»Ich muss jeden Tag daran arbeiten, mich über mein Leben zu freuen«

Hollywood-Superstar, UN-Botschafterin, sechs Kinder - und morgens bringt Brad Pitt den Tee ans Bett. Man könnte es schlechter treffen, oder? Trotzdem bleibt Angelina Jolie eine Getriebene.

(Foto: getty)

SZ-Magazin: Ihre Taufpaten sind die Schauspieler Maximilian Schell und Jacqueline Bisset, Ihr Vater ist der Oscar-Preisträger Jon Voight. Welche Märchen hat man einem Hollywood-Kind wie Ihnen vorgelesen?
Angelina Jolie: So gut wie keine, denn ich habe mir nichts aus Märchen gemacht. Die Begleiter meiner Kindheit waren Disney-Filme. Als Teenager habe ich lieber Geschichtsbücher als Romane gelesen. Erfundenes interessierte mich nicht. Ich wollte wissen, was wirklich passiert war. Wenn ich doch Vampir-Geschichten las, habe ich mir hinterher Sachbücher über den Vampir-Mythos besorgt.

Sie haben sechs Kinder aus vier Kulturkreisen. Was lesen Sie denen vor?
Die Kinder lieben es, wenn ich ihnen die Taschi-Geschichten von Anna und Barbara Fienberg vorlese. Der kleine Taschi entkam einem Warlord auf dem Rücken eines Schwans und erzählt großartige Geschichten über Riesen, Hexen, Geister, Dämonen, Räuberbarone und Monster. Meistens erzähle ich aber Geschichten, die ich selbst erfinde und in denen meine Kinder als Figuren vorkommen. Ich schicke sie dann in Abenteuer hinein oder konfrontiere sie mit Themen aus ihrem Alltag. Manchmal lasse ich sie auch Situationen mit den Tieren bei uns im Haus erleben. In jeder Geschichte bringe ich möglichst unauffällig eine Moral unter, damit die Kinder ethisches Verhalten lernen.

Im Alter von zehn Jahren gingen Sie an der Seite Ihres Vaters in einem weißen Prinzessinnenkleid zur Oscar-Verleihung. War der Gang über den roten Teppich ein märchenhaftes Erlebnis?
Hatte ich ein Prinzessinnenkleid an? Ich weiß nur noch, dass es viel Spitze hatte und sehr achtzigerjahremäßig aussah. Um die Wahrheit über diesen Tag zu sagen: Ich habe mich unendlich gelangweilt! Der Grund dafür ist, dass ich in diesem Business aufgewachsen bin. Ich war als Kind oft auf Filmsets, deshalb habe ich Schauspieler nie für etwas Besonderes gehalten. Ich sah mit eigenen Augen, dass das ziemlich gewöhnliche Menschen sind. Meine deutlichste Erinnerung an den Oscar-Tag ist das Gefühl von Konkurrenz. Mein Bruder war krank vor Sorge, ob unser Vater auch wirklich gewinnen würde. Ich war von Menschen umgeben, die sich offensichtlich sehr unwohl fühlten. Das Gute an dieser Erfahrung ist, dass sie mir heute hilft, die Oscar-Verleihung als Spaß zu sehen.

Mit 16 zogen Sie von zu Hause aus, mit 17 standen Sie vor einer Filmkamera, mit 19 kauften Sie sich eine Eigentumswohnung, mit 20 schlossen Sie Ihre erste Ehe, mit 24 die zweite, mit 26 adoptierten Sie Ihr erstes Kind. Warum diese Eile?
Sie haben recht, ich hatte es verdammt eilig. Meine Triebfeder war, dass ich nur ans Heute glaubte und Panik hatte, mein Leben bloß halb zu leben. Meine Großmutter und meine Mutter sind früh gestorben. Deshalb habe ich nie glauben können, dass es in meinem Leben Märchen, Happy Ends und eine perfekte Familie geben könnte. Ich muss daran arbeiten, dass es mir gelingt, durchzuatmen und mich über mein Leben zu freuen. Weil ich weiß, wie abrupt ein Leben zu Ende sein kann, denke ich am Ende eines Tages immer, ich hätte nicht genug getan. Dieses Gefühl von Dringlichkeit lässt mich einfach nicht los.

Weil Sie anderen Frauen ein autonomes und selbstbestimmtes Leben vorleben, sehen Feuilletonisten in Ihnen die Nachfolgerin von Madonna. Behagt es Ihnen, zur Leitfigur einer neuen Weiblichkeit ausgerufen zu werden?
Nein. Ich bin in meinem Leben durch viele Phasen gegangen und habe dabei eine Menge Fehler gemacht. Ich versuche aber, zu einer Person heranzuwachsen, mit der ich leben und auf die ich stolz sein kann. Ich versuche, der bestmögliche Mensch zu werden. Wenn dieser Wille andere inspiriert, will ich aber gern Vorbild sein.

Schönheit, Reichtum, Familie, Karriere, humanitäres Engagement: Verstehen Sie, dass manche Frauen den Glücksimperativ, den Sie verkörpern, als Zumutung empfinden?
Ich kann diesen Frauen nur sagen, dass ich extremes Glück hatte. Ich habe nie erwartet, diese Karriere und dieses Familienglück zu bekommen, und ich bilde mir auch nicht ein, ich hätte beides durch eigene Verdienste erworben. Deshalb empfinde ich die Verantwortung, die auf meine Person gerichtete Aufmerksamkeit auf meine humanitären Projekte umzulenken.

»Diese Rolle ist perfekt für dich«, hieß es. Aber ist das für mich ein Kompliment?, fragt sich Jolie. Maleficent - Die dunkle Fee startet am 29. Mai. (Foto:action press)

Ab kommender Woche sind Sie in der Dornröschen-Verfilmung Maleficent – Die dunkle Fee zu sehen. Ihre fünfjährige Tochter Vivienne spielt in dem angeblich 200 Millionen Dollar teuren Disney-Spektakel die Rolle der kleinen Aurora. War das Ihre Idee?
Der Regisseur Robert Stromberg hat viele Mädchen für die Rolle der Aurora ausprobiert, und ich habe mich jedes Mal bemüht, so nett wie möglich zu sein. Trotzdem liefen die Mädchen schreiend weg, wenn sie mich sahen. Das Gleiche passierte, wenn Leute aus dem Filmteam ihre Kinder mit zum Set brachten. Der Grund war, dass ich als böse Fee Malefiz zwei furchteinflößende schwarze Hörner am Kopf trage. Als wir nicht mehr weiterwussten, sagte jemand, dass es wahrscheinlich nur ein kleines Mädchen gebe, das bei meinem Anblick kein Trauma erleiden würde – meine Tochter. Aus dieser Not heraus hat Vivienne ihre Rolle bekommen.

Ihre neunjährige Tochter Zahara und Ihr zehnjähriger Sohn Pax tauchen in dem Film als Statisten auf. Wünschen Sie Ihren Kindern eine Karriere vor der Kamera?
Oh Gott, nein! Für unsere Kinder sind Filmsets und Kurzauftritte ein großer Spaß, aber Brad und ich wünschen uns, dass sie nicht ausgerechnet Schauspieler werden wollen. Seit meinen Anfängen hat sich dieser Beruf dramatisch verändert. Heute gilt es, eine Berühmtheit zu sein. Die Qualität des künstlerischen Handwerks kommt erst an zweiter Stelle. Dass ich ein erfülltes Leben habe, liegt nicht daran, dass ich Schauspielerin bin.

Vor drei Jahren haben Sie mit dem Bosnien-Film In the Land of Blood and Honey als Regisseurin debütiert. Über die Dreharbeiten sagten Sie: »Ich war nie glücklicher als auf dem Set zu meinem eigenen Film.« Warum spielen Sie jetzt die Hauptrolle in einem 3-D-Gruselmärchen?
Ich bin in den Ring gestiegen, um diese Rolle zu kriegen. Zum einen, weil ich ein Herz für reines Entertainment habe, zum anderen, weil die böse Fee Malefiz die Lieblingsfigur meiner Kindheit war. Ich mochte es, dass sie ein frivoles Vergnügen dabei empfindet, bösartig zu sein. Die Dreharbeiten waren eine Reise in meine Kindheit.

Wie lange wird es Sie als Schauspielerin noch geben?
Ich werde noch einige Male vor der Kamera stehen, aber es wird langsam Zeit, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Ich werde mich auf Regie und Drehbuchschreiben konzentrieren – und auf meine humanitäre und politische Arbeit.

Sie galten mal als Borderlinerin, heute nennt man Sie Saint Angelina – die »heilige Angelina«. Was hat Sie verändert?
In der ersten Hälfte meines Lebens habe ich nur die USA gekannt. Vor 14 Jahren musste ich für meine Rolle als Lara Croft nach Kambodscha reisen. Die Kultur des Landes und das katastrophale Elend der Flüchtlinge haben mein Leben völlig verändert. Seither bin ich weniger selbstbezogen und kann meine Gefühlslagen besser relativieren. Die zweite Revolution meines Lebens war es, Kinder zu haben. Diese Erfahrung verändert einen für immer, Kinder beantworten die Frage, wozu wir auf der Welt sind. Ich weiß, dass mein Leben nicht länger mir gehört. Für mich hat das etwas Entlastendes. Heute kann ich mir vorstellen, fünfzig Jahre alt zu sein und bei Schulabschlussfeiern meiner Kinder zu winken.

Ihre Kinder sind zwischen fünf und zwölf Jahre alt. Ist ihnen denn bewusst, wie berühmt ihre Eltern sind?
Ja. Sie bekommen vieles nicht mit, aber sie sehen Paparazzi, seit sie denken können. Wir versuchen, keine große Sache daraus zu machen, und sagen ihnen, wir sind Schauspieler, und dieser Beruf findet nun mal in der Öffentlichkeit statt.

Können Sie sich Angelina Jolie und Brad Pitt als Rentnerehepaar auf einer Parkbank vorstellen?
Ja, aber lieber würde ich uns auf Reisen sehen. Ich bin schlecht darin, lange am selben Ort zu sein. Reisen verhindert auch, dass man es sich in seinem Alltag zu bequem macht.

Was würden Sie einem Außerirdischen antworten, der Sie fragt, welche Gründe die tobende Boulevardhysterie um Sie und Brad Pitt hat?
Erst einmal wäre ich so schockiert, einen Alien zu treffen, dass es mir die Sprache verschlagen würde. Dann würde ich sagen, sorry, aber die Antwort überfordert mich. Und dann würde ich die Hoffnung äußern, dass man bald ein neues Paar findet, das diese Art Aufmerksamkeit bekommt. Vielleicht glauben Sie es nicht, aber Brad und ich haben beide das Gefühl, dass wirklich nichts Besonderes an uns ist. Wir arbeiten sehr hart an unseren Karrieren, und wir versuchen, unsere Beziehung und unsere Familie stark und gesund zu halten. Daran ist nichts außergewöhnlich, das tun Millionen andere auch.

Das dickste Buch über Sie hat der Diana-Biograf Andrew Morton geschrieben. Die knapp 500 Seiten funktionieren nach dem Schema: »Ein enger Freund von Angelina Jolie, der seinen Namen nicht genannt wissen will, erzählt …« Haben Sie das Buch gelesen?

Natürlich nicht. Ich lese auch keine Artikel über mich. Man sollte weder den positiven Hype um einen glauben noch die Kritik ernst nehmen. Ich muss keine Meinung von Menschen über mich lesen, die mich nicht kennen.

Sollte man nicht wissen, welcher Gossip über einen im Umlauf ist?
Nein. Das würde mir nur den Tag ruinieren. Ich bin schon sehr lange in diesem Geschäft und kann eine Menge Schläge wegstecken. Was mich noch verletzen kann, sind erfundene Zitate, in denen ich angeblich schlecht über andere rede.

Ihren größten kommerziellen Erfolg hatten Sie an der Seite von Brad Pitt mit dem Film Mr. & Mrs. Smith, der fast 500 Millionen Dollar einspielte. Jetzt ist das Gerücht aufgetaucht, dass es nach neun Jahren eine Neuauflage dieser Besetzung geben wird.
Dieses Gerücht könnte wahr werden. Ich habe ein Drehbuch geschrieben, und seit drei Jahren überlegen Brad und ich, es zu verfilmen.

Kennen Ihre Kinder jeden Ihrer Filme?
Nein, viele Szenen sind zu drastisch. Die Älteren durften neulich Mr. & Mrs. Smith gucken. Zu sehen, wie sich Mum und Dad als feindliche Spione gegenseitig an die Gurgel gehen, schien für sie die Erfüllung ihrer geheimen Fantasien zu sein. Sie sagten, das sei der lustigste Film, den sie je gesehen hätten.

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Angelina Jolie

Das Scheidungskind wuchs bei einer Mutter auf, die wie besessen versuchte, Schauspielerin zu werden, über einen Werbespot für Revlon aber nicht hinauskam. Die Tochter zählt heute mit Gagen um die 15 Millionen Dollar zu den höchstbezahlten Filmstars und führt mit dem Schauspieler Brad Pitt seit neun Jahren die mutmaßlich am schärfsten beobachtete Beziehung der Menschheitsgeschichte. Die 38-jährige Oscar-Preisträgerin (»Durchgeknallt«) war zweimal verheiratet und erzieht sechs Kinder, von denen drei adoptiert sind. Die ehemalige Borderlinerin - sie bestätigt autoaggressives Verhalten und umfangreiche Drogenerfahrungen - ist heute Sondergesandte des UN-Flüchtlingskommissars.

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