Hör mal, Freundchen!

Fremde Kinder können anstrengend sein. Aber wehe, man setzt ihnen als Außenstehender Grenzen. Dann bekommt man Ärger mit den Eltern. Warum eigentlich?

Die Geschichte spielt in einem Restaurant: Ein Paar möchte nach der Arbeit in Ruhe essen, ein bisschen reden, die Nacht herbeiträumen. Am Nebentisch eine Familie, Mutter, Vater, drei Kinder. Die Kinder spielen rund um den Nachbartisch herum Fangen, Mutter und Vater unterhalten sich ungerührt weiter. Das Paar ist genervt, schließlich bittet der Mann die fremden Kinder: »Könnt ihr bitte weniger Lärm machen? Wir würden gern in Ruhe essen.« Der Vater schreckt auf, ist verärgert. Nicht über seine Kinder, sondern über diese fremden Menschen, die sich anmaßen, seine Kinder zu erziehen. Er sagt hämisch: »Ihr hört doch, Kinder, der Mann möchte nicht, dass ihr lacht.«

Die Sache hätte natürlich auch anders ausgehen können, theoretisch. Nicht mit einer bissigen Antwort und Unverständnis, sondern mit einer Entschuldigung. Die Eltern hätten hochschrecken können, weil ihnen die Situation peinlich ist. Hätten sagen können: »Danke, dass Sie unseren Kindern die Meinung gesagt haben.« Und dann hätten sie ihren Kindern erklären können, dass der Herr am Nebentisch recht hat, dass man Rücksicht nimmt …

Aber stopp, das kommt selten vor, dieses Ende der Geschichte ist lebensfremd. Der Mann, der den Vorfall aus dem Restaurant erzählt, heißt übrigens Bernhard Bueb. Er ist ein bekannter deutscher Pädagoge, leitete lange das Internat Schloss Salem, schrieb einen Bestseller über Disziplin in der Erziehung – und er war, was man gut versteht, ziemlich irritiert über die Reaktion des Vaters. War er auch verwundert? Nein. Denn: Man erzieht fremder Leute Kinder nicht ungestraft. Wer sich gegen Kinder wehrt, hat nie recht. Selbst wenn er – theoretisch – recht hätte. Seltsam, oder? Da gibt man seine Kinder in den Kindergarten, in die Schule oder in ein Internat, damit Pädagogen sie zumindest miterziehen, aber wenn sie von Fremden ermahnt werden, bitte in der U-Bahn nicht zu rauchen, oder von Freunden und Verwandten angehalten werden, nicht zu lügen oder zu klauen, ihre nasse Badehose nicht auf das Gästebett zu schmeißen oder das eingesaute Klo zu putzen, sind die Eltern in der Regel beleidigt.

»Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen« – so lautet ein afrikanisches Sprichwort, Hillary Clinton hat darüber mal ein Buch geschrieben. Auch in Deutschland galt das mal, früher. Kollektive Erziehung war sogar lange eine Selbstverständlichkeit. Bis zur Entstehung der bürgerlichen Familie war ein Kind selten einzig einer Mutter, einem Vater, einer Kindergartentante ausgesetzt, sondern im Zweifel einer Großfamilie oder gleich dem ganzen Dorf. Im 19. und 20. Jahrhundert delegierte, wer es sich leisten konnte, die Erziehung an mehr oder minder gut ausgebildetes Personal. Oder an die höhere Töchterschule, das Kloster, die Kadettenanstalt. Und heute? Werden alle Neurosen der Kleinfamilie auf den Nachwuchs übertragen – und wehe, ein Außenstehender schützt sich, sein Eigentum, sein Verständnis von Anstand. Es gibt eine Szene in der Fernsehserie Mad Men, die man mit angehaltenem Atem ansieht, so sehr hat sich die Stellung der Kinder in der Erwachsenenwelt verändert seit den Fünfzigerjahren: Die Drapers feiern eine Hausparty mit Kollegen und Freunden und die Kinder toben herum, eins rennt in einen Gast. Der haut ihm sofort eine runter. Vater Draper kommt hinzu, herrscht nicht den Gast an, sondern sagt zu ihm: »Soll ich ihm noch eine geben?« Nein, sagt der Gast, ist schon in Ordnung.

Niemand wünscht sich diese Zeiten zurück. Gott bewahre. Aber könnte es nicht ganz nützlich, ja nachgerade erleichternd sein, wenn mal jemand anderer als die ewig nörgelnden Eltern sagte: Tobe jetzt hier nicht herum, lass mich aussprechen, hör auf, die Katze am Schwanz zu ziehen? Aber nein: »Dass jemand anders sich in die Erziehung meiner Kinder einmischt, das geht gar nicht«, sagen alle Eltern, die für diesen Artikel befragt wurden. Warum bloß?

Round-Table-Gespräch unter Frauen. Was wäre, wenn das eigene Kind sich schlecht benimmt und von einem Fremden zurechtgewiesen wird? »Kritik an meinen Kindern ist immer auch Kritik an mir. Da dringt jemand in mein Terrain ein und will mir im Zweifel mitteilen, dass ich versagt habe. Denn wenn sich mein Kind schlecht benimmt, bin doch letztlich ich verantwortlich«, sagt Simone, 60, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Susanne, 45, Mutter eines Sohnes, ergänzt: »Wer meine Kinder zurechtweist, weiß oft gar nicht, warum sie sich so verhalten. Vielleicht sind sie überfordert? Gestresst? Müde?« Und Eva, 48, Mutter einer Tochter, wendet ein: »Wenn meine Mutter meine Kinder erziehen will, gibt sie mir zu verstehen, dass ich eine schlechte Mutter bin. Wenn meine Freunde das tun, dann greifen sie meine Kompetenz an; das verunsichert mich. Und wenn Fremde sich einmischen, im Supermarkt oder auf der Straße, dann bekommen sie es mit mir zu tun: Was bilden die sich ein?« Übereinstimmendes Nicken. Wie die dazugehörigen Väter das sähen, fragt eine in die Runde. Genauso: mein Haus, mein Auto, mein Kind, mein Stolz.

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Einmischung ist Anmaßung

Es kommt also einem regelrechten Tabubruch gleich, sich mit Kindern auseinanderzusetzen, die nicht die eigenen sind. Jeder kennt solche Geschichten, sie zerstören Freundschaften und zerrütten Geschwisterliebe, sie nagen zehrend und langsam oder explodieren im selben Moment, sie können ins Grundsätzliche gehen und ans Eingemachte wie im wunderbaren Theaterstück Gott des Gemetzels, in dem zwei Elternpaare den Streit ihrer Kinder schlichten wollen und sich ganz schnell im psychologischen Nahkampf wiederfinden. Sie können langjährige Beziehungen untergraben – und das oft wegen einer scheinbaren Nichtigkeit: Urlaub mit Freunden, ein Vater kauft allen Kindern ein Eis, ein Kind aber bedankt sich nicht, beschwert sich gar über den Schokoladengeschmack, der anders ist als daheim, wirft das Eis schließlich in den nächsten Mülleimer. Wehe, der Vater ermahnt das Kind: »Ich hätte mich gefreut, wenn du danke gesagt hättest. Und wenn du das Eis, das du nicht magst, einem der anderen Kinder gegeben hättest.«

Erziehung ist eben immer auch Weltanschauung, und in die lässt man sich als Eltern nur ungern hineinreden. Jedes kritische Wort ist ein Stich ins liebende Herz: Verunsicherte Eltern lesen pausenlos Erziehungsbücher, rufen Super-Nannys zur Hilfe, alle Welt leidet an Erziehungsangst. Aber wenn jemand Kindern zeigt, dass es in anderen Familien anders zugeht und man nicht stirbt, wenn man zum Lammkotelett Erbsen wenigstens mal probiert, statt sie sofort ins Klo zu spucken, dann werden Eltern hysterisch. Ihre Kinder machen Fehler, ja, sie benehmen sich vielleicht mal nicht richtig, aber das müssen dann schon die Eltern selbst mit ihnen klären, finden diese, und daheim müssen sie auch keine Erbsen essen, die Armen. Als sei ein offenes Wort zur richtigen Zeit automatisch Ursache für ein lebenslanges Trauma. Bernhard Bueb sieht in der moderaten Fremderziehung daher auch keine Aufoktroyierung fremder Werte, sondern etwas anderes: »Es sollte doch selbstverständlich sein, dass ein Kind sich in einem fremden Haushalt an die Regeln hält, die dort herrschen. Auch wenn diese Regeln vielleicht manchmal nicht glücklich sind, so ist es doch wichtig, dass ein Kind lernt, das auszuhalten.«

Einmischung ist Anmaßung. Meine Kinder, lautet die narzisstische Botschaft moderner Eltern an ihre Umwelt, gehören mir. Und sie werden von anderen in Ruhe gelassen. Selbst wenn sie mal laut, frech, ungehobelt, unsensibel, unhöflich sind. Was ja vorkommen soll. Sollen die Leute doch vor der eigenen Tür kehren. Wehe also, wenn die eine Schwester dem Sohn der anderen Schwester bei einem Wochenendbesuch vorhält, dass er sehr wenig im Haushalt hilft. Dann ist der Sohn beleidigt, und seine Mutter denkt: »Die soll sich doch mal ihre eigene Tochter zur Brust nehmen. Die kauft ständig neue Klamotten und hängt den ganzen Tag bei H&M rum.« Und wenn die eine Freundin den Sohn der anderen bei einem Ausflug irritiert davon abhält, ihrem Baby ständig Schaufel und Eimer wegzunehmen, dann kontert die Mutter des Wegnehmers beleidigt: »Dein Kind muss doch lernen, sich selbst zu wehren.«

Mein Kind bin ich. Fachleute kennen das, sie interpretieren es als Selbstschutz. Christian Mühldorfer, Münchner Psychologe und Coach mit 15-jähriger Berufserfahrung, der regelmäßig auch mit Jugendlichen arbeitet, erklärt die Abwehrreaktion von Eltern gegen das, was diese als Einmischung und Anmaßung empfinden, als Gefühl der multiplen Bedrohung: Eltern empfänden das Kind als gefährdet, »also werfen sie sich mit dem Instinkt einer Löwenmutter vor ihr Kleines, selbst wenn sie vielleicht bei näherem Hinsehen die Kritik am Verhalten des Kindes durchaus verstehen«. Zudem werde das Erziehungskonzept und mithin das Selbst der Eltern von außen infrage gestellt; schließlich liefen alle Eltern mit einem permanenten Gefühl der Unsicherheit, ja der Schuld herum: »Wenn ich mein Kind anders, besser erzogen hätte, würde es sich vielleicht nicht so verhalten?«

Alles bleibt in der Familie. Fremderziehen als Hilfsangebot, Korrektur, Ausgleich, nachhaltigen Einsatz für ein gedeihliches Zusammenleben? Ist ein rotes Tuch. Die Mainzer Familiensoziologin Marina Hennig hat für diese hochgezogenen Erziehungsmauern eine sozialpolitische Erklärung: »Dass kollektives Erziehen nicht als Erleichterung, sondern als Zumutung empfunden wird, liegt – historisch gesehen – auch am deutschen Mutterbild. Die geeignete Erzieherin für ein Kind kann demnach nur die Mutter sein. Denn nur die weiß, was gut für ihr Kind ist.« Wer Mutter durch Familie ersetzt, ist auch heute ganz schnell bei der deutschen Debatte über Ganztagsschule versus Betreuungsgeld. Wo ist, sagt die CSU, das Kleinkind im Zweifel am besten aufgehoben? Daheim. Und wer erzieht die süßen Kleinen am besten? Mama und Papa. Voilà.

Vorschlag. Kleiner Tipp von einer unberufenen Fremden an jene Minderheit, die sich vielleicht doch mal in die Erziehung hineinreden lässt: nicht beleidigt, sondern erleichtert sein. Die Kinder halten das aus und haben im besten Fall ihren eigenen Kompass, wissen also in der Regel, ob der Rüffel berechtigt ist. Und eines ist mal klar: Ein Anstoß von außen, ein Hinweis, ein Wort, auch ein Wutanfall kann manchmal Wunder wirken. Und zur Folge haben, dass ein Kind etwas annimmt, was es sich von den Eltern niemals sagen lassen würde.

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