Kriegerin

Früh entschließt sie sich zu einer Brust-Operation, die fürchterlich schiefgeht. Von da an kämpft sie – um ihren Körper, ihre Sexualität und ihre Identität. Eine Selbstentblößung.

1992, nach 2. Korrektur-OP. Buschheuer arbeitete als Redakteurin bei Spiegel TV in Hamburg.

Foto: Else Buschheuer

Sie haben viele Narben«, stellte jüngst ein Masseur fest. »Ich bin eine Kriegerin«, antwortete ich. Und so ist es ja auch. Die Narben gehören zu meiner ehrlichen, vom Leben gegerbten Haut. Sie sind Erinnerungen an meine Abenteuer, die Niederlagen und die Siege. Sie patinieren sozusagen mein Oberleder.

Als ich mit 19 heiratete, hatte ich die Josephine Baker, die Anita Berber, den David Bowie in mir schon ausgelebt, ohne dass mir diese Namen ein Begriff gewesen wären. Jetzt suchte ich Halt in Bürgerlichkeit, Verlässlichkeit, Treue. Eine schwere Krankheit trennte mein Vorleben von meiner Neudefinition als Ehefrau und Mutter, und ich verriet die bunten Vögel, mit denen ich noch ein Jahr zuvor Orgien gefeiert hatte. Meine Eltern wirkten erleichtert. War die »verschrobene« Tochter endlich normal geworden?

Lou, eine meiner Ex-Liebhaberinnen, hat mich damals in meiner ehelichen Wohnung besucht und fand eine langhaarige, babyschwenkende Frau mit Monobraue und Latzhose vor, die fürchtete, Lou könne in der Wohnung rauchen oder, schlimmer noch, einen Kaffeetassenring auf ihrem Bügelbrettbezug hinterlassen.

Auch das muss ich gewesen sein, angepasst, heterogenormt, dienend. Die Mutter, die untrennbar von ihrer kleinen Tochter ist, die sie behütet und beschützt, die ihr Kind stillt, so lange es geht, ein Jahr und noch länger, obwohl das Stillen wehtut, obwohl ein Milchstau den anderen jagt, obwohl die in der DDR heiß begehrten »Leckermäulchen«-Quarks, die sie zur Herstellung hochwertiger Muttermilch verspeist, ihr längst zum Hals raushängen. Sie muss ihre Brüste regelrecht auswringen, bis aufs Blut. Aber Stillen ist doch gut für die Kieferentwicklung, gut für die Ernährung?

Vier Jahre später lag alles in Agonie, Ehe und Heimatland. In der Badewanne blickte ich auf meinen nackten Körper herab. Was von meinen Brüsten übrig war, waberte wie alte Tüten über die Wasseroberfläche. Zupfte ich daran, blieben Hautlappen als welke Segel stehen. Der Körper einer 23-Jährigen mit den Brüsten einer Neunzigjährigen. Scheiße, ich bin doch noch so jung! Damit kann ich nie mehr raus in die Welt!

Oder doch?

Kurz nach dem Mauerfall stelle ich mich bei der Krankenkasse vor, um eine Straffung zu beantragen. Meine Brüste werden wie Verbrecher von allen Seiten fotografiert. Ich schäme mich. Nach Monaten kommt ein Brief: abgelehnt. Ich schäme mich noch mehr. Was nun? Das muss weg. Ich kann so nicht bleiben. Ich muss es also selbst bezahlen, es kostet Tausende Westmark. Die hab ich nicht.

Monate später vertraue ich mich meinem Gynäkologen an, einem Geburtshelfer mit Berliner Schnauze. Er sieht mein Unglück, ich tue ihm leid. Er sagt, so schwer könne so was ja nicht sein, er würde die Straffung machen, ich bräuchte nur das Naht- und Narkosematerial zahlen.

Was war das eigentlich, das Frausein?

Von meinem neuen Arbeitgeber, ich bin inzwischen alleinerziehend mit Kind, hatte ich zwei Tage Urlaub bekommen. Die ersten Worte, die ich nach der vierstündigen OP höre, werden von meinem Gynäkologen gerufen, der stolz ist wie Bolle: »Prima Möpse!«

Am Abend desselben Tages rauche ich schmerzgebeugt im Klinikhof – zwei Drainagen hängen wie mit Blut gefüllte Lampions aus einem riesigen Druckverband. Wenn ich mir das Bild in die Erinnerung zurückrufe, muss ich an Andersens kleine Meerjungfrau denken, die ihren Fischschwanz gegen Menschenbeine tauscht und bis zum Ende ihres Lebens bei jedem Schritt Messerstiche spüren wird.

Bin ich jetzt repariert?

Ich war es nicht. Im Gegenteil, ich sah aus wie jemand, der im Vollsuff Harakiri gemacht hat. Der hilfsbereite Arzt hatte nicht nur einen Schnitt quer über meinen Oberkörper, von Achsel zu Achsel, gezogen, er hatte mir unbeholfen die Brustwarzen versetzt und dabei Teile meiner Drüsenkörper abgeschnitten. Die Nähte gingen auf, alles war entzündet, ich biss die Zähne zusammen, ging jeden Tag weiter zur Arbeit, und einmal, als ich mein Kind aufs Fahrrad hob, färbte sich meine Bluse, weiß wie Schnee, so rot wie Blut, darunter, am Wundrand, nekrotisches Fleisch, schwarz wie Ebenholz.

Die folgenden Jahre, in denen ich geschieden wurde, das Sorgerecht für meine Tochter dem Vater ließ, wieder heiratete, wieder geschieden wurde, waren Jahre der Isolation. Ich arbeitete wie eine Irre und zog mich beim Sex nicht aus, in meinem Jahresurlaub lag ich ganz- oder teil-sediert in marmorgefliesten Hinterzimmern von windigen Ku’damm-Schönheitschirurgen, die mich aufschnitten, neu vernähten, finanziell ausnahmen wie eine Weihnachtsgans: »Tja, wären Sie mal gleich zu mir gekommen!« Auch mit den seelischen Kosten war ich tief im Dispo.

Erst zehn Jahre und sechs Operationen später, als ich in einen New Yorker Tempel zog, wurde es leichter: »Du bist nicht dein Körper«, sagten die Mönche dort. Das tat gut. Ich hatte Kuhfladen, wo andere Frauen Brüste hatten, aber ich war nicht mein Körper. Mein Gesicht, meine Gestalt galten immer noch als schön, aber ich war nicht mein Körper. Ich ignorierte meine – äußere – Weiblichkeit, die Prachtbauten und die Ruinen.

Schließlich war ich ja nicht in erster Linie Frau, ich war Mensch. Ich schnitt mir eine Glatze, wurde fromm, keusch, meditierte, sublimierte. In den folgenden zweieinhalb Jahren gelang es mir, mich von meinen Eitelkeiten zu befreien. Nun hoffte ich auf den Effekt von Merz-Spezialdragees – auf Schönheit, die von innen kommt.

Erst, als ich zurück nach Deutschland kam und mein Geld als Talkshow-Moderatorin verdienen musste, als ich gehorsam mein Haupthaar langzüchten, glattbügeln und strähnen ließ und man mir Blusen anreichte, die einen Busenschlitz dort erforderten, wo bei mir ein vernarbtes Sternum war, dachte ich über Silikon nach.

Ich stellte mich einem Chirurgen vor, den mir eine Insiderin als Deutschlands »Tittenpapst« nannte, vom Schreibtisch aus warf er mir ein rundes gallertartiges Kissen zu. Ich fing. Oha! Ein Handschmeichler, kühl und kompakt! Er würde, so erklärte mir der Tittenpapst anhand von Skizzen, die Implantate unter den Brustmuskel schieben, nicht etwa obendrüber wie bei Pornostars. Ganz natürlich! Ich hatte Fotos mitgebracht, die mich mit 19 oben ohne zeigten, BH-Größe 80 C. Die mach ich Ihnen wieder, sagte er.

Seitdem bin ich mit zwei 300 Gramm schweren Implantaten durch die Welt gelaufen, habe darauf geschlafen, sie in sexuellem Kontext präsentiert, von einer Mammografieplatte plattdrücken und von Push-up-BHs zusammenquetschen lassen. Und tatsächlich, zwei banale Kissen, die einen chirurgischen Unfall korrigierten, ließen im Alter von vierzig Jahren meine Weiblichkeit neu erblühen. Ich fühlte mich wieder komplett und freundete mich mit den Gummibusen an.

2001, nach 5. Korrektur-OP. Buschheuer war ProSieben-Wettermoderatorin. Masserberg, ihr zweiter Roman, war gerade erschienen.

Foto: Else Buschheuer

Während ich in diesen Jahren jeder Frau lüstern in den Ausschnitt schaute – ich erklärte mir das nicht nur mit meiner Bisexualität, sondern mit meinem eigenen Makel und einer daraus resultierenden Fixierung –, schaute ein bestimmter Typ Cis-Mann, den Ausdruck kannte ich damals noch gar nicht, ebenso lüstern in meinen. Ich vergesse nie, wie ich einmal eine lesbische Frau anlächelte, und diese mich anbellte: »Ist was? Noch nie ’ne Lesbe gesehen?« Irgendetwas war nicht stimmig. Ich wurde nicht richtig gelesen, ich konnte mich selbst nicht richtig lesen.

Losgegangen war das Gefühl des Aus-dem-Takt-Seins von Sexualität und Identität zwischen Ehe 3 (sexlos, mit einem Mönch im Tempel) und Ehe 4 (Brainfuck mit einem Mann im Rollstuhl). Ich trug gern Männerhüte, Männeruhren, Männerpyjamas – in klassischer Weibchenkluft fühlte ich mich verkleidet. Für »Mädchendinge« fehlte mir das Verständnis.

Hatten meine Eltern Recht, hatte ich »noch nicht den Richtigen gefunden«? War ich immer schon lesbisch gewesen, hatte das aber ein Leben lang verleugnet, weil ich keine Lesbe sein wollte? Um eine gute Tochter zu sein? War mir mit den intakten sekundären Geschlechtsmerkmalen das Frausein abhandengekommen? Hatte ich das je? Und was war das eigentlich, das Frausein? Worin manifestierte es sich? Es machte mich traurig, auf meine und die Liebesgeschichten meiner Freundinnen zurückzuschauen. Das Warten, das Lügen, die Missverständnisse, die Enttäuschungen, das permanente Liefern. Warum hatte es nicht funktioniert? War da ein Fehler im System? War ich der Fehler?

Wie einer Amazone waren mir die Brüste verstümmelt worden, und amazonengleich bekämpfte ich die Männer, die mich begehrten, von denen ich mich aus den falschen Gründen begehrt fühlte, sodass mich ihr Begehren nachgerade beleidigte. »Mannweib«, hörte ich sie manchmal raunen.

Überhaupt, die Fellatio, in deren Kunst mich die heteronormative Gesellschaft von Jugend an abgerichtet hatte, konnte doch keiner Frau ernsthaft Vergnügen bereiten! Männer, die mir ihre Zuneigung zeigen wollten, indem sie meine Hand auf ihr erigiertes Geschlechtsteil legten, waren für mich Schweine im Weltall. War ich unter Frauen, die kreischten, weil ein Muskelmann sein T-Shirt auszog, fühlte ich mich fehl am Platze. Täuschten sie alles nur vor oder fanden sie den Anblick einer Männerbrust tatsächlich stimulierend? Für mich war die Kombination von »Mann« und »Brust« ein Oxymoron. Der Anblick nackter Männer erschien mir albern, ihr ausgestülptes Geschlechtsteil nahezu grotesk. Ich hatte weder Männer noch Penisse jemals in attraktiv und hässlich unterscheiden können. Ich fühlte mich wie ein Kolibri, dazu verdammt, sich mit Bären zu paaren.

Masturbierte ich, dann meist auf einen Clip der Suchkategorie »pussy licking lesbians«. Zweimal bestellte ich lesbische Edel-Escortgirls nach Hause, die zwar dufteten, ach wie sie dufteten!, sich aber als heterosexuelle Billighuren herausstellten, die mir postkoital nahelegten, sie für ein Drittel des Preises bei kaufmich.com direkt zu buchen – wie ihre männlichen Freier.

Hocherfreut studierte ich im Internet neue sexuelle Präferenzen wie sapiosexuell, demisexuell, asexuell, pansexuell. Das alles war ich, mal dies, mal jenes. Während meine Bisexualität stets obsessiv geklungen hatte, als würde ich mit einer Hand an einem Glied, mit der anderen an einer Klitoris zerren, während sie Männer immer geil gemacht und lesbische Frauen immer abgestoßen hatte, schien mir Pansexualität der wahre humanistische Ausdruck für Liebe zu sein.

War es ein Akt der Autoaggression gewesen, mir mit Anfang zwanzig die Brüste abschneiden zu lassen? Hatte ich keine Frau mehr sein wollen? Hatte ich mich damals unbewusst verstümmeln lassen, um unattraktiv zu werden für Männer? Zum ersten Mal erscheint mir mein soziales Geschlecht als fragil, sogar als fragwürdig. Meine erst kürzlich entdeckte Pansexualität – sie passte bald schon wieder nicht mehr. Männer hatten, je älter ich wurde, desto stetiger an Anziehungskraft verloren, bis sie schließlich aufhörten, für mich als sexuelle Wesen zu existieren. Ab einem bestimmten Punkt konnte ich sie nicht mal mehr riechen.

Immer sehnsüchtiger schaue ich mich nach Frauen um. Weil ich unzerschnittene Brüste in den Händen halten will? Weil die Wechseljahre meine männlichen Anteile freisetzen? Aus heterosexueller Frustration? Ich suche nach einem Begriff, der mir Stabilität gibt im tobenden Meer der sich auflösenden Geschlechter. Ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann, um nicht weggerissen zu werden, nicht zu ersaufen.

Als ich erstmals das Glück gegenseitiger weiblicher Liebe erfahren darf, hat mich kein anderer Körper jemals mehr erregt. Ihre Brüste, ihre Schultern, ihr Mund, ihr Schoß, ihr Atem. Eine erwachsene, ihren Körper bejahende, unrüttelbar lesbische Frau. Es kam mir vor, als sei sie vom Himmel gefallen. Und nun, endlich, landete ihr Raumschiff auf meinem Planeten. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein riesengroßer für mich.

Meine Fluchthelferin aus der Heteronormativität lebte seit ihrer Jugend offen lesbisch, kannte keinerlei beklemmende Mann-Frau-Dynamik, war nie Objekt männlicher Begierde gewesen, nie von Männern protegiert und fallen gelassen worden, fand das andere Geschlecht nicht weiter störend und wunderte sich über meinen flammenden Zorn. Noch mehr aber wunderte sie sich darüber, welche Qualen ich auf mich genommen hatte, um schön für die Männer zu sein. So nahm sie das wahr. Ich blies die Backen auf, behauptete, ich hätte das alles für mich getan, doch nach und nach schwante mir, dass sie Recht haben könnte. Erst indem ich mir diese Möglichkeit eingestand, konnte ich aus meiner alten Haut schlüpfen, konnte mich entpuppen.

Brustimplantate sollten nach zehn Jahren ausgewechselt werden. Meine sind jetzt 13 Jahre drin. Nächste Woche habe ich einen Termin beim Nachfolger des inzwischen an Altersschwäche gestorbenen Tittenpapstes. Ich werde die Implantate nicht auswechseln, ich werde sie entfernen lassen. Das Fremdkörpergefühl ist inzwischen unaushaltbar. »Da bleibt aber nicht viel nach«, warnt Tittenpapst junior.

Gut, aber es kommt ja nicht auf die Größe an. Alles hat seine Zeit, und die Zeit der prima Möpse ist vorbei. Rückblickend glaube ich, dass die falschen Brüste falsche Freunde waren. Sie haben mich im wahrsten Sinne des Wortes geformt, wertvoll wie ein kleines Steak. Sie waren Krücken für meine weibliche Identität oder das, was ich dafür hielt. Ich brauchte sie, aber jetzt brauche ich sie nicht mehr, die Krücken nicht und die Pseudo-Identität. Jetzt sind die Implantate Brems-Poller zwischen Gendergrenzen, Überbleibsel aus einer anderen Ära, anachronistisch, giftig, nutzlos wie ein Blinddarm. Bizarrerweise möchte ich an dieser Stelle ausgerechnet einen Mann zitieren, Heiner Müller, aka Ophelia, der mich »Else die Unvermeidliche« nannte:

Ich zertrümmre die Werkzeuge meiner Gefangenschaft, den Stuhl den Tisch das Bett.

Ich zerstöre das Schlachtfeld das mein Heim war.

Ich reiße die Türen auf, damit der Wind herein kann und der Schrei der Welt.

Ich zerschlage das Fenster.

Ich fühle mich befreit, seit mein gesellschaftliches Korsett gesprengt ist. Seitdem ich atmen kann, so weit der Brustkorb es zulässt. Mein Herz hat mehr Platz. Ich kann und will nicht mehr in den klassischen Mann-Frau-Schienen fahren. Heute definiere ich mich als lesbisch und genderfluid – wobei sich das stündlich ändern kann. Ich tanze, reise, bewege mich fast nur noch in queeren Kreisen, mit Menschen, die mir als Menschen begegnen, die mehr Fragen haben als Antworten, mehr Unsicherheiten als Gewissheiten, mit Menschen, die gesehen und gehört werden wollen, die übernommene Definitionen täglich hinterfragen, die Zwischenwesen sind wie ich selbst: cross, inter, trans, asexuell, halb schwul, ganz schwul, halb Mann halb Frau, weder noch, anders eben. Oder, wie es heute heißt: divers.