Emotionale Bindung

Die Art, wie Männer ihren Schal tragen, verrät alles über ihr Inneres.

Die Affenschaukel
Metrosexuelle Bindetechnik, auf den ersten Blick charmant, wirkt jugendlich-lässig und nicht zu gewollt – ist allerdings inflationär verbreitet. Angenehmer Nebeneffekt: Man kann möglichst viel Fläche des Schals als Statusobjekt zur Schau stellen. Wenn sich Mode einerseits aus dem menschlichen Spieltrieb und andererseits aus dem Nachahmungstrieb entwickelt, ist dieser Knoten letzterem zuzuordnen. Die Affenschaukel ist nicht Ausdruck von Persönlichkeit, sondern Persönlichkeits-Prothese. Sie wird von Typen getragen, die der Mode folgen anstatt sie selbst mitzugestalten. Sieht so aus, wie er heißt: schal.
Prominenter Träger: Wilson Gonzales Ochsenknecht


Der Doppelknoten
Verrät schon beim Anlegen, worauf es ankommt: männliches Zupacken, schnelle Reaktionsfähigkeit, gepaart mit derber Nonchalance. Ähnlich unbarmherzig, als würde man im Urwald auf eine Riesenschlange treffen. Anzunehmen, alle Träger seien entweder Pfadfinder oder Kleinkriminelle, greift allerdings zu kurz. Es handelt sich auch um Überlebenskünstler, stets bereit, sich den Widrigkeiten der Existenz zu stellen. Eine leichte Untervariante dieser Gattung ist der einfache Knoten, entweder direkt am Hals oder locker vor der Brust getragen. Dieser Typ ist vielleicht ein intellektueller Querdenker, der dabei stets bodenständig bleibt und sich nicht an Trends verkauft.
Prominenter Träger: Jude Law (Weitere Bindetechniken finden Sie auf den nächsten Seiten.)

Die Galgenschlaufe
Der Ursprung dieser Technik liegt in der frühkindlichen Phase, in der der Sohn noch von der Mutter angekleidet wird. Während die braven Söhne diesen Knoten bis ins Teenager-Alter über sich ergehen lassen, reißen ihn sich Aufmüpfigere in einem Akt der Befreiung vom Leibe. Ein täglicher Machtkampf um Dominanz, ausgetragen auf dem Schlachtfeld der Mode. Denn: Hinter der fürsorglichen Geste steckt auch eine fiese: Das Zuziehen der Schlinge ist zugleich eine symbolische Strangulation des Kindes! Selbst schuld, wer sich das gefallen ließ und seinen Schal bis heute so trägt: wirkt so sexy wie Fäustlinge am Bändchen.
Prominenter Träger: Guido Westerwelle

(Weitere Bindetechniken finden Sie auf den nächsten Seiten.)

Der Künstlerschal
Negiert den Zweck des Schaltragens, das Wärmen des Halses. Erinnert an das 18. Jahrhundert, als mit der Befreiung von Schlips und Kragen auch eine politische Forderung verbunden war: Mein Hals gehört mir! Sinnbild des Stürmers und Drängers, der einsam Geisteshöhen erklimmt, von losen Schalenden umflattert. Verbirgt sich hinter dem Künstlerschal also ein Rebell, ein Freigeist, sogar ein Genie wertherscher Provenienz? Kann sein. Womöglich aber nur ein selbstgefälliger Dandy, ein Stutzer, einer, der laut eines Aphorismus' von Oscar Wilde "Stunden damit zubringt, seine Krawatte so zu binden, als sei es in Eile geschehen". Mit Sicherheit aber einer, der so eitel ist, dass er sogar die Kleiderordnung für sein eigenes Begräbnis der Liebsten per Brief diktiert: "Mit diesem Schal, Lotte, will ich begraben sein."
Prominenter Träger: Helmut Dietl

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Modell Senator
Während der Künstlerschal mit den Konventionen der bürgerlichen Herrenkleidung bricht, zelebriert das Senatoren-Kreuz diese geradezu. Gemeinsam ist beiden Varianten jedoch, dass der Schal hier zur bloßen Geste verkommt. Dabei werden die Schalenden vor dem Anziehen des Mantels über der Brust gekreuzt, so dass sie später mit dem Mantelkragen abschließen. Auf diese Weise wird dem konservativen Protokoll, welches verlangt, dass der Herr zum Mantel einen Schal, Hut und Handschuhe trägt, Tribut gezollt, während der eigentliche, wärmende Zweck des Schals in Wahrheit längst obsolet geworden ist. Senatoren stehen nun mal selten an zugigen Straßenecken herum. Frei von solchen modischen Verirrungen hält der Senatoren-Typ sich aber stur an die Regeln einer antiquierten Eleganz und verbreitet dabei den behäbigen Charme eines ledernen Chefsessels. Er wird zu dem, was die Krawatte immer schon war: ein subtiles Phallussymbol. Bleibt nur noch die Frage: Rechts- oder Linksträger?
Prominenter Träger: Konsul Weyer

(Eine weitere Bindetechnik finden Sie auf der nächsten Seite.)

Der Wegstecker
Manche Frauen legen im Gespräch gerne den Kopf schief und demonstrieren ihrem Gegenüber Verletzlichkeit, indem sie die Halsschlagader zeigen. Der Wegstecker tut im Grunde das Gegenteil: Er sorgt für eine maximale Polsterung der Region. Das Wickeln hat es ihm angetan, das Schwelgen im Material. Da er seinen Lebensunterhalt über Zeichentische und Architekturmodelle gebeugt verdient, kann er keine baumelnden Schalenden gebrauchen. Zugleich steht das Verstauen der Enden aber auch dafür, nicht zuviel preisgeben zu wollen. Emotional betrachtet ist der Wegstecker also ein Geizkragen. Wobei die Sorgfalt, die er auf das Verbergen verwendet, im Umkehrschluss gerade auf eine erhöhte Sensibilität verweist, so wie ein Schorf auf die darunter liegende Wunde.

Prominenter Träger: Matthias Schweighöfer


Text und Konzeption: Diana Weis; Fotos: André Mühling; Illustrationen: Eva Jakob; Schals: Hackett London, g-star; Louis Vuitton, Fraas, Boss, Jil Sander.

Fotos: André Mühling; Illustrationen: Eva Jakob