Ekel

Von Wohlgesinnten, Feuchtgebieten und der Faszination für Fäkalpornos: Eine ganz und gar unangenehme Empfindung wird zum prägenden Gefühl des Sommers 2008. Was ist eigentlich mit uns los?

Es ist der seltsamste Bestseller seit Langem: ein Roman über ein kaputtes Arschloch, 220 Seiten lang. Man erfährt darin, wie schmerzhaft eine Analfissur sein kann, wie der Eiter ausgedrückter Pickel schmeckt und wie man auf der Proktologie die Krankenschwestern austrickst, die auf den ersten postoperativen Stuhlgang lauern. Über 650 000 Exemplare hat Charlotte Roche seit Februar von ihren Feuchtgebieten verkauft, mittlerweile muss man sich auf Partys darauf gefasst machen, in Unterhaltungen über Themen verwickelt zu werden, die normalerweise sogar in Selbstgesprächen tabu sind. Roche gibt die Passionsgeschichte ihrer Heldin als eine Ästhetik des Widerstands aus, sagt, sie habe es einfach nicht mehr ertragen, wie sehr in unserer Kultur Frauenkörper dazu genötigt werden, sich zu duschen, rasieren, keimfrei zu halten. Fast klingt es, als hätten Hakle-Feucht-Taliban das Hygiene-Regime übernommen.

Warum sich so viele Menschen für ein Buch interessieren, dessen Botschaft sich auch im Satz zusammenfassen ließe, dass es im Fernsehen zu viele Slipeinlagen-Werbespots gibt, erklärt man sich lange mit den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie: Eine aus dem Fernsehen bekannte Autorin, die auf Fotos adrett aussieht (jedenfalls nicht, als rieche sie streng), schreibt einen provokanten Text über Igitt-Themen und wird daraufhin so lange durch die Medien gereicht, bis jeder wissen will, wovon da eigentlich die Rede ist. Und plötzlich fällt einem auf, dass auch das zweite Debatten-Buch dieses Frühjahrs, Jonathan Littells Die Wohlgesinnten, echt voll ekelig ist. Littells Un-Held Max Aue erzählt en gros et en détail über Läuse in Körperfalten, Ruhr-Fluten, versiffte Mannschaftsunterkünfte und den unangenehmen Körpergeruch der Opfer nationalsozialistischer Rassenhygiene. Wann immer es bei Littell zur Sache, also zum Massenmord geht, halten sich auch die Körperflüssigkeiten nicht zurück; Rezensenten sagen ihm nach, so genau hätte es vor ihm noch keiner erzählt. Noch eine dritte Ekel-Epidemie lässt sich verfolgen, sie allerdings wird vom Feuilleton kaum wahrgenommen. Im Internet-Trailer eines brasilianischen Koprophilenpornos namens 2 Girls 1 Cup bekommt man zu sehen, wie zu romantischem Klaviergeklimper zwei Frauen versuchen, ihre Verdauungsprodukte erneut zu verdauen. Länger als fünf oder zehn Sekunden hält das beim Zuschauen der eigene Körper nur aus, wenn man ihn dazu zwingt, und weil das so ist, drängen weltweit gerade ungeheuer viele Leute ihre Freunde und Verwandten dazu, sich diesen Porno anzusehen, um ihre Ekel-Reaktionen zu filmen und hinterher auf die Internetplattform Youtube zu stellen – lauter Videos, in denen man Menschen sieht, die sich mächtig ekeln vor einem Video, das man nicht zu sehen bekommt.

Doch der Schmutz, der uns unter die Nase gehalten wird, ist gar keiner, sondern nur ein Postulat. Er stinkt nicht, klebt nicht. Wirklicher Ekel wird ohnehin keinem zugemutet, der die Feuchtgebiete liest oder seine Resistenz an 2 Girls 1 Cup misst: alles bloß Papier, nur ein Video, hinterher muss man sich nicht duschen. Selbst wenn der Ekel aus der literarischen und virtuellen Welt in die Wirklichkeit schwappt, wie bei den Berichten und Bildern aus dem Verlies von Amstetten, uns bleibt immer der Trost: Keiner davon kann uns so nahe kommen wie Josef Fritzl seiner Tochter, 24 Jahre lang, jede Näheerfahrung immer und immer wieder eine des Nahtods. Gerade in Österreich, einem Land, in dem man sich mit Ekelkunst bestens auskennt, wie die blutigen Happenings der Aktionskünstler Hermann Nitsch und Otto Muehl belegen, ist man gut darin, den Leuten auf den Leib zu rücken und die Grenzen zu übertreten, die man braucht, um unversehrt bleiben zu können – und jedes Mal, wenn in unserem Nachbarland »rein zufällig« wieder »etwas passiert« ist, empfindet man wieder den Ekel vor den Leuten, die anderen den Ekel zumuten.

Denn da gäbe es noch das Dschungelcamp, in dem irgendwelche Semi-Stars Maden verspachteln müssen; der Boom der Gonzo-, Bukkake- und Gang-Bang-Pornos, in denen Lust sich darin erschöpft, Frauenkörper zu besudeln; aber auch die der Spekulation mit billigen Effekten unverdächtigen Romane von Martin Walser oder Philip Roth, in denen bei der Schilderung des Alterns nicht ausgespart wird, wie undicht und wie ranzig Menschenkörper werden, wenn sie sich dem Tod nähern. Und natürlich fällt einem immer wieder auf, wie allergisch mittlerweile der Abwehrkampf gegen Haare, Mief, Körpergewuchere geworden ist. Enthaarungscremes, Raumdüfte, Muttermalchirurgie, Athletenmuskeln: als könnten die Menschen ihre Ausdünstungen und Ausstülpungen, ihre eigene Natur immer schwerer verkraften. Ist unsere Kultur so sauber geworden, dass in ihr der Glaube wächst, man könne sie am besten mit Blut, Schweiß und Sperma provozieren?

Kaum jemand hat sich je systematisch mit dem Ekel beschäftigt – wohl, weil es schönere intellektuelle Betätigungen gibt. Das Standardwerk zum Thema stammt vom Berliner Philosophen Winfried Menninghaus, eine grandiose und verschlungene Studie darüber, wie sehr der Ekel in unserer Kultur- und Geistesgeschichte rumort. Über den Ist-Zustand schreibt er: »Die gleichen Menschen, die sich in Bussen und U-Bahnen drängeln, leben in Haushalten mit stetig sinkender Kopfzahl, in vielen Großstädten bereits zu mehr als 50 Prozent als Singles. Ihr Berufsleben spielt sich mit großer Wahrscheinlichkeit vor Computer-Bildschirmen ab, die weltweite Kommunikation ohne jeglichen körperlichen Direktkontakt ermöglichen. Diese neue Situation in Privatsphäre und Berufsleben mag zugleich jenen gewaltigen Bedarf nach positiv konsumierbaren Nähe- und Körpererfahrungen (mit-)erklären, den dann etwa die zeitgenössische Kunst und die audiovisuellen Medien zum Teil in Form der (›perversen‹) Lust am Ekelhaften bedienen.«
Ekel, so viel weiß man auch ohne Wissenschaft, ist etwas, wovor man sich nicht schützen kann, eine Empfindung des Überwältigtwerdens. Etwas kommt einem zu nahe, näher, als man es verkraften kann, droht die eigene Oberfläche zu durchlöchern. Man reagiert darauf, indem man sich, endlich einmal, in pure Natur verwandelt: würgen, erbrechen, wegrennen, den Atem anhalten, ohnmächtig werden. Lauter Reflexe, denen der Verstand nicht gebieten kann, deswegen denken wir, es gebe so etwas wie einen angeborenen Ekel. Stimmt aber nicht.

Eltern und Psychoanalytiker wissen, dass Kinder keinerlei Abscheu gegen das kennen, was in Erwachsenen Würgereflexe auslöst. Lustvoll spielen sie mit Exkrementen, fassen sie Regenwürmer an, essen Nasenpopel. Zwar empfinden alle Menschen Ekel (und reagieren auf ihn in allen Kulturen auf dieselbe Weise), doch wovor wir uns ekeln, wird uns beigebracht. Irgendwann haben wir so oft gehört, dass Pipi und Kaka bäh sind, dass wir es gar nicht mehr anders empfinden können. Diese Ekel-Erziehung, auch das kann jeder an sich selbst beobachten, ist nie abgeschlossen. Männer, die heute 50 sind, hatten in ihrer Jugend noch keine Probleme mit weiblichen Achselhaaren, heute schüttelt es sie. Umgekehrt haben wir gelernt, Genüssen hinterherzujagen, die einen vor einem halben Jahrhundert noch rebellieren hätten lassen, rohem Fisch etwa oder Oralsex – dass sich Menschen dazu einmal überwinden mussten, versteht heute niemand mehr. Manchmal kommt einem die eigene Ekel-Biografie so rätselhaft vor, dass man ungehalten werden möchte: Wie kann es angehen, dass man mit einem Mal etwas verabscheut, was man früher nicht einmal wahrgenommen hätte, wer träufelt das dem Körper an jedem Denken vorbei ein?

Tatsächlich verhält sich Ekel wie ein Grenzposten: Was zivilisiert genug ist, darf passieren, was zu sehr Natur ist, wird abgestoßen. Da keiner für sich selbst beschließen kann, wo genau die Grenze verläuft, merken wir an unseren Ekelempfindungen, was die Gesellschaft nicht verkraften kann, die sich in unseren Körpern breitgemacht hat. Schleim, Schlabber, Gestank, Dreck, Fell, das Zeug, das daran erinnert, dass wir einmal am Boden herumgekrochen sind – alle zusammen als Gattungswesen, jeder als Krabbelkind. Für Freud beginnt der menschliche Ekel mit dem aufrechten Gang, dem größeren Abstand, den die Nase zur Welt hat. Man schaut einander ins Gesicht, statt einander zu beschnüffeln, wer immer noch schnüffeln wollte, gälte als Tier, etwas, was wir nicht mehr sein dürfen, jedenfalls nicht ungezähmt und öffentlich. In seinen Briefen an Wilhelm Fließ schreibt Freud: »… aufrechter Gang, Nase vom Boden abgehoben, damit eine Anzahl von früher interessanten Sensationen, die an der Erde haften, widerlich geworden – durch einen mir noch unbekannten Vorgang. (Er trägt die Nase hoch = Er hält sich für etwas besonders Edles.) … Grob gesagt, die Erinnerung stinkt aktuell, wie in der Gegenwart das Objekt stinkt, und wie wir das Sinnesorgan (Kopf und Nase) im Ekel abwenden, so wendet sich Vorbewußtes und der Bewußtseinssinn von der Erinnerung ab. Dies ist die Verdrängung.«

Deswegen sind Ekel und der Abwehrkampf gegen ihn so häufig Mittelschichtsphänomene. Die ganz unten sind so arm, dass sie sich in Bodennähe einrichten, sich abfinden müssen mit Schweiß, Schmutz und Nähe. Die ganz oben leben hoch genug, um nicht ständig Angst vor Rückfällen haben zu müssen und können es sich deswegen leisten, Hautgout zu kultivieren, polymorph pervers zu sein, souverän Ekel-Kunst zu subventionieren, kein Problem, der Geist bleibt stabil, die Identität hält dicht.

Ekel ist eine Distinktions-Maschine. Je mehr Ekel, desto mehr Mittelschicht, je mehr Mittelschicht, desto mehr Ekel. Deswegen können wir an den jeweils aktuellen Ekelfronten (Schamhaare, Übergewicht usw.) verlässlich ablesen, wie hegemonial die Mitte, wie befriedet die Gesellschaft ist. Und merkt man an den Sauberkeits-Provokationen, wie gewaltsam diese Hegemonie empfunden wird. Schmutzige Kunst gibt es immer nur, wenn die Gesellschaft besenrein und keimfrei ist – in den Zwanzigern, den Sechzigern, jetzt. Nur dann kann der Schmutz daherkommen wie eine Erinnerung ans Realitätsprinzip.

Den wirklichen Ekel haben wir ohnehin längst an Spezialisten delegiert: Es sind die Krankenschwestern, die Altenpflegerinnen, die uns notdürftig sauber wischen, wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können, und während sie es tun, schließen wir die Augen und hoffen, dass es schnell vorübergeht. Die Leute, die uns den Ekel vom Leib halten, wollen wir nicht kennenlernen. Vielleicht sollten wir zur Abwechslung mal darüber nachdenken.

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