Kleine Kinder, große Fragen

Arbeiten? Zu Hause bleiben? Wie lang stillen? Ab wann Kita? Man sollte meinen, Mütter helfen sich da gern mit Rat und Tat. Von wegen: alles ein einziger Konkurrenzkampf.

Die Ruhe vor dem Sturm: Drei Frauen heißt auch drei Lebensmodelle – nur eine Frage der Zeit, bis hier Streit ausbricht.

Wahrscheinlich hätte ich zurückschießen sollen, aber ich war es einfach leid. Ich saß in netter Runde unter Müttern, alles eigentlich Freundinnen, als eine von ihnen, eine C4-Professorin, mich fragte, ob mir das gemeinsame Mittagessen zu Hause mit meinen vier Kindern denn pädagogisch unabdingbar erscheine. Ob eine Hortbetreuung meiner innersten Überzeugung widerspreche? Die Herablassung, das Verächtliche, war nicht zu überhören. Ich hatte erzählt, dass ich eigentlich nur am Vormittag richtig arbeiten könne, weil dann ein Kind nach dem anderen eintröpfelt und ich erst am späten Nachmittag wieder kurz an den Schreibtisch komme, und auch das nur an einem guten Tag. Man muss wissen: Auch die Professorin hat vier Kinder, aber eben eine Rundumbetreuung tagsüber.

Ich gestehe, ich ließ die Antwort bleiben. Vielleicht aus Feigheit oder Harmoniesucht, vielleicht nur weil es mir zu blöd war, auf die 400 Euro für eineinhalb Stunden Kinderbetreuung zu verweisen, die ich nicht zu zahlen bereit bin. Vor allem aber aus einer gewissen Ermüdung heraus. Weil es immer das Gleiche ist: Sobald Mütter über ihre Kinder sprechen, über das Ausmaß der Betreuung und den Grad ihrer Berufstätigkeit, ist es vorbei mit einer normalen Unterhaltung. Dann gehen wir instinktiv in Alarmbereitschaft und wetzen die Messer, für einen gezielten Angriff oder die wütende Verteidigung. Es geht sofort um alles, auch wenn dieses »alles« sich hinter dem sperrigen Begriff »Lebensentwürfe« versteckt. Jeder Lebensentwurf ist Ergebnis langer, zäher, Nerven kostender Verhandlungen, mit dem Partner, den Kindern, dem Arbeitgeber. Deswegen sind wir so empfindlich, weil es darum geht, wie wir leben.

Vor einigen Jahren habe ich ein Buch zu diesem Thema geschrieben, es hieß: Mütter, euer Feind ist weiblich! Wie Frauen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Zu jener Zeit waren meine Kinder noch deutlich jünger, und ich hatte das dringende Bedürfnis, meine Erfahrungen in der sonderbaren Welt der Mütter aufzuschreiben. Tatsächlich gab es kaum ein Ereignis in meinem Leben, das meine Welt so sehr auf den Kopf stellte wie die Geburt des ersten Kindes – und das beileibe nicht nur wegen der plötzlichen vollkommenen Fremdbestimmung durch kleinkindliche Dauerbedürfnisse. Bis zu dem Tag der Geburt hatte mir niemand gesagt, was ich zu tun oder zu lassen habe, hatte mir niemand Vorschriften gemacht, wurde nicht ständig hinterfragt, ob ich etwas auch wirklich so mache, wie »man« es mache. Doch kaum lag das Kind auf dem Tisch, ging es los: »Sie wollen nach Hause, Sie machen doch beim Wickeln noch alles falsch«, polterte die Hebamme, als ich das Krankenhaus nach zwei Tagen verlassen wollte. Es folgten Massen ungebetener Einwände, Ratschläge und Kommentare – bis heute. In meinem 16 Jahre währenden Dasein als Mutter wurde laufend – subtil oder erstaunlich direkt – meine Art zu leben an den Pranger gestellt. Und immer waren es Frauen, die sich schlecht getarnte, giftige Kommentare einfach nicht verkneifen konnten. An Seitenhiebe von Männern kann ich mich nicht erinnern.

Väter arbeiten. Wie sie das mit den Kindern vereinbaren, fragt kein Mensch. Und sie selbst fragen auch nicht groß nach.

Ich sage nicht, dass es bei mir perfekt lief. In meinen vielen Jahren mit Beruf und Kindern versuchte ich einen permanenten organisatorischen Spagat zwischen halbwegs gelungener Kinderbetreuung und hinlänglicher Zeit zum Arbeiten. Befriedigend war das selten. Und noch weniger entsprach es meinen inneren Überzeugungen als Mutter oder meinen Ansprüchen an mich als berufstätige Frau. Es war und ist ein Konglomerat aus mehr oder weniger gelungenen Kompromissen, ein immer vorläufiges Arrangement, ein Lavieren zwischen unabänderlichen Gegebenheiten und Wunschvorstellungen.

Es gibt keine andere Lebensphase, in der man so viele unterschiedliche Frauen kennenlernt wie in den Jahren mit kleinen Kindern, und man glaubt, auf einen Schlag lauter neue Freundinnen gefunden zu haben. Überall treffen Mütter in fröhlicher Gemeinschaft zusammen: beim Babyschwimmen, beim Kinderturnen, bei Kindergarten- und Schulfesten, an schönen Nachmittagen auf Spielplätzen. Doch der Schein der heiteren weiblichen Solidargemeinschaft trügt, hinter der Herzlichkeit und Anteilnahme lauern die Konkurrenz, der Argwohn, der Wettstreit, die Missgunst, der Neid. Natürlich, Frauen sind besonders teamfähig und kommunizieren besser als Männer, sie sind sensibler und oft selbstloser, was die Gemeinschaft angeht – aber sie haben eben auch eine Eigenschaft, die man landläufig Stutenbissigkeit nennt.

Als vierfache Mutter wurde ich zum Beispiel von Vollblutmüttern mit ebenfalls mehreren Kindern sofort solidarisch in ihren Club aufgenommen. Zunächst. Aber als sie merkten, dass meine Mütterlichkeit nicht konform mit ihrer ging, dass ich meinen anderen, beruflichen Interessen ebenfalls großen Raum gab und meine Kinder dafür früh einer »Fremdbetreuung« ausgesetzt waren, wurden sie misstrauisch. »Wieso wünscht die sich denn vier Kinder, wenn sie andere Dinge so dringend braucht?« Bald fanden sie mich nicht mehr recht zu ihrem Club passend.

Bei anderen Müttern, solchen mit wenigen Kindern, oft berufstätig, oder gar bei kinderlosen Frauen hatte ich von vornherein das Stigma der Vielfachmutter. Unvorstellbar, dass ich mit vier Kindern außer Haushalt und Erziehung noch etwas anderes auf die Reihe kriege. Das ungläubige Staunen war stets mit Händen zu greifen, wenn sie merkten, dass es neben Kindern und Ehemann noch mehr in meinem Leben gab, den Job, mein Dasein als Buchautorin, Kurzreisen ohne meine Familie, Theater- und Kinoabende, dass ich also nicht die bedauernswerte dauergestresste Mutter bin, die nicht einmal Zeit für den alljährlichen Friseurbesuch findet.

An dieser Stelle ist eines wichtig: Wir reden längst nicht mehr über den ewigen Streit zwischen Vollzeitmutter und berufstätiger Mutter. Tatsächlich schwelt der Streit – wie ein lautloses Buschfeuer – wesentlich großflächiger. Die Kinderlosen sind längst dabei, obwohl sie mit Mutterschaft gar nichts am Hut haben, außerdem zielt die Einkindmutter gegen die Mehrfachmutter, die unbedarfte Jungmutter gegen die bewusste Spätmutter, die fröhliche Shopping-Mutter gegen die ernst gestimmte Ökomutter. Aber warum ist der Brennpunkt ausgerechnet die Mutterschaft, die doch für all das Gute und Selbstlose im Menschen steht, das Leben Gebende? Weil die Mutterschaft nichts Selbstverständliches mehr ist, seit Frauen entscheiden können, ob und wann und wie viele Kinder sie bekommen. Es entspricht einem Naturgesetz: Wer die Wahl hat und sich freiwillig entscheidet, der oder vielmehr die muss auch dazu stehen. Denn allen Beteiligten droht theoretisch immer der Super-GAU, nämlich dass sie feststellen oder davon überzeugt werden, dass sie die falsche Wahl getroffen haben. Und dass es dann für eine Umentscheidung zu spät ist, weil die Kinder eben da sind und der Job weg ist, oder halbiert, gedrittelt oder sonstwie reduziert, oder weil nur noch der Job da ist, die fruchtbaren Jahre aber vergangen sind. Das darf nicht passieren, deswegen werden schon mal vorsichtshalber die Krallen ausgefahren, und wenn die eigene Verteidigung schwierig scheint, muss eben zur Rechtfertigung das Lebensmodell der anderen infrage gestellt werden, schlecht gemacht, runtergezogen.

Die berufstätige Mami ist längst auch in unseren Breiten keine Kuriosität mehr.

Nach Erscheinen meines Buches über Mütter und ihre Kämpfe schien 2007 ein wundersamer Ruck durchs Land gegangen zu sein, der allerdings nichts mit meinem Buch, dafür umso mehr mit der weiblichen Führungsspitze im deutschen Regierungslager zu tun hatte: Frau von der Leyen, eine in der Frauenwelt kritisch beargwöhnte Vielfachmutter und Karrierefrau, hatte sich als damalige Familienministerin das ehrgeizige Ziel gesetzt, endlich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf den Weg zu bringen: durch den massiven Ausbau von Kinderkrippen. Auch wenn heute, im Jahr 2011, das ambitionierte Vorhaben auf halber Strecke stecken geblieben zu sein scheint, wie kürzlich das Statistische Bundesamt verlauten ließ, so hat sich eines doch ganz entschieden gewandelt: Das heimelig klingende Wort »Krippe« birgt nicht mehr das Potenzial, die Frauengemüter zum Überkochen zu bringen. Vor wenigen Jahren noch hat es einen scharfkantigen Keil in die Mütterwelt getrieben, die »Fremdbetreuung« trennte unvereinbare Weltanschauungen. Für die einen kostbarer Freiraum und die Möglichkeit, neben der Mutterrolle am Beruf weiterzubasteln; für andere Abschiebung und Verwahrlosung der hilflosen Kinder, die nach dem Gesetz der Natur doch zu ihrer Mutter gehörten. Ohnehin kann das ewige Krippengezänk getrost eingestellt werden. Wie eine kürzlich im renommierten American Economic Journal veröffentlichte Langzeitstudie zweier norwegischer Wissenschaftler ergab, nehmen in staatlichen Einrichtungen frühzeitig betreute Kinder keinerlei Schaden – im Gegenteil: Besonders für Kinder aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Schichten erwies sich der Krippenbesuch als nachhaltig förderlich für ein gelungenes Erwachsenenleben.

In diesem Jahr durften wir Anteil nehmen, wie unsere neue konservative Familienministerin Kristina Schröder eine Tochter zur Welt brachte und nach zehn Wochen Babypause schon an ihren Schreibtisch zurückkehrte. Die berufstätige Mami ist längst auch in unseren Breiten keine Kuriosität mehr, und das Wort »Rabenmutter« wirkt inzwischen so antiquiert, als gehöre es in ein Märchen aus einem anderen Jahrhundert. Und doch: Hört man genauer hin, befragt man junge Mütter oder hört am Spielplatz heimlich hin, so geht der endlose Kampf um Lebensmodelle ungebrochen weiter. »Wie, du gehst nach drei Monaten wieder voll arbeiten?« »Ach, du willst ein ganzes Jahr stillen?« »Was, du hast schon abgestillt?«

Immer noch streiten wir Frauen uns darum, wessen Modell die bessere Mutter hervorbringt: Ist es die, die sich für Jahre ganz auf ihre Kinder einstellt oder die lebensstarke Karrieremutter? Die, die lediglich ein Kind in die Welt setzt, um das sie sich aufmerksam kümmert, oder die, die viele Kinder bekommt? Ist es die, die ihre Biografie nicht aus den Augen verliert und auf bezahltes Kinderpersonal zurückgreift? Ist es die, die sich mit Ratgeberliteratur in Sachen Kindererziehung top informiert, bevor sie sich über die heikle Erziehungsaufgabe hermacht, oder ist es die Spontimutter, die alles intuitiv aus dem Bauch heraus entscheidet? Ist es die strenge und konsequente Mutter oder die liebevolle Kuschelmami?

Wir wissen es alle nicht genau, und deshalb streiten wir uns so verbissen. Weil das schlimmste Urteil immer noch lautet, eine »schlechte Mutter« zu sein. Viel stärker als in anderen Ländern hält sich bei uns nämlich ein Mythos, der so zäh und mächtig ist, dass ein paar politische Maßnahmen und dynamische Vorbildfrauen daran so schnell nichts zu ändern vermögen: der Mythos von der »guten Mutter«. Die Wurzeln reichen in Deutschland weit zurück. Angefangen vom überhöhten Mütterideal im Dritten Reich und der Verleihung des Mutterkreuzes durch den Führer bis hin zu den Mütteremanzen der Achtzigerjahre, die im Deutschen Bundestag mit Strickzeug vor der Nase saßen und sich nicht scheuten, selbst in öffentlichen Versammlungen ein Kind an der Brust und das andere an der Hand zu haben. Diese Feministinnen haben zwar für die Rechte und die Anerkennung der Mütter gekämpft, aber ironischerweise in der Folge die Fußketten noch enger gezurrt: weil sie das Muttersein in bester Absicht weiter ideologisch aufgewertet und vor sich hergetragen haben.

Wer heute nicht alles durchmacht, all die PEKiP- und Stillgruppen, die Geburtsvorbereitungs- und Babymassagekurse, wer nicht bei Spielkreisen, Krabbelgruppen und Miniclubs dabei ist, wer nicht vollen Einsatz zeigt, um auf das verletzliche Kind hinlänglich genug einzugehen, macht sich sofort verdächtig, keine »gute Mutter« zu sein. Der Mythos wirkt nach. Und der mütterliche Vollkommenheitsanspruch zwingt reihenweise Mütter, ob berufstätig oder nicht, in die Knie.

Vielleicht sollten wir uns endlich darauf verständigen, dass das Bild der »guten« Mutter eben nur ein Bild ist, eine Wunschvorstellung, ein Ideal, eine Idee – aber eben keine unumstößliche Wahrheit, keine unverrückbare Größe, die man erreichen müsste oder gar könnte. Und vor allem sollten wir akzeptieren, dass die meisten berufstätigen Frauen ihr Lebensmodell nicht auf Basis einer wie auch immer gearteten Weltanschauung erwählen, sondern als pragmatische Reaktion auf immer noch schwierige Rahmenbedingungen.

Von meiner C4-Professorin weiß ich, dass sie am liebsten ihre Stunden reduzieren würde, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Aber das gibt es in ihrem Bereich nicht: entweder ganz oder gar nicht. Auch ihr Modell ist nicht Überzeugungswerk, sondern Arrangement.

Wer – als Frau – Kinder hat und weiterhin arbeiten will, muss Abstriche machen, auch heute. Auch deswegen sollten wir Frauen endlich unser sinnloses Gegeneinander einstellen und zu einer Frauensolidarität finden, die zu ähnlichen Seilschaften führen könnte, die Männer schon seit Urzeiten erfolgreich pflegen. Manches deutet darauf hin, dass die Umwälzungen, die unter anderem Ursula von der Leyen vorwärtstrieb, erste Erfolge zeigen: Neulich, als Andrea Nahles aus kurzer Babypause an den Arbeitsplatz zurückkehrte, hagelte es »fiese Briefe von wegen Egotrip, karrieregeil und so«, erzählte sie der Zeitschrift Brigitte – allerdings, sagt Nahles, vor allem von Männern. Kein Wunder, sie haben Angst da oben, dass Kinderkriegen bald keine Karrierebremse mehr sein könnte. Das ist der Anfang.

Fotos: dpa (2)

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