Der Enke-Effekt

Als sich der Torwart Robert Enke im November vor einen Zug warf, berichteten die Medien ausführlich darüber - obwohl jeder wusste, dass das die Gefahr von Nachahmungstaten erhöht. Vier Monate später ist klar: Die Zahl der Menschen, die sich mit einem Sprung vor den Zug ums Leben bringen, ist massiv gestiegen. Darüber aber spricht niemand.

Menschen, die sich von einem Zug überfahren lassen, tun dies meistens an einem Montag oder Dienstag. Denn zu Beginn einer Woche fühlt man sich oft besonders einsam und hoffnungslos, wie Psychologen sagen. Ein einfaches Beispiel, das aber zeigt: Suizide sind selten rein private Entscheidungen, sie sind immer auch von der Umwelt beeinflusst. Vom Wochentag zum Beispiel. Von der Jahreszeit. Oder von den Medien.

So schrieb der Journalist Stefan Niggemeier kurz nach dem Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke in seinem Blog: Den Preis für die Berichterstattung könne man später in Menschenleben zählen. Und er sollte recht behalten, wie sich jetzt zeigt: Nachdem sich Enke im vergangenen November das Leben nahm, habe es eine »drastische« Steigerung der Suizide in Deutschland gegeben, sagt der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl. Von viermal so vielen Toten allein Mitte November ist die Rede. Denn Suizide sind salopp gesagt wie Modetrends. Sie regen zur Nachahmung an. Und je mehr man darüber weiß, desto besser kann man sie kopieren. In der Wissenschaft nennt man diese Reaktion Werther-Effekt, angelehnt an Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther. Kurz nach Erscheinen des Buches 1774 töteten sich plötzlich junge Männer selbst – so wie Goethes Werther hatten sie zum Suizid eine gelbe Weste zur blauen Jacke angezogen.

Eine Untersuchung des amerikanischen Soziologen David Phillips aus den Siebzigerjahren brachte schließlich den Beweis für den medial vermittelten Nachahmungseffekt: Phillips stellte fest, dass die Zahl der Suizide in den amtlichen Statistiken immer dann nach oben schnellte, wenn über die Selbsttötung eines Prominenten in der Zeitung berichtet worden war. Am deutlichsten wurde dies nach dem Suizid von Marilyn Monroe, 198 Menschen mehr als sonst nahmen sich in den USA kurz darauf das Leben. Und in der Bundesrepublik ließ 1981 die ZDF-Serie Tod eines Schülers, die von einem Jungen erzählt, der sich selbst tötete, die Zahl an Suiziden von 15- bis 19-Jährigen um 175 Prozent ansteigen. Dabei handelte es sich nicht etwa um vorgezogene Suizide, wie Nachforschungen ergaben, das heißt, um Menschen, die sich ohnehin umgebracht hätten. Es waren zusätzliche Tote. Zusätzliche Tote wie nun bei Robert Enke.

Als sich der Nationaltorwart am 10. November 2009, einem Dienstag, von einem Zug überfahren ließ, löste er ein Medienecho aus, das mit der Berichterstattung über den Tod von Michael Jackson oder Lady Di vergleichbar war. Sämtliche Medien druckten ein Foto Enkes auf der Titelseite. Es wurde berichtet, wo Enke sein Auto geparkt hatte, wie weit es von dort zu den Gleisen war, welche Nummer der Zug hatte, der ihn schließlich überfuhr. Und natürlich wurden Fragen gestellt, auf die es keine Antworten geben konnte: Hat er den Tod seiner Tochter nicht überwunden? Oder lag es daran, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn nicht für ein Spiel nominiert hatte?

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Aber lässt sich dann überhaupt über den Suizid einer prominenten Person berichten? Und wenn ja, wie?)

Karl-Heinz Ladwig, Professor für Psychosomatische Medizin mit Sitz im Helmholtz Zentrum, einer Wissenschaftseinrichtung im Münchner Norden, forscht seit Jahren zum Thema Suizid. Den Fall Robert Enke nennt er einen »worst case«. Weil bei einem Idol, wie der 32-jährige Torwart es war, der Werther-Effekt besonders stark ist. Aber, und das ist Ladwig wichtig: »Man muss sich noch nicht einmal mit dem Menschen identifizieren können, um seine Tat nachzuahmen.« Es genüge, dass sich durch Medienberichte die Methode oder der Ort des Suizids im kollektiven Bewusstsein festsetzen. Bei der Golden Gate Bridge in San Francisco ist das so: Menschen aus der ganzen Welt reisen dorthin, um sich in den Tod zu stürzen, obwohl sie auf dem Weg dahin zahllose andere Brücken überqueren.

Ähnlich die Reaktion auf das Pflanzenschutzmittel E 605, das in den Fünfzigerjahren durch einen Serienmord bekannt wurde, und das anschließend Menschen nutzten, um sich zu vergiften. Übertragen auf den Tod von Robert Enke bedeutet das: Selbst wenn er keine Identifikationsfigur gewesen wäre, hätte die Berichterstattung zu einem Anstieg der Suizide auf Bahnstrecken geführt. Denkt man an den Nationaltorwart, denkt man nun die Gleise und die Bahn automatisch mit. Auch Menschen, die sich töten wollen, tun das: Enke gleich Bahn gleich sicherer Tod.

Aber lässt sich dann überhaupt über den Suizid einer prominenten Person berichten? Und wenn ja, wie? Schließlich gibt es unbestreitbares Interesse, ein Bedürfnis nach Informationen. Dass man Enkes Tat nicht rechtfertigen oder als unausweichlich beschreiben soll (»Er hatte keine Wahl«), leuchtet ein. Dass man lieber nüchterne Begriffe wie Suizid oder Selbsttötung benutzt, statt von Freitod zu sprechen, ein Wort, das nach Heldenmut in der Niederlage klingt, auch. Außerdem sollte man nicht über die Gründe spekulieren und keine Fotos auf der Titelseite oder Abschiedsbriefe drucken, die eine Identifikation befeuern können. Doch kann man die Suizidmethode wirklich verheimlichen?

Wir zeigen zwar kein Foto von Enke und schildern auch keine Details zum Tathergang, aber auch in diesem Text stehen die Worte Suizid und Bahn in einer Zeile. Karl-Heinz Ladwig beantwortet diese Überlegungen bewusst mit einem Witz, der mehr sagt als lange Erklärungen: »Steht ein Suizident auf einer Brücke. Stoppt ein Polizeiwagen neben ihm. Die Polizisten steigen aus, ziehen ihre Pistole und rufen ›Hände hoch‹. Der Suizident hebt die Hände und klettert vom Geländer.« Was Ladwig damit auch sagen will: »Es wird in den Medien oft vergessen, dass auch eine positive Lösung möglich ist. Dass man einen Menschen leicht vom Suizid abhalten kann.«

In der Berichterstattung über den Suizid von Robert Enke war stattdessen viel von Fassungslosigkeit zu lesen, von einer Dunkelheit, einer Finsternis oder einem Schatten, der am Ende stärker war als er. Und, so hart es klingt, auch zu viel öffentliches Mitleid kann gefährlich sein, da sind sich Wissenschaftler einig. In der europäischen Kulturgeschichte war der Suizid lange Zeit als Todsünde verdammt. Menschen, die sich selbst das Leben genommen hatten, wurden wie Kriminelle behandelt. Im Mittelalter konfiszierte man ihr Erbe, knüpfte manche posthum sogar auf. Die Leichen von Personen, die sich zu Hause umgebracht hatten, trug man nicht durch die Vordertür, sondern durch die Kellerluke aus dem Haus. Und natürlich durften sie nicht in geweihtem Boden beerdigt werden. Erst 1983 strich die katholische Kirche diese Vorschrift endgültig aus ihrem Regelwerk.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es gibt auch Beispiele, die zeigen, wie man nach dem Suizid eines Prominenten dem Werther-Effekt vorbeugen kann)

Die grausame Praxis hatte am Ende jedoch einen Zweck: Suizide zu ächten und dadurch zu verhindern. So ist der Werther-Effekt auch ein Dilemma der Mediengesellschaft, zwischen dem Interesse an möglichst schaurigen Details eines Suizids und der Gefahr, durch diese Berichterstattung erst weitere Menschen zur Selbsttötung zu verleiten. Aus diesem Grund ist es nahezu unmöglich, exakte Zahlen über die Nachahmer zu bekommen. Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht sie erst in weitem Abstand zum Ereignis, nach zwei Jahren. Und die Bahn, die genau weiß, wie viele Menschen sich in den kritischen Wochen nach dem 10. November auf den Schienen das Leben genommen haben, hält die Zahlen unter Verschluss. »Wir wollen nicht weiteren Stoff für Berichterstattung liefern«, heißt es dort.

Karl-Heinz Ladwig, der die Zahlen kennt, aber nicht nennt, leitet für die Deutsche Bahn ein Präventionsprogramm. Er hat mehrere Studien begleitet, die zeigen, wer sich auf den Gleisen umbringt: Fast zwei Drittel sind Männer, die meisten zwischen 24 und 35 Jahren. Auf Bahnhöfen gibt es mehr »Springer«, also Menschen, die sich im letzten Moment vor den Zug schmeißen. Auf freier Strecke kommt es häufiger vor, dass die Person dem Zug entgegengeht oder sich auf die Schienen legt. Diese »Geher« oder »Liegenden«, vermutet man, haben sich schon länger für das Sterben entschieden, die »Springer« handeln dagegen öfter im Affekt.

Insgesamt werden rund acht Prozent aller Suizide in Deutschland auf den Gleisen verübt, durchschnittlich zwischen zwei und drei pro Tag. Ladwig schult deshalb das Bahnhofspersonal, auf Menschen zu achten, die Familienfotos in der Hand halten oder ihr Gepäck auf den Boden stellen, obwohl der Zug gerade einfährt – alles Anzeichen für einen Suizid. »Wenn man solche Personen erkennt und anspricht, springen die nicht«, sagt er. Andere Länder, wie Japan, haben an U-Bahnsteigen große Spiegel montiert, damit sich die Menschen selbst anschauen müssen, wenn sie auf die Gleise steigen. Und eine Untersuchung Ladwigs hat gezeigt: Die Zahl an Suiziden verringert sich enorm, wenn man den Zugang zu sogenannten Hotspots, also Orten an Bahnlinien, an denen sich überdurchschnittlich viele Menschen das Leben nehmen, durch einen einfachen Zaun oder eine Hecke erschwert. Manchmal reicht dazu sogar ein »Durchgang Verboten«-Schild.

Es gibt auch Beispiele, die zeigen, wie man nach dem Suizid eines Prominenten dem Werther-Effekt vorbeugen kann, der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl schreibt davon in einem Aufsatz. Nachdem sich 1994 der Sänger der Band Nirvana, Kurt Cobain, mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen hatte, kamen die Fans bei einer öffentlichen Trauerfeier zusammen, auf der auch eine Tonbandaufzeichnung von Cobains Witwe, Courtney Love, abgespielt wurde. Love, die schon damals selbst als Musikerin berühmt war, weinte zunächst und beklagte den Tod ihres Mannes, fing dann aber an, ihn zu beschimpfen und zu verfluchen, weil er sich so habe gehen lassen.

»Diese Ambivalenz verhinderte einen Romantisierungseffekt und machte allen Anwesenden deutlich, dass Cobains Tod etwas Schreckliches ist«, schreibt Hegerl. Natürlich kann man Robert Enke nicht mit dem drogenkranken Kurt Cobain vergleichen. Als aber im November 40 000 Menschen im Stadion seines Vereins Hannover 96 von ihm Abschied nahmen, übertrugen fünf Fernsehsender gleichzeitig. Und in der Bild-Zeitung war am nächsten Tag zu lesen, dass der schlichte Sarg Enkes viele Gäste an den Sarg von Johannes Paul II erinnert hatte.

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Auf der Journalistenschule lernt man als Erstes, in einem Artikel immer die W-Fragen zu beantworten: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Daran kann sich Christoph Cadenbach noch gut erinnern. Bei der Berichterstattung über einen Suizid können diese Details, die natürlich auch der Leser erwartet, jedoch gefährlich sein, weil sie Nachahmer finden könnten. Ein Widerspruch, der nur schwer aufzulösen ist.

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