Das Alptraumhaus

Ein Künstler und ein Millionärssohn bauen das verrückteste Hotel der Schweiz. Kurz nach der Eröffnungsparty greift der reiche Vater ein – und lässt den Traum platzen. Die Geschichte einer Bauruine.

Fünf Jahre ist es her, da erfüllten sich der Künstler Heinz Julen, 41, und der Millionärssohn Alexander Schärer, 40, ihren Traum: Ein Hotel auf einem Felsen über Zermatt, das mehr sein sollte als eine luxuriöse Unterkunft – das außergewöhnlichste Hotel, das die Schweiz je gesehen hatte, wollten sie eröffnen, das »Into the Hotel«: Wer hineinging, kam durch einen in den Fels gesprengten Schacht, vorbei an einem Meditationsraum und einem Club mit Blick auf einen unterirdischen See; ein skurriles Schlaraffenland für reiche Leute hatten die zwei Freunde da hingestellt, mit ausfahrbarem Whirlpool, versenkbarem Brunnen und drehbaren Zimmern mit Matterhornblick. Was für ein Ding! Das Glück dauerte sieben Wochen, dann wurde das »Into« geschlossen und nie wieder aufgemacht. Heute thront an der gleichen Stelle nur noch ein Skelett aus Glas und Holz über den Zermatter Giebeldächern und Raclette-Stüblis, der für alle weithin sichtbare, staubige Rest eines Lebenstraums. Verfolgt man seine Geschichte zurück, legt man ein Alpendrama frei, hinter dem sich nicht nur eine Wahrheit verbirgt. Man kann sich ihm mit Fakten nähern, aber weil auch die nicht alles erklären, braucht es Vermutungen; Freundschaften funktionieren nicht logisch, sondern psychologisch. Und so handelt die Annäherung an die Wahrheit von Fehlern und Schwächen der beteiligten Personen, von Neid, Enttäuschung und Verletzung. Heinz Julen steht vor dem Rohbau, der einmal sein Hotel war, und kriegt es, trotz all der Jahre, die vergangen sind, noch immer nicht in seinen Kopf: Von seinem »Into« ist nichts mehr zu erkennen. Deshalb hat er heute ein Buch dabei, mit Bildern aus der Zeit, als drinnen noch keine Zementsäcke standen, sondern Badewannen aus Hochglanzgranit: »So hat das hier mal ausgesehen«, sagt er, »der Kronleuchter hing da drüben, die Mauer gab es gar nicht und da hinten war die Bar.« Ins Gebäude darf Julen nicht: Er hat Hausverbot. Die Arbeiter kennen ihn, jeder im Ort kennt ihn. Manche grüßen, Julen nickt stumm zurück. Heinz Julen aus Zermatt, das ist so ein Typ, der unterschiedliche Knöpfe am Sakko hat. Ein Künstler und Sonderling, der sich nicht um die Meinung anderer schert. Einer, der geliebt und gehasst wird für seine Ideen und der sich in sein Bergatelier zurückzieht, wenn es ihm im Dorf zu eng wird. Einmal hat Heinz Julen sogar vorgeschlagen, das Matterhorn zu sprengen, nur um die Zermatter aus ihrer Trägheit zu reißen. Das »Into« war nicht sein erstes Projekt in Zermatt: ein Hotel, ein Apartmenthaus und ein Kino hatte er schon bauen lassen, aber das »Into« sollte etwas Einzigartiges werden, eine eigene Welt, seine Welt, in der jedes Detail seine Handschrift tragen würde. Dazu brauchte er jemanden mit 20 Millionen Euro, der bereit war, an seinen Traum zu glauben. Und dann lief ihm beim Skifahren in Zermatt Alexander Schärer aus Bern über den Weg, Sohn des Millionärs Paul Schärer, dem die Möbelfirma USM gehört. Alexander Schärer war nie ein Rebell. Als Kind wurde er mit dem Chauffeur zur Schule gebracht, heute fliegt er als Geschäftsführer von USM um die Welt. Er ist Kunstsammler, hat eine Ferienwohnung in Gstaad, und als er Julen Mitte der Neunziger kennen lernt, ist er fasziniert von der Leidenschaft, die dieser Mann für seine Pläne entwickelt. Der eine hat Geld, der andere Ideen. Jeder der Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, findet im anderen eine faszinierende Welt. Zusammen fühlen sie sich unschlagbar, werden enge Freunde, treffen sich oft, reisen viel, und als Heinz Julen von dem Plan erzählt, dieses Hotel auf den Felsen über Zermatt zu stellen, ist Alexander Schärer dabei: als Geldgeber. Der Traum nimmt Gestalt an. Die Freundschaft beflügelt Julen. Endlich ist da einer, der weiter und größer denkt als die Leute im Dorf. Gemeinsam fliegen sie nach Amerika, um sich in Aspen und Miami Luxushotels anzusehen, zur Inspiration. In ihrem Hotel sollen sich Reichtum und Geist, Schönheit und Spiritualität verbinden, Eigenschaften, wie sie sich Eltern für ihr lang ersehntes Baby nicht schöner ausdenken können. Als sie das »Into« am 29. Februar 2000 eröffnen, sind 2000 Gäste und viele Fernsehteams da. Die Party wird ein Riesenerfolg, in den Tagen danach muss Julen Türsteher engagieren, um mit dem Andrang fertig zu werden. Er ist am Ziel – und glücklich.

Dann der Schock. Das Baby war behindert zur Welt gekommen: Das Hotel weist Baumängel auf, das wird in den ersten Wochen nach der Eröffnung immer offensichtlicher. In den Zeitungen schreiben die Reporter von nicht eingehaltenen Sicherheitsvorschriften und Statikproblemen, von nassen Isolierungen, einem undichten Dach und fehlerhaften Sanitäranlagen. Tatsächlich hatten viel Schnee, ein Feuer und ein Sturm die Bauarbeiten erschwert. Der Zeitdruck war enorm, manches konnte nur provisorisch gelöst werden. »Am Schluss wurde es so eng, dass sogar die Bardamen geholfen haben, die Böden zu schleifen«, erzählt Julen. Das Hotel wird zugemacht, sieben Wochen nach seiner Eröffnung, vorübergehend, heißt es zuerst. Dass es das »Into« nie mehr geben würde, daran dachte damals niemand. Heute konzentrieren sich die Arbeiter, die Schubkarren mit Geröll aus dem Rohbau schieben, auf ihren aktuellen Auftrag: Ein Vier-Sterne-Haus sollen sie bauen, schon ein edles, aber eben kein einzigartiges, ein solides Berg- hotel, wie es hunderte in der Schweiz gibt. »Omnia« soll es nun heißen und noch diesen Winter fertig werden. Sollte es seine ersten Gäste pünktlich empfangen können, wird die Geschichte des »Into« endlich ein offizielles Ende gefunden haben. Schließlich hat Alexander Schärer in den letzten fünf Jahren Konzepte und Architekten immer wieder ausgewechselt, mal schwebte ihm ein Apartmenthaus vor, mal eine Eigentumswohnanlage, aber so richtig in Gang war das Projekt jahrelang nicht gekommen. »Für uns war das eine Katastrophe«, sagt der Vizedirektor des Zermatter Tourismusbüros, Daniel Luggen, »dass die Gäste ins Dorf kommen und als Erstes diese Bauruine sehen.« Wenn Heinz Julen von damals erzählt, dann spricht da ein Mann, der immer noch leidet. »Ich wollte mit dem Ding nicht reich werden, ich wollte es einfach nur bauen«, sagt er. Stundenlang könnte er erzählen, was damals alles passiert sei. Er ist überzeugt: »Die Leute von USM haben mein Hotel zerstört. Wenn alle zusammengehalten hätten, stünde das ›Into‹ noch.« Alexander Schärer will gar nicht über das »Into« reden. Einen Termin zum Essen sagt seine Beraterin ab, die Geschichte gehe ihm noch zu nah, außerdem sei man mit dem neuen Hotel noch nicht weit genug. Heinz Julen und er haben sich noch einmal zufällig in Zermatt getroffen, aber die Freunde Julen und Schärer, die gibt es nicht mehr. Dafür redet der Vater, Paul Schärer, Eigentümer von USM. »Wir mussten das Hotel doch neu zusammenflicken«, verteidigt er sich, »die Mängel waren lebensgefährlich für die Gäste.« Die Ideen von Heinz Julen, die hätten ihm schon gefallen, aber das »Into« sei eben eine Nummer zu groß für ihn gewesen. Wer Recht hat und wie viele Fehler Julen wirklich gemacht hat, kann heute niemand mehr nachvollziehen. Beweise gibt es nicht mehr, weil es das »Into« nicht mehr gibt. Damals, an diesem famosen Eröffnungsabend im Februar vor fünf Jahren, applaudieren die 2000 Gäste, als Alexander Schärer seinem Freund Heinz Julen eine Uhr von A. Lange & Söhne überreicht, Preis: 27000 Euro – ein Symbol für das gemeinsame Projekt. Dann umarmen sie sich. Alle umarmen sich. Die drei Schwestern von Heinz Julen singen ihrem Bruder ein Ständchen: We are family. Journalisten bedrängen Julen, er gibt Interviews, schüttelt Hände, wird beglückwünscht. Der Abend wird ein rauschendes Fest und die Wochen danach werden es auch: Jeder spricht von diesem Ding, Abend für Abend feiert Heinz Julen sein Meisterwerk mit seinen Jetset-Gästen. Einmal kommt sogar Robbie Williams. Ein paar Tage nach der Eröffnung rattert eine Nachricht durch Heinz Julens Faxgerät. Es ist die Seite einer Schweizer Illustrierten, mit einem Foto des Auftritts der Julen-Schwestern, darunter, handschriftlich: »Heinz, we are family, sangen sie. Message an Heinz: don’t forget: the Schärers and USM are a family too!« Absender: Paul Schärer. Zu bemerken, in was für ein Wackelprojekt sein Sohn da Millionen gesteckt hatte, muss ein Schock für den Vater gewesen sein. Die Möbel von USM stehen weltweit für kühle Präzision, die Firma für Erfolg und perfektes Design. »Wachstum ist überall möglich, wenn es das System zulässt«, lautet ein Werbeslogan des Unternehmens. Ein schlampiges Hotel passt nicht ins System. Paul Schärer muss Panik und Angst verspürt haben: um sein Geld, den Ruf seiner Familie und den seiner Firma, sein Lebenswerk. Außerdem stört ihn, wie Heinz Julen sich feiern lässt. Später wird er ihm vorhalten, sich zu sehr in den Vordergrund gedrängt zu haben. Einer wie Julen, der auch mal Champagner im Whirlpool trinkt vor lauter Stolz, der eckt an bei den traditionsbewussten und korrekten Schweizern, vor allem in der konservativen Oberschicht. Dort ist Diskretion oberstes Gebot, sind Prahlerei und Protz verpönt. Wem man seinen Erfolg zu verdanken hat, das sollte man nie vergessen. Paul Schärer tut, was sein Sohn nicht tun will oder nicht tun kann: Er zieht die Notbremse.

Ein Architekt von USM erscheint im»Into«: Walter Schweizer. Er soll die Baumängel erfassen und entscheiden, was zu tun ist. Julen ist außer sich: »Der muss verschwinden!«, wütet er. »Komm, Heinz, lass ihn machen«, bittet ihn Alexander Schärer, der immer mehr zwischen die Fronten gerät: auf der einen Seite sein Freund, auf der anderen seine Familie. »Zu der Zeit habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie verunsichert Alexander war, wie sehr er unter dem Einfluss seines Vaters stand«, sagt Julen. Der Druck für Alexander Schärer ist riesig. Er kennt die Priorität seines Vaters: Das Projekt soll skandalfrei zu Ende gebracht werden, wenn es sein muss, ohne Julen. Alexander Schärer bricht nicht mit seinem Freund, er reagiert nur immer verhaltener, wirkt eingeschüchtert, ist höflich und korrekt, aber eben auch nicht mehr. Die Freundschaft erkaltet, die beiden Partner driften auseinander. »Richtig böse bin ich Alexander bis heute nicht«, sagt Julen. Der Lagebericht des Hausarchitekten von USM fällt vernichtend aus: Julen habe mehr falsch als richtig gemacht, schreibt er, trotzdem seien die Probleme lösbar, man brauche eben Zeit und Geld. Das Hotel wird geschlossen und die Partnerschaftsverträge zwischen Heinz Julen und Alexander Schärer werden neu gestaltet: Julens Anteil verringert sich von fünfzig auf zehn Prozent, dafür bleibt er Art Director. Walter Schweizer aber soll Julens Märchenschloss sanieren, er schätzt die Kosten auf ein bis 1,3 Millionen Euro. Ende August 2000 sollen die Fehler ausgebessert sein und die Gäste wiederkommen können. Julen ist einverstanden, er glaubt, Schweizer werde ihm beim Ausbessern der Fehler helfen. Als Schweizer ohne Absprache die Planen herunterreißen lässt, die das undichte Dach provisorisch vor Regen schützen, kommt es zum Streit. »Lass die auf dem Dach oder ich schmeiß dich hier runter!«, brüllt Julen ihn an. Wenig später wird ihm mitgeteilt, dass er Hausverbot hat, in seinem eigenen Hotel. Was dann passiert, kann Heinz Julen bis heute nicht fassen. »Die haben meine Sachen einfach kaputtgemacht, herausgebrochen und weggeworfen«, sagt er. Statt nur die Baumängel zu beseitigen, wird fast alles, was er entworfen hat, aus dem Hotel entfernt. Böden werden herausgerissen, Kronleuchter abmontiert, Badewannen zerschlagen. Was überlebt, wird im Dorf zu Schleuderpreisen versteigert: Einen Heinz-Julen-Sessel gibt’s für 50 Franken, normalerweise verkauft Julen sie für 3000 das Stück. Das »Into« wird im August nicht eröffnet und danach auch nicht. »Dabei hätte man alle Fehler leicht reparieren können«, sagt Julen. Die Dekonstruktion des Hotels empfindet er als Versuch, ihn zu vernichten: Dass die zerbrochenen Badewannen monatelang am Ortsrand liegen gelassen werden, dass die Matratzen, die Flachbildschirme, die Vasen wegkommen, die er ausgesucht hatte, dass die Lichtschalter links sind, wo sie bei ihm rechts waren – all das könne doch nur den Grund haben, dass man jede Erinnerung an ihn auslöschen wolle. Im Sommer 2001, ein Jahr nach Julens Rausschmiss, verklagt Alexander Schärer seinen früheren Freund auf 7,7 Millionen Euro, die Summe, die für die Sanierungskosten errechnet wurde. Im Sommer 2004 kommt es zu einem außergerichtlichen Vergleich, in dem Heinz Julen seine Anteile am »Into« abgibt, im Gegenzug verzichtet USM auf Schadenersatz. Eine Lösung, aber was für eine: Der eine hat seinen Traum eingebüßt, der andere seine Millionen, einen Freund haben beide verloren. Und während Julen gerade in seinem Loft ein »Into«-Zimmer samt drehbarer Granitbadewanne nachbaut, als ob er beweisen wolle, dass sein Plan funktioniert hätte, reden die Zermatter schon von seinem nächsten Plan: ein Hotel auf dem Gipfel des Klein-Matterhorns in 4000 Meter Höhe. Julen darf darüber nicht reden, der Wettbewerb läuft noch. Aber wenn es stimmt, was man sich im Dorf erzählt, ist es das ungewöhnlichste Hotelprojekt, das die Schweiz je gesehen hat.

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