Der erfundene Ort

Geht das eigentlich: irgendwo hinziehen und ein Dorf gründen? Ein paar Unternehmer und Aussteiger haben es in der süddeutschen Provinz probiert. So entstand etwas wunderbar Unmögliches: ein schwäbischer Hightech-Kibbuz.

Sieht natürlich albern aus: vierzig Erwachsene, die Händchen halten und schweigen. Zehn Minuten lang. Dann reden sie kurz, bevor sie mit ihren erhobenen Händen wackeln. Wie im Kindergarten. Die Leute vom Dorf Tempelhof wissen, wie das auf Fremde wirken muss. Sie kommen aus der Großstadt, sind keine Hippies und wollen dennoch nicht aufs Händchenhalten verzichten. Nicht mal vor einem Fotografen. Hat ja auch Sinn: Jede Gemeinschaft braucht Rituale – der Kindergarten, die Kleinfamilie, der Fußball- wie der Gesangsverein. Rituale stärken die Verbundenheit zwischen Menschen. Erst recht, wenn sie früher eher Einzelgänger waren. So wie der Unternehmer Wolfgang Sechser. So wie der Weltumsegler Ben Hadamovsky. Rituale verbinden erst recht, wenn eine Gemeinschaft so groß ist wie ein ganzes Dorf und niemand genau weiß, wie viele Bewohner es gerade hat, weil es von Monat zu Monat wächst. Seit zwei Jahren schon.

Tempelhof ist eine Art schwäbischer Hightech-Kibbuz mit 26 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in der Nähe von Dinkelsbühl auf halbem Weg zwischen Ulm und Würzburg, auf denen genügend Gemüse und Obst für den Eigenbedarf wächst und die reichlich Platz bieten für sechzig Ziegen, hundert Hühner, für Käserei, Bäckerei, Imkerei, Waldkindergarten, Schneiderei, Schreinerei, Schlosser-, Fahrradwerkstatt, eine große Dorfkantine und ein kleines Café. Aber auch für ein Glasfasernetz mit eigenem Server und ein Labor, in dem zwei Forscher mit Wasserstofftrennung experimentieren und über Biomeiler nachdenken, die ohne Verbrennung Strom und Wärmeenergie erzeugen. Bald sollen eine Schule und ein Hospiz folgen. Seminarräume und Gästezimmer werden vermietet. Wenn die im Sommer für 350 Konfirmanden oder Englischschüler aus Baden-Württemberg nicht reichen, wird ein Zeltlager aufgebaut.

Zwei schwer erziehbare Jugendliche leben und arbeiten mit ihrem Erzieher schon in Tempelhof, mehr werden kommen. Das unorthodoxe Erfolgsrezept des Erziehers heißt: »Ritual statt Ritalin.« Es funktioniert, die beiden Jungs haben die starken Beruhigungsmittel längst abgesetzt. Niemand hat Angst vor den hundert neuen Nachbarn, die mit ihren Händen wackeln. In Tempelhof entstehen neue Arbeitsplätze, und Tempelhof will bestehenden Werkstätten in den Nachbarorten keine Konkurrenz machen. Jeden Monat veranstaltet das Dorf Informationstage und einmal im Jahr ein großes Maifest; Satzung und Ziele sind auf der Homepage www.schloss-tempelhof.de einsehbar, selbst die Geschäftsberichte der Dorfgenossenschaft können nachgelesen werden.

In Zeiten der Landflucht von jungen Leuten ist selbst der zuständige Bürgermeister der umliegenden Gemeinde Kreßberg über die zugereisten Städter glücklich. Tempelhof bedeutet für die anderen 3883 Bewohner Kreßbergs: stabile Wasserpreise und Schulen, die nicht geschlossen werden. Und endlich ist mal wieder richtig was los für die Jugend aus den umliegenden Dörfern. Vielleicht ist Tempelhof ein Symbol für die neue Landlust vieler Städter. Das Dorf liegt nicht zu weit, um unter der Woche in die Großstadt zu pendeln. Tempelhof versucht ganz sicher den Spagat zwischen modernem Arbeitsplatz vor dem Computer und Wohnen in idyllischer Natur, zwischen moderner freiberuflicher Tätigkeit als Einzelkämpfer und alter Sehnsucht nach Geborgenheit in dörflicher Gemeinschaft, zwischen neuen Lebensentwürfen und alten Ritualen.

Das Dorf Tempelhof kennt drei Rituale. Nummer eins: Zum gemeinsamen Essen in der Kantine ertönt ein Gong; auch vor langen Diskussionsabenden wird er geschlagen. Nummer zwei: Morgens nach dem Frühstück in der Kantine bilden die Bewohner einen Kreis. Sie fassen sich an der Hand und schweigen bis zu zehn Minuten lang, dieses Ritual nennen sie Morgenkreis. Kindergärten machen das auch häufig, nur nicht so lange. Nach dem Schweigen kommt im Morgenkreis Alltägliches zur Sprache: Wer fährt wann die 190 Kilometer nach München oder die 120 nach Stuttgart und könnte etwas mitnehmen? Mag jemand bei der Birnenernte helfen? Ein Techniker, er ist vom Dorf angestellt, verkündet: Die fünfte Fotovoltaikanlage ist angeschlossen. Das Dorf erzeugt jetzt an guten Sonnentagen fünfzig Prozent mehr Strom, als es verbraucht. Bei dieser Nachricht wackeln die Menschen im Kreis mit erhobenen Händen. Auch Sechser, der Unternehmer, und Hadamovsky, der Weltumsegler.

Dieses dritte Ritual ist eine Geste aus der Gebärdensprache und ersetzt das gewöhnliche Klatschen. Die Bewohner von Tempelhof haben sie übernommen, weil am Morgenkreis auch kleine Kinder teilnehmen, für die Klatschen zu laut wäre. Gegen Ende des Morgenkreises stellen sich verschiedene Gäste vor: Tempelhof bekommt im Jahr etwa 500 Besucher, die ein oder zwei Wochen mithelfen. Um Urlaub zu machen. Aus Neugier auf das Leben in einer Großkommune. Einige wollen das Dorfleben genau kennenlernen, bevor sie einen Aufnahmeantrag stellen. Andere wollen Tempelhof kopieren und als Muster für ein eigenes Dorf irgendwo anders in Europa nutzen. Tempelhof ist berühmt unter Menschen, die nach Alternativen zu einem bürgerlichen Leben in der Kleinfamilie suchen. Bei der Begrüßung ihrer Gäste wackeln die Bewohner wieder mit den Händen. Rituale stärken die Gemeinschaft, aber Fremde schrecken sie gelegentlich ab, sie können altmodisch, esoterisch, antiaufklärerisch wirken, und natürlich sieht das Wackeln mit den Händen besonders albern aus. Aber für alle drei Rituale sprechen genügend praktische Gründe: Der Morgenkreis dient der Besinnung und er ersetzt auch die tägliche Zeitung mit den jüngsten Dorfnachrichten für die Einwohner. Tempelhof hat jedenfalls keine Scheu davor, irgendjemandem nicht zu gefallen. Das Dorf kann sich vor Anmeldegesuchen kaum retten. Im Augenblick herrscht Aufnahmestopp, das Dorf ist voll.

Mehr Platz wird es nächsten Herbst wieder geben, wenn die beiden Neubauten fertiggestellt sein werden. »150 bis 300 Leute sollen hier einmal leben, aber wir dürfen nicht zu schnell wachsen«, erklärt Wolfgang Sechser, der zum siebenköpfigen Dorfvorstand gehört. Sechser ist 51, hat zwei Baufirmen in München geführt, ist erst reich, dann krank geworden, hat seine Unternehmen abgegeben, mit Meditieren begonnen und das Dorf vor zwei Jahren mitgegründet. »Ich habe maximale Lebensschulung genossen, in jeder Beziehung.« Dass er einmal in großer Gemeinschaft leben würde, hätte er sich früher nicht vorstellen können. Der Bruch in der Biografie scheint eher untypisch für die Leute in Tempelhof. Sechser bekommt das Landleben jedenfalls sichtlich: Er sieht schlank und gesund aus. Er zieht sich immer noch schick an. Niemand in Tempelhof trägt Hippieklamotten.

Inzwischen zogen insgesamt an die hundert Leute zu, darunter zwanzig Kinder. Auch eine Französin, eine Argentinierin, eine Polin, eine Rumänin, ein Schweizer Ehepaar und demnächst auch eines aus Japan. Einige Künstler, ein Knallgasforscher, ein UNO-Mitarbeiter aus Genf, der Rest: Handwerker, Akademiker, Manager, Rentner, Krankenschwestern und Pfleger aus umliegenden Gemeinden, auch einige Münchner, die zur Arbeitsstelle noch hin- und herpendeln. 25 000 Euro müssen alle in die Genossenschaftskasse einzahlen, dafür bekommen sie das Recht auf billigen Wohnraum und billiges Essen: Sie dürfen für 250 Euro im Monat in der Kantine essen, wenn sie möchten, dreimal am Tag. Aber sie müssen natürlich nicht, sie können auch zu Hause kochen. Sie dürfen allein oder in einer Wohngemeinschaft oder mit Partner oder Familie wohnen – wie sie wollen und so wie es gerade möglich ist, gegen eine Warmmiete von nur fünf Euro pro Quadratmeter.

Die Warteliste ist lang

Manche wohnen zur Probe, sie dürfen mitentscheiden bei allen Belangen des Dorfes, müssen aber damit rechnen, nach einem Jahr wieder weggehen zu müssen. Alle Bewohner stimmen über jeden neuen Mitbewohner dreimal ab. Wer nur ein einziges Mal ein einziges Veto erhält, muss ausziehen. Aufgenommen werden nur »Leute, die zu uns passen«, sagt Sechser, der Ex-Unternehmer. Die Warteliste ist lang. Junge Familien mit kleinen Kindern haben bessere Chancen, Handwerker werden immer gebraucht, jetzt auch Lehrer für die eigene Schule, die spätestens im Frühjahr eröffnet werden soll.

Für Menschen ab sechzig sieht es dagegen erst mal schlecht aus, dabei sind ältere Frauen besonders neugierig auf Tempelhof: »Wir müssen auf unsere Altersstruktur achten. Sonst werden wir in zehn Jahren zum Altersheim«, sagt Agnes Schuster. Auch sie ist ein Gründungsmitglied und wurde schon zum zweiten Mal in den Dorfvorstand gewählt. »Hundert junge Leute können zehn Alte pflegen, als Kleinfamilie ist man mit einem Pflegefall überfordert.« Generationenübergreifendes Wohnen haben sich die Gründungsmitglieder vorgenommen.

Agnes Schuster ist auf einem Bauernhof groß geworden, hat später immer in großen Wohngemeinschaften gelebt und hält die unzureichende Altersversorgung für eines der drängenden Probleme in Deutschland: »Man kann ja nie genug Geld sparen, um sich für das Alter abzusichern, und besonders die 68er werden sich nicht mehr ins Altenheim abschieben lassen.« Die Altenpflege im Dorf soll ganz freiwillig geschehen: »Wenn ich helfe und jemanden in den Tod begleite, dann hilft mir später auch jemand, darauf hoffen wir alle.« Sie hofft auch, dass dabei die Würde und Schönheit des Alters wiederentdeckt werden. Tempelhof war zunächst der Name eines kleinen Schlosses an der bayerisch-schwäbischen Grenze, das es seit dem 17. Jahrhundert gibt. Auf dem Schlossplatz des Gutes wurden später fünf Fachwerkhäuser angebaut. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren kamen zwei Mehrfamilienhäuser, zwei Anbauten und zwei besonders hässliche Flachbauten hinzu. Bis 1986 unterhielt die Diakonie auf dem Gut ein Kinderheim, bis 2005 war Tempelhof ein Heim für behinderte Kinder, anschließend stand das Gut mit dreißig Hektar Wiesen und Ackerland und vernachlässigten Häusern vier Jahre leer.

Ein Makler kaufte es der evangelischen Kirche ab, spekulierte auf Gewinn beim Wiederverkauf. Scientology zeigte sich interessiert, auch eine rechtsradikale Gruppe, ein Scheich, der im Hubschrauber einflog, und ein russischer Oligarch, der ein Kongresszentrum auf dem Land suchte. Aber dann kam die Finanzkrise und die Kaufinteressenten sprangen ab – bis auf eine Gruppe aus München und Umgebung. 18 Leute, die sich bereits seit drei Jahren darauf vorbereitet hatten, ein ganzes Dorf zu gründen. An den oberbayerischen Seen fanden sie kein geeignetes Grundstück, das sie sich auch hätten leisten können. Den Kaufpreis von Tempelhof konnte Sechser, der versierte Unternehmer, auf 1,5 Millionen Euro herunterhandeln. Als die 18 Münchner in einem Bus zur ersten Besichtung vorfuhren, hatten sie bereits eine fertige Dorfsatzung in der Tasche. Sie ist verankert in einem juristischen Geflecht aus gemeinnütziger Stiftung und gewöhnlicher Genossenschaft, in die sich jeder Bewohner mit 25 000 Euro einkauft. Das festgeschriebene Ziel lautet: ein Dorf, in dem Jung und Alt sozial gerecht, sinnerfüllt, ökologisch nachhaltig in einer Art Basisdemokratie ohne Chefs zusammenleben. Ein sehr ehrgeiziges Ziel.

Sozial gerecht heißt in Tempelhof zunächst einmal: Jeder Bewohner, außer den jungen Eltern, absolviert zwanzig Sozialstunden im Monat, die der Gemeinschaft zugutekommen – Abwaschen in der Kantinenküche, Gemüse ernten und einkochen, Fahrräder reparieren, Turnhalle putzen, Ruinen renovieren, erst die Hälfte der 13 000 Quadratmeter Wohnfläche ist saniert. Der Gemeinschaftsdienst gilt für die zwanzig Pendler, die nur im Dorf wohnen, genau wie für die zwanzig Freiberufler und zwanzig Rentner oder die etwa zwanzig Mitarbeiter der Genossenschaft, die im Dorf für das Dorf arbeiten. Sozial gerecht heißt auch: Alle passen auf das Kind mit Downsyndrom auf und helfen seiner alleinerziehenden Mutter; für kein Kind muss die Genossenschaftseinlage oder ein Essensbeitrag bezahlt werden; jeder Angestellte der Genossenschaft – die Bauern, der Imker, der Koch, die Techniker – bekommt, was er zum Leben braucht: 250 Euro jeden Monat für das Essen in der Kantine, die günstige Miete in einer Wohngemeinschaft oder dem eigenen Apartment; darüber hinaus Geld für Versicherungen, Urlaub und Fortbildungsseminare. So ein Bedarfseinkommen fällt bei jedem unterschiedlich hoch aus, der Lohn wird nicht nach der Arbeitsleistung oder dem Marktwert außerhalb des Dorfes berechnet. Einige wie Sechser, das Vorstandsmitglied, arbeiten sogar ganz unentgeltlich, weil ihr Unterhalt durch Mieteinnahmen oder Rente gedeckt ist. Und alle haben ihre gesamten persönlichen Finanzen offengelegt: Schulden, Unterhaltszahlungen, Immobilienbesitz, Ersparnisse. Mit Sozialismus hat das wenig zu tun, laut Sechser ist das »ein verstaubtes Wort«. Ebenso wie das Wort Kommune. Die radikale Offenheit bei den Finanzen soll die Leute miteinander verbinden und Ängste abbauen, so wie die anderen Rituale das tun.

Das Experiment Gemeinschaftseinkommen

Einer Wohngemeinschaft ist das nicht radikal genug: Sieben junge Handwerker, der älteste von ihnen ist 32, schmeißen sogar alle ihre Einkünfte zusammen und bedienen sich den Monat über aus einem gemeinsamen Safe. »Natürlich gab es anfangs längere Diskussionen darüber, warum ein Nichtraucher die Zigaretten der Raucher mitbezahlen soll«, erzählt einer aus der WG, Niko Ratering. Er hat in Brüssel als Restaurateur viel Geld verdient und schick gewohnt, bevor er nach Tempelhof kam, wo ihm nur mehr Schrank und Bett gehören, wo er mit 1500 Euro brutto und weniger McDonalds-Besuchen auskommen will und er das Dorfplenum um Erlaubnis fragen muss, ob seine Freundin nun zu ihm ziehen darf.

Das Experiment Gemeinschaftseinkommen haben alle sieben trotz kleiner Reibereien nach einem Jahr noch nicht abgebrochen. »Wir haben eine Menge über uns gelernt.« Als Zukunftswerkstatt und soziales Experiment verstehen alle Bewohner ihr Dorf. Das gemeinsame Dorfziel eines sinnerfüllten Lebens bedeutet in Tempelhof vor allem sinnsuchend: in Seminaren zur Krise von Marktwirtschaft und Wachstumsgesellschaft; in Vorträgen zur Nachhaltigkeit, zu denen Fachleute aus ganz Deutschland eingeladen werden; in Workshops, in denen nach der Lehre des amerikanischen Psychotherapeuten Scott Peck sowie des deutschen Neurobiologen Gerald Hüther das Leben in einer Gemeinschaft geübt werden soll. Oder erfolgreiches Kommunizieren. Das wichtigste Rezept für große Gruppen: Es kommt darauf an, die richtige Balance zwischen Freiheit und Verbundenheit zu finden. Die meisten Menschen geben in ihrem Leben das eine zugunsten des anderen auf. Und Rituale sind auch ganz wichtig, egal welche, selbst Händewackeln funktioniert.

Vier solche Workshopwochenenden im Jahr soll jeder Tempelhofer absolvieren, das macht den Ort noch nicht zur Sekte. »Wir verstehen uns grundsätzlich schon als spirituelle Gemeinschaft«, sagt Sechser, der Vorstand. »Aber hier sind alle Glaubensrichtungen vertreten: Buddhismus, Christentum, auch Atheismus.« Das Schweigen im Morgenkreis ist die einzige spirituelle Geste, die sichtbar ist und die alle Dorfbewohner irgendwann praktizieren. In erster Linie will Tempelhof ökologische und soziale Lösungen für die Welt erarbeiten. Ben Hadamovsky etwa, der Weltumsegler, Bauleiter von Beruf, Mitte vierzig. Vier Jahre lang blieb er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern an keinem Ort länger als drei Wochen. Warum nur zieht eine Kleinfamilie, die sogar auf einem kleinen Segelboot gut funktionierte, in eine große Dorfgemeinschaft? Hadamovsky sagt: »Wir haben auf dem Meer den ganzen Müll schwimmen sehen, den unsere westliche Gesellschaft produziert. Die ganze Welt will so leben wie wir in Europa, das geht so nicht weiter, der Müll nimmt überhand. Wir müssen ökologisch umdenken, das passiert hier.«

Stefanie Raysz ist aus Neugier nach Tempelhof gezogen: »Mein Mann ist Wetterforscher, hat zwei Firmen in Karlsruhe aufgebaut. Wir haben als Kleinfamilie alles geschafft, was man nur erreichen kann: zwei gesunde Kinder und ein Reihenhaus. Wir suchen einfach eine neue intellektuelle Herausforderung.« Ihr Mann Jon arbeitet jetzt an einem Permakultur-Projekt mit, auf der Wiese vor dem Dorf sollen ab nächstem Jahr Erdhäuser gebaut werden. Ökologisch nachhaltig bedeutet in Tempelhof außerdem: Energie sparen und ökologisch erzeugen, Carsharing, auch viel vegetarische Küche. Manchmal setzen sich die Fleischesser auf dem Speiseplan der Kantine durch, und in den eigenen vier Wänden isst ohnehin jeder, was er will. Tempelhof ist keine Öko-Diktatur. Das Dorf probt eine Konsensgesellschaft. In der Theorie heißt das: Nicht die demokratische Mehrheit entscheidet. Wichtige Entscheidungen werden nur ohne Gegenstimme getroffen.

»Keiner wird übergangen, aber jeder kann alles aufhalten«, sagt Sechser. Wichtig ist: Wer wird ins Dorf und die Genossenschaft aufgenommen? Soll eine neue Heizung jetzt auf Kredit gekauft werden oder wartet man auf mehr Eigenkapital und eine noch ökologischere Lösung? »Eigentlich ist das ein wahnsinniges Vorhaben, solche Fragen nur einstimmig verabschieden zu wollen«, sagt Sechser, der es in seinem früheren Leben als Unternehmer gewohnt war, alles schnell allein zu entscheiden. »Aber dafür hat Tempelhof in zwei Jahren schon eine ganze Menge auf die Beine gestellt.« Zweimal im Monat kommt der Vorstand zusammen, um mit den verschiedenen Projektleitern offene Fragen zu entscheiden. An diesen beiden Abenden regiert sich das Dorf. Die Sitzung beginnt nachmittags um vier. Sie beginnt natürlich mit dem Gong und einigen Minuten Schweigen. Zwanzig Leute diskutieren miteinander, aber jeder im Dorf ist eingeladen zuzuhören und sich zu Wort zu melden.

Die Kommune gilt als radikal links, aber sehr wohlhabend

Einstimmig wird nach kurzer Vorstellung und anschließender Diskussion entschieden, zwei Familien in die Probezeit aufzunehmen. Allgemeines Händewackeln. Zwischenbericht von der Neubauplanung: Zwei Holzhäuser mit Platz für vierzig neue Leute sollen bis nächsten Herbst fertig sein. Es wird teurer als geplant. Zwischenbericht von der Kantinen-Neugestaltung, das Budget ist ausgegeben. Wann wird die Kantine denn endlich mal fertig, mahnt Sechser die Verantwortliche an und zeigt seine Unzufriedenheit deutlich. Zwischenbericht vom Stand der Verhandlungen über den Antrag, das eigene Quellwasser im Dorf als Brauchwasser zu benutzen. Die rechtliche Einschätzung ist schwierig, die Debatte verläuft sich in Einzelheiten. Gegen neun Uhr erstes Gähnen.

Der Takt, in dem Entscheidungen gefällt werden, ist erstaunlich hoch. Der Diskussionsleiter lässt Platz für Zweifel und beendet die Diskussion, wenn sie ins Leere zu laufen droht. Der Ton bleibt sachlich, auch wenn Unangenehmes verhandelt wird: »Warum hast du dich nicht erkundigt, auf wie viel Grad wir das Trinkwasser wegen der Legionellengefahr erhitzen müssen? Das fällt in deinen Aufgabenbereich. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken, wenn da was schiefläuft«, warnt Sechser einen anderen Vorstand. Gegen elf Uhr vermehrtes Gähnen. Schließlich noch der Zwischenstand von der Renovierung des Jugendhauses: Die Jugendlichen wollen die Außenwand mit einer kobaltblauen Lasur streichen. »Wisst ihr nicht, dass Blau im Farbspektrum die Farbe ist, die krank macht in der Dämmerung?«, fragt ein besorgter, esoterisch gebildeter Dorfbewohner. »Verdammt noch mal, ich gehe in das Haus nur spätnachts zum Schlafen. Mir ist die Farbe der Außenwand egal«, beendet der Diskussionsleiter diese Diskussion ungewohnt ungeduldig. Tempelhof ist ansonsten kein Ort, an dem sachliche Auseinandersetzungen gescheut würden.

»Die ewig langen Sitzungsabende sind für junge Eltern kaum zu bewältigen. Das nervt manchmal«, sagt Anne Schmid, Stylistin beim Film und die Schneiderin im Dorf. Sie ist eine junge Mutter, sehr hübsch, auf dem Land groß geworden, lebte zuletzt mit ihrem Mann in München, aufs Land wollte sie eigentlich nie wieder ziehen. »Aber wir haben schon dazugelernt: Anfangs haben wir noch über jedes kleine Detail beraten und abgestimmt. Inzwischen delegieren wir schon viel mehr an Arbeitsgruppen, die das dann für alle mitentscheiden.«

Das Dorf ist ein lebendes Experiment, kein Dorfgesetz unabänderlich. Was nicht klappt, wird nachjustiert, deswegen können sich viele Dorfbewohner ihrer Sache auch nie zu sicher sein: Ben Hadamovsky, der Weltumsegler, kann nicht ausschließen, dass er und seine Familie sich nach so langer Zeit auf dem Boot in eine so große Gemeinschaft nicht mehr eingliedern können. »Frag mich in zwei Jahren wieder, dann weiß ich, ob Tempelhof für uns hinhaut.« Tempelhof gehört nicht zu den streng orthodoxen Ökodörfern wie Sieben Linden in Brandenburg, wo in etwa gleich viele Menschen in Strohhäusern und Bauwagen wohnen; Haustiere sind dort verboten, nichtbiologische Körperpflege- und Reinigungsmittel ebenfalls; Handys dürfen nicht eingeschaltet bleiben. Tempelhof dagegen hat eigens eine Glasfaserleitung für die vielen Freiberufler verlegt, die auf eine schnelle Internetverbindung angewiesen sind. Tempelhof ist erst recht keine Sex-Kommune wie das Zegg, »Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung«, achtzig Kilometer südwestlich von Berlin, mit Ablegern in ganz Europa. Deren achtzig Mitglieder misstrauen langen Partnerschaften und der Institution Ehe. In Tempelhof leben einige Ehepaare, allein oder gemeinsam in einer WG. Ein Elternpaar lebt getrennt, weil es glaubt, das tue seiner Beziehung gut.

Ein anderes Paar war früher einmal in der Kommune von Otto Muehl in Österreich, wo die Männer keine eigenen Betten hatten und jede Nacht bei einer der Frauen um Asyl bitten mussten, wo nicht mal Unterhosen als Privateigentum geduldet wurden. Das Paar ist längst geläutert. In Tempelhof sind Finanzen das Intimste, was öffentlich gemacht wird. Tempelhof ist auch kein Auroville. In der südindischen alternativen Kleinstadt ist Alkohol verboten und Bilder des Gründers Sri Aurobindo sind allgegenwärtig. In Tempelhof steht ein Bierautomat in der Kantine, und Agnes Schuster sagt: »Ich könnte nirgends leben, wo sich so wie in Auroville jemand zum Guru erklärt.« Mit einer Kommune wie Niederkaufungen in Nordhessen ist Tempelhof auch kaum vergleichbar. Dort fließt alles Geld in eine gemeinsame Kasse. Wer etwas braucht, nimmt es sich. Privateinkommen gibt es überhaupt nicht. Die gemeinsamen Einnahmen stammen aus einem Baubetrieb, Werkstätten, der Landwirtschaft und einer Kindertagesstätte. Die Kommune gilt als radikal links, aber sehr wohlhabend.

Das Tempelhofer Motto: »In Gemeinschaft leben« verspricht mehr als nur einen Versorgungsverbund. Aus alternativen Kreisen stammt die heftigste Kritik an Tempelhof: Wenn man sich erfolgreiche, gesunde, fleißige Menschen raussucht, die auch noch jeder 25 000 Eigenkapital aufbringen können, sei es kein Problem, ein funktionierendes Dorf aufzubauen. Problematische Sozialfälle hätten keine Chance, in Tempelhof aufgenommen zu werden. Tempelhof tauge deswegen nicht als Modell für die Gesellschaft. »Die haben ja teilweise recht«, sagt Sechser. »Das Dorf war anfangs noch nicht groß und stark genug, um viele arme, problematische oder kranke Menschen mittragen zu können. Aber inzwischen haben wir schon sieben Leute, die überhaupt kein Geld hatten, aufgenommen.« Drei Personen wurden in der Probezeit als zu schwierig empfunden und nach einem Jahr aus dem Dorf geschickt. »Man trennte sich in Frieden. Wir haben nicht zusammengepasst«, sagt Sechser.

Bei einem Morgenkreis im Herbst teilt ein etwa zwanzigjähriger Gast dem Dorf seinen Entschluss mit, vorzeitig nach drei Nächten abzureisen. Es sind nicht die ungewohnten Rituale, die ihn abschrecken. Ihm missfällt die Art, wie die Leute auf der Versammlung am Abend zuvor miteinander umgegangen seien: »So geschäftsmäßig, wie ihr gestern auf der Sitzung diskutiert habt, unterscheidet ihr euch ja gar nicht groß von der Welt draußen.« »Wir wollen gar kein Fluchtort für Leute werden, die sich draußen nicht zurechtfinden«, entgegnet Sechser, der erfolgreiche Unternehmer. »Wir wollen mit unseren Ideen anstecken«, so drückt das Agnes Schuster aus, bis hin zu der Idee einer alternativen Gesundheitsfürsorge. Tempelhof will Vorbild sein, wie die Welt im Kleinen zu verändern ist, kein Reservat für Aussteiger. Die Dorfgemeinschaft verabschiedet auch einen enttäuschten Gast mit wackelnden Händen.

Fotos: Robert Brembeck

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