Ich und der Indianerhäuptling

Als Fußballer hat der Franzose alles gewonnen, was man gewinnen kann. Sein größter Sieg aber war es, nicht am Leben nach der Karriere zu scheitern. Begegnung mit einem Freigeist, der überraschende Berufstipps parat hat: lieber im Büro sitzen als surfen.

Dass aus mir kein Fußballprofi mehr wird, weiß ich, seit ich als Zwölfjähriger gegen den FC Bayern München spielen durfte. Es war das Jahr 1988 und ich wurde als Vorstopper des SC Fürstenfeldbruck in die Auswahlmannschaft des Landkreises berufen. Unser Gegner: die seit Jahren unbesiegte D-Jugend des FC Bayern. Meine Mutter stand stolz am Spielfeldrand, mein Trainer gab mir den Auftrag, den Mittelstürmer zu bewachen. 24 Jahre später erinnere ich mich noch immer an einen langen Pass, der Stürmer und ich sprinteten gleichzeitig los. Stellen Sie sich Usain Bolt gegen Ottfried Fischer vor, so in etwa sah es aus. Der Bayern-Nachwuchs gewann 6:1, mein Gegenspieler schoss allein fünf Tore. Auf der Heimfahrt im Mannschaftsbus hielt nur noch meine Mutter zu mir.

Als kleiner Junge wollte ich Fußballprofi werden, weil ich einmal im Leben vor 80 000 Zuschauern das Siegtor schießen wollte. Heute, mit 35 Jahren, habe ich den Traum leicht abgeändert: Ich wäre jetzt gern Ex-Fußballprofi. Also: mit Ende 30 im Ruhestand, ausgesorgt bis ans Lebensende, aber jung genug, um alles genießen zu können. Ich hätte gern das Leben von Bixente Lizarazu. Der war erst mein Lieblingsspieler, jetzt ist er mein Lieblingspensionär. Jugendidole haben meist ein kurzes Leben, sie hängen zwei, drei Jahre als Poster an der Wand, dann werden sie abgerissen, ausgetauscht, vergessen. Bei Bixente Lizarazu und mir ist es anders, je älter er wird, desto mehr gefällt mir, was er macht.

Lizarazu war statistisch gesehen der beste Fussballer der Welt. 2001 war er gleichzeitig: amtierender Welt- und Europameister (mit der französischen Nationalmannschaft), Champions-League-Sieger, Weltpokalsieger und Landesmeister (mit dem FC Bayern). Das hat vor ihm keiner geschafft, nicht Beckenbauer, nicht Pelé. Lizarazu hat von 1997 an acht Jahre lang in München gespielt, dem Verein, zu dem ich seit frühester Kindheit halte. Als Bayern 1999 das Endspiel gegen Manchester United um die Champions League verlor, musste Lizarazu verletzt auf der Tribüne zusehen. Ich stand mit 30 000 Fans vor einer Großleinwand im Olympiastadion, um mich herum weinende Männer, und ich sagte zu einem Freund: »Mit Lizarazu hätten wir nicht verloren.« Im Finale 2001 in Mailand war er dann dabei, im Elfmeterschießen, als ich schon nicht mehr hinsehen konnte, verwandelte er sicher.

Es gibt Helden, an die kann man nur als Kind glauben. An Lothar Matthäus etwa. Der hatte sich bei der Weltmeisterschaft 1986 in mein Herz geschossen. 20 Jahre später habe ich ihn mal interviewt. Es war ein surrealer Moment, so als würde man Batman treffen. Ich hatte mir ihn irgendwie größer vorgestellt. Gut, ich bin 1,94 Meter groß, Matthäus nur 1,74 Meter. Aber das meine ich nicht: Ich hatte ihn für imposanter gehalten.

Bei Lizarazu war es genau anders herum: Er ist noch fünf Zentimeter kleiner als Matthäus, aber als ich ihm gegenüberstand, kam er mir größer vor. Bixente kann einen sehr ernst und durchdringend anblicken. Mit seinen halblangen, zerzausten Haaren, seinem muskelbepackten Oberkörper und der braungebrannten Haut – er trug nur eine Badehose – sah er aus wie ein Indianerhäuptling. Wie der junge Pierre Brice. Lizarazu wäre die Idealbesetzung der Winnetou-Festspiele in Bad Segeberg, aber so ein Kostümtheater würde er nicht mitmachen.

Er war Linksverteidiger, klein, schnell, zuverlässig. Ich war lange Rechtsverteidiger. Abwehrspieler machen keine Show auf dem Platz, sie haben keine einstudierten Jubelposen oder exzentrischen Frisuren, sie laufen einfach 90 Minuten einem Stürmer hinterher und je besser sie spielen, desto weniger bemerkt man sie. Verteidiger sein ist gut für den Charakter.

Im August 1999 kam es beim Training des FC Bayern zu einem heftigen Gerangel zwischen Lothar und Bixente. Es endete damit, dass Lizarazu Matthäus eine kräftige Ohrfeige gab. Er rechtfertigte sich später so: »Ich hatte genug davon, wie Lothar mit den Kollegen umging. Er war damals der große Star und sehr arrogant. Mich hat das genervt und irgendwann war das Fass übergelaufen.«

Als die baskische Terrororganisation ETA im Jahr 2000 Geld von Lizarazu erpressen wollte, weil er als Baske für Frankreich Fußball spielte, weigerte er sich und ging an die Presse. Er stand eine Zeit lang unter Personenschutz, aber er hat nicht nachgegeben. Und als im November 2002 der Tanker Prestige mit 77 000 Litern Schweröl havarierte und eine Umweltkatastrophe an der Küste des Baskenlandes verursachte, gründete Lizarazu die Organisation »Liza für ein blaues Meer«, die an Schulen Vorträge hält, wie man den Strand sauber hält, Strom und Wasser spart.

Viele Ex-Sportler geben ihren Namen für soziale Zwecke her, ein guter Weg, um mal wieder in der Presse aufzutauchen. Als Lizarazu forderte, dass Umweltschutz ein Unterrichtsfach wie Mathematik werden sollte und in einem offenen Brief anklagte, dass die Weltmeere zur Müllkippe verkommen, waren das keine PR-Aktionen. Bixente ist fast jeden Tag für mehrere Stunden im Meer. Seit er seine Karriere 2006 beendete, verbringt er so viel Zeit wie möglich beim Wellenreiten. Noch so eine Gemeinsamkeit zwischen uns.


»Wenn ich im Wasser bin, fühle ich mich frei.«

Lizarazu lebt in Ciboure, 6700 Einwohner, im Département Pyrénées-Atlantiques. Ich kenne die Gegend gut, dort habe ich als Kind viele Urlaube verbracht, viel schöner als an der französischen Atlantikküste wird es auf der Welt nicht mehr. Mit elf Jahren hat Lizarazus Vater ihn das erste Mal zum Surfen mitgenommen, Bixentes Bruder Peyo ist einer der besten Surfer Frankreichs. Als ich elf Jahre alt war, hat mir mein Vater im Urlaub ein Bodyboard gekauft, auf dem man liegend die Wellen entlangsausen kann.

Und es war beim Surfen, als ich Bixente zum ersten Mal getroffen habe, letztes Jahr in Biarritz. Er nahm an einem Wohltätigkeits-Surfwettbewerb teil, ich durfte als einer von drei Journalisten ebenfalls mitsurfen. Ich schaffte es, zur gleichen Zeit im Wasser zu sein wie er. Wir saßen nebeneinander auf unseren Brettern, keine zwei Meter voneinander entfernt. Wir nickten uns zu, ich überlegte kurz, ob ich ihm sagen sollte, dass er mein Lieblingsspieler war. Aber das Meer rauschte laut und was hätte er groß antworten sollen, also ließ ich es bleiben.

Am Strand standen einige Hundert Zuschauer, Fotografen richteten ihre Kameras auf Bixente. Ich saß nervös daneben, blamier’ dich nicht zu sehr vor ihm, dachte ich. Der Surfwettbewerb für den guten Zweck sollte nur eine große Gaudi sein, jeder Prominente sollte fünf Minuten lang surfen, eine Welle kriegen und zurück zum Strand laufen. Bixente paddelte raus, bis hinter die Brandung, dort saß er, fünf Minuten, zehn, 15, so lange, bis eine ordentliche Welle kam. Es schien, als hätte er den Wettbewerb vergessen.

Später am Nachmittag habe ich ihn interviewt. Ich habe ihn gefragt, was ihm Surfen bedeutet. Er hat gesagt: »Wenn ich im Wasser bin, fühle ich mich frei. Ich kann nachdenken, Kraft sammeln und werde nicht von Handys, E-Mails und anderen Dingen abgelenkt. Surfen ist, nach meiner Familie und meinen Freunden, das Wichtigste überhaupt.«

Bixente könnte in Paris in einer Villa leben, aber er wohnt in der Kleinstadt, in der seine Mutter geboren wurde. Ein Freund von mir hat ihn dort einmal besucht. Lizarazus Haus liegt auf einem Hügel über dem Hafen, am Ende einer holprigen Straße, es gab einen kleinen Pool, eine Grillstelle, eine Tischtennisplatte, am Schreibtisch lehnte eine Gitarre, und wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte, sah man das Meer. Lizarazu hat einen bald volljährigen Sohn aus einer früheren Beziehung und mit der französischen Schauspielerin Claire Keim eine vierjährige Tochter, die er Uhaina genannt hat, was Welle bedeutet. Ich bin mir sicher, dass er das perfekte Leben hat. Und dass man etwas von ihm lernen kann. Darum habe ich Anfang September noch einmal mit ihm gesprochen und ihn gefragt, ob es etwas gibt, was er vermisst im Leben. Ich konnte es mir nicht vorstellen.

Doch, sagt er, er vermisse diesen Moment, fünf Minuten vor dem Anpfiff eines Spiels, wenn du noch in den Katakomben stehst, neben der gegnerischen Mannschaft, von oben hörst du die Schlachtrufe der Fans, unten stehst du, mit dieser Anspannung und diesem Gefühl, dass es gleich losgeht. Er macht eine Pause, dann sagt er, plötzlich ganz unemotional, aber das sei halt vorbei, kein Grund zu weinen.

An der Karriere nach der Fußballkarriere scheitern nicht wenige Spieler, das Geld wird weniger, der Ruhm verblasst, niemand gibt ihnen mehr vor, wohin sie laufen sollen. Matthäus trainiert jetzt zweitklassige Mannschaften und hat sein Leben kürzlich von Vox als Doku-Soap filmen lassen. Lizarazu sagt, als Fußballspieler mit 36 Jahren fühle man sich sehr alt, als ob deine Zeit vorbei wäre, oder dein Leben. Er habe dann angefangen für das Fernsehen zu arbeiten und gemerkt, dass er dort der Jüngste war, dass nichts vorbei ist, sondern er eben erst anfängt.

Im französischen Fernsehen kommentiert er die Spiele der Nationalmannschaft, er war für den Sender TF1 diesen Sommer vier Wochen bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, daneben arbeitet er für den Radiosender RTL und er schreibt eine Kolumne für die Sportzeitung L’ Equipe. »Er macht das gut«, sagen meine französischen Freunde. »Er labert nicht einfach nur wie andere Sportexperten, er hat wirklich was zu sagen, und keine Scheu, auch mal jemanden hart zu kritisieren.« Mit Lizarazu kann man stundenlang über den FC Bayern reden, er trinkt bis heute gern Weißbier, und weiß genau, wo München in der Tabelle steht – und warum. Ich hatte aber eine ganz andere Frage an ihn, eine, die mein Leben verändern könnte.

Abends, kurz vor dem Schlafengehen, sehe ich mir gern mein liebstes Surfvideo an. Es porträtiert Surfer in Kalifornien, ihren Tagesablauf: aufstehen, kurz surfen, zur Arbeit gehen, abends vielleicht noch mal surfen, viel in der Natur sein. Auf der Couch seufze ich dann manchmal: »So leben möchte ich auch, am Meer, surfen vor der Arbeit.« Und meine Freundin neben mir sagt: »Wir könnten ein Sabbatical machen, ein Jahr Auszeit, am Meer wohnen, solange das Kind noch nicht zur Schule geht.« Der Gedanke ist in meinem Kopf, ich überlege noch, ob mir das zu viel Risiko ist oder nicht. Genau diese Frage habe ich Bixente Lizarazu gestellt. Ich dachte, ich kenne seine Antwort.

Schwere Frage, sagt er, es sei eine unsichere Zeit, man müsse froh sein, wenn man einen guten Arbeitsplatz habe. Er habe es leicht, als erfolgreicher Fußballprofi könne er mir jetzt einfach sagen: geh surfen, reise um die Welt, aber man müsse doch realistisch sein. Und dann sagt mir Lizarazu, der Surfer, ich solle lieber nicht zum Strand gehen, sondern im Büro bleiben, arbeiten, mir eine Existenz aufbauen. Ich sage, dann bin ich am Ende 65 Jahre alt und zu alt fürs Meer und mein Surfbrett. Lizarazu überlegt, klar, das sei hart, dann sagt er: trotzdem.

BIXENTE LIZARAZU
Sport ist sein Leben: Seine Fußballkarriere begann der Franzose, Jahrgang 1969, mit acht beim Provinzverein Hendaye und beendete sie 2006 beim FC Bayern. Seitdem hält er sich fit mit: Tennis, Laufen und natürlich Surfen. 2009 wurde er Europameister im Kampfsport Jiu-Jitsu. Er hat eine Frau und eine Ex-Frau, zwei Kinder und besaß auch mal ein Weingut.

Set-Design: Nina Lemm/liganord.de; Styling-Assistenz: Elena Mora.

Fotos: Getty, Attila Hartwig

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