»Ich bin zur sogenannten politisch inkorrekten Person geworden«

Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang hat vor einem Jahr mit ihrem »Wuhan-Tagebuch« ein historisches Zeugnis vom Ausbruch der ­Corona-Pandemie geschaffen. Dafür wurde sie schmerzlich bestraft – doch die Hoffnung auf ein besseres China gibt sie nicht auf.

Am 25. Januar, zwei Tage nachdem erstmals in der Geschichte eine Stadt mit elf Millionen ­Einwohnern komplett von der Außenwelt abgeriegelt ­wurde, beginnt Fang Fang, online Tagebuch zu schreiben. Der Lockdown war streng, mitunter übernahmen Sozial­arbeiter die Einkäufe für die Bewohner.

Foto: Xinhua/eyevine/laif

SZ-Magazin: Im vergangenen Jahr haben Sie das viel beachtete »Wuhan-Tagebuch« zunächst auf Ihrem Blog und dann auf mehreren Internet-Plattformen veröffentlicht: die Chronologie des sechzig Tage langen ersten Lockdowns nach dem Corona-Ausbruch in Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei. Manches Mal wurden Beiträge auf Ihrem Blog gelöscht, wahrscheinlich auf Geheiß der zuständigen Behörden. Wird auch Ihr E-Mail-Verkehr überwacht?
Fang Fang: Kann ich nicht sagen, aber ich glaube, eher nicht. Derartige Überwachungen verursachen doch Kosten, oder? Ich schätze, für eine Überwachung bin ich nicht wichtig genug.

Sie sind eine in China sehr bekannte Romanschriftstellerin. Ihr »Wuhan-Tagebuch« wurde in den USA, in England, Frankreich, Deutschland und 14 weiteren Ländern als Buch verlegt. Es heißt, Sie hätten sich verpflichtet, nicht direkt und persönlich mit ausländischen Journalisten zu sprechen. Mussten Sie etwas unterschreiben? Dieses Interview führen wir ja schriftlich via Ihren Übersetzer ins Deutsche.
Die Frage einer Verpflichtung stellte sich nicht. Es wurde auch nicht verlangt, dass ich irgendetwas unterschreibe, es lief über einige Telefonanrufe ab. Der Forderung übergeordneter Instanzen, vorläufig keine ausländischen Journalisten zu empfangen, entspreche ich nur, um den Druck der Anfeindungen durch linksextreme Kräfte zu verringern. Ich gehe davon aus, dass es sich um eine vorübergehende Maßnahme handelt. Es ist zugleich ein Akt der Hilflosigkeit.

Im Netz werden Sie als »Vaterlandsverräterin« und »Lügnerin« beschimpft, es gab Morddrohungen. Sie bezeichnen die nationalistischen Kreise, die hinter den Angriffen stehen, als »Linksextreme«, im Westen würde man sie eher der extremen Rechten zuordnen. Diese Leute sind in den sozialen Medien inzwischen offenbar einflussreich genug, um auch ohne offiziellen Eingriff der ­Behörden Neuauflagen Ihrer Bücher zu verhindern.
Der Einfluss des Linksextremismus ist in China extrem mächtig, er ist in der Lage, meine Ansichten beliebig zu verdrehen und mir die unterschiedlichsten Vergehen anzuhängen. Meine Klarstellungen und Erklärungen dagegen werden häufig durch die Internetbehörden gelöscht. Das bringt mich zu der Überzeugung, dass hinter den Angreifern und ihren Verleumdungen gewisse Kräfte stehen, dass sie mit gewissen Funktionären in Verbindung stehen. Ich bin schließlich nur eine Einzelperson. Vor diesem Hintergrund habe ich durchaus nicht das Gefühl, dass mein alltägliches Leben unerträglich geworden wäre. Ich will auch nicht für meine Kollegen zur Belastung werden oder gar für meine Institution, den Schriftstellerverband der Provinz Hubei. Deshalb füge ich mich nach Möglichkeit der Forderung der übergeordneten Instanzen.

Wurde Ihnen mit irgendwelchen Konsequenzen gedroht, falls Sie sich weigern?
Was weitere Konsequenzen angeht, so bleibt abzuwarten, ob die linksextremen Kräfte in der Lage sind, die Behörden unter Druck zu setzen, sie unternehmen gegenwärtig Anstrengungen in diese Richtung. Tatsächlich habe ich mir nichts Gesetzwidriges zuschulden kommen lassen. Ich habe lediglich während der Epidemie, als ich mich in der Stadt in Quarantäne befand, über sechzig Tage hinweg ein Tagebuch geführt. Nichts anderes. Mit dem Verbot, meine Romane zu verlegen, bin ich bereits über Gebühr bestraft. Dass man mich noch härter bestraft, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Es sei denn, man hängt mir irgendein aus der Luft gegriffenes Vergehen an. Denkbar wäre das. Aber ich bilde mir ein, dass es in China nach vierzig Jahren Politik der Reform und Öffnung genug Funktionäre gibt, zumindest unter den mir bekannten Funktionären der Provinz Hubei, die über genug Rechtsbewusstsein verfügen. Vielleicht sind es diese Überlegungen, die mein Herz höher schlagen lassen und mein Vertrauen in die Zukunft am Leben erhalten.

Macht es Sie einsam, dass Ihre Bücher in China nicht mehr erhältlich sind?
Mit Einsamkeit hat das nichts zu tun. Meine Empfindungen schwanken zwischen Wut und Hilflosigkeit.

Hilft Ihnen das Wissen um die Beachtung Ihrer Bücher im Ausland bei dem Gefühl, gehört und verstanden zu werden?
Womöglich vermitteln meine persönliche Art zu schreiben und die Inhalte, über die ich schreibe, Leserinnen und Lesern im Ausland neue Eindrücke. Eindrücke, die ihr eigenes Denken anregen und zu einem besseren Verständnis von Chinas Vergangenheit und Gegenwart führen, wie auch über den Ablauf der Epidemie. Sollte das der Fall sein, wäre das für mich höchst bedeutsam.

Begreifen Sie Ihren Blog als Trost oder Ersatz dafür, dass Ihre Romane in China nicht erhältlich sind?
Für mich ist es nur ein Instrument, um mit Lesern zu kommunizieren.

Mit Ihrem Blog haben Sie mehr als vier Millionen Menschen erreicht.
Das ist die Zahl meiner Follower auf Weibo, der Plattform, auf der mein Blog liegt. Sehr viele Menschen haben auf meinem Blog Nachrichten hinterlassen, die mir begreiflich machen, was und wie sie denken. Leider treibt sich heute auf Weibo zu viel Gesindel herum, das mich mit den obszönsten Ausdrücken beschimpft und beleidigt, egal was ich schreibe. Daher äußere ich mich heute nur noch sehr selten auf Weibo.

Wie anfällig sind die Menschen in China für solche Desinformation?
Die kulturell wenig gebildete große Menge ist sehr leicht zu beeinflussen. Gebildete Menschen, vor allem Akademiker, Schriftsteller, Künstler, glauben diesen in die Welt gesetzten Anwürfen zum größten Teil nicht.

Haben die chinesischen Verlage, von denen Sie Angebote erhalten hatten, Ihnen mitgeteilt, warum sie von einer Veröffentlichung dann doch absahen?
Ursprünglich war nur ein Artikel für eine Zeitschrift vereinbart. Ich habe begonnen, mir dafür Notizen zu machen, jeden Tag ein paar. Und daraus ist schließlich das »Wuhan-Tagebuch« entstanden. Etwa auf halber Wegstrecke haben mich zahlreiche Verlage wegen einer Buchveröffentlichung kontaktiert. Nach der Aufhebung der Abriegelung der Stadt haben sich die Angriffe der Linksextremisten unter dem Deckmantel des Patriotismus zu einem brutalen Shitstorm entwickelt. Viele linksorientierte Funktionäre haben dem haltlosen Gerede geglaubt, ich »lieferte dem Gegner das Messer«, sei eine »Vaterlandsverräterin«, hätte »mit Amerika eine Vereinbarung geschlossen« und so weiter. Die Chinesen sind seit Langem an sogenannte politische Korrektheit gewöhnt. Und ich bin zur sogenannten politisch inkorrekten Person geworden. Da dürfen naturgemäß meine sämtlichen Werke nicht mehr veröffentlich werden. Das bedarf keiner Begründung von Seiten der Zeitschriften oder der Verlage. Ich kenne schließlich Chinas Realität. Jeder hat Angst, der Vorwurf politischer Inkorrektheit könnte ihn selbst treffen.

Im Nachwort der deutschen Ausgabe Ihres Romans Weiches Begräbnis werden Sie als kritische Humanistin bezeichnet, nicht als Dissidentin. Stimmen Sie dem zu?
Das stimmt, ich bin eine Humanistin. Ich kümmere mich im Allgemeinen wenig um Politik, ich konzentriere mich auf meine literarische Tätigkeit. Ich interessiere mich vor allem für Einzelschicksale und Fragen der Gerechtigkeit. Um politische Standpunkte habe ich mich noch nie gekümmert. Während der Epidemie galt meine Aufmerksamkeit der Wuhaner Bevölkerung und der Epidemie-Bekämpfung. Meine Notizen enthalten zahlreiche Vorschläge, sie dienten der Aufmunterung und dem Trost der Allgemeinheit. Ich habe meine abweichenden Meinungen zu unangemessenen Maßnahmen und Methoden geäußert, damit hatte es sich.

Am Ende der Krise könne kein Sieg stehen, haben Sie im »Wuhan-Tagebuch«geschrieben. Haben Sie damit nicht Staatschef Xi Jinping widersprochen?
Ich habe nicht den Eindruck, dem Staats-oberhaupt widersprochen zu haben. Bei meinen Tagebucheinträgen ging es zumeist um alltägliche Dinge und nicht um hoch bedeutsame Staatsangelegenheiten. Über die hat der Großteil der Medien hinreichend berichtet.

Wissen Sie, wann Sie der Partei unliebsam geworden sind?
Ich denke, es geht nicht um unliebsam oder nicht unliebsam. Ich bin kein Parteimitglied. Ich bin Schriftstellerin und benötige keine Zuneigung von Oberen oder irgendwelchen Kräften. Wenn mich meine Familie, meine Freunde und meine Leserinnen und Leser mögen, reicht mir das.

In Deutschland erscheint jetzt Ihr Roman Weiches Begräbnis, den Sie in China vor fünf Jahren veröffentlicht haben. Er handelt von der Boden­reform und der Enteignung vieler Grundbesitzer Anfang der Fünfzigerjahre in China. Erst nach der Veröffentlichung 2016 und der Auszeichnung mit einem bedeutenden chinesischen Literaturpreis wurde Ihr ­Roman aus dem Handel genommen. Wer hat Angst vor dem Buch? Warum?
Ich habe keine Ahnung, wer sich vor diesem Buch fürchtet. Und ich kann mir auch keine Gründe dafür vorstellen. Tatsächlich hat Weiches Begräbnis 2016 mehrere Literaturpreise gewonnen. Es wären ohne die Anfeindungen durch die Linksextremisten vermutlich noch mehr geworden.

Über die Bodenreform sagt eine der Figuren in Ihrem Roman: »Wir sollten uns die Frage stellen, ob so viel ­­­Brutalität notwendig ist.« War die Bodenreform in China schlimmer als die Kulturrevolution?
Die beiden Ereignisse lassen sich nicht vergleichen, es gibt zu viele unterschiedliche interne und externe Faktoren. Die Bodenreform richtete sich gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Die Kulturrevolution betraf die gesamte Bevölkerung Chinas. Gemeinsam ist beiden Bewegungen, dass sie China schweren Schaden zugefügt haben.

Sie zeigen in Ihrem Roman Mitgefühl mit den Opfern der Bodenreform. Hat das die Partei gestört?
Tatsächlich ist meine Beurteilung der Bodenreform äußerst objektiv. Dass diejenigen, die das Land bebauen, eigenes Land besitzen, ist ein Wunschtraum vieler Menschen. Ich habe nur gewisse Aspekte bei der Verwirklichung dieses Wunschtraums in Zweifel gezogen. Ich interessiere mich für individuelle Schicksale. Ich weiß nicht, wer sich durch die Darstellung von Freuden und Schmerzen, von Höhen und Tiefen im Leben von Individuen gestört fühlen kann.

Die Menschen fürchteten damals, nach einem »weichen Begräbnis« – ohne Sarg in der Erde verscharrt – nicht wiedergeboren werden zu können. Gibt es diesen Glauben immer noch?
Möglicherweise existieren diese Vorstellungen in entlegenen Bergdörfern noch immer. Es ist Teil unserer kulturellen Traditionen, dass der Tod mehr Gewicht als das Leben hat, die aktuelle Existenz weniger Bedeutung als die künftige. Aber im Gefolge einer breiteren und vertieften Bildung und der Entwicklung des Informations­wesens gibt es vermutlich nur noch sehr wenige Personen mit derartigen Vorstellungen.

Sie beschreiben ein China, in dem Ehen zumeist zwischen den Eltern vereinbart und Frauen ihren Männern zugeteilt wurden. Junge Männer wurden im Allgemeinen ihren Frauen ebenso zugeteilt, sie durften allerdings Konkubinen haben. Wie gleichberechtigt sind Frauen im heutigen China?
Innerhalb der urbanen Bevölkerung ist die Stellung der chinesischen Frau keineswegs niedrig. Je besser die wirtschaftliche Basis eines Gebiets und je höher das Bildungsniveau, desto höher der Status von Frauen. Das scheint weltweit zu gelten. In ent­legeneren ländlichen Gebieten gibt es vermutlich noch erheblichen Nachholbedarf.

Das weiche Begräbnis kann auch als Symbol für den Versuch verstanden werden, die Vergangenheit zu begraben, das Unglück, die Ungerechtigkeit, die Brutalität zu vergessen. Warum ist es so wichtig, seine Vergangenheit zu kennen und darüber zu sprechen?
Es gibt in China einen von Historikern häufig zitierten Satz, der lautet: »Die Geschichte ist ein Spiegel.« Die Erinnerung hilft uns, die Dummheiten, die uns und anderen Schaden zufügen, nicht erneut zu begehen. Nur Erinnerung und Konfrontation, ständige Reflexion und Warnung ermahnen diejenigen, die Macht ausüben, wirksam dazu, nicht in die alten Fehler zu verfallen.

Das Schweigen über diese Anfangs­jahre des kommunistischen Chinas führte dazu, dass Menschen, die heute in ihren Sechzigern sind, nur wenig über die Generation der Großeltern wissen. Sie sind 65 Jahre alt. Was wissen Sie über Ihre eigenen Großeltern?
Sehr wenig. Sie sind gestorben, als meine Eltern noch sehr jung waren. Ich habe meine Großeltern nie kennengelernt. Über ihre Lebensumstände habe ich nur bruchstückweise von meinem Vater gehört.

Glauben Sie, Corona wird auch einmal vergessen werden?
Unmöglich. Die Katastrophe, die diese Pandemie über die Menschheit gebracht hat, dürfte für die meisten Menschen schwer zu vergessen sein. Aber die während der Katastrophe durchlittenen individuellen Schmerzen dürften für viele zu peinigend sein, um in der Erinnerung zu bleiben. Überall und jederzeit gilt, dass sich manche Menschen für das Vergessen und andere für das Erinnern entscheiden.

Wird der Augenarzt Li Wenliang, der als Erster vor dem Virus gewarnt hatte und im Februar 2020 als einer der Ersten an Covid-19 starb, vergessen werden?
Ausgeschlossen. In den Herzen der Wuhaner wird er auf ewig fortleben.

Einige lokale Verantwortliche in der Stadtverwaltung und der Provinz ­Hubei wurden entlassen, nachdem klar geworden war, dass sie den Ausbruch der Epidemie erst vertuschen wollten. Wurden inzwischen auch hohe Funktionäre zur Verantwortung gezogen? Gab es Prozesse? Wurde die Krise ­aufgearbeitet?
Einige Funktionäre wurden ihres Postens enthoben, aber davon, dass sie zur Rechenschaft gezogen wurden, kann nicht die Rede sein. Ich weiß von keiner einzigen Anklageerhebung. Und selbst wenn die Leute das verlangen würden, wäre das vermutlich unter den gegenwärtigen Umständen nicht durchführbar. Wie es aussieht, ist die Pandemie noch nicht zu Ende. Es braucht Zeit.

Sieht man der Stadt noch die Folgen von Corona an? Ist die Angst aus dem Straßenbild verschwunden?
Wuhan ist gegenwärtig weitgehend zur Normalität zurückgekehrt. Zumindest an der Oberfläche zeigt sich nichts mehr. Aber wenn man etwas genauer hinsieht, ist etwas spürbar. Zum Beispiel tragen alle Leute Gesichtsmaske, wenn sie das Haus verlassen, und bewahren bei Unterhaltungen einen gewissen Abstand. Das wird vermutlich erst verschwinden, wenn die Pandemie endgültig erloschen ist.

In China ist es offenbar sehr leicht, sich einen anderen Namen zuzulegen. Warum haben Sie sich Fang Fang ­genannt?
Mit dem Schreiben von Romanen habe ich im dritten Jahrgang meines Studiums begonnen, aber mir fehlte es an Selbstvertrauen. Ich hatte Angst, nicht gut genug zu schreiben und von meinen Kommilitonen aus­gelacht zu werden, wenn sie davon erführen. Daher habe ich mir ein Pseudonym zugelegt. Mein ursprünglicher Name ist »Wang Fangfang«. In meiner Familie wurde ich immer »Fangfang« genannt. So habe ich mich entschieden, diesen Kosenamen für mich zu verwenden.

Welcher ist Ihr Lieblingsort in Wuhan?
Die Stelle, wo das Wasser des Han-Flusses in den Jangtse mündet. Der Ort wird »Mund des Südufers« genannt. Wenn man dort steht, überblickt man die drei Städte, aus denen Wuhan besteht.