»Unsere Liebe hatte keine Vergangenheit und keine Zukunft«

Als Ursula und Kilian sich verlieben, ist klar, dass Kilian bald sterben wird. Dennoch verbringen die beiden ein intensives Jahr – das auf der Palliativstation endet. Hier erzählt Ursula, wie sie gelernt hat, dass es sich lohnt, im Jetzt zu leben.

Es gibt nur ein einziges Bild, auf dem Ursula und Kilian ganz zu sehen sind. Weil Kilian damals schon todkrank war, fühlte sich Ursula wohler damit, nur ihre beiden Hände zu zeigen.

Foto: privat

Unsere Liebe hatte keine Vergangenheit und keine Zukunft. Sie fand im Jetzt statt. Das hatte ich in dieser Intensität noch nicht erlebt, und das machte sie so besonders. Vor vielen Jahren lernten Kilian* und ich uns auf einer Vernissage in Frankfurt kennen. Wir spürten eine Anziehung, waren aber beide in Beziehungen. Vor einigen Monaten trafen wir uns zufällig wieder, ich 66, er 71 Jahre. Ich erschrak im ersten Moment darüber, wie alt Kilian geworden war, aber wieder war da diese

Wir saßen beim Italiener, und er erzählte mir von der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, die 2017 gestellt wurde. Er sollte noch etwa ein halbes Jahr leben, sagte man ihm damals, und jetzt saß er hier mit mir, mehr als zwei Jahre später. Er war geschwächt von jahrelanger Chemotherapie. Sein Leben drehte sich, abgesehen von seinen Töchtern und Enkelkindern, nur noch um die Krankheit.

Er war bereits bei einem Schweizer Verein angemeldet, der auch eine Freitodbegleitung anbietet. Ihm, dem Designer und Künstler, war

Nach dem Essen meinte Kilian wie selbstverständlich: »Jetzt zahlen wir, und dann gehen wir ins Bett, okay?« Und mit

An diesem Nachmittag begann unsere Liebe sich zu entfalten – schön, ruhig, liebevoll und nah. Die Monate, die folgten,

Wir sprachen viel, über die Krankheit, aber nicht nur. Ein Mensch ist nicht seine Krankheit.

Wir erzählten uns von

Die Krankheit wurde dann

Als er dann in

Der Sommer 2020 in

Ich blieb bei ihm

Eine Freundin hatte gefragt, was machen wir, wenn du Kilian verabschiedet hast? Ich sagte, wir feiern sein Leben und machen erstmal einen Sekt auf. Nur hatte ich mich da komplett verschätzt. Es ist schwieriger, als ich dachte. Einerseits funktioniere ich wieder, andererseits ist da eine große Leere, wenn ich allein bin. Ich spiele wieder mehr Klavier und fahre im Auto zum Friedhof, wo Kilian begraben liegt. Im Auto höre ich Musik, zum Beispiel Don McLeans Vincent, und mache Platz für meine Trauer. Ich habe das eigentlich für ausgeschlossen gehalten: ich, wie ein Großmütterchen am Grab. Aber ich komme dort zur Ruhe.

Wenn ich in meinem

*Name geändert

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