Jedes Päckchen eine Enttäuschung

Die Eltern unseres Autors machen einander beim Schenken auch nach einem halben Jahrhundert glücklicher Ehe keine Freude. Was läuft da schief?

Freude hat viele Gesichter. Diese gehören nicht dazu.

Deinen Vater kann man nicht beschenken, sagt Mama am Telefon. Das ist doch Blödsinn, sage ich, man kann jeden beschenken. Komm vorbei, dann erzählen wir dir davon, sagt Mama. Papa brummt. Der Sohn setzt sich in den Bus.

Mama und Papa sind seit fast fünfzig Jahren verheiratet, eine glückliche Ehe mit ­Höhen und Tiefen. Sie haben gemeinsam fünf Kinder großgezogen, zwei Söhne, drei Töchter. Mama und Papa haben gemeinsam Krankheiten überstanden, sie haben Karrieren gemacht und ein Haus gebaut. Sie kennen sich gegenseitig in- und auswendig und lieben einander, ­soweit ich das beurteilen kann, sehr. Nur die Sache mit dem Schenken will einfach nicht klappen.

Sie hat ihm Bücher gekauft, obwohl er nicht liest. Er ihr eine Espressomaschine, obwohl sie keinen Espresso trinkt. Sie hat es mit praktischen Geschenken wie Pullovern und Socken versucht. Er hat ihr ein stinkendes Parfüm für 9,99 Euro gekauft – und weil sie aus Rücksicht auf seine Gefühle nichts gesagt hat, hat er es am nächs­ten Geburtstag wieder besorgt. Und am übernächsten. Sie hat ihm Dinge geschenkt, von denen sie gern gehabt hätte, dass er sie sich wünscht. Er ihr eine ­Gurkenschneidemaschine, die nur er benutzt, weil er als Einziger in dem Haushalt ­Gurken schneidet. Nach Jahrzehnten ­voller schlechter Geschenke haben sie ­einen Waffenstillstand vereinbart: Wir schenken uns nichts mehr. Das haben sie 15 Jahre lang so gehalten.

Meine Eltern sitzen in ihrem Wohnzimmer im Rheinland auf der Couch. Sie, die ehemalige Grundschullehrerin, erzählt gern die ganze Geschichte und kann jedes Detail aus dem Kopf abrufen. Er, der ehemalige Verwaltungsbeamte, hat eine Liste mit allerlei Geschenken aus den vergangenen Jahrzehnten ausgedruckt. Eine Ausführung für jeden Gesprächsteilnehmer. Mama liebt diese Unterhaltung, Papa nicht. Er fragt dauernd, warum man das denn jetzt auch noch wissen wolle.

Die Geschichte von Mama und Papa beginnt im Bonn der Sechzigerjahre. Sie sind Anfang zwanzig, als sie sich kennen- und lieben lernen. Die beiden sind in einem Verein tätig, organisieren Kinderfrei­zeiten. Auf einer Verschickung in Dötlingen küssen sie sich auf einem Feld zum ersten Mal. Da dachte ich schon, das ist der Mann, den ich einmal heiraten werde, sagt Mama. An was du dich alles erinnerst, sagt Papa.

Schon früh kommen Unterschiede ­zutage. Mama kommt aus einem kom­plizierten Elternhaus, ist emotional und chaotisch. Papa ist praktisch veranlagt und chronisch ordentlich. Sein Vater ist Ministerialdirigent. Vor der Ehe fragen sie einen Psychologen, ob zwei so unterschiedliche Menschen überhaupt zusammen sein können. Nach einem langen Gespräch sagt der: Wenn Mama damit leben kann, dass sie immer der Schnellzug sein wird und Papa der Bummelzug, können sie glücklich gemeinsam ankommen. Es funktioniert.

Als sie nach der Hochzeit das erste Weihnachten in der gemeinsamen Wohnung feiern, zeigt sich, wie unterschiedlich sie schenken. Mama besorgt ein ­Stoffpüppchen, das ihn immer dann begleiten soll, wenn sie nicht bei ihm ist. Papa schenkt ihr Küchenmesser für den gemeinsamen Haushalt, mit orangefarbenen Griffen.

Die beiden haben komplett unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Geschenk ist. Mama hätte gern, dass man ihr etwas Überflüssiges kauft. Eine schöne Brosche, ein teures Halstuch. Etwas, was sie sich selbst nicht gönnen würde. Das zeigt, dass man an sie denkt. Papa meint: Was einem wirklich gefällt, kauft man sich selbst. Für jemand anderen kauft man lieber Dinge, von denen man weiß, dass sie nützlich sind. Doch wenn es um Geschenke für ihn geht, hat er so peinlich genaue Vorstellungen, dass er keine Abweichungen duldet. Wenn sie ihn mit einer­ Geldbörse überraschen will, ist daran sicher das Münzfach nicht so, wie Papa es sich vorstellt.

Mama hingegen will nicht konkret ­sagen, was sie möchte – es zähle ja der Gedanke. Papa improvisiert dann. Einmal stand im Garten meiner Eltern eine einzelne Rose, die letzte des Sommers, an der sich Mama sehr erfreut hat. Eines ­Tages war die Rose weg. Es war ihr Geburtstag. Papa hatte sie abgesäbelt und in ein Glas gestellt.

Böse waren sie einander wegen der Missgeschenke nie. Beziehungsweise nur einmal: Als Mama nach der Geburt der zweiten Tochter im Krankenhaus lag, stand Papa mit einem Strauß Chrysanthemen in der Tür. Er wusste nicht, dass das Friedhofsblumen sind.

Mama und Papa haben oft darüber geredet und vergeblich Strategien ausprobiert. Die ersten zehn Jahre ihrer Ehe schenken sie sich jeweils das Falsche und geben vor, sich zu freuen. Die nächsten zehn Jahre sagt Mama grob, was sie haben will, zum Beispiel: Ich hätte gern eine kleine Silberkette. Papa strengt sich dann an, kauft aber keine zarte Silberkette, ­sondern eine versilberte Kette mit einem dicken Anhänger. Seine eigenen Geschenke kauft er gleich selbst und bedankt sich bei Mama dafür. Danach ­beginnt die älteste Tochter, die Geschenke für beide zu besorgen, weil sie es nicht mehr aushält, dass es nie passt. Ende der Neunzigerjahre, als keine kleinen Kinder mehr im Haus sind, sagt Mama: Es kann nicht so weitergehen. Wir strengen uns beide an, und trotzdem müssen wir seit Jahrzehnten so tun, als würden wir uns über Schrott freuen. Daraufhin stellen sie das Schenken ein. Für 15 Jahre.

Erst jetzt, im Ruhestand, beginnen sie langsam wieder damit. Meistens sind es Gutscheine, damit kann man nicht viel falsch machen. Aber einmal kauft Mama auch einen riesigen Fernseher, den Papa nicht benutzt. Papa kauft Mama einen Rucksack, der speziell für einen Fahrradhelm angefertigt ist – obwohl sie seit dreißig Jahren auf keinem Fahrrad saß. Und ganz selten landen sie tatsächlich Treffer. Eine Ledertasche für Papa, bei der auch aus seiner Sicht endlich mal alles passt. Ein schnurloses Telefon für Mama, damit sie auch im Bett telefonieren kann. Doch es bleiben Ausnahmen.

Die Unfähigkeit, sich gegenseitig das Richtige zu kaufen, hat die Ehe anscheinend nie belastet. Wir haben schnell gemerkt, was der andere bringen kann und was nicht, sagt Mama. Deshalb habe das alles auch so lange gehalten. Den beiden ist anderes wichtiger. Als das Haus voller Kinder ist, zwingt Mama Papa, nach einer Dienstreise noch für drei Tage allein nach Sylt zu fahren, damit er ein bisschen Ruhe hat. Papa fährt Mama dafür überall mit dem Auto hin, obwohl er das Autofahren hasst. Darüber sprechen sie nicht groß. Ich denke, es ist gar nicht so, dass die beiden einander grundsätzlich schlecht beschenken. Sie tun es nur an den Feiertagen.