Luxus - Export

Wohin verschwinden die Autos, die in Deutschland gestohlen werden? Von den teuren Modellen taucht ein großer Teil im fernen Tadschikistan wieder auf. Eine Reise dorthin zeigt, dass das mit vielen korrupten Zöllnern zu tun hat - und dem merkwürdigen Herrscher des Landes.

Es ist sein Range Rover, Otto Addo erkennt ihn sofort wieder. An der Heckklappe ist bei diesem Modell normalerweise eine silberne Leiste montiert, Addo hat sie sich schwarz lackieren lassen, wie den gesamten Geländewagen. Auch die Felgen sind schwarz und die Ledersitze. An der Frontscheibe links unten klebt noch die grüne Umweltplakette, auf der das deutsche Kennzeichen HH G 2555 eingetragen ist – Addos Kennzeichen, es gibt also keinen Zweifel. 2011 hatte sich Addo den Range Rover gekauft, für rund 80 000 Euro, zwei Jahre später, im November 2013, wurde er in Hamburg vor seiner Haustür gestohlen. Auf den Fotos, die er nun vor sich liegen sieht, parkt der Wagen in einer Seitenstraße in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, 4700 Kilometer von Hamburg entfernt.

Otto Addo war Fußballprofi. Er hat 2002 mit Borussia Dortmund die deutsche Meisterschaft gewonnen, danach spielte er für Mainz 05 und den Hamburger SV. Seit 2010 ist er dort Cheftrainer der U19-Jugendmannschaft. Und nun ist er zufällig Teil dieser Geschichte geworden.

Ein Reporterteam des Süddeutsche Zeitung Magazins und ARD Panorama hat Addos Geländewagen am 22. Juni 2014, einem Sonntagmorgen, in Duschanbe entdeckt und fotografiert. Es war eine Reise in ein Land, das deutsche Strafverfolgungsbehörden als einen »Hauptabnehmer« für gestohlene Luxusautos bezeichnen. Ein Gutteil der hochpreisigen Wagen lande in Tadschikistan, sagen Mitarbeiter des Berliner Landeskriminalamtes, die deutschlandweit als Experten gelten; prozentual werden die meisten Autos in Berlin geklaut. Von mehr als tausend Fällen gehen die Berliner Ermittler inzwischen aus, also in Deutschland gestohlenen Autos, die nach Tadschikistan verschoben worden sind.

Ende 2013 hatte ein Bericht der Bild-Zeitung für Aufregung unter Diplomaten gesorgt. In dem Artikel ging es um 200 nach Tadschikistan verschobene Fahrzeuge. Die Mehrzahl davon befinde sich im Besitz von Personen, die wirtschaftlich und familiär mit der Familie des tadschikischen Präsidenten verbunden seien, hieß es. Der tadschikische Botschafter in Berlin sprach daraufhin von einer »Provokation«. Ein Sprecher des tadschikischen Außenministeriums sagte, dies sei »ein Versuch, dem Image Tadschikistans einen Schlag zu verpassen«.

Bis dahin war das zentralasiatische Land kaum in den deutschen Medien erwähnt worden. Es erschienen ein paar Reisereportagen, in denen die spektakuläre Landschaft beschrieben wird: Der größte Teil Tadschikistans ist von Bergketten durchzogen, 6000, 7000 Meter hoch, besonders der Osten des Landes, wo das Pamir-Gebirge in den Himalaja übergeht. Tadschikistan grenzt im Osten an China und im Süden an Afghanistan. Diese geografische Lage hat es zum Transitland für den Opiumschmuggel gemacht. Als 1990 die Sowjetunion zusammenbrach, erklärten die Tadschiken ihre Unabhängigkeit. Es folgte ein dreijähriger Bürgerkrieg; seit dessen Ende regiert bis heute derselbe Mann das Land: der Staatspräsident Emomalii Rahmon.

Wie kommen in Deutschland gestohlene Luxusautos nach Tadschikistan? Und warum haben die neuen Besitzer offenbar keine Angst, dass ihnen die Fahrzeuge von den tadschikischen Behörden abgenommen und zurück nach Deutschland gebracht werden könnten? Sie machen sich ja nicht einmal die Mühe, die Umweltplakette mit dem deutschen Kennzeichen von der Frontscheibe zu kratzen.

Otto Addo wohnt am Stadtrand von Hamburg, in Poppenbüttel, einer Gegend mit vielen Einfamilienhäusern, deren üppig bepflanzte Vorgärten den Blick vom Haus auf die Straße behindern. Lukas Paksas würde diese Gegend einen »perfekten Ort« nennen. Paksas war Autodieb und sitzt deswegen nun in Berlin im Gefängnis. Dreieinhalb Jahre hat er bekommen, es ist nicht seine erste Haft. Insgesamt acht Jahre hat der 32-Jährige hinter Gittern verbracht, in Deutschland und in Litauen, seinem Heimatland. Lukas Paksas ist nicht sein echter Name, er möchte auch nicht fotografiert werden.

Die beste Zeit für einen Autodiebstahl sei werktags zwischen zwei und vier Uhr nachts, sagt er, an Wochenenden ein wenig später. Wenn die Besitzer dann morgens ihr Haus verlassen, sei ihr Wagen längst über die Grenze in Polen – und eine Anzeige komme viel zu spät. Auch Otto Addo ist sein Range Rover über Nacht gestohlen worden, und als er am nächsten Tag zur Polizei ging, sagten die Beamten, er sei nicht das erste Opfer, das heute zu ihnen komme. Es war wohl eine Bande in Poppenbüttel unterwegs.

Paksas war Teil einer solchen Bande. Sein Heimatland Litauen gilt bei europäischen Polizeibehörden als Drehkreuz für Autodiebstahl und Hehlerei. 2007 ist Paksas nach Berlin gezogen, um dort die Diebstähle zu organisieren, erzählt er. »Ich habe von Zeit zu Zeit einen Anruf aus Litauen bekommen, und meine Partner haben mir gesagt, welche Modelle sie gerade suchen.« Dann ist er nach Charlottenburg, Zehlendorf oder Grunewald gefahren, wo die Straßen ruhig sind und die Menschen Geld haben. Sobald er sicher war, dass der Wagen, der ihn interessiert, jeden Abend in derselben Straße geparkt stand, kontaktierte er einen Kurier und einen Computerspezialisten. Moderner Autodiebstahl funktioniert arbeitsteilig und ist technisch anspruchsvoll.

Rund 18 000 Pkw wurden 2012 in Deutschland gestohlen, 2002 waren es noch knapp 35 000. Die Zahlen sind seit Jahren rückläufig, allerdings nimmt die Schadensumme, die den Versicherungen entsteht, nicht im gleichen Maße ab. Das bedeutet: Es werden weniger Autos geklaut, aber dafür teurere.

Das höchste Diebstahlrisiko tragen im Moment Besitzer eines BMW. Vor allem der X6, ein Geländewagen, ist bei Dieben beliebt und führt die Rangliste der meistgeklauten Autos an: Von 1000 kaskoversicherten Fahrzeugen wurden 2012 rund 26 gestohlen. Der Durchschnittswert aller Pkw in Deutschland liegt bei 0,5 pro tausend Autos.

Der X6 ist im Inneren mit allerhand Computertechnik ausgestattet, die einen Diebstahl eigentlich verhindern soll, einer elektronischen Wegfahrsperre zum Beispiel. Autodiebe wie Paksas haben aber Wege gefunden, die Technik für ihre Zwecke zu nutzen. Das Handwerkszeug dafür können sie im Internet bestellen, so einfach wie ein Buch bei Amazon. Auf der Seite eines bulgarischen Anbieters etwa gibt es einen »Jammer« für verschiedene BMW-Modelle zu kaufen. Dieses Gerät kann die Funkverbindung zwischen Schlüssel und Auto stören. Wenn der Fahrzeugbesitzer seinen Wagen verlässt und per Knopfdruck aus der Ferne die Türen verriegeln will, passiert: nichts. Die Türen bleiben offen. Es blinkt auch nicht, aber wenn der Besitzer unaufmerksam ist, bemerkt er dies nicht. Die häufigste Methode, um in ein Auto einzubrechen, ist aber immer noch der Weg über den Schließzylinder an der Fahrertür, der mit einem Schraubenschlüssel aufgehebelt wird, das sagen sowohl Paksas als auch die Ermittler vom Berliner LKA.

Im Fahrzeuginnenraum nutzen die Diebe die On-Board-Diagnose-Buchse, die sich meistens unter dem Lenkrad befindet, um per Computer in das elektronische System des Wagens einzudringen. Über diese Buchse werden in der Autowerkstatt normalerweise die Fahrzeugdaten ausgelesen: Abgaswerte, Reifendruck, Fehlermeldungen. Die Diebe schaffen es, über diese Verbindung einen neuen Schlüssel für das Auto zu programmieren. Nach ein paar Sekunden können sie den Wagen starten.

»Wenn du fleißig bist, kannst du pro Woche sieben Autos schaffen«.

Tadschikistan ist seit 1991 ein unabhängiger Staat. Die offizielle Amtssprache ist ein Dialekt des Persischen, allerdings spricht fast jeder Tadschike Russisch. 90 Prozent der acht Millionen Einwohner sind Muslime. In der Hauptstadt Duschanbe spielen die religiösen Regeln keine große Rolle: Abends entspannen sich viele bei Wasserpfeife und Wodka.

Der spezielle Computer für diese Manipulation kostet auf der Seite des bulgarischen Anbieters 4500 Euro, der Jammer 1450 Euro. Das ist eine Investition, die sich schon nach wenigen gestohlenen Autos für die Diebe lohnt.

Sobald der Motor läuft, fährt der Kurier allein in Richtung polnische Grenze und dann weiter nach Litauen. Der gefährlichste Moment dieser Reise sei die Grenzregion um Frankfurt an der Oder, sagt Paksas, dort seien manchmal Polizeikontrollen. An der polnisch-litauischen Grenze könne man die Beamten dagegen problemlos bestechen. Für einen BMW X6 bekämen sie am Ende 5000 bis 6000 Euro auf dem Schwarzmarkt bezahlt. 100 Euro davon gingen an den Kurier, 400 Euro an den Computerspezialisten, den Rest teilten sich Paksas und seine Partner in Litauen. »Wenn du fleißig bist, kannst du pro Woche sieben Autos schaffen«, sagt Paksas.

Seit 2009 arbeitet das Berliner LKA mit Polizisten aus Litauen zusammen, um diese länderübergreifende Kriminalität besser in den Griff zu bekommen. Die gemeinsame Ermittlungsgruppe nennt sich »Westwind«. Die Polizisten haben auch herausgefunden, was mit den Autos passiert, wenn sie in Litauen verkauft worden sind: Vor allem die teuren Modelle, BMW, Range Rover, Mercedes, werden mit gefälschten Papieren ausgestattet und weiter nach Osten transportiert, zum Beispiel mit dem Zug über Weißrussland, Russland, Kasachstan, Usbekistan bis nach Tadschikistan.

Auf dem Automarkt in Duschanbe herrschen an diesem Junitag schon um zehn Uhr morgens mehr als 30 Grad. Der Himmel ist wolkenlos, der Wind fühlt sich auf der Haut an, als bliese ein Fön. Dicht an dicht parken etwa tausend Autos auf einem staubigen Platz, rund halb so viele Besucher sind gekommen. Manche Verkäufer drücken sich in die winzigen Schatten der Fahrzeuge, die sie anbieten. Vor allem Kleinwagen stehen in der Hitze: Opel Astra, verschiedene Toyotas, etliche VW Golf. Es sind Autos, für die man in Deutschland vielleicht noch jeweils 2000 Euro bekommt, wenn es gut läuft. Ein grüner Golf 4 zum Beispiel von 1998: 1,4-Liter-Motor, 160 000 Kilometer auf dem Tacho. Der Verkäufer, ein Privatmann, will 6000 US-Dollar für den Wagen haben, etwa 4500 Euro. Der hohe Preis, erklärt er, sei die Folge des teuren Transports: Der Golf stamme aus Deutschland und sei dann mit dem Lkw und dem Autozug bis nach Duschanbe gebracht worden. Die Kosten: etwa 1600 Euro, sagt er. Normalerweise liegt der Preis für Gebrauchtwagen in Tadschikistan also über dem Preis, den man in Deutschland bezahlen würde.

Nur für die wenigen BMW, Range Rover, Mercedes oder Porsche, die hier angeboten werden, scheint diese Rechnung nicht zu gelten. Ein schwarzer BMW X5 zum Beispiel von 2012, der erst 35 000 Kilometer gefahren wurde. Der Verkäufer dieses Wagens verlangt umgerechnet rund 26 000 Euro, ein Schnäppchenpreis. In Deutschland kostet dieses Modell mindestens 40 000 Euro, wie ein Blick auf eine beliebige Gebrauchtwagenseite im Internet zeigt.

Wir, die Reporter des Süddeutsche Zeitung Magazins und von ARD Panorama, geben uns bei dem Mann als Kaufinteressenten aus und lassen uns den Motorraum zeigen. Dort ist eine 17-stellige Nummer eingestanzt, die jedes Fahrzeug weltweit eindeutig identifiziert. Mit versteckter Kamera filmen wir diese Nummer. Auch bei zwei anderen Autos gelingt uns das: bei einem Porsche Cayenne und einem BMW X6. Die Geschichten, die uns die verschiedenen Verkäufer erzählen, ähneln sich: Sie hätten die Fahrzeuge direkt an der Bahnstation nahe der usbekisch-tadschikischen Grenze erworben, wo der Autozug aus dem Westen ankommt; nun wollten sie die Wagen mit ein wenig Gewinn weiterverkaufen.

Das Berliner LKA, dem wir die Nummern schicken, wird später bestätigen, dass die drei Autos in Deutschland als gestohlen gemeldet sind. Dem tadschikischen Zoll ist das anscheinend nicht aufgefallen.

In Berlin hat sich mittlerweile die Meinung verfestigt, dass »in Tadschikistan die Hehlerei mit gestohlenen Autos seit vielen Jahren geduldet wird«: So drückt es Thomas Heilmann aus, der Berliner Justizsenator, CDU. Drei Rechtshilfeersuchen hat die Berliner Staatsanwaltschaft über das Außenministerium nach Tadschikistan gesendet, 2011, 2012 und 2013. Darin ging es um Autos, die das Berliner LKA in Duschanbe lokalisiert hatte, und die Staatsanwaltschaft bat ihre tadschikischen Kollegen nun, diese Autos zu konfiszieren und nach Deutschland zurückzuschaffen. »Doch das hat gar nicht funktioniert«, sagt Heilmann. Erst nachdem er im Mai 2013 die Bundesregierung um Unterstützung gebeten hatte und das Thema kurz vor Weihnachten schließlich in den Medien aufgetaucht war, hätten die Tadschiken angefangen, sich mit dem Problem überhaupt auseinanderzusetzen.

Um die Kräfte zu verstehen, die seit dem Ende der Sowjetzeit Tadschikistan lenken, muss man ins Zentrum von Du-schanbe fahren, wo der Staatspräsident Emomalii Rahmon auf riesigen Bildern zu sehen ist, die an Fassaden hängen wie anderswo Coca-Cola-Plakate. Duschanbe ist eine Stadt mit etwa 700 000 Einwohnern, die meisten davon leben in zehn- bis fünfzehnstöckigen Betonklötzen, die lange vor 1990 gebaut wurden. Aber je mehr man sich der Mitte der Stadt nähert, desto besser wird der Asphalt auf den Straßen, und desto mehr Baukräne sieht man, zwischen denen moderne Wohnanlagen entstehen. Im Regierungsviertel schließlich öffnet sich ein weitläufiger Park, mit angelegten Seen und hunderten Wasserfontänen, in dem der Präsidentenpalast steht wie ein mächtiges Ausrufezeichen, ein neoklassizistischer Protzbau mit weißen Säulen und goldener Kuppel auf dem Dach. Gleich daneben sticht der höchste Fahnenmast der Welt in den Himmel: 165 Meter hoch. Die Fahne ist so groß, dass sie sich selbst bei starkem Wind wie in Zeitlupe bewegt.

Rahmon ist seit zwanzig Jahren Staatspräsident und hat neun Kinder. Zwei seiner Töchter zählen zu den erfolgreichsten Geschäftsleuten des Landes, eine weitere ist stellvertretende Außenministerin. Sein ältester Sohn leitet die nationale Zollbehörde und ist nebenbei Präsident des tadschikischen Fußballverbandes; das alles mit 26 Jahren. Wichtige Ministerposten hat Rahmon fast ausschließlich an Männer vergeben, die aus seiner Heimatregion Chatlon stammen. Das politische und wirtschaftliche System beruht offenbar auf persönlichen Beziehungen. Und der Klebstoff, der es zusammenhält, ist die Korruption.

Wir finden allein in den vier Tagen in Duschanbe neun Autos, die wir eindeutig als gestohlen identifizieren können.

Abends kann man im Zentrum von Duschanbe beobachten, wie die Schmiergeldökonomie funktioniert: An den Straßenrändern stehen dann Polizisten aufgereiht wie Hafenangler und winken mit ihren Leuchtkellen Autofahrer heraus, die für irgendeine Ordnungswidrigkeit ein wenig Geld zahlen. Die Löhne für Staatsangestellte seien so gering, dass den Menschen gar nichts anderes übrig bleibe, als sich mit Schmiergeld querzufinanzieren, sagt Kadirov Abdumalik, einer der wenigen unabhängigen Journalisten in Tadschikistan, der unter anderem für das international renommierte Institute for War and Peace Reporting arbeitet. Ein Krankenhausarzt verdiene umgerechnet 120 Euro im Monat, sagt Abdumalik, »damit kann er in Duschanbe nicht mal die Miete zahlen«. Also verlange er Geld für Behandlungen, die eigentlich gratis sind. Dieser illegale Zuverdienst mache am Ende aber auch jeden erpressbar, »weil niemand saubere Hände hat«. 2013 landete Tadschikistan auf Platz 154 der Korruptionsrangliste von Transparency International, hinter dem Kongo, vor Burundi.

Auch in den ökonomischen Statistiken steht das Land nicht besonders gut da. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug zuletzt 1044 US-Dollar pro Jahr. Unter den 15 ehemaligen Sowjetrepubliken ist Tadschikistan damit die wirtschaftlich schwächste. Das Land hat keine bedeutenden Vorkommen natürlicher Rohstoffe, wie beispielsweise der Nachbar Kasachstan, der Erdöl und Erdgas fördert. Die wichtigste Einnahmequelle der Tadschiken sind Überweisungen aus dem Ausland. Rund eine Million der etwa acht Millionen Tadschiken lebt und arbeitet in Russland, vor allem junge Männer verrichten dort schlecht bezahlte Aushilfsjobs. Das Geld, das sie trotzdem ihren Familien schicken, macht fast die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes aus: 4,1 von 8,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013. »Wenn man sich fragt, warum in Tadschikistan das Volk nicht gegen den Präsidenten aufbegehrt, muss man bedenken, dass die meisten jungen Menschen im Ausland leben«, sagt Abdumalik, der Journalist.

Eine Einnahmequelle, die in den offiziellen Statistiken nicht auftaucht, ist der Drogenschmuggel. Experten der Vereinten Nationen schätzen, dass jedes Jahr mehr als 75 Tonnen Heroin und 20 Tonnen Opium aus Afghanistan über Tadschikistan weiter in Richtung Westen transportiert werden. Damit wäre Tadschikistan das bedeutendste zentralasiatische Transitland. Auch Personen aus dem Umfeld der politischen Elite sind offenbar in diese Geschäfte involviert: 2010 wurde der Sohn des damaligen Direktors der Nationalen Eisenbahngesellschaft – ein Verwandter des Staatspräsidenten Rahmon – laut Zeitungsberichten mit neun Kilo Heroin in Russland festgenommen.

Drei Jahre später, im Oktober 2013, fuhr ein anderer Sohn des Eisenbahnchefs nach einer Party in Duschanbe mit seinem BMW drei Passanten tot – ohne bisher dafür strafrechtlich belangt worden zu sein. Die Elite des Landes lebt anscheinend nach ihren eigenen Gesetzen.

Der tadschikische Innenminister Ramazon Rakhimov sieht das natürlich ganz anders. Er hat zum Interview in seinen Amtssitz geladen, das Thema: die gestohlenen Autos. Die Gesprächssituation ähnelt einer Pressekonferenz. Rakhimov sitzt auf einer Bühne hinter einem breiten Tisch, wir, die deutschen Journalisten, blicken zu ihm hoch. Zuerst liest er 35 Minuten lang eine Erklärung vor, dann beantwortet er für 15 Minuten Fragen. Seine Hauptthese: Die geklauten Fahrzeuge seien nicht das Problem Tadschikistans, sondern der EU. Denn schon in Europa würden die Autos mehrere Grenzen passieren, an denen man sie kontrollieren und aufhalten könnte. Außerdem hält er die Zahlen der deutschen Behörden für völlig übertrieben. Hunderte Autos? Tausende vielleicht? Nein: 78 in Deutschland gestohlene Wagen hätte die tadschikische Polizei seit 2011 entdeckt, sagt er, und einige davon, fünf BMW, stünden mittlerweile auch bereit, nach Deutschland zurückgebracht zu werden. Punkt.

Wir finden allein in den vier Tagen in Duschanbe neun Autos, die wir anhand der eingestanzten Nummern im Motorraum oder der deutschen Kennzeichen auf den Umweltplaketten eindeutig als gestohlen identifizieren können, darunter den Range Rover von Otto Addo. Der Geländewagen parkt etwa 800 Meter vom Präsidentenpalast entfernt, vor einem Wohnhaus aus der Sowjetzeit.

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Tadschikistan und der EU hat der Innenminister Rakhimov nicht erwähnt: Die Diebe versuchen, Europa mit den gestohlenen Autos schnellstmöglich zu verlassen. Das GPS-Signal, das viele moderne Autos automatisch senden, können sie in dieser Zeit mit einem Jammer stören. In Tadschikistan dagegen werden die Fahrzeuge verkauft, angemeldet – und täglich in aller Seelenruhe durch die Stadt gefahren.

Ob am Steuer tatsächlich Verwandte des Präsidenten sitzen, ist nicht zu belegen. Die Bild-Zeitung hat 2013 aus einem Brief des Berliner Justizsenators Heilmann an den damaligen Außenminister Guido Westerwelle zitiert. Heilmann wiederum beruft sich in diesem Schreiben auf einen Bericht eines »Rückholers«, eines Autospezialisten, der für Versicherungen arbeitet. Das Schreiben und der Bericht liegen dem SZ-Magazin vor.

Der Rückholer heißt Pawel Nowicki, er lebt in Warschau, wo wir ihn zum Interview treffen. Sein Job ist es, in Deutschland gestohlene Fahrzeuge zurückzubringen, die von der Polizei in Ost-europa konfisziert worden sind. 2012 ist er im Auftrag deutscher Versicherer auch nach Duschanbe gereist, erfolglos. Die tadschikischen Behörden hatten damals noch keine Wagen konfisziert und wollten ihm auch nicht dabei helfen. »Mein Eindruck war, dass die Autobesitzer keine normalen Bürger sind. Ich habe aus diplomatischen Quellen erfahren, dass es sich um Leute handelt, die mit dem Präsidenten von Tadschikistan geschäftlich oder familiär verbunden sind«, sagt er. Geld und Macht sind in Tadschikistan eng miteinander verknüpft: Wer wirtschaftlich so erfolgreich ist, dass er sich einen BMW oder Range Rover leisten kann – ob billiger als in Deutschland oder nicht –, hat wahrscheinlich gute Kontakte in die Politik.

Otto Addo fährt zurzeit ein geleastes Auto, einen Geländewagen von Audi. Von seiner Versicherung bekam er nach dem Diebstahl rund 40 000 Euro, die Hälfte des Preises, den er für seinen Range Rover bezahlt hatte. Er überlegt nun, sich einen neuen zu kaufen, doch Range Rover sind im Moment sehr begehrt: Neun Monate müsste er warten, sagt Addo.

Der Autodieb Lukas Paksas sagt, dass sein illegales Geschäft am Ende einem ganz besonders nützt: der Autoindustrie. Denn jeder gestohlene Wagen kurbele den Absatz an.

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Die am häufigsten gestohlenen Autos in Deutschland

1. BMW X6 xDrive 40d
2. BMW M3 Coupé
3. Toyota Lexus RX350
4. BMW X5/X6 3.0sd
5. VW T4 Multivan

Quelle: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, 2012
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Der Weg der gestohlenen Autos

In Berlin werden deutschlandweit die meisten Autos geklaut. Beliebt ist zum Beispiel der BMW X5. Ein zwei Jahre alter Wagen hat einen Wert von rund 40 000 Euro.

->1020 km

In Vilnius, Litauen, bekommen die Diebe für den BMW X5 auf dem Schwarzmarkt etwa 6000 Euro. Viele Autos werden dann mit dem Zug weiter Richtung Osten transportiert.

-> 4500 km

Chudschand, Tadschikistan. Hier kommt der Zug aus dem Westen an, die meisten Autos werden direkt an der Bahnstation verkauft. Der BMW X5 kostet dabei ca. 22 000 Euro.

-> 300 km

Auf dem Automarkt in Duschanbe, Tadschikistan, wird der BMW X5 für 26 000 Euro angeboten.

Fotos: Jörg Brüggemann

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