Re:

Um uns einmal zu verabreden, müssen wir inzwischen vier E-Mails und zehn SMS schreiben und bei Facebook chatten. Dann könnte es klappen. Vielleicht. Warum schaffen wir es nicht mehr, Termine einfach einzuhalten?

18:53 Bei mir geht es jetzt doch nicht am Sonntag, hänge mit einem Text. Wie sieht es nächste Woche bei Dir aus?
18:54 Dienstag ginge. Oder Donnerstag, das weiß ich aber erst Mittwoch.
18:55 Also Dienstag. Wir telefonieren dann noch mal, ja?
18:57 Meld mich Montag. Lg


Dienstag könnte klappen. Dienstag ist der vierte Versuch, zweimal hat sie abgesagt, einmal ich. Drei Anläufe sind bei uns Schnitt, danach reißen wir uns zusammen. Es sei denn, es kommt was wirklich Wichtiges dazwischen. Dabei verbringen wir viel Zeit miteinander: drei bis vier E-Mails für die erste Terminfestlegung (»Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen!«), ein Facebook-Chat (»Bleibt’s bei heute?«), acht bis zehn SMS, um den Termin zu verschieben und dann noch mal zu verschieben. Geredet haben wir dazwischen nicht, das sparen wir uns für unser Treffen auf. Falls wir uns treffen. Dass heute kaum noch eine private Verabredung auf Anhieb zustande kommt, nehmen die einen, zumeist Jüngeren, mit einem Achselzucken als Selbstverständlichkeit hin, während es Ältere aus der Generation Festnetz an die Decke treibt. Unzuverlässig! Rücksichtslos! Noch vor wenigen Jahren war ein einmal vereinbarter Termin in Stein gemeißelt, da wurde das Stelldichein noch als Imperativ verstanden. Heute: bestenfalls vage Zusagen, mehrfaches Umdisponieren, kurzfristige Absagen. Mal sehen. Ich melde mich. Lass uns telefonieren. Unhöflich? Nein. Unhöflich wäre, sich gar nicht zu melden. Und ganz unhöflich wäre, nicht erreichbar zu sein, falls jemand absagen will.

16:43 Sorry, habs gestern nicht mehr geschafft, mich zu melden. Heute abend klappt. 8 im M & V?
16:54 Yep. Kann sein, dass es bei mir etwas später wird.

»Die Technologien der virtuellen Welt machen es uns leicht, unverbindlich zu sein«, sagt die Schweizer Psychologin Gabrielle Rütschi. Handys, Laptops, Blackberrys beschleunigen die Kommunikation, produzieren neues Verhalten, neue Manieren - und neue Feigheiten. Es sagt sich nun mal leichter ab, wenn man mit dem Ärger oder der Enttäuschung des anderen nicht unmittelbar konfrontiert wird. Rütschi diagnostiziert in ihrem Buch Vielleicht. Die unverbindliche Verbindlichkeit die zunehmende Unzuverlässigkeit als Symptom einer Zeit, in der es nur noch um »emotionale Bedürfnisbefriedigung« gehe. Unentwegt werde psychologischer Vertragsbruch begangen, würden Absprachen über den Haufen geworfen - eine bindungslose Welt voller Opportunisten, die sich bis zuletzt alle Optionen offen halten, voller Egomanen, die nur ihren Launen folgen.

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Das kann man so sehen - und tut es automatisch, wenn man mal wieder versetzt wurde. In diesem neuen Gesellschaftsspiel fühlt sich jeder wie der Verlierer in etwa der Art, wie man immer denkt, in der langsamsten Kassenschlange zu stehen. Aber stimmt es auch? Nein, sagt die Soziologin Kerstin Jürgens: Früher war es objektiv leichter, sich zu verabreden, weil alle zur selben Zeit freihatten. Einen kollektiven Feierabend gibt es nicht mehr in einer Gesellschaft der prekären Arbeitsverhältnisse, Teilzeitjobs, Wechselschichten, Projektarbeitsphasen, Nacht- und Wochenenddienste.

Einen gemeinsamen Termin zu finden ist Ergebnis komplizierter Schnittmengenberechnungen, und tausend Unwägbarkeiten - eine kranke Tagesmutter, ein eiliger Auftrag - bringen die ganze Kalkulation zum Einsturz. Wir leben in einem Zeitenwechsel, so Karl-Heinz Geißler von der Deutschen Gesellschaft für Zeitkultur. Pünktlichkeit und Planbarkeit, die Säulen der alten Industriegesellschaft mit ihren Stechuhren und Stundenlöhnen, werden abgelöst durch die Notwendigkeiten der neuen Kommunikationsgesellschaft, alles gleichzeitig und parallel voranzutreiben und spontan und flexibel zu reagieren.

18:55 Hast Du was dagegen, wenn die Niki dazukommt? Mit der war ich lose verabredet, hatte ich ganz vergessen.
19:01 Klar, gern.

Das Ergebnis dieses Zeitenwandels: Jeder ist sein eigener Human- Resources-Manager, der seine Verabredungen nach der Eisenhower-Matrix ständig sortiert und umsortiert. Wer ist gerade wichtig?

Wer ist dringend? Wer ist wichtig und dringend? Diejenigen, von denen man was will - einen Job, einen Rat oder vielleicht auch nur Liebe -, haben Vorrang, für die anderen gilt eine vertrackte Gleichung aus lange nicht gesehen/schon öfter vertröstet/bin sowieso gerade in der Gegend/ist meist ganz lustig.

Im Augenblick der Verabredung wird schon eine Hochrechnung über das Zustandekommen inklusive Scheiterwahrscheinlichkeit angestellt: D. sagt sowieso immer im letzten Moment ab, also kann ich schon mal bei A. zusagen. Die wartet aber auch noch auf den Rückruf von R. Am Ende trifft vielleicht keiner keinen, weil alle heillos überbucht und ermattet von der ständigen Jonglage sind.

20:34 Hänge noch im Meeting fest, fangt schon mal ohne mich an.
20:36 Wie lange brauchst Du noch?
20:37 Weiß nicht. Stunde oder so.
20:39 Dann ziehen wir schon mal um ins Cox.

All das kennt man. Und doch ist es immer wieder ein kleiner Stich, eine kleine narzisstische Kränkung: Etwas anderes, ein anderer ist wichtiger als ich. Wir heucheln verständnisvolle Nonchalance: Moderne Verbindlichkeit besteht darin, nicht übel zu nehmen, wenn es mal wieder nicht geklappt hat. Macht doch nichts. Macht aber doch was. Das lässt man sich fünfmal, zehnmal gefallen, dann versucht man es nicht mal mehr.

21:46 Bin groggy. Krieche jetzt lieber aufs Sofa, nicht böse sein, nein?

Es gab mal einen New Yorker-Cartoon, in dem ein Mann im Büro telefoniert: »Donnerstag geht nicht. Wie wär’s mit nie? Passt Ihnen nie?« - »Passt mir gut. Aber wir telefonieren besser vorher noch mal, ja?«

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Meike Winnemuth, 49, stellt gerade fest, dass man sein Privatleben nicht nur wie ein Unternehmer organisieren muss, sondern zunehmend auch wie ein Eventveranstalter. „Save the Date“-Vorab-Einladungen wurden noch vor Kurzem nur zu Bambi-Verleihung und Bundespresseball rausgeschickt - Winnemuth hat jetzt die erste ihres Lebens anlässlich ihres 50. Geburtstags im Juni versendet. 

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