Es hätte noch so viel zu besprechen gegeben

Der Vater unserer Autorin ist seit 28 Jahren tot. Sie vermisst ihn bis heute, besonders während einem großen Sportereignis. Eine anrührende Erinnerung.

Am 9. Februar war mein Vater 28 Jahre tot. Ich habe jetzt genauso viel Zeit meines Lebens mit ihm verbracht wie ohne ihn. Er starb, als ich noch darum bemüht war, möglichst viel Abstand zwischen mich und meine Eltern zu bringen. Dabei kamen wir eigentlich gut miteinander aus.

Mit meinem Vater konnte man Karten spielen, man konnte sich mit ihm nachts Boxkämpfe im Fernsehen angucken und im Hochsommer das Tennisturnier in Wimbledon. Dann waren die Rollläden fast ganz heruntergelassen, sodass nur noch Sonnenstrählchen durch die Ritzen kamen. Man konnte mit ihm schnell Auto fahren und langsam Fahrrad, er bildete sich nämlich ein, von einer halben Stunde Radeln am Wochenende würde er abnehmen und seinen zu hohen Cholesterinspiegel in den Griff bekommen. Man konnte abends stundenlang mit ihm am Tisch sitzen und sich über Politik streiten, dabei wurde geraucht und Rotwein getrunken. Wenn mein Vater nicht gerade Zigaretten rauchte, war es eine Pfeife. Er hatte immer eine Stange Marlboro im Auto und ein paar Tafeln Ritter Sport Vollmilch. Er aß Schokolade tafelweise.

Mein Vater war großzügig, herzlich, warm, sentimental, pathetisch und maßlos. Sehr stark war er nicht. Aber er konnte Reden auf andere Menschen halten, die Steine erweicht hätten. Manchmal, als ich schon zu Hause ausgezogen war, rief mein Vater an und sagte, er sei in der Stadt, »Wollen wir essen gehen?« Dann hielt er mir die Tür auf, nahm mir den Mantel ab, schob mir den Stuhl zurecht und sagte: »Ich wüsste gern, wie viele der Leute sich jetzt fragen, ob du meine Tochter oder meine Affäre bist.«

Als mein Vater mich zum letzten Mal anrief, war ich enttäuscht. »Ach, du bist’s«, sagte ich. Ich hatte auf einen anderen Anruf gehofft, von einer damaligen Liebe. Eine Woche später kam die Nachricht: Mein Vater war tot in einem Hotelbett aufgefunden worden. Auf einer Dienstreise. Er war 61. Herzinfarkt.

Ich vermisste ihn sofort sehr. Und das ist nicht weniger geworden. Ich vermisse meinen Vater nicht jeden Tag, aber ich vermisse ihn auch nicht nur an den großen Tagen, wie bei der Geburt des eigenen Kindes oder dessen Abitur. Ich vermisse ihn im Hochsommer, wenn in Wimbledon Tennis gespielt wird. Ich vermisse ihn, wenn ich mit meiner Schwester und meiner Mutter am Tisch sitze, an dem nicht mehr geraucht und kaum Rotwein getrunken wird. Ich vermisse ihn auf Geburtstagen oder Hochzeiten, wenn Reden gehalten werden. Ich vermisse ihn, wenn ich Frauen in meinem Alter mit ihren Vätern sehe, auf der Straße, im Restaurant, die Tochter beim Vater eingehakt. Oder der Vater legt einen Arm um die Tochter.

Es hätte noch so viel zu besprechen gegeben, in einer Zeit, in der man die Familie wiederentdeckt, weil man selbst Familie hat. Ich hätte noch so viel wissen wollen von meinem Vater, Dinge, über die man nicht mit seinen Eltern spricht, wenn man jung ist. Über die Männer. Über die Kinder. Über das Alter. Über die Liebe. Über seine Eltern, den Krieg, seine Arbeit, über Bücher, Filme, Politik. Ich hätte gern einen alten Vater gehabt.

Foto: iStock / Anastasia Aleksieieva

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