»Bei Liebeskummer ist Hoffnung nicht hilfreich«

Die meisten Menschen verhalten sich nach Trennungen intuitiv falsch. Warum man bei Liebeskummer seinen Gedanken nicht trauen sollte, erklärt der US-Psychologe Guy Winch in diesem Interview - und verrät, was gegen den Schmerz wirklich hilft.

Guy Winch ist Psycho­loge und Buchautor in New York. Seine Ted-Talks »Wie man ein gebrochenes Herz re­pa­riert« sowie »Emo­­­tionale Erste Hilfe für alle«, die es auch mit deutschen Unter­titeln gibt, wurden im Internet millionen­fach abgerufen.

Foto: Andrew H. Walker photography

SZ-Magazin: In einem Ihrer Vorträge beschreiben Sie, dass man bei ­Liebeskummer seinen eigenen Gedanken nicht trauen sollte. Was passiert denn da im Hirn?
Guy Winch: Menschen haben oft das Gefühl, dass sie nicht sie selbst sind, wenn sie Liebeskummer haben. Das ist einfacher nachzuvollziehen, wenn man die Analogie zu den Gehirnen von Süchtigen sieht, die auf Entzug sind. Funktionelle MRT-Gehirnscans zeigen, dass bei Liebeskummer dieselben Mechanismen im Gehirn aktiviert werden wie zum Beispiel bei Kokain- oder Heroinsüchtigen. Das erklärt, warum wir bei Liebes­kummer auf die andere Person völlig fokussiert sind. Die Belohnungsmechanismen unseres Gehirns sagen uns, dass wir dem Drang nachgeben und Kontakt zu ihm oder ihr haben sollten.

Und dann?
Dann fallen uns jede Menge Ideen ein, wie wir weiter einen Bezug zu der Person haben und an sie denken können. Zum Beispiel: »Oh, er hat doch erzählt, dass ein Cousin heiraten wird. Was für eine großartige Ausrede, um sich drei Stunden lang auf Instagram Fotos von der Hochzeit anzuschauen und zu gucken, ob man einen flüchtigen Blick auf ihn erhascht.« Oder wir überlegen immer wieder, warum die Beziehung nicht funktioniert hat, und analysieren in unserem Kopf jede Minute der letzten Gespräche mit der anderen Person. Auch das ist eine Aus­rede dafür, viel an den anderen denken zu können, und damit ein Versuch unseres Geistes, den Drang zu befriedigen. Ich benutze gerne diese Metapher: Wir können das Heroin nicht haben, weil wir die andere Person ja nicht zurückbekommen. Aber wir können das Methadon haben: Erinnerungen.

»Wir hoffen immer, und in ­allen Dingen ist besser ­hoffen als verzweifeln«, schrieb Goethe. Gilt das auch für Liebeskummer?
Nein. Bei Liebeskummer ist Hoffnung nicht hilfreich, weil Hoffnung bedeutet, dass man die Realität leugnet. Fast jeder mit Liebeskummer hofft darauf, dass das Handy vibriert und eine Nachricht aufleuchtet, in der steht: »Ich habe meine Meinung geändert, ich war ein Idiot, du bist die eine für mich.« Aber so etwas passiert nicht. Oder man denkt: »Ich halte einen Monat Abstand, dann sorge ich dafür, dass ich wie zufällig in sie hineinlaufe, und in dem Moment wird diese Person erkennen, wie sehr sie mich vermisst hat.« Dann hat man einen Monat damit verbracht, nicht über den Menschen hinwegzukommen, nur weil man sich auf dieses Treffen konzentriert hat, während der oder die andere die Trennung schon verarbeitet hat. Hoffnung führt bei Liebeskummer nur dazu, dass man länger an Dingen festhält, an denen man nicht mehr festhalten sollte.

Aber es hilft doch, den Ursachen für die Trennung auf den Grund zu gehen?
Es ist sehr natürlich, wissen zu wollen, was passiert ist. Es gibt einem Seelenfrieden. Die meisten werden den Grund aber nie genau kennen. In diesen Fällen ist es das Beste, sich selbst eine Erklärung zu überlegen, die einem hilft, von der Frage loszulassen. Auch wenn die eigene Erklärung nur vage ist wie: Der andere hat sich emotional von mir entfernt. Aber das ist üblicherweise das, was in Beziehungen passiert. Dass eine Person emotional wegdriftet und nichts dagegen unternimmt. Dass sie nicht erzählt, was mit ihr passiert, sondern sich immer weiter entfernt, bis sie irgendwann nicht mehr verliebt ist.

Viele Menschen suchen den Fehler nach einer Trennung ja bei sich.
Weil wir die Gedanken der anderen Person nicht lesen können, bleibt uns oft nur zu raten, was schiefgelaufen ist. Unsere natürliche Reaktion auf Trennungen oder Zurückweisung ist, all unsere eigenen Fehler durchzugehen. Also zu denken: Wenn ich nur klüger, reicher, größer oder blonder wäre oder mich anders verhalten hätte! Das zu tun ist aber fürchterlich, weil eine Zurückweisung unser Selbstwertgefühl sowieso schon verletzt. Wir müssen in diesem Moment Schritte unternehmen, um es zu stärken, konzentrieren uns aber auf unsere Fehler und geben uns die Schuld. Außerdem liegen die meisten Leute mit ihren Vermutungen daneben. Bei Trennungen geht es nicht darum, ob du in den Augen des anderen in bestimmten Dimensionen gut genug warst. Niemand trennt sich aus einem Grund wie: »Hmm, eigentlich ist sie toll, aber sie ist eben nicht blond genug.« Der andere fand dich so toll, dass er dich in seinem Leben haben wollte. Nach dieser Schwelle geht es nur noch darum, wie gut man zusammenpasst – und es passen nun mal nicht alle gut zusammen.

Wieso idealisiert man nach einer Trennung oft die Person, die einem das Herz gebrochen hat?
Damit versucht unser Kopf, den Schmerz aufrechtzuerhalten. Er erinnert uns an all die großartigen Momente, weil uns das wehtut. Der Schmerz soll uns dazu bringen, den gleichen Fehler nicht wieder zu begehen. Aus Sicht unseres Kopfes bestand der Fehler allerdings darin, uns überhaupt zu verlieben. Für unseren Geist ist es das Gleiche wie mit einer heißen Herdplatte. Er versucht uns einzureden: Das war sehr schmerzhaft, also mach das bitte nicht noch einmal. Dieses Muster funktioniert für heiße Herdplatten wunderbar, in der Liebe aber überhaupt nicht, nur macht unser Geist diese Unterscheidung nicht.

In Ihrem aktuellen Buch How to Fix a Broken Heart schreiben Sie, Liebeskummer werde in unserer Gesellschaft unterschätzt. Was genau meinen Sie damit?
Wir neigen dazu, Liebeskummer mit jungen Menschen zu verbinden – mit Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Wir stellen uns nicht unbedingt eine 70 Jahre alte Frau oder einen 60 Jahre alten Mann vor. Wir unterschätzen, dass Liebeskummer jeden betreffen kann, unabhängig vom Alter. Aber was wir noch mehr unterschätzen, ist, wie schmerzhaft es ist. Wie es quasi das Gehirn und die Gedanken überfällt und es unmöglich macht, an etwas anderes zu denken. Wie roh und scharf dieser Schmerz ist.

Wie sollte man sich als Freund verhalten, wenn jemand Liebeskummer hat?
Es ist wichtig, für den anderen da zu sein und zu zeigen, dass man versteht, wie schwierig und schmerzhaft das alles ist. Aber ich glaube, dass Freunde noch etwas anderes leisten können. Sie sind oft in einer Situation, in der die Person mit Liebeskummer sie anschaut und Sachen sagt wie: »Aber ich war so glücklich mit ihr.« Und die Freunde wissen: Nun ja, nicht wirklich, manchmal warst du glücklich, oft hast du aber auch davon gesprochen, wie kompliziert oder unbefriedigend ein Aspekt der Beziehung war. Dann ist es hilfreich, die Person darauf hinzuweisen mit Worten wie: »Ich weiß, dass es wirklich weh tut. Aber nur zur Erinnerung: Vor einem Monat hast du davon gesprochen, dass du dich vielleicht trennen möchtest.«

Was hilft, wenn man ­gegen den eigenen Liebeskummer ankämpfen möchte?
Überlegen Sie sich eine Begründung, die ­Ihnen hilft, die Frage abzuhaken, warum es nicht geklappt hat. Versuchen Sie, wirklich keinen Kontakt zu der Person zu haben. Ich verstehe, dass das manchmal schwierig sein kann, zum Beispiel wenn man ein gemeinsames Kind hat. Versuchen Sie, die andere Person nicht in den sozialen Netzwerken zu stalken. Das ist heutzutage sehr verlockend, die meisten zeigen dort viel von ihrem Leben. Aber es hält nur den Schmerz aufrecht, und das hindert einen daran weiterzumachen. Holen Sie sich Unterstützung von Ihrem sozialen Umfeld. Und fangen Sie wieder mit Aktivitäten an. Wenn Sie zum Beispiel früher gern laufen gegangen sind, aber aufgehört haben, weil der Expartner das Hobby nicht geteilt hat – fangen Sie wieder an zu laufen. Wenn Sie zu Freunden den Kontakt verloren haben – nehmen Sie wieder Kontakt auf. Machen Sie Sachen, die Ihnen dabei helfen, sich wie Sie selbst zu fühlen. Überlegen Sie sich, was Sie ausmacht, und füllen Sie die Lücken, die die Trennung hinterlassen hat.

Als Psychologe behandeln Sie seit mehr als 20 Jahren Patienten mit Liebes­kummer. Welche Erkenntnis hat Sie ­besonders überrascht?
Wegen meines Buches und des Ted-Talks erhalte ich jeden Tag viele E-Mails von Menschen auf der ganzen Welt, die Liebeskummer haben und reden wollen oder gerne eine Sitzung bei mir hätten. Ich finde bemerkenswert, wie ähnlich sie das Gefühl beschreiben – ganz unabhängig davon, ob die Person eine Frau oder ein Mann ist, in welchem Land sie lebt und wie alt sie ist. Liebeskummer ist eine universelle Erfahrung. Das ist für mich das Interessanteste daran. Wenn wir selbst Liebeskummer haben, denken wir oft, wir wären die Einzigen, die sich so schlecht fühlen. Aber es fühlt sich wirklich jeder so schlecht. Ob er es zeigt oder nicht, ist noch einmal eine andere Sache.