Der lange Abschied vom Licht

Charlotte hat einen sehr guten Job. Und sie ist hervorragend in dem, was sie tut, bald soll sie befördert werden. Aber Charlotte hat ein Geheimnis, das sie eisern vor ihren Kollegen verbirgt: Sie ist fast blind - und Tag für Tag werden ihre Augen schlechter

Seit sie mit einem Auge nur noch zwei Prozent sieht und mit dem anderen 17 Prozent, hat sie den IQ von Bill Gates, denkt Charlotte manchmal, so gerissen manövriert sie sich durchs Leben. Sie sitzt in ihrer Mittagspause in einem Café an der Hamburger Innenalster, dunkelblaues Kostüm, Perlen an den Ohren, eine Brille trägt sie nicht, denn eine Brille nützt nichts bei ihrer vernarbten und geschädigten Netzhaut. Charlotte fällt auf.

Die Männer an den Nebentischen bleiben mit ihren Blicken lange an ihrem Gesicht hängen. Sie ist umgeben von einer merkwürdigen Nicht-von-dieser-Welt-Aura; das liegt an den Augen, die glänzen wie die von Liv Tyler in Herr der Ringe. Sie wirkt zehn Jahre jünger, als sie ist: 29, die dunklen Haare hat sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden, ihr Ausdruck: verschlossen. Der Mund: trotzig. Sie war doch ma ein fröhlicher Mensch, sagt sie schwach. Ein Mädchen, das durchs Leben hüpfte und immer gern alles verschenkte, daran erinnert sich ihre Mutter. Heute empfindet sie Neid, fast Hass auf die Menschen um sie herum, weil sie das Normalste der Welt können: sehen. Sie will nicht blind sein, sich keine Selbsthilfegruppe suchen, schon gar nicht sich mit ihrem Schicksal versöhnen, sie zieht sich zurück. Sie möchte am liebsten nicht über ihr Problem sprechen, nicht mit ihrer Mutter, nicht mit den Geschwistern, den Freunden – und auch jetzt nicht. Viel lieber redet sie darüber, wie Menschen miteinander wohnen sollten.

Da beginnt ihr Gesicht zu leuchten, ihre Stimme wird leicht und hell: in Häusern, die leben! Die nicht starr und steif in der Gegend stehen! Dann spricht sie doch über das Schreckliche in ihrem Leben, das ihr alles kaputt schlägt. Leise, wütend. Raten, ahnen, immer die Angst, aufzufliegen. Um in ihrer Firma mithalten zu können, arbeitet Charlotte extrem effizient. Statt jede Seite zu lesen, studiert sie in den Unterlagen das Inhaltsverzeichnis und sortiert radikal aus, was sie nicht braucht. Auf dem Bildschirm stellt sie die Schriftgröße auf 250
Prozent – solange niemand zusieht.

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Auf der Macula in ihren Augen, den Sehzentren, sind nur noch winzige Punkte übrig, mit denen sie scharf sehen kann. Ohne Lupe muss sie die auf Papier gedruckten Buchstaben dicht vors Auge halten, um sie lesen zu können. Konzepte entwickelt sie im Kopf, Vorträge hält sie ohne
Papier. Das war schon in der Schule Charlottes Vorteil: ihr ungewöhnlich gutes Gedächtnis. Vor einer Woche: Monatsmeeting. Bei Charlotte laufen die Fäden für ein 100-Millionen-Bauvorhaben zusammen.

Die beiden Chefs aus der Berliner Hauptniederlassung sind gekommen, 15 Leute sitzen im Konferenzraum; ein Dutzend Ordner stehen auf dem Tisch, Charlotte soll die Runde über die Inneneinrichtung informieren, sie soll etwas vorlesen. Sie kann von ihrem Stuhl aus kein Wort auf den Rücken der Ordner entziffern. Die Buchstaben sind groß gedruckt, aber sie springen vor ihren Augen herum wie Kobolde. Sie orientiert sich an den Farben auf den Rücken. Sie weiß: Rosa ist Inneneinrichtung. Sie blättert, schlägt irgendwo auf, kramt in ihrem Kopf ihr Wissen zusammen und fantasiert einen Text, der in etwa passen könnte, sie spricht langsam und druckreif, ohne auch nur ein Wort abzulesen. Ihre Hände zittern. Ihre Stimme ist viel zu laut. Keiner merkt etwas.

Man diskutiert ein bisschen, verabschiedet sich irgendwann gut gelaunt, einer klopft Charlotte auf die Schulter, das Projekt geht voran. Charlotte zieht sich in ihr Büro zurück, ihr Kopf schmerzt. Ein Kollege kommt ihr hinterher, fragt, ob sie irgendwas habe, sie wirke so angestrengt. »Was? Nichts!«, ruft sie. Wenn sie ehrlich wäre, müsste sie sagen: »Ja. Ich habe was. Diabetische Retinopathie. Endstadium. Ich bin fast blind.«

Doch das würde sie nie sagen. Eine Mitarbeiterin in einem Architekturbüro, die blind wird. Ihr Chef würde ihren Vertrag nicht verlängern, da ist sie sich ganz sicher, wenn er wüsste, dass sie bald vielleicht gar nichts mehr sieht. Als der Kollege weg ist, stützt sie die Stirn in die Hände und weint. Sie spürt: Auf keinen Fall kann es so weitergehen. Aber wie sonst? Wenn sie an ein Leben als Blinde denkt, dann donnern ihr diese Begriffe durch den Kopf wie Schwerlaster durch einen Tunnel: Armut, Einsamkeit, Nutzlosigkeit.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Was soll in ihr inneres Fotoalbum? Die Pyramide in Paris von Ieoh Ming Pei? Das Central Television Headquarter in Peking von Rem Kohlhaas? Nein. Unwichtig! Kann man sich alles beschreiben lassen. Aber Menschen!")

Es gab Momente, kurze, schwache Momente, als sie noch besser sah, da ging Charlotte durch den Kopf, dass sie sich ein inneres Fotoalbum anlegen sollte, bevor es zu spät ist. Sie überlegte, was da unbedingt hinein-, was sie sich unbedingt noch anschauen müsste: Die Pyramide in Paris von Ieoh Ming Pei? Das Central Television Headquarter in Peking von Rem Kohlhaas? Nein. Unwichtig! Kann man sich alles beschreiben lassen. Aber Menschen!

Sie versuchte, ihre Eltern zu speichern, ihre Schwester, den Bruder mit seinem Sohn, ihr eigenes Gesicht im Spiegel. Und Situationen: den zartweißen Reif an den Bäumen an einem Morgen im Herbst. Den weiten Blick von Osten nach Westen von der Warschauer Brücke in Berlin. Die satten Farben der stolzesten Schiffe im Hamburger Hafen. Es funktionierte nicht. Charlotte sagt, sie könne ihr Gehirn disziplinieren, sosehr sie wolle, es sei zum Verzweifeln: »Die Bilder verschwinden einfach.«

Vor drei Monaten wurde ihr rechtes, das schlechtere Auge operiert. Damit sieht sie jetzt noch weniger als vorher. Zwei Prozent – man kann sagen: nichts. Es ist ihr egal, dass es sich genau genommen um einen medizinischen Erfolg handelt: Sie hat keine Blutungen und keine Schmerzen mehr an diesem Auge. Am linken Auge sind 17 Prozent übrig, es werden immer weniger. Niemand kann voraussagen, wie schnell das gehen wird. Sie hat ein Chaos vor sich: Nebel und Flecken, schwirrende schwarze Punkte.

Als sie vier war, wurde bei Charlotte Diabetes festgestellt, Typ 1. Ihr Körper produziert fast kein Insulin. Über die Krankheit wurde in ihrer Familie, alter deutscher Adel, nicht viel gesprochen. Wenn Charlotte ihre Großmutter vor sich sieht oder ihre Mutter, dann fällt ihr sofort ein: Immer war der Blick nach vorn gerichtet, immer gingen diese Menschen so eisern mit sich selbst um. Schwach sein galt als Makel, es galt die Devise: Krankheiten sind dafür da, um überwunden zu werden. Oder dass man sie mit starkem Willen im Zaum hält.

Mit dieser Zahl ist sie aufgewachsen: Alle 90 Minuten erblindet ein Diabetiker. Diese Information hat man ihr eingehämmert. Wer nicht regelmäßig seinen Blutzucker misst, diszipliniert isst und künstliches Insulin spritzt, dem werden irgendwann die Füße amputiert.

Als sie ins Internat kommt, mit zwölf, schlägt sie sich frei. Sie will endlich sein wie die anderen. Sie wird nachlässig. Sie isst, was sie will. Pommes frites. Torte. Raucht. Sie misst nur ab und zu ihren Zuckerwert und spritzt unregelmäßig Insulin. Der Zucker im Blut fährt Achterbahn – ein Dauerangriff auf die Gefäße. Vor allem auf die feinen Gefäße in den Augen.

Charlotte ist 19, als sie durch die oberschwäbische Kleinstadt, in der sie lebt, geht und auf der Bahnhofsuhr alles nur verschwommen erkennt. Die Netzhaut des rechten Auges hat begonnen, sich abzulösen. An den Äderchen haben sich Gefäße gebildet, die nach innen bluten. Aber sie hat ja noch das andere Auge! Sie arbeitet, als könnte sie mit ihrer Wucht ihr Schicksal wenden. Sie arbeitet gegen die Angst. Sie macht im Grunde alles falsch.

Es gibt, sagen Fachleute, nur eine einzige richtige Lösung in dieser Situation: dem Diabetes das Kommando zu überlassen, sich sklavisch an alle Regeln zu halten, dafür zu sorgen, dass der Blutzucker ausgeglichen ist, regelmäßig Insulin zu spritzen. Dann besteht wenigstens die Chance, den Prozess zu verlangsamen, vielleicht sogar zu stoppen. Charlotte pfeift darauf. Vielleicht ist sie zu sehr gewohnt, mit ihrem Willen alles erreichen zu können. Ihre eigene Theorie, über deren fatale Folgen sie so wenig nachdenkt wie ein Kettenraucher über Lungenkrebs: Je weniger Platz ich dem Diabetes einräume, desto weniger wird er es wagen, mich zu stören.

Klassische Verdrängung, sagen Psychologen – das passiert, wenn jemand tief in sich spürt, es würde ihn völlig aus der Bahn werfen, wenn er sich der
Realität stellte. Charlotte geht nicht mehr zum Arzt. Sie studiert Architektur in London und Hamburg. Ihre Diplomarbeit wird prämiert. Sie bewirbt sich bei Rem Kohlhaas in Rotterdam, ihrem persönlichen Superstar, und kriegt eine Zusage. Der Weg zu einem Leben als Spitzenarchitektin ist geebnet.

Drei Monate später, im Sommer 2007, rebelliert auch das linke Auge. Nebel, Lichtblitze. Eine senkrechte Vernarbung zerbricht jedes Bild. An Entwerfen ist nicht mehr zu denken. Nachdem sie ihre Absage nach Rotterdam geschickt hat, bricht sie zusammen. Sie denkt für einen Moment an Selbstmord. Dann nimmt sie einen Job in dem Hamburger Büro an, in dem sie heute arbeitet. Da muss sie nichts zeichnen. Nur planen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Jetzt ist es aus. Sie haben dich durchschaut.)

Manchmal fragt sich Charlotte: Sind die anderen alle Ignoranten? Sind sie so restlos auf sich selbst fixiert, dass sie nicht merken, dass neben ihnen einer erblindet? Sie arbeitet sich mit der Hand vorsichtig zu dem Wasserglas vor, das vor ihr auf dem Tisch steht. Sie sieht es in Teile zerlegt, mit Kanten, die nicht aufeinanderpassen. Der Kellner lächelt sie an, sie sieht es nicht. Vor vier Wochen: Mitarbeitergespräch, kurzfristig vereinbart. Sie vermutete: Jetzt ist es aus. Sie haben dich durchschaut.

Aber ihre Chefin teilte feierlich mit, man wolle Charlottes Vertrag unbedingt verlängern. Sie sei im Umgang mit den Kunden »so herrlich unerschrocken«. Sie erfuhr, man könne sie sich in drei, vier Jahren im Managerteam vorstellen. Seither klammert sie sich immer wieder an diese Vorstellung: Vielleicht kann sie durchhalten. Und als Managerin könnte sie alles delegieren.

Sobald sie ihr Büro verlässt, erscheint ihr die Idee wahnsinnig. Größenwahnsinnig. Es geht ja nicht nur darum, irgendwie, so lange wie möglich, den Job zu behalten. Es geht darum, dass Charlotte ihr ganzes
Leben entgleitet. Sie plant die Innenausstattung für 100-Millionen-Projekte, hat aber überhaupt keinen Plan für ein blindes Leben. In ihrer Wohnung, zwei Zimmer, vierter Stock, Altbau im Hamburger Osten, sieht es aus, wie man sich ihr Inneres vorstellt: chaotisch.

Papierberge in der Küche. Kleider und Plastiktüten in ihrem Schlafzimmer. Wenn sie gegen 21 Uhr nach Hause kommt, verzieht sie sich ins Bett. Nicht mal mehr Musik will sie hören. Musik ist gefährlich, sie beschwört Erinnerungen herauf.Das Leben, das sie einmal haben wollte, gleicht dem ihrer Freunde. »Wir sind eine Karriere-Clique.« Es klingt stolz und sehr traurig. Sie hatte Freunde, Verehrer, sie war klug und schön und immer für extreme Ideen zu haben, eine Alpenüberquerung mit dem Fahrrad zum Beispiel.

Charlotte kann sich im Moment keinen einzigen Mann vorstellen, der zu ihr passt, auch: der sie und dieses Gebirge an Not aushalten könnte. Sich verlieben, beruflich ein Star sein, dann Kinder: So hatte sie sich ihr Leben mal vorgestellt. Sie wacht nachts oft auf. Die Gedanken kreisen um ihr Leben wie Aasgeier um ein sterbendes Tier: Es gehen ihr die vielen Situationen durch den Kopf, die ihr immer größere Mühe machen. Einkaufen im Supermarkt: Sie erkennt gerade noch, wo Müsli steht und wo die Milch. An der Kasse identifiziert sie die Geldscheine an ihrer verschwommenen Farbe.

S-Bahn fahren: Das funktioniert in Hamburg, weil sie seit fünf Jahren dort lebt und jeden Weg auswendig weiß. In einer anderen Stadt verliert sie die Orientierung. Sie kann kein Straßenschild lesen. Vor Kurzem war sie in Brüssel, zu Besuch bei einer Freundin. Als sie allein durch die Straßen lief, heftete sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben den Blindenbutton an. Kein Vertuschen mehr, einfach blind sein – zuerst fühlte sie sich »wie ein armes Schwein«. Dann erleichtert. Es war ein winziger Moment, in dem sie dachte: Ich werde loslassen. Dann werde ich eben abstürzen. Schlimmer kann es nicht werden.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite:Dass Charlotte immer noch ab und zu Auto fährt – auch das: typisch, sagt Kunert. Dahinter steckt die Totalverweigerung, dieses Sich-selbst-Beweisen, dass alles, was zu einem Leben als sehender Mensch gehört, im Grunde immer noch geht.)

Heiko Kunert vom Blinden- und Sehbehindertenverein in Hamburg hat Hunderte Menschen beraten, die sich in Charlottes Situation befanden. Kunert, selbst blind, sagt, es sind im Kern die Phasen, die zu jeder schweren Lebenskrise gehören: Wer die Prognose »unheilbar« erfährt, will das zunächst nicht glauben. Erst hofft er auf eine Operation, setzt vielleicht auf einen Wunderheiler, wenigstens auf Stillstand. Und dann kompensiert er.

Unter Dauerstress, als ginge es ums Überleben: Mit ungeheurem Tempo werden Informationen verarbeitet und im Gehirn gespeichert, mit einem Fitzel Restsehen Bücher gelesen, Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Dass Charlotte immer noch ab und zu Auto fährt – auch das: typisch, sagt Kunert. Dahinter steckt die Totalverweigerung, dieses Sich-selbst-Beweisen, dass alles, was zu einem Leben als sehender Mensch gehört, im Grunde immer noch geht.

Manchmal dauert diese Phase Jahre. Und dann kommt im besten Fall das Loslassen. Das Akzeptieren. Und die Erkenntnis, dass das Leben plötzlich wieder leichter wird, weil es anstrengender war, das Blindwerden zu vertuschen, als zu leben, ohne zu sehen. Kunert zählt auf, wie viele Hilfsmittel es für blinde Menschen gibt. Vom Sprachcomputer über die Selbsthilfegruppe, vom Blindenfußball über die Braille-Schrift bis zum Blindenhund.

Charlotte hat sich anfangs, als nur das eine Auge verrückt spielte, diese Antwort zurechtgelegt, um Ratschläge, mit denen sie vor allem von ihrer Mutter und den engen Freunden von früher eingedeckt wurde, abzuwehren: »Ich lerne doch nicht Japanisch, wenn ich nicht weiß, ob ich überhaupt mal nach Japan komme!« Das sagt sie jetzt wieder. So, als wollte sie die Antwort eben mal anprobieren wie ein altes Kleid, sehen, ob es noch passt.

Es ist ihr anzumerken: Die Antwort passt überhaupt nicht mehr. Dann steht sie auf und schlängelt sich durch die Tische elegant zum Ausgang, für andere kaum merklich streift sie mit den Handflächen sanft an den Kanten entlang, um ihren Weg zu finden. Sie sieht aus, wie man sich eine junge Karrierefrau vorstellt, und sagt: »Also, Wiedersehen.«

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