weh, daran zu denken: an das Verlassenwerden; an einen Mann, der sich aus der Verantwortung stiehlt; an das Alleinerziehendsein. Wenn sie diese Schachtel öffnet, kommen die Selbstzweifel und Vorwürfe heraus, etwas falsch gemacht zu haben. Das will sie auf keinen Fall. Und es erscheint ihr nur logisch, dass der Vater, der sich damals nicht für seine neugeborene Tochter interessierte, auch jetzt nichts von ihr wissen will. Wie verletzt wird Sandra erst sein, wenn nach langer Suche eine Tür vor ihr geschlossen wird? Sie, die Mutter, wird ihr eine schmerzliche Erfahrung ersparen, wenn sie ihr nichts über den Vater erzählt.

Aber die Tochter nimmt ihr diese Haltung übel und sieht oft traurig aus. Als der Kontakt zwischen ihnen nach dem Streit über die Bürgschaft abbricht, denkt sie lange nach. Vielleicht muss sie sich überwinden. Sie geht in den Keller und sucht Fotos. Es dauert einige Monate, bis sie die beiden Aufnahmen aus dem Automaten findet.

Sie hält es für möglich, dass ihre Tochter sich mit dem Namen und den Fotos ihres Vaters begnügt. Sie selbst würde ihren Vater jedenfalls nicht suchen, wenn sie nicht wüsste, wer er ist, schon aus Angst vor Zurückweisung. Aber ihre Tochter will nicht nur ein Bild, sie will ihn finden. Ursula muss ihr sagen, dass sie nicht weiß, wie es ausgeht. Sie will sie auf den unausweichlichen Schmerz vorbereiten.

Sie studiert die Namensliste potenzieller Väter, die ihr Sandra reicht. Aus irgendeinem Grund ruft sie sofort den Richtigen an.

Sie trifft sich zuerst mit ihm allein. Sie fragt: Hat er seine Tochter oder sie jemals gesucht? Nein, das hat er nicht. Aber der anderen mutmaßlichen Tochter hat er 18 Jahre Unterhalt gezahlt, obwohl es nur ein One-Night-Stand war? Der Schmerz ist wieder da. Nur ihrer Tochter zuliebe lässt sie sich auf das Treffen zu dritt ein.
Fünf Männer soll sie damals gleichzeitig gehabt haben? Ursula lacht auf. Das hat die Polizei bestimmt erfunden, um sie schlecht zu machen. Deren Bild war damals ein gestochen scharfes Schwarz-Weiß-Porträt: Die durchtriebenen deutschsprachigen Schweizerinnen verführten die wehrlosen französischsprachigen Jungs.

Ursula beobachtet, wie ihre Tochter auf dem Balkon mit ihrem Vater raucht und scherzt. Es ist gut so. Aber es war ein Risiko, es hätte anders kommen können. Sie bereut nichts. Oder doch? Vielleicht hätte sie sich eher überwinden können. Aber sie hat ihre Zeit gebraucht. »Es ist komisch, heute arbeitet man diese Dinge auf«, sagt sie: Eltern führen lange Gespräche mit ihren Ziehkindern, und in Großbritannien haben sie die anonyme Samenspende verboten. »Aber vielleicht hängt es auch mit dem Alter zusammen, wenn man Vergangenes aufräumen möchte.«

»Und du kommst auch mit ins Piemont?«, fragt sie Philippe später und berührt ihn sachte mit dem Ellbogen.

Im September 2014 fahren die getrennten Eltern für ein paar Tage zusammen mit ihrer Tochter und deren Partner Peter in den Urlaub. Vater und Mutter sind ja beide alleinstehend. Und sie verstehen sich ganz gut, findet Ursula. Auf der freundschaftlichen Ebene.

Fotos: Maurice Haas

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