Verlockend

Wenn Heidi Klum oder Beyoncé Werbung für Shampoo machen, scheinen ihre Haare perfekt. Retusche? Nein. Hinter den Stars steht Wendy Iles mit einem einfachen Glasstab. Die Geschichte einer optischen Täuschung.

Man kann die Kunst, die Wendy Iles beherrscht, in einem Satz erzählen: Bei Dreharbeiten von TV-Spots für Haarshampoo fährt sie dem Model mit einem Glasstab kurz unter die Haare. Das wars. Und die Zuschauer sehen davon später im Fernsehen eh nichts. Interessant wird es hier: Diese Kunst beherrschen außer Wendy Iles nur noch drei bis sieben weitere Menschen auf der Welt, da schwanken die Angaben aus dieser in jedem Fall sehr überschaubaren Branche.

Fest steht, jeder von ihnen bekommt dafür einige tausend Euro pro Tag am Set. Wendy Iles sagt, sie selbst habe den Trick mit den Glasstäben erfunden. Und damit hat sich ihr Repertoire längst nicht erschöpft: Wendy Iles, Australierin von Geburt, gilt als eine der größten Könnerinnen auf dem weiten Feld der Haare, als Perfektionistin des Stylings, als Erfinderin nicht nur des Glasstabes, sondern auch von Ringen und kreisförmigen Drähten, die sie alle bei Fotoshootings und Werbespots an und in und unter den Haaren der Models einsetzt. Sie kämmt und glättet und pusht und stylt Haare bei Fotoproduktionen vieler Vogue-Ausgaben von Spanien bis Japan sowie der französischen Elle oder der amerikanischen Vanity Fair. Auch Dior, Chanel, Hermès oder Louis Vuitton buchen sie, da die Models, auch wenn sie für Kleider oder Taschen werben, die Haare schön haben sollen. Und sie stylt Stars für die Auftritte auf den roten Teppichen bei Preisverleihungen aller Art, Beyoncé und Salma Hayek zum Beispiel oder Cate Blanchett, Diane Kruger, Penélope Cruz, Charlotte Gainsbourg, Heidi Klum oder Eva Longoria. Mehr geht nicht, das ist der Olymp. So ganz lässt sich natürlich nie erklären, warum jemand auf einem Gebiet, auf dem sich Tausende Begabte tummeln, besser ist als andere.

Wendy Iles' Eltern hatten selbst einen Friseursalon, sie lernte später in London bei Vidal Sassoon und bis heute arbeitet sie halbe und ganze Nächte, um vor dem Fotoshooting die Haare der Models zu studieren und dabei immer neue Techniken zu entwickeln. Dann, vor sechs Jahren, war sie quasi gezwungen, sich den Trick mit dem Glasstab auszudenken: Damals verbot der US-Konzern Procter & Gamble, zu dem unter anderem Pantene und Wella gehören, dass Models für Werbespots Haarverlängerungen tragen. Für die Branche eine Herausforderung: Denn Prominente werden wegen ihres Namens und nicht wegen ihrer tollen Haare für Shampoo- und Conditionerwerbung gebucht. Und genau die brauchen Haarverlängerungen, weil deren Haare oft dünn und kaputt sind – ein Nebeneffekt ihres Berufes.

Jetzt kommen Wendy Iles Glasstäbe ins Spiel: »Wenn das Model in Zeitlupe den Kopf dreht, schwingt volles Haar perfekt mit. Bei dünnem Haar aber entstehen bei dieser Bewegung Löcher zwischen den Haarsträhnen. Jetzt zücke ich meine Glasstäbe. Je näher ich dem Model sein kann, desto kürzere nehme ich.« Iles stellt sich, für die Kamera unsichtbar, in Position und fährt mit dem durchsichtigen Stab vom Nacken aus unter die Haare. Während das Model sich dreht und der Fotograf oder Kameramann seine Aufnahmen macht, schwingt Iles das Haar in einer schnellen Bewegung nach oben. So wird es zusammengehalten, es entstehen keine Löcher. »500 Haare können so wie 5000 Haare wirken.« Worin genau die Kunst besteht? Die Stäbe müssen auf den Millimeter genau angesetzt werden, das Timing muss stimmen, »die Windeffekte sollen spektakulär, meine Bewegung muss aber sehr klein und sehr, sehr schnell sein«. Ein falscher Handgriff und Wendy Iles sticht dem Modell in den Nacken. Wie lang diese optische Täuschung dauert? Nicht mal eine Sekunde.

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Dieser Artikel erscheint im heutigen SZ-Magazin: Ein Heft zum Thema Frauen und Freiheit – sehen Sie hier schon alle Themen.

Illustration: Konstantin Kakanias/The New York Times Magazine