Zwischen Tanz und Toleranz

Am Aschermittwoch ist der Karneval vorbei, aber der Karnevals-Hit der Höhner ist deshalb noch längst nicht abgehakt. Der Song dreht sich um Flüchtlinge und Willkommenskultur. Aber das war dem Kölschen Jeck zu politisch.

Aschermittwoch, Zeit für eine Chartbilanz des Karnevals. Die Hitparaden-Ermittler von GfK Entertainment haben gerade die Musikdownloads der vergangenen Woche analysiert, je nach Bundesland. Und, diese Zahl ist beeindruckend: Unter den Top 100 in Nordrhein-Westfalen sind 44 Karnevalslieder. Das ist Rekord. Die Debatte um die Silvesternacht hat also den Konsum heimischer Musik nicht gebremst, im Gegenteil: Einige kölsche Trinklieder haben sogar kurzfristig die Songs von Adele und Justin Bieber in den Charts abgehängt. Ja ja, das ist schön und macht Hoffnung. Aber eine Frage bleibt.

Nämlich die, warum ausgerechnet die neue Single der Höhner über die Faschingstage nicht die Chartspitze erreicht hat. Es handelt sich dabei immerhin um eine der ganz großen Karnevalsgruppen, seit mehr als 40 Jahren im Geschäft. Von den Höhnern stammt »Viva Colonia«, demnächst füllen sie mal wieder alleine die Kölner Lanxess-Arena. Aber ihr neuer Song »Kumm loss mer danze«, eine gut schunkelige Stadionrocknummer, ist in den Karneval-Charts relativ erfolglos abgeschmiert. Die Frage ist also, woran könnte das liegen?

Ein schneller Blick in die erste Strophe, ins Hochdeutsche übersetzt:

Unsere Welt steht Kopf
Was oben war, das ist jetzt unten
Menschen machen sich auf
und suchen ein neues Zuhause
Egal woher, egal wohin
Da liegt eine Chance für alle drin
Herzlich Willkommen!

Huch? Das ist mal eine ziemlich klare politische Ansage. Und, mit Verlaub, etwas unerwartet von einer Band, deren bisherige Hits zum Beispiel »Scirocco in Marokko« hießen oder »Dicke Mädchen haben schöne Namen«. Aber wenn man in das neue Album reinhört, zu dem der Song gehört, wird klar: Den Höhnern ist es ernst. Mindestens drei Songs handeln, mehr oder weniger verschlüsselt, von der Flüchtlingsdebatte. »Stille Helde« zum Beispiel ist eine Hymne an die ehrenamtlichen Helfer. Das Fazit der Höhner – Wir schaffen das! – müsste eigentlich genau auf Linie mit der berühmten Toleranz der Kölner und ihres Karnevals liegen. Warum ist dann kein Riesenhit draus geworden?

Eine Erklärung wäre das Timing. »Kumm loss mer danze« kam am 8. Januar raus. Es wurde also vermutlich im Sommer geschrieben und produziert, jedenfalls lange vor der Silvesternacht. Und dann landete es mit seiner ausgesprochen positiven Willkommens-Botschaft mitten in der aufgeraspelten Debatte um die sexuellen Übergriffe auf der Domplatte. Seit der Silvesternacht ist der Polizeipräsident zurückgetreten, die Kölner kaufen wieder mehr Waffen. Vielleicht sind auch deshalb weniger von ihnen bereit, mit den Höhnern einfach mal »Herzlich Willkommen« zu singen.

Man erkennt das an einer Videobotschaft, die die Höhner kürzlich auf Facebook gestellt haben. Der Frontmann Henning Krautmacher kritisiert darin die sexuelle Gewalt und das »behördliche Versagen« scharf. Aber er sagt auch sehr entschlossen: »Schluss mit der fremdenfeindlichen Hetze!« Vielleicht der größte spürbare Unterschied zur Zeit vor Silvester sind die Kommentare unter dem Video. »Ich bin kein Rassist, aber...« – »Wer hier unsere Frauen belästigt, der...« – »Propaganda von links«, und so weiter. Nicht wenige Fans der Höhner schwadronieren plötzlich, als hätte Lutz Bachmann ihnen persönlich den Text diktiert.

Klar, der Kölner Karneval ist ein Fest der Begegnung, der Toleranz. Immer noch. Aber aus dem »Herzlich willkommen« eine Single zu machen, also einen Song mit klarer politischer Aussage gegen all die Trinklieder und Schunkelpolkas ins Rennen zu schicken, ist zwar ehrenhaft – aber rückblickend vielleicht doch zu gewagt. Der meistgekaufte Karnevals-Hit des Jahres, »Jeck Yeah« von den Brings, enthält übrigens eine Zeile, die denen der Höhner ein bisschen ähnelt: »Denn wir sind alle nur Menschen / das Herz am rechten Fleck.« Nur wo genau dieser rechte Fleck ist, und ob da wirklich noch Platz für Flüchtlinge ist, das wollte der Kölner Jeck dieses Jahr offenbar lieber selbst entscheiden.

Erinnert an: U2
Wer kauft das? Flüchtlingshelfer, No-Pegida-Aktivisten, überzeugte Fans - und vermutlich viele, die kein Kölsch verstehen.
Was dem Song gut tun würde: Nun ja, über das Video könnten wir nochmal reden...